model ebonee davis spricht über die realität als schwarzes model in der modeindustrie

„Mir wurde gesagt, dass schwarze Models entweder so aussehen, als ob sie direkt aus einem afrikanischen Dorf importiert wurden oder wie weiße Models, die in Schokolade getaucht wurden.“

von Tish Weinstock
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10 Februar 2017, 12:05pm

Ebonee Davis hat immer davon geträumt, ein Model zu sein, oder besser gesagt: ein Supermodel. Eben wie die blauäugigen und blonden Schönheiten auf den Reklametafeln und im Fernsehen. Die Amerikanerin ist in Seattle geboren und aufgewachsen und nach der Schule nach New York gezogen, um ihren Traum zu verwirklichen. Ihr wurde damals gesagt, dass sich schwarze Models entweder dem eurozentristischen Schönheitsideal unterwerfen müssen — also glatte, lange Haare, gescheitelt — oder sie müssten der westlichen Vorstellung von Exotik entsprechen. Schwarze Models sollten schwarz sein, aber auf die richtige Art und Weise, ansonsten: bye Karriere. Sie hat mitgespielt, bis sie nicht mehr konnte. Sie hatte irgendwann genug und trägt ihr Haar heute natürlich.

Zwei Jahre später war sie bereits in zwei Kampagnen von Calvin Klein und in einem Kurzfilm von L'Oreal Paris zu sehen und ist für Yeezy auf der Spring/Summer-17-Show gelaufen. Im letzten Sommer hat sie in einem offenen Brief an die Modeindustrie die Designer, Modelagenten, Make-up-Artists und Modemagazine aufgefordert, ihre Haltungen in Bezug auf Models of Color und kulturelle Sensibilität zu ändern. Wir haben mit dem Model Schrägstrich der Aktivistin über die Realität schwarzer Models in der Modewelt, Diversität und Authentizität gesprochen.

Wer waren deine Vorbilder, als du jünger warst?
Ich bin mir gar nicht sicher, ob ich Vorbilder aus der Modeindustrie hatte. Die einzigen bekannten schwarzen Models, an die ich mich erinnere, waren Tyra Banks und Naomi Campbell — und mit denen konnte ich mich nicht identifizieren. Sie haben ausgesehen wie lebensgroße Barbies und ich hatte dagegen andere Haare und braune Augen. Für mich waren Rapper und R'n'B-Sänger viel wichtiger. Ich habe Tupac geliebt. Er hat seine Plattform genutzt, um sich öffentlich über Missstände zu äußern. Deshalb habe ich auch Lauryn Hill geliebt. Das waren meine Vorbilder.

Hier stellen wir euch fünf bedeutende Momente in der Geschichte schwarzer Models vor.

Wie war deine Körperwahrnehmung als Jugendliche und wie hat sie sich über die Jahre verändert?
Ich habe mich als Kind stundenlang im Spiegel betrachtet und mir gedacht, wie viel schöner ich wäre, wenn ich blaue oder grüne Augen hätte. Oder wenn meine Nase und meine Lippen kleiner wären. Oder wenn meine Haare länger wären. Ich habe es gehasst, wie ich ausgesehen habe. Ich habe Tausende Dollar in Frisörsalons gelassen, um meine Haare zu glätten und Tausende Dollar für Extensions, um mein Haar dichter und länger wirken zu lassen. Heutzutage bin ich stolz darauf, wer ich bin und wie ich aussehe. Das sage ich auch öffentlich. Ich habe begriffen, dass man Schönheit nicht definieren kann.

Was ist das Aufregendste für dich daran, in der Mode zu arbeiten?
Ich freue mich immer darüber, wenn ich die Möglichkeit bekomme, Mauern einzureißen oder etwas machen zu können, das ich angeblich nicht machen kann.

Was ist dein bisheriges Karrierehighlight, woran du dich besonders gerne erinnerst?
Als ich in Soho meine Calvin-Klein-Anzeige gesehen habe. Mir wurde Monate vorher von meinen Agenten gesagt, dass ich mit meinem Natural Hair nie Jobs bekommen würde.

Wir haben uns mit fünf afrodeutschen Frauen über Selbstakzeptanz, Natural Hair und kulturelle Aneignung unterhalten.

Du hast dich am Beginn deiner Modelkarriere den vorherrschenden Schönheitsidealen unterworfen. Wie hast du dich gefühlt?
Mir wurde gesagt, dass schwarze Models in der Modeindustrie entweder so aussehen, als ob sie direkt aus einem afrikanischen Dorf importiert worden wären oder wie weiße Models, die in Schokolade getaucht wurden. Und weil ich Aufträge erhalten wollte, habe ich mich angepasst. Das klingt jetzt vielleicht so, als ob ich eine Wahl gehabt hätte — mich anzupassen oder meine Frau zu stehen. Aber die Realität sah ganz anders aus. Damals gab es keine Alternativen. Entweder ich glätte meine Haare oder ich kriege keine Aufträge.

Warum hast du ein Jahr danach einen offenen Brief geschrieben?
An dem Tag, als Alton Sterling letzten Sommer von der Polizei erschossen wurde, bin ich nach Hause gekommen und habe einen Brief an die Modeindustrie geschrieben. Ich habe besonders die Modepresse in die Pflicht genommen, dass sie dabei helfen muss, die Wahrnehmung von schwarzen Menschen zu ändern. Ich konnte einfach nicht länger still sein. Unser bloßes Existieren reicht einfach mehr aus. Die gleiche fehlende Wertschätzung von Schwarzen, die uns aus der Modewelt raushält, ist dafür verantwortlich, dass schwarze Frauen und Männer auf der Straße erschossen werden.

Wie man sich als schwarze Frau in Deutschland fühlt, hat Dominique Booker für uns hier aufgeschrieben.

Was muss sich in der Modeindustrie ändern?
Mehr Verständnis für und mehr Einbindung von uns sowie die bewusste Entscheidung, in Fotoshootings alle Menschen zu repräsentieren. Ich möchte, dass mehr Agenturen Models of Color unter Vertrag nehmen, dass mehr Models of Color in den Magazinen und in der High Fashion zu sehen sind. Und auch auf den Laufstegen möchte ich mehr Models of Color sehen.

Über Diversität wird viel diskutiert. Das Thema war noch nie so sichtbar. Wie ist es dazu gekommen?
Die Zeit ist reif für Veränderungen. Die große Veränderung kam mit Instagram und der steigenden Beliebtheit der Plattform. Die Menschen in der Industrie haben begriffen, dass es sich lohnt, Leute, die für ein breiteres Verständnis von Schönheit stehen, zu verpflichten. Außerdem stehen die Menschen solchen Diskussionen heute aufgeschlossener gegenüber.

Besteht nicht die Gefahr, dass Diversity nur ein Trend ist? Etwas, das die großen Marken aus Profitgründen ausbeuten? Und spielt das überhaupt eine Rolle?
Ja, ich mache mir manchmal Sorgen, dass schwarze Menschen wie Gelddruckmaschinen behandelt werden. Amerikanische Kultur ist Black Culture. Wir denken uns viele Dinge aus, die später Mainstream werden. Unsere Ideen und Talente werden oft ausgebeutet, weil wir nicht über die gleichen Ressourcen und die Macht von großen Marken und Unternehmen verfügen. Was zählt ist, wie viel Dollar man mit uns verdienen kann und nicht wir als Menschen. Ich stecke da in einem moralischen Dilemma: ich bin jemand, der mit Marken zusammenarbeiten muss, der aber auch weiß, dass Marken junge, schwarze Talente ausbeuten.

Ich freue mich aber natürlich darüber, dass ich der Grund sein kann, wenn sich jemand schön, repräsentiert und empowert fühlt. Weil wir in der Industrie präsent sind, können wir etwas für das Bewusstsein von Leuten tun. People of Color, die so lange unterdrückt wurden, können sich jetzt so akzeptieren, wie sie sind. Mit Selbstakzeptanz kommt Selbsterfüllung. Das ist zwar ein doppelschneidiges Schwert, aber das wird nicht immer so bleiben. Nicht wenn wir in dem gleichen Tempo weitermachen wie bisher. Schwarze schaffen sich ihre eigenen Möglichkeiten und schaffen ihre eigenen Industrien.

Warum ist es so wichtig, dass man seine Plattform nutzt?
Weil wir als Models und Vorbilder eine Verantwortung gegenüber anderen haben. Wir sind dafür verantwortlich, wie sich die Menschen selbst wahrnehmen und wie andere die Welt wahrnehmen. Ob wir es nun wahrhaben wollen oder nicht: Wir beeinflussen eine ganze Generation. Indem wir für den passenden Inhalt sorgen und diesen Content auch mit anderen teilen, sorgen wir mit dafür, dass es auf eine positive Art und Weise erfolgt. Jeder hat seine Geschichte, aber nicht jeder hat die Stimme oder die Plattform. Deshalb müssen wir Führungsverantwortung übernehmen und uns für die einsetzen, die unterrepräsentiert, falsch dargestellt, ignoriert oder gemobbt werden.

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Text: Tish Weinstock

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