"Dead White Men's Clothes" hinterfragt, wie Kontext die Mode verändert

Ein Interview mit dem Künstler Jojo Gronostay über Werte, geordnetes Chaos und ein Modelabel, das gar keines ist.

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Apr. 25 2017, 9:20am

Was passiert, wenn man den Kontext von Kleidung ändert? Wie wird Wertigkeit geschaffen und wo liegt das Urheberrecht? Jojo Gronostay stellt mit seinem neuen Projekt genau diese Fragen, ohne dabei jedoch Antworten zu geben. "Dead White Men's Clothesoder auch DWMC — ist ein Kunstprojekt in Form eines Modelabels. Es ist eine Art Provokation, um sich Gedanken über den Kapitalismus, den Postkolonialismus, Identität und die Mode zu machen", erklärt Gronostay, der an der Wiener Akademie der Künste in der Klasse von Martin Goodman studiert. Einige Zeit hat er auf dem Kantamanto Markt in Ghana verbracht und dort Kleidungsstücke gekauft, um diese dann zurück in Europa mit seinen eigenen Labels zu benähen und mit dem DWMC-Logo zu bedrucken. Die weggeworfene, vergessene Massenware wird so in einem neuen Rahmen zum begehrten Einzelstück. Wie er auf die Ideen gekommen ist und was er in Afrika erlebt hat, hat uns der Künstler im Interview erzählt, bevor am Samstag bei Kevin Space der offizielle Launch gefeiert wird.

Wie bist du auf die Idee gekommen, dieses Projekt umzusetzen?
Ich habe mich schon länger mit dem Phänomen der Aneignung in der Mode beschäftigt. Vor allem das Imitieren eines anderen Lebensstils durch Kleidung hat mich interessiert. Während meiner Recherchen bin ich dann auf den Kantamanto Markt in Ghana gestoßen, wo billig produzierte Replikakleidung aus China und Secondhandware aus aller Welt verkauft wird.

Du hast auch eine persönliche Beziehung zu Ghana, oder?
Ja, mein Vater kommt aus Ghana und ein Großteil meiner Familie lebt dort. Es war also auch eine Reise zurück zu meinen eigenen Wurzeln.

Warum hast du dich für den Namen Dead White Men's Clothes entschlossen?
Die gebrauchte Kleidung wird in der Landessprache „Obroni wawu" genannt, was so viel heißt wie: „Dead White Men's Clothes". In den 70er Jahren, als die ersten großen Wellen der Secondhandwaren Ghana erreichten, konnten die Menschen nicht glauben, dass solch schöne Dinge gratis zu haben sind und gingen davon aus, dass jemand gestorben sein musste. Aus diesem Grund habe ich das Label Dead White Man's Clothes genannt.

Kannst du dich erinnern, was dir durch den Kopf gegangen ist, also du zum ersten Mal auf dem Kantamanto Mark angekommen bist?
Als ich den Markt mit den 30.000 Verkäufern das erste Mal gesehen habe, war mein erster Gedanke: Was für ein Chaos! Zu Unrecht. Nach ein paar Tagen habe ich bemerkt, dass in dem vermeintlichen Chaos eine Struktur steckt, die zugegebenermaßen für uns Europäer anfangs schwer zu sehen ist. Die Kleidung wird zum Beispiel auf verschiedenen Haufen sortiert und kategorisiert ähnlich wie in jedem anderen Kaufhaus auch.

Gibt es einen Moment, an den du dich immer erinnern wirst?
Das wird wahrscheinlich der Moment sein, in dem ich einen Skischuh auf dem Markt gefunden habe. Das ist ein gutes Beispiel dafür, dass viele Sachen, die in Ghana ankommen, dort nicht unbedingt gebraucht werden.

Du hast dann dort am Markt Kleidungsstücke gekauft, sie dann wieder zurück weiterverarbeitet und setzt diese ehemaligen Abfallprodukte so in einen neunen Kontext. Was macht dieser veränderter Kontext mit dieser Kleidung?
Das ist eine Frage, die ich selbst nicht wirklich beantworten kann. Der Moment, in dem das Logo auf die Kleidung gedruckt wird, entsteht ein interessante Mischung aus alt und neu. Für mich hat sich die Kleidung hier in Europa ganz anders angefühlt als in Ghana, aber dieses Gefühl genauer zu beschreiben, fällt mir schwer.

Kleidung hat viel mit Wert zu tun — Sei es der emotionale, sei es der tatsächliche Preis. Wie wird deiner Meinung nach in unserer Gesellschaft Wert erschaffen?
In der Kunst oft durch den Symbolwert und den Kontext. In der Mode durch das Material und Marketing.

Alte Kleidung in einen neuen Kontext zu setzen, ist ein Thema, das gerade viel diskutiert wird. Warum denkst du, dass gerade jetzt die Zeit ist, auf diese Art und Weise mit Mode umzugehen?
Die Modewelt ist heute sehr unübersichtlich, dennoch würde ich sagen, dass es eine Tendenz zu einem wachsenden Moralismus gibt. Modelabels wie Section 8, Teflar, Hood by Air und auch Vetements haben vor ein paar Jahren begonnen, frischen Wind in die nach 2001 doch oft sehr langweilige Modebranche zu bringen. Mode als Gesellschaftskritik macht für mich Sinn, da man viele Menschen damit erreichen kann. Wahrscheinlich mehr als mit klassischer Kunst. In dem Fall von DWMC geht es mir nicht nur um den veränderten Kontext, es geht auch um Postkolonialismus und eine aussterbende eigene Kultur in Afrika. Viele junge Afrikaner sind sehr am Westen orientiert und die Secondhand-Kleidung ist eine günstige Möglichkeit, sich diese andere Welt ein wenig anzueignen.

Ist Mode eine Form der Rebellion?
Manchmal vielleicht, in den meisten Fällen aber nicht. Oft wird Rebellion als coole Hülle benutzt, um ein Produkt zu verkaufen. Echte Rebellion ist schwer zu definieren, wenn man ein Teil des Systems ist.

In deiner Pressemitteilung setzt du Modekollektion unter Anführungszeichen. Ist Kleidung in einen anderen Kontext zu setzen gleich Mode und muss sie das sein?
DWMC ist ein Kunstprojekt in Form eines Modelabels. Die Kleidungsstücke sind für mich eher Kunstobjekte und nicht Mode.

Welches Zeichen möchtest du mit deiner Arbeit setzen?
Es ist eine Art Provokation, um Fragen über den Kapitalismus, den Postkolonialismus, Identität und die Mode zu stellen.

deadwhitemensclothes.com

Credits


Text: Alexandra Bondi de Antoni
Fotos: Lukas Gansterer
Fashion Consultant: Max Märzinger