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Magic Island ist eine, der interessantesten jungen Künstlerinnen, die man in Berlin finden kann. Wir haben sie zu Hause besucht und mit ihr über ihre Musik und ihr persönliches Magic Island gesprochen.

von Alexandra Bondi de Antoni
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16 Februar 2015, 9:25am

Es ist ein windiger Dienstag, als wir uns in einer gemütlichen Wohnung, die schon Touchy Mob und Sean Nicholas Savage ihr Zuhause nannten, im tiefsten Neukölln mit Emma aka Magic Island treffen. Während sich die quirlige Kanadierin mit polnischen Wurzeln schon im vergangenen Jahr mit ihrem Song Baby Blue einen Namen in der Berliner Musikszene machen konnte, veröffentlichte sie letzte Woche ihre neueste EP Wasted Dawn und hat sich für 2015 viel vorgenommen. Ihre Musik ist verträumter Lo-Fi-Elektro-Pop mit einfachen, aber aussagekräftigen Lyrics über das Leben und das Lieben einer Mittzwanzigerin. Gemeinsam mit der Filmemacherin Sylvie Weber und Fotografin Eylül Aslan präsentiert i-D Emmas persönliches Magic Island und hat mit ihr über Beyoncé, ihre größten Ängste und Kreativität, die aus Langeweile entsteht, gesprochen.

Was hast du gemacht, bevor du mit der Musik begonnen hast? 
Ich habe im Headquarter von American Apparel gearbeitet. Ich war die Assistentin von Dov Charney und bin mit ihm die ganze Zeit in verschiedene Städte geflogen. Es war ein sehr einnehmender Job und ich hatte kaum Freizeit. Ich kam zu nichts. Nach vier Jahren konnte ich nicht mehr, kündigte übers Telefon und zog nach Polen zu meinem Vater. Dort fing ich an, musikalisch zu experimentieren. Ich hatte schon früh Klavierunterricht und Gesangstunden, aber in Polen hatte ich zum ersten Mal die Zeit und Muse, einfach zu spielen. Aber lange habe ich es nicht ausgehalten. Ich musste weiterziehen. 

Warum bist du nicht mehr nach Nordamerika zurückgegangen? 
Von Polen aus hat es für mich am meisten Sinn gemacht, nach Berlin zu gehenIch will nicht nach Nordamerika zurück. Die ganze gesellschaftliche Ordnung dort kotzt mich an. Alles ist von Angst dominiert, Menschen können nicht frei leben. Ich will mein Leben so leben, wie ich es will. Das kann ich in Berlin. In Nordamerika ist das nicht möglich, alleine schon, weil die Lebenshaltungskosten so hoch sind. Und auch Kleinigkeiten, wie dass man Alkohol nur in bestimmten Shops kaufen kann, machen mich wütend. Die Deutschen sind unglaublich organisiert, aber vor allem in Berlin hat man das Gefühl, dass jeder innerhalb der Regeln frei leben kann.

Was war die erste Platte, die du von deinem eigenen Geld gekauft hast?
Days Of Future Passed" von The Moody Blues

Erinnerst du dich an deinen ersten Gig? 
Ja, er war ziemlich nervenaufreibend. Ich habe vor vollem Haus in dem ehemaligen Bordell und nun DIY-Club Madame Claude in Kreuzberg gespielt. Vor dem Konzert wurde ich krank und dachte, dass ich den Auftritt absagen muss, aber als ich auf die Bühne kam, war alles wie weggeblasen. 

Warum der Name Magic Island"?
Die Eckkneipe bei mir um die Ecke heißt Zauberinsel. Es ist einer dieser wunderbaren Orte, an denen sich die Männer schon um neun Uhr morgens zum Bier trinken und Fussball schauen treffen. Ich hielt das für sehr passend. 

Wie kann man heutzutage als junger Künstler aus der Menge herausstechen?
Es gab immer schon viele Musiker, aber heutzutage hat jeder die Möglichkeit, durch Soundcloud und YouTube entdeckt zu werden. Vor allem im letzten Jahr gab es plötzlich so viele junge Frauen, die als Solokünstlerinnen Elektro-Pop-Musik machten. Ich glaube, dass herauszustechen wahnsinnig schwer ist, vielleicht ist es auch nicht möglich. Ich weiß gar nicht, ob ich speziell oder anders bin, aber ich will mich nicht verstellen. Vielleicht ist genau das der Grund, warum Leute meine Musik hören werden. Meine Texte sind sehr sensibel, roh und einfach. Mehr braucht man nicht. 

Hast du vor irgendetwas Angst? 
Ich habe vor zwei Dingen Angst. Erstens vor der Schnelligkeit der Zeit und davor, wie die Generationen nach uns mit ihrer Zeit umgehen. Ich habe oft das Gefühl, man wird zurückgelassen, wenn man nicht immer auf dem neuesten Stand der Dinge ist. Wir sind die letzte Generation, die sich dessen wirklich bewusst ist, da wir noch eine Zeit ohne Facebook und Instagram erlebt haben. Wir wissen also, dass irgendwie alles verrückt ist und machen trotzdem mit. Jüngere Generationen kennen nichts anderes. Sie können sich schwer ohne ihre iPhones oder ihre Tablets beschäftigen und wissen nicht, wie man mit sich selbst alleine ist. 

Und dann vor Spinnen, vor allem wenn sie in meinem Zimmer sind. Mein Exfreund hat mir einmal ein Gedicht über Spinnen geschrieben, in dem er mir versicherte, dass die Spinnen mir nur zuschauen, weil sie mich lieben. Seitdem können sie, wenn sie mir nicht zu nahe kommen, in meinem Zimmer bleiben. Fürchten tue ich mich trotzdem. 

Wann bist du am kreativsten?
Am kreativsten ist man, wenn man gelangweilt ist. Wenn es nichts zu tun gibt, musst du dich mit dir selbst beschäftigen. Vielleicht findet man so auch seine Leidenschaft. Je weniger Ablenkungen, desto besser. Die heutige Zeit ist verrückt. Mit dem Internet und dem ständigen Informationsfluss weiß man gar nicht mehr, wo man zuerst hinschauen soll. 

Hast du ein Vorbild?
Eindeutig Beyoncé. Sie ist so großartig und verstellt sich nicht. Sie tut, was sie will und lässt sich von niemandem hineinreden. 

Irgendwelche letzten Worte?
Ich glaube, dass es wichtig ist, dass wir uns klar werden, dass das Leben eigentlich ganz einfach ist. Jeder Mensch hat Grundbedürfnisse und der Rest - die Schnelligkeit, die Aufregung, der Luxus - ist am Ende des Tages nicht wichtig. Diese Add-Ons machen Spaß, unglaublich viel Spaß sogar, und ich will sie nicht missen, aber in Wirklichkeit bedeuten sie nichts. Amen!

Wasted Dawn ist bei 

Mansions and Millions erschienen. 

@magicisland

Credits


Text, Produktion & Konzept: Alexandra Bondi de Antoni 
Video: Sylvie Weber
Foto: Eylül Aslan
Musik im Video Baby Blue, Magic Island (Copyright Mansions and Millions)
Rosa Kleid von Altinstark

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