sieht so die zukunft der fotografie aus?

Nachdem uns am Dienstag die Kuratorin der Ausstellung „Thinking about photography“ in der Galerie C/O Berlin einige Fragen beantwortet hat, kommt heute die Künstlerin selbst zu Wort. Niina Vatanen im Gespräch über Schnelllebigkeit und das Arbeiten mit...

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13 März 2015, 11:50am

Letzte Woche waren wir in der Galerie C/O Berlin und haben uns gemeinsam mit der Kuratorin Ann-Christin Bertrand die Ausstellung „Thinking about photography" angeschaut. Wir haben ausführlich über die Zukunft der Fotografie diskutiert, die aktuellen Strömungen analysiert und festgestellt, dass aufgrund der Überdigitalisierung viele Künstler wieder zur analogen und dadurch haptischen Fotografie zurückgekehrt sind. Eine dieser Fotografinnen ist Niina Vatanen

Die Finnin zeigt in ihrer ersten großen Einzelausstellung in Berlin eine Bandbreite von frühen Arbeiten bis zu ihrer aktuellen Serie Archival Studies / A Portrait of An Invisible Woman, die auch das Kernstück der Ausstellung bildet und in der die Künstlerin mit der Verfremdung von Bildern durch grafische Flächen oder Linien arbeitet und dadurch den Akt des Sehens sichtbar macht. „Wenn man normalerweise eine Fotografie betrachtet, schaut man sich an, was abgebildet ist. In dem Moment aber, indem ein Filter, eine extra Ebene hinzugefügt wird, wird man zum Nachdenken angehalten. Durch die Eingriffe und Manipulationen nimmt man das Bild plötzlich anders wahr, man beginnt zu hinterfragen, warum genau diese Elemente vorhanden sind, folgt den Linien. Der Inhalt tritt zurück und das Material entscheidet", erklärte Bertrand. Heute kommt die Künstlerin selbst zu Wort. Niina Vatanen im Gespräch über Schnelllebigkeit und das Arbeiten mit Fotografien, die sie nicht selbst geschossen hat.

Warum fällt es uns so schwer, uns länger mit einem Foto auseinanderzusetzen? Ist die Schnelllebigkeit unserer Zeit der Grund dafür, dass wir nicht mehr genau hinschauen? Oder müssen wir das vielleicht auch nicht mehr?
Die Schnelllebigkeit unserer Zeit kann ein Grund sein. Wir sind von einer exponentiell steigenden Anzahl von Bildern umgeben. Immer mehr Leute sind in der Lage, eigene Fotos mit ihren Handys und Digitalkameras zu machen. Bis vor Kurzem noch private Fotoalben sind jetzt öffentliches Gut auf Flickr, Instagram und anderen sozialen Plattformen. Fotos sind nichts Besonderes mehr. Sie wurden zu Einweg-Objekten.

Du arbeitest viel mit Fotografien, die du nicht selber geschossen hast. Was interessiert dich an dieser Arbeit?
Die Arbeit mit Archivmaterial ist sehr faszinierend. Die Zeitebenen sind in diesem fotosensitiven und empfindlichen Fotomaterial deutlich sichtbar und fast greifbar.

Was ist die Bedeutung von Archiven heutzutage?
Die Vergangenheit hat für die Gegenwart immer eine Relevanz. Wir müssen die Vergangenheit kennen, um die Gegenwart zu verstehen. In einer Zeit der Informationsflut stellt sich die Frage, was wir wertvoll genug finden, um es zu konservieren und wie wir dieses Material auswählen. 

Bei Archival Studies / A Portrait of An Invisible Woman hast du 5000 Bilder gesichtet, um diese dann zu manipulieren. Warum hast du genau diese Bilder aus Ausgang für deine Arbeiten ausgesucht und nicht andere?
Archival Studies / A Portrait of An Invisible Woman basiert auf einem Negativarchiv, das dem Finnischen Museum für Fotografie 1989 per Testament vermacht wurde. Das Archiv besteht aus 5000 Farb- und Schwarzweiß-Negativen, die der finnische Amateurfotograf Helvi Ahonen in den 1940 bis 1980er Jahren aufgenommen hat. Die Fotografien in der Helvi-Ahonen-Sammlung sind sehr gewöhnlich: Aufnahmen von Sommerhäuschen, Urlauben, Blumen, Couchtischen und so weiter. Man kann sich einfach vorstellen, dass sie jeder Oma gehören könnten. Trotz ihrer Gewöhnlichkeit und Alltäglichkeit bleiben die Aufnahmen anonym und wirken fast fiktional. 

Deshalb haben mich statt der dokumentarischen Qualität das Material an sich, die Negative, die Spuren der Behandlung und der Zeit interessiert. Zuerst bemerkte ich menschliche Fehler, wie chemische Makel, Kratzer, Löcher, Überbelichtung etc. Auf dieser Basis habe ich neue Arbeiten kreiert, wie ein Bildlabor in einem Museum, in dem fiktionale Elemente mit Archivmaterial gemixt werden. In der Serie Archival Studies/A Portrait of an Invisible Woman behandle ich Fragen der Oberfläche und der Struktur der Bilder genauso wie das Sehen. Die Arbeiten drehen sich auch um Fragen nach Erinnerung und enthüllen traditionelle Prozesse in der Fotografie.

Wann weißt du, dass eine Arbeit fertig ist?
Es ist eine Gefühlssache, du weißt es einfach.

Wie viel Text braucht Fotografie? Und kann man Fotografie zerreden oder überinterpretieren?
Fotografien arbeiten auf vielen verschiedenen Ebenen. Man kann die visuellen Aspekte genießen, ohne die Story dahinter zu kennen. Idealerweise schaffen schriftliche oder gesprochene Beschreibungen eine zusätzliche Bedeutungsebene, neben den eigenen Erfahrungen oder neben Interpretationen des Betrachters.

Niina Vatanen . Beyond the Visible Surface ist noch bis zum 10. April in der Galerie C/O Berlin zu sehen. 

Credits


Text: Alexandra Bondi de Antoni
Bilder: Niina Vatanen