Haben Paris Hilton und Nicole Richie mit 'The Simple Life' Trumps Amerika vorausgesagt?

Ihr kultureller Wert ist sehr viel größer als ihr Talent Ultraminiröcke sozial akzeptabel zu machen.

von Cassidy George
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27 Februar 2019, 12:56pm

Paris Hilton und Nicole Richie dürften wohl die einflussreichsten Aushängeschilder der Popkultur sein, die sich zur Zeit von Präsident Bush Junior etablierten. Und ihr mediales Interesse ist bis heute ungebrochen. Man könnte fast sagen, dass sie die Mütter aller Reality-TV-Promis sind. Dank der omnipräsenten Millennium-Nostalgie erleben die Zwei gerade ein irres Comeback und werden für ihren prägenden Stil gelobt. Doch ihr kultureller Wert ist sehr viel größer als ihr Talent Von Dutch-Ultraminiröcke sozial akzeptabel zu machen. Rückblickend betrachtet ist ihre Show The Simple Life ein ungewollt brillantes Kommentar, das die Lebensrealität des weißen Amerikas reflektiert.

Obwohl die Show 13 Jahre vor der Wahl von Donald Trump über die Bildschirme flimmerte, zeigte The Simple Life schon damals die tief verwurzelte Kluft in der Bevölkerung. Doch die Show schaffte es, Zuschauer von beiden Seiten des Spektrums zu faszinieren: Ländliche und/ oder konservative Leute begaffen reichen Nihilismus, während wohlhabende und/ oder städtische Menschen pastoralen Traditionalismus mitverfolgen. Was die Zuschauer damals jedoch nicht ahnten? Dass sich diese Spaltung (die von den Produzenten für Entertainment-Zwecke ausgeschlachtet wurde) zu etwas ungeheuerlich Beängstigendem entwickeln würde. Wie zur Hölle sind wir dort gelandet, wo wir heute sind?


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Fangen wir am besten von vorne an: The Simple Life hat eines der größten Tabus in der amerikanischen Gesellschaft schamlos porträtiert: Die fast schon kriminelle Einkommensungleichheit. Paris und Nicole gehören zu den 0,1 Prozent der amerikanischen Gesellschaft, die so viel Vermögen besitzt wie die unteren 90 Prozent zusammen – doch werden sie insgeheim von allen ausgelacht, wenn sie an den einfachsten, alltäglichen Aufgaben scheitern. Schadenfreude in seiner reinsten Form.

Ihre unzähligen missglückten Versuche zeigen, wie sehr die Landbevölkerung die amerikanische Elite ablehnt. Doch enthüllen sie auch eine offensichtliche Respektlosigkeit und Missachtung der amerikanischen Arbeiterklasse. Die beiden zeigten keinerlei Einfühlungsvermögen, wenn es um die Lage ihrer Gastgeber ging. Passend zu dieser elitären Denke lässt sich auch die ungeschriebene Regel auf Paris und Nicole anwenden, ihr Fehlverhalten sei in Ordnung, da Regeln für sie sowieso nicht gelten – eine weit verbreitete Idee auch in der realen Welt der reichen Oberschicht.

The Simple Life stürzt sich auf ein sehr viel komplizierteres Thema: Es geht um die radikalen Unterschiede im Wertesystem, hervorgerufen durch Faktoren wie die geographische Lage, den Zugang zu Bildung und der religiösen Einstellung. Der große Kampf zwischen dem städtischen und dem ländlichen Amerika handelt von kulturellen Ungerechtigkeiten, die nur noch mehr von dem Gefühl geschürt werden, dass "nur ein kleiner Teil der Elite des Landes darüber entscheidet, welcher Geschmack und welche Werte als akzeptiert gelten", meint die amerikanische Schriftstellerin Alissa Quart in einem Gespräch gegenüber The Guardian.

Der ländlichen Bevölkerung wurde ihre kulturelle Berechtigung entzogen. Plötzlich entstand ein Nährboden für neue Ressentiments, wodurch sich eine ungesehene Form des Populismus entwickelte, der leidenschaftlich anti-intellektuell war. Warum hat die arme weiße Bevölkerung 2016 einen in die Elite hinein geborenen Milliardär gewählt? Jemanden, der Steuervorzüge für die Reichen durchsetzte? Weil Trump eine massive Loyalität gegenüber den ländlichen Regionen zeigte. Seine ruppige Ausdrucksweise und Missbilligung politischer Korrektheit sprechen zu den Herzen vieler Menschen, die das Gefühl haben, ihre Kultur würde als unterlegen abgestempelt werden. Es sind häufig auch Menschen, die die systematische Unterdrückung von Frauen und Minderheiten beibehalten wollen. Vulgärer Egoismus wird heute als etwas Großartiges wahrgenommen.

Und genau da hört spätestens der Spaß auf. Die Serie verlieh der schweren Situation einen gewissen Humor. Wenn es darum ging, dass sich die jeweiligen Parteien nicht verstanden, wenn sie die Not und die Werte der anderen ignorierten. In einer perfekten Situation würde mehr Empathie entstehen, wenn diese zwei Welten aufeinanderprallen. Doch in diesem Fall wurde Reality TV zu einer Weissagung einer politischen Realität, über die wir nicht länger lachen können. Rassistische, fremden-, homo- und transfeindliche Haltungen werden – nicht nur in Amerika – mit Applaus belohnt. Ein Extremismus wurde ausgebrütet, der schon jetzt eine tiefe Zerrissenheit mit sich bringt. Wenn es unmöglich scheint, das Aufblühen reaktionärer Gedankengänge und die politische Befürwortung von Engstirnigkeit und Hass in Amerika zu verstehen, dann solltest du vielleicht einfach The Simple Life schauen. Es wird dir definitiv bewusst, wie leicht es fällt, zu verurteilen, was du nicht kennst, und mit denen zu sympathisieren, deren Welt du kennst.

Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.