„heute verschmelzen die grenzen zwischen dem, was mode einmal war, und dem, was sie alles sein will."

Im Gespräch mit der Kreativen Susi Hinz. Sie verrät uns, wie sie zu ihrem Handwerk gekommen ist, was sie inspiriert und wann Mode für sie zum Objekt wird.

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Jan. 27 2017, 3:25pm

Woran denkt man sofort, wenn man große, opulente Silhouetten, unkonventionelle Materiale und außergewöhnliche Verarbeitung sieht? Höchstwahrscheinlich an avantgardistische Modehäuser wie Comme des GarçonsViktor & Rolf, Junya Watanabe oder Maison Margiela. Was von vielen möglicherweise als Kompliment verstanden werden würde, möchte Susi Hinz genau nicht. Für sie geht es nicht um Mode konkret, sondern den Menschen, der sie zu dem macht, was sie sein soll. „Wenn ihr Inhalt fehlt, also der Mensch", dann wird Kleidung für Susi schlichtweg zum Objekt. Ihr Ziel ist es nicht, im gleichen Satz mit ähnlichen Designern genannt zu werden. Sie möchte einfach das machen, was ihr gefällt. Tag für Tag auf's Neue, ohne in Verzweiflung oder Panik rund um Zukunftspläne zu geraten. 

Aktuell ist Hinz Teil eines Projektes namens ENORM! MODE BRAUCHT RAUM, in der sie ihre Arbeiten in der Vitrine01 in der U-Bahnstaion Birkenstraße ausstellt und „verschiedene Parameter von geplanten wie spontanen Arbeits- und Formungsprozessen, dessen Hinterfragung und Erweiterung und den Prozess der Suche, der sich auch durch Einflussnahme der Menschen der Außenwelt gestaltet" untersucht. In einer ruhigen Minute hat uns die junge Kreative ein paar Fragen beantwortet. 

Dein Stil erinnert sehr an andere, eher avantgardistische Designer — wie kommt das?
Um ehrlich zu sein, ich denke, weil es deine Assoziation, Kategorisierung ist… Ich ziehe diesen Vergleich nicht und ich sehe mich auch nicht als Designerin. Ich habe ein Praktikum bei Viktor & Rolf gemacht, es war sehr lehrreich und intensiv, doch für mich gibt es sowohl in der Arbeitsweise als auch im Design, was ich in ihrem Unternehmen kennen lernen durfte, keine Zusammenhänge. Vielleicht ist es die Idee, Mode auf eine andere Art und Weise zu untersuchen und zu begreifen, die uns verbindet, aber mehr sehe ich da nicht.

Woher entspringt deine Leidenschaft für diese Form der Mode?
Es hat immer damit zu tun, etwas zu einer Thematik zu sagen zu haben, so etwas zu erschaffen oder eben nicht. Es gibt Zeiten, wo ich nichts zu sagen habe. Dann akzