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Kultur

die britische künstlerin kate groobey malt den körper so, wie wir ihn fühlen, und nicht sehen

Materialität und Abstraktion, Spontanität und stetige Rekonstruktion: Die britische Künstlerin Kate Groobey erfindet mit ihrer Arbeit eine neue Realitätsebene – und sich selbst. Ihre Arbeit ist Teil der Berliner Gruppenausstellung „SURRREAL“. Wir haben...

Zsuzsanna Toth

Materialität und Abstraktion, Spontanität und stetige Rekonstruktion: Die in Paris lebende Künstlerin Kate Groobey, die an der Ruskin School of Drawing and Fine Art sowie am Royal College of Art in London studierte, liebt das Spiel und die Thematik des Körpers. Ihre großflächigen Bilder, die sie mit Techniken des Surrealismus anfertigt, malt sie auf dem Boden des Parkplatzes einer stillgelegten Druckerei am Stadtrand von Paris—umgeben von freiem Himmel, viel Chemie und sehr viel Intensität. Pro Tag stellt sie ein Werk fertig. Ein Werk, ein Puzzlestück des bigger picture namens Selbstidentifikation, das vielleicht nie fertig wird. Und soll. 

Kate Groobeys Arbeit wird heute Abend im Rahmen der Gruppenausstellung SURRREAL in der König Galerie in Berlin vorgestellt. Wir haben sie vorab zum Interview getroffen. 

Was ist die Geschichte hinter den Figuren und speziell hinter den (Körper-)Haltungen, die oft kompliziert und verzerrt wirken?
Dieser Effekt entsteht, weil ich meine Bilder mit Collagierungen rekonstruiere. Ich zeichne und zerschneide die Zeichnungen und füge sie neu zusammen. Durch diesen Prozess entstehen Verzerrungen. Ich finde es gut, dass du meine Arbeiten als „kompliziert" beschreibst. Die meisten Menschen, die ich kenne, haben eine komplizierte Beziehung zu ihrem Körper. Auch deswegen habe ich das Gefühl, dass die Verzerrungen in meinen Bildern das reale Körperbild viel besser reflektieren. Ich mag auch die Idee, einen Körper von innen nach außen zu malen, so wie es ja auch der Realität entspricht.

Welche Themen hast du in letzter Zeit innerhalb deiner Arbeit behandelt?
Bei meinem Vater wurde Krebs diagnostiziert, was mich und meine Familie natürlich sehr trifft und beschäftigt. Meine letzte Serie Perfect basiert auf einem Song, den mein Vater und meine Nichte komponiert haben. Der Songtext ist wie folgt: „There's nothing quite so perfect as potatoes, there's nothing quite so perfect as potatoes, there's nothing quite so perfect as potatoes, potatoes, perfect potatoes potatoes potatoes." Die Kartoffel wurde in meinen Arbeiten zum Sinnbild für den Krebs. 

In meiner aktuellen Serie habe ich meine Familie zu Superhelden gemacht. Ich habe mal gelesen, dass wir Superhelden mögen, weil sie „Modelle liefern, wie man mit Problemen umgeht, sie finden einen Sinn in Verlust und Trauma und helfen, unsere Stärken zu finden und sie bewusst einzusetzen." Mein Vater wurde zum „I hate everything man", meine Nichte „Kick Ass", weil sie gerade ihren schwarzen Gürtel in Karate erlangt hat und meine Mutter ist die „unfoxy lady". Als wir letztes Jahr Scrabble gespielt haben, kam irgendwann die Diskussion auf, ob „unfoxy" ein Wort ist. Meine Mutter bestand darauf und sagte: „Ich bin eine unfoxy lady, war ich immer schon!"

Kannst du deinen üblichen Arbeitsprozess beschreiben?
Ich zeichne, ich zerschneide, ich zeichne erneut, ich schneide, ich arrangiere neu, und so geht das immer weiter.

Und wann weißt du dann, dass ein Bild fertig ist?
Instinktiv. Ich spüre es, wenn es soweit ist.

Wie passt deine Arbeit in die Ausstellung SURREAL, die bei Johann König in Berlin gezeigt wird?
Die Techniken, die ich zum Arbeiten nutze, entsprechen einem Automatismus—einer der Grundpfeiler der surrealistischen Techniken. Ich mag sie, da sie es mir erlauben, in meinem eigenen Kopf rumzubohren.

Wann hast du mit dem Zeichnen und Malen angefangen und wann wusstest du, dass du es professionell machen möchtest?
Als ich 15 oder 16 Jahre alt war, habe ich ein fast ekstatisches Gefühl bekommen, wenn ich ein Selbstporträt in realitätsfremden, grellen Farben gemalt habe. Es war wie eine Sucht. Eine Freundin zog zeitgleich nach London, um Malerei zu studieren. Ich bin ihr gefolgt.

Wie viel Kate findet sich in deinen Bildern wieder? Sind die Menschen und Körper auch teilweise Selbstporträts?
Die Figuren in meinen Bildern sind alle ich und dann auch wieder nicht. Auch wenn es zum Teil konkrete Porträts anderer Menschen sind, sind sie auch Selbstporträts. Ich erwecke meine Bilder zum Leben, indem ich Kostüme male oder sie meinem Charakter entsprechend ankleide. Wenn ich das tue, wird das Bild oder das Porträt zu 100 Prozent Kate. Dieser Aspekt bringt eine wichtige Ebene der Selbstidentifizierung in meinen Arbeitsprozess.

Die Körper oder Körperteile in deinen Bildern sind vermehrt weiblich, oft aber auch schwer identifizierbar.
Die Körper und Körperteile, die ich zeichne und male, entsprechen oft nicht eindeutig einem Geschlecht. Die Art und Weise, wie ich den Körper male, trifft auch auf den Gender-Aspekt in den Bildern zu. Also eher wie wir es wirklich spüren und empfinden—und nicht, wie es auszusehen hat. Wir können uns alle und jederzeit auf eine stereotypische männliche oder weibliche Art und Weise verhalten. Oder weiblichere oder männlichere Aufgaben bewältigen. Oder weiblichere oder männlichere Kleidung tragen. Ich bin mir aber auch bewusst, was es heißt, als Frau weibliche Körper zu malen. Jahrhunderte lang haben primär Männer primär Frauenkörper gemalt und es ist an der Zeit zu zeigen, wie der von einer Frau gemalte weibliche Körper aussieht. 

kategroobey.com

Die Gruppenausstellung SURRREAL in der König Galerie zeigt ab heute die Werke von insgesamt 21 Künstlern, die sich mit der Sprache und Techniken des Surrealismus beschäftigen. Die Betrachter sollen sinnesübergreifend stimuliert werden—von einer Malerei, die schmeckt, bis zu einem Gedicht, das Geräusche macht. Die Vernissage findet heute Abend von 18 bis 21 Uhr statt. 

Hier ein Ausblick auf die gezeigten Werke in der Ausstellung:

Urban Zellweger, Untitled, 2016, Foto: Roman Maerz 

Mira Dancy, Joan of arc Symbolic, 2015, Foto: Roman Maerz

Justin John Greene, Gets Me Every Time, 2014

Credits


Text: Zsuzsanna Toth 
Bilder: via Kate Groobey und König Gallerie