das model melanie gaydos stellt gängige schönheitsklischees infrage

Die 29-Jährige spricht über ihr inspirierendes Leben mit ektodermaler Dysplasie und verrät uns, was wir alle von ihr lernen können.

von Tish Weinstock
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02 August 2017, 10:23am

Dieser Artikel erschien zuerst in The Creativity Issue , no. 348, 2017.

Melanie Gaydos leidet seit ihrer Geburt an ektodermaler Dysplasie, eine seltene Hauterkrankung, die ihre Zähne, Nägel und kleinere Knochen abnormal verformt. Außerdem hat das 29-jährige Model Haarausfall und ist seit ihrer Kindheit halb blind. Das hat sie aber noch nie von irgendwas abgehalten. Anstelle unterschiedlicher Korrekturen wie ein künstliches Gebiss oder Perücken zu tragen, hat sie sich dafür entschieden, sich so zu akzeptieren und lieben, wie sie ist. Für uns ist Melanie zum Inbegriff eines mutigen Menschen geworden, der sein Leben nicht durch seine Ängste bestimmen lässt. Uns hat sie ihre unglaubliche Geschichte erzählt.

Kleid, Mantel und Handschuhe: Simone Rocha. Rollkragen: Vintage Carlo Manzi. Hut: Jacquemus. Strümpfe und Socken: Emilio Cavallini. Schuhe: Mansur Gavriel.

"Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wann ich mir zum ersten Mal über meine Erkrankung bewusst wurde. Natürlich gab es Erlebnisse, bei denen ich begriffen habe, dass ich anders bin als andere. Mir war aber nicht klar, warum und wie. Als ich vier Jahre alt war, habe ich gemerkt, dass ich keine Haare hatte wie die anderen Kinder in meinem Alter, also habe ich eine Perücke getragen. Sie hat sich komisch angefühlt und war nicht sehr bequem. Ohne die falschen Haare war ich glücklicher. Als ich älter wurde, habe ich immer mehr Gefallen an unterschiedlichen Frisuren gefunden und besaß ungefähr 40 Stück. Alle meine Freunde wussten, dass ich eine Perücke trage. Ich habe versucht, das Beste daraus zu machen, aber es fällt eben auf, wenn dein Haar nicht wächst oder sich verändert.


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Ich habe meine Erkrankung erst so richtig verstanden, als ich in der Schule einen Vortrag darüber gehalten habe. Ich war ständig beim Arzt oder im Krankenhaus, auch wenn ich nie wirklich kapiert habe, warum ich da hin musste.

Meine größte Herausforderung war es, mich so zu akzeptieren, wie ich bin. Daran arbeite ich immer noch. 2010 bin ich fürs Kunststudium nach New York gezogen und habe dort so viele kreative Gleichgesinnte kennengelernt. Einer von ihnen war ein Modefotograf, der seine Freunde aus der Clubszene fotografiert hat. Er hat mich auch gefragt, ob ich für ihn Modell stehen möchte.

Melanie trägt ein Kleid und Top von Molly Goddard. Rollkragen: Vintage Carlo Manzi. Hut: Jacquemus. Choker: Giuseppe Zanotti. Strümpfe und Socken: Emilio Cavallini. Schuhe: Mansur Gavriel.

Dank Craigslist und Model Mayhem habe ich angefangen, mit Modefotografen zusammenzuarbeiten, die nach einzigartigen Gesichtern und Persönlichkeiten gesucht haben. Leuten, die eben nicht den gängigen Schönheitsvorstellungen entsprechen. Ich wusste, dass ich anders war und auch selbstbewusst genug, um zu verstehen, dass ich damit Geld verdienen kann. Aber ich habe mir niemals träumen lassen, dass dieser kleine Sommerjob und mein Hobby mich dahin bringen würden, wo ich heute stehe. Meine bisherigen Karrierehighlights waren definitiv die Aufnahmen von Tim Walker für LOVE Magazine und i-D. Ich liebe Tim, die Arbeit mit ihm ist einfach eine wahre Freude.

Schön habe ich mich zum ersten Mal bei meinem ersten richtigen Shooting mit dem Fotografen Adrian Buckmaster 2011 gefühlt. Ich war frei, stark, verletzlich und wurde akzeptiert. Aber es gibt immer noch Zeiten — auch heute noch —, wo es nicht so ist. Vor Kurzem habe ich ein Girl getroffen, das sehr wasserstoffblonde Haare hatte, deren Haut gebräunt war und die einen großen Brustumfang hatte. Etwas hat sich in mir zusammengezogen und ich habe mich wieder daran erinnert, wie es war, als ich jünger war und nirgends dazu gepasst habe. Das war natürlich kindisch. Sie ist ein süßer Mensch. Aber ich habe immer noch meine Unsicherheiten, wenn es darum geht, dass ich nicht so und so aussehe.

Kleid, Rock und BH: Rochas. Rollkragen: Carlo Manzi. Handschuhe: Marques'Almeida. Hut: Jacquemus. Schuhe: Mansur Gavriel.

Ich will einfach nur akzeptiert werden wie jeder andere Mensch auch. Mittlerweile fühle ich mich so geliebt, wie ich bin, aber es gibt immer noch einen kleinen Teil in mir, der damit Probleme hat. Ich habe in meiner Kindheit und Jugend immer einen Kluft zwischen mir und den anderen gespürt. Sie waren in dem Fall die beliebten und schönen Girls, denen ich nie ähnlich sehen konnte. Das ist etwas, woran ich immer noch arbeite. Im Laufe der Jahre wurde ich immer verständnisvoller und habe gelernt, auf mich selbst aufzupassen — sowohl physisch als auch psychisch.

Immer mehr Leute hinterfragen die gängigen Schönheitsstandards. Indem wir die alten Normen hinter uns lassen und unsere Persönlichkeit akzeptieren, können wir die Regeln verändern, die unsere Gesellschaft heutzutage bestimmen. Nehmt euch die Zeit und findet heraus, wer ihr seid, was ihr mögt und was nicht. Ihr müsst nie jemand sein, die ihr nicht sein wollt. Begreift das und habt keine Angst vor Veränderung. Die Angst vor dem Unbekannten hält viele Menschen zurück. Wir haben alle so viel Macht. Und es wird Zeit, dass wir diese auch einsetzen."

Kleid und Pantashoes: Balenciaga. Ärmel: Marques'Almeida.

Top: J. JS Lee. Mantel, Pullover, BH und Rock: Miu Miu. Handschuhe: Marques'Almeida. Pantashoes: Balenciaga.

Kleid: No.21. Kleid und Shirt (darunter): Orla Kiely. Ärmel: Marques'Almeida. Hut: Jacquemus. Socken: Falke. Schuhe: Mansur Gavriel.

Credits


Text: Tish Weinstock
Fotos: Tim Walker
Styling: Jacob K
Make-up: Thomas de Kluyver / Art Partner verwendet Chanel.
Fotoassistenz: Sarah Lloyd, Tony Ivanov und Harriet MacSween.
Stylingassistenz: Clemence Lobert, Flora Huddart.
Make-up-Assistenz: Joel Babici.
Produktion: Jeffrey Delich.
Production Manager: Steph Broom.
Produktionsassistenz: Leslie Borg.
Model: Melanie Gaydos.

Besonderen Dank an Wagon Wheels, Direct Photographic.

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