mark reeder über das west-berlin der achtziger

Mark Reeder kam als Jugendlicher in den 80ern nach West-Berlin. Die Stadt roch nach Ruß, war immer noch zerbombt, die Musik entwickelte sich über Umwege langsam zum Techno - kurz West-Berlin glühte. Wir haben den Musikproduzenten und Hauptdarsteller...

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Mai 27 2015, 6:55pm

Als Mark Reeder Anfang der 80er von Manchester nach Berlin kam, wusste er nicht, was ihn erwarten würde. „Niemand konnte mir etwas über dieses Berlin sagen. In England sowieso nicht und im Rest von Deutschland wurde ich immer nur groß angeschaut und gefragt, was ich denn in dieser gottverlassenen Stadt machen will", erzählt er, als wir ihn in einem Kreuzberger Cafe treffen. Er ist ruhiger geworden und geht nicht mehr so viel aus, meint er, jedoch sieht man ihm an, dass er es einmal faustdick hinter den Ohren hatte. Als er in West-Berlin ankam, eröffnete sich ihm eine Welt voller Musik (siehe Einstürzende Neubauen, Joy Division oder Malaria!), vermeintlicher Freiheit, Drogen und dem ein oder anderen Star und Sternchen (siehe David Bowie, Christiane F. oder später die Toten Hosen). Alles war in Bewegung, niemand schien stillzustehen und schnell wurde Mark Teil der Szene. Er spielte in verschiedenen Bands, freundete sich mit allen bekannten Größen der damaligen Zeit an und gründete nach dem Mauerfall das Label MFS, das das Genre Trance mitbegründen sollte.

B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979-1989 ist ein Film von Jörg A. Hoppe, Klaus Maeck und Heiko Lange über die Musik und das Chaos in West-Berlin der 80er, ein Porträt einer geteilten Stadt vor der Wiedervereinigung und ein Film über die Entstehung von Techno, erzählt mit originalem Filmmaterial und nachgedrehten Szenen. Die Geschichte des jungen Mark ist das Bindeglied zwischen Interviews, Konzertmitschnitten und Aufnahmen einer kaputten Stadt. Berlin war immer und wird wahrscheinlich auch noch lange ein Magnet für die jungen, wilden Kreativen sein, die sich ausprobieren wollen. Wenn man jedoch den Film anschaut, merkt man aber auch, dass das West-Berlin der 80er eine ganz besondere Zeit gewesen sein muss. Wir trafen Mark zum Interview und ließen uns von ihm Geschichten von damals erzählen.

Der Film beruht auf wahren Begebenheiten, oder? Ganz am Anfang gibt es eine Szene, in der gesagt wird, dass alle Charaktere erfunden sind.
Das war ein Witz, da wir wirklich Schwierigkeiten hatten, uns zu erinnern. Die Geschichten sind an und für sich nicht frei erfunden, nur die Details sind vielleicht etwas verschwommen. Außerdem ist es sehr schwierig, in 90 Minuten 10 Jahre zu zeigen. Abläufe wurden verändert und vereinfacht, sodass wir eine Handlung bekamen.

Was habt ihr ausgelassen?
Die ganze Entwicklung von Disco und High-Energie. Das war ein wichtiger Teil der Entwicklung der Musik in Berlin, nur gab es einfach keine Bilder, niemand hat gefilmt oder sich die Mühe gemacht, es zu dokumentieren. Das ist etwas schade, da es für unsere Clique damals die Verbindung zwischen der 80er-Neubauten-Ära und Acid-House war - auch für die allgemeine Entwicklung von Techno. Damals veranstaltete Max, also Westbam, in riesigen Zelten „Die Macht der Nacht"-Partys. Das waren die ersten krassen Partys mit einer Mischung aus HipHop und High-Energy.

Abgesehen davon auch viele kleine Details, die das damalige Leben bestimmten. Zum Beispiel der ganze Horror mit den Kohleöfen. In den 80ern miefte Berlin von diesen - vor allem im Winter. Die Wohnungen haben immer nach Ruß gerochen.

Wie kam euch die Idee?
Wir wollten zeigen, wie Berlin damals aussah. Es war so eine aufregende Zeit. Wir haben dann einfach alle, die uns eingefallen sind und die damals gefilmt haben - alles auf Super8 natürlich - gefragt, ob sie noch Material hätten. Damals gingen alle sehr sparsam mit den Filmen um, da sie so unglaublich teuer waren.

Ich kam zu dem Projekt durch meine Platte five point one. Das waren Remixes von Depeche Mode und Pet Shop Boys in Surround Sound - so auf die Art Retro-Modern-80er-Klänge in Surround-Sound. Jörg (A. Hoppe) hat das gehört und mich dann gefragt, ob ich den Soundtrack machen will. Und natürlich habe ich ja gesagt. Ich hatte auch einige Filme aus dieser Zeit und als Jörg sie sah, wusste er, dass meine Geschichte das Verbindungsglied sein wird. Also aus Sicht eines Ausländers, der zwar mitten drin und trotzdem außen vor war. Ich hatte eine ganz andere Sichtweise und einen ganz anderen Humor als die Deutschen. Wir haben uns stundenlang unterhalten und die Erzählungen mit dem Bildmaterial verglichen. Oftmals haben sie mich gefragt, ob ich da war und ich verneinte, nur um mich dann auf den Bildern selber zu erkennen. Man vergisst schon einiges.

Warum bist du nach Berlin gekommen?
Aus Neugierde. Genau so wie es im Film dargestellt wird, war es auch wirklich. Ich wollte raus aus Manchester, alles hat mich gelangweilt. Deutsche Musik war so anders. Ich habe in einem Plattenladen gearbeitet und wollte mehr wissen. Das war um 1977. Als ich dann nach Berlin kam, war ich fasziniert. Alle waren so relaxt und niemand war gestresst. Manchester war so trist und politisch auch sehr unruhig. Die Leute waren depressiv, ich habe das nie mehr sonst wo erlebt. Die politischen Streitereien haben die Leute fertig gemacht. Ich wollte nicht mehr und bin dann irgendwann nur mit meinem Rucksack hergekommen, ohne jemanden zu kennen, und - naja - bin bis jetzt geblieben. Das hätte ich damals auch nie erwartet.

Ich bin in der Nacht nach Berlin getrampt. Ich hatte viel Glück, weil der Typ, mit dem ich gefahren bin, mir eine Wohnung in dem Haus, in dem er auch lebte, angeboten hat. Häuser, die abgerissen werden sollten, standen einfach leer. Ich hatte also plötzlich eine riesige Wohnung mit Marmorbad. Es war eine Art Luxussquaten. Ich bin dann da geblieben, bis ich eine echte Wohnung gefunden hatte.

Wann hast du realisiert, dass du angekommen bist?
Gleich am ersten Tag nach meiner Ankunft. Ich bin die Straße runtergelaufen, weil ich Kleingeld brauchte. Ich bin in irgendeine Kneipe und sehe eine zwei Meter große Transe, mit Horror-Make-up und orangefarbenen Haaren. Und sie nur so: „Schätzchen, was willst du?" So was hast du in Manchester nie gesehen und hier waren die einfach überall. Da habe ich gemerkt, dass ich wirklich in Berlin war. Das war Berlin!

Die Unbekannten

Wie war die allgemeine Stimmung?
Sehr frei und offen. Man kam leicht ins Gespräch mit Leuten. Ich war alleine und musste einfach reden. Jeder war bereit, den anderen aufzunehmen. Westberlin hat geglüht. Alles war schäbig und dreckig, außer der Kudamm. Man hat auch immer nur durch Leute erfahren, was los war. Leute haben auch nicht richtig geflyert, Poster gab es auch kaum. Aber man hat schnell Anschluss gefunden.

Im Film dreht sich vieles um die Uniform, die du immer an hast. Wie wichtig ist dir dein Äußeres?
Ich war nie jemand, der Trends gefolgt ist. Ich komme aus einer Arbeiterklasse-Familie. Wir hatten nie viel Geld für Klamotten. Als Kind ging ich immer zum Ami-Laden, weil der so billig war. Deshalb hatte ich das immer an. Das war mein Look und die Deutschen fanden den super und komisch zugleich.

Hast du dich dann extra provokant angezogen, weil du gemerkt hast, dass die Leute darauf reagieren?
Später in Berlin schon. Ich hatte einen langen schwarzen Ledermantel zum Beispiel. Der hat viele Blicke auf sich gezogen. Ich fand es einfach schön, dazu eine Krawatte mit Hemd zu tragen. „Du siehst aus wie einer von der Gestapo", hab ich oft zu hören bekommen. Ich fand das total geil! Ich wusste, dass ich das auf die Spitze treiben konnte. Ich habe eigentlich meinen Style auch nicht geändert.

Wie war das damals mit Drogen? Das habt ihr im Film auch komplett ausgelassen.
Ich habe schon ziemlich früh begonnen zu experimentieren. War dann aber, als ich nach Berlin kam, sehr vorsichtig. Wir haben schnell gemerkt, dass Musik mit Drogen einfach oftmals besser ist. In den 80ern war Speed die Hauptdroge. Microdots waren so Mini-LSD-Pillen, die ganz stark dosiert waren. Wenn du das genommen hast, war es so, als ob du 30 Pillen genommen hättest. Heroin war damals auch schon groß. Das gab es überall. Ein schräges Erlebnis war im Soul, ein Club mit sehr gemischtem Publikum - von New-Wavern bis Punkrockern -, als ich alle auf dem Boden sitzen gesehen habe, sie die Tangerine Dreams hörten und voll zugedröhnt waren. Das war in einen Club!

Wie hat sich Berlin verändert?
Irgendwie viel und irgendwie gar nicht. Natürlich sind viel mehr Menschen da; die Art wie man Musik macht. Ich finde die aktuellen Entwicklungen sehr spannend.

Wie findest du die aktuelle elektronische Musik?
Im Prinzip kann jeder Musik machen und DJ sein. Jedoch sind DJ sein und DJ sein zwei verschiedene Sachen. Verstehst du, was ich meine? Jedoch fällt es mir schwer zu sagen, das ist schlecht und das ist gut. Vielleicht ist ein Musiker, der gerade erst beginnt, wirklich schlecht, aber in ein paar Jahren dann gut. Die Sachen, die ich am Anfang gemacht habe, waren wirklich schlecht.

Damals warst du schon davon überzeugt, dass du gut bist, oder?
Ich wusste von Anfang an, dass es scheiße war. Die anderen haben jedoch ihren Gefallen daran gefunden. Ich habe gemerkt, dass ich kacke spielen kann, aber die Leute feiern es. Mein erstes Konzert mit meiner ersten Band, Die Unbekannten, war eine spontane Aktion. Wir waren schrecklich, doch den Leuten hat es gefallen, da sie dachten, dass wir super avantgardistisch wären. Wir konnten nichts, aber das wollten die Leute und wir nahmen eine Platte auf. Unser Schlagzeuger ist der heutige Schlagzeuger von Nick Cave. Wir waren anders.

Das eine hat das andere ergeben und ich bin der Mixer bei Malaria geworden. Ich hatte wiederum keine Ahnung, aber irgendwie hat es funktioniert. So war es immer in meinem Leben. Ich hab es einfach gemacht und manchmal klappte es, manchmal nicht.

Wie ist dein Plattenlabel entstanden?
Ich habe kurz vorm Ende der DDR als einziger Westler eine Platte drüben produziert. Nach dem Fall der Mauer habe ich dann all diese Ost-Kids gesehen, die Musik machen wollten. So ist das Label entstanden. Im Westen war alles da, aber die im Osten hatten nichts. Es war alles ganz frisch und neu. Ich wollte mit der Musik die Emotionen, die in der Luft lagen, festhalten. Die Kids haben nicht verstanden, was gerade passiert ist. Die Mauer war nicht mehr da und alle liebten sich durch Ecstasy. Cosmic Baby war der Erste, der das in seiner Musik übertragen konnte. So entstand Trance.

Kannst du mir mehr über das Konzert der Toten Hosen in der DDR erzählen, welches man in dem Film sieht?
Wir haben die Toten Hosen über die Grenze geschummelt. Das Konzert war getarnt als ein Charityevent für hungernde Waisen in Rumänien. Es lief unter dem Namen Blues Messe, also Messen für junge Leute. Kirche war in der DDR geduldet. In der Kirche sein war ein stiller Protest. Ich habe also den Pfarrer gefragt, ob ich mit meiner Band spielen kann. Das hat aber nicht geklappt, da es in der DDR keine Synthesizer gab. Also habe ich mich für die Toten Hosen entschieden. Es war eine große Sache für die Kids von dort. Es waren nicht sehr viele Leute da, aber alleine, dass wir das gemacht haben, war schon eine große Inspiration. Punk war in der DDR verboten. Für die Behörden war Punkrock ein Zeichen des Kapitalismus, der nicht funktioniert. Aus dem Frust arbeitslos zu sein, haben sie Punkrock kreiert. Als Westband in der DDR zu spielen, war wirklich außergewöhnlich. Die Behörden wussten auch nicht, wie wir es geschafft haben. Fünf Jahre später haben wir das wieder gemacht. Dieses Mal kamen hunderte von Leuten. Die Polizei war auch da und bevor die Toten Hosen auf die Bühne sollten, hat der Pfarrer gesagt, dass sie spielen dürften. Aber wir hatten eine Idee. Die Polizei wusste nicht, wie sie aussehen und wir haben gesagt, dass eine Band aus Leipzig spielen würde. Also haben sie doch gespielt, bis das Konzert doch aufgelöst wurde. Innerhalb der Punkrocker-Szene gab es auch viele Spitzel.

Mit den Toten Hosen in Rummelsburg

Was hältst du von EDM?
Ich finde das schrecklich. Das ist eine verwässerte Version von 80er-Trance-Musik. Wenn Paris Hilton plötzlich ein DJ ist. Ich verstehe es nicht. Es ist wirklich uninteressant und nicht kreativ. Ich verstehe nicht, warum es so populär ist. Es ist eine trashige, drittklassige Verwässerung. Aber ich gehe auch manchmal noch aus. Manchmal auch ins Berghain. Ich lege auch manchmal auf. Aber nur das, was mir gefällt. Manchmal teste ich meine Sachen.

B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979-1989 läuft deutschlandweit in den Kinos.

@TheSoundandLustofWestBerlin

Credits


Text und Interview: Alexandra Bondi de Antoni
Bilder von Mark Reeder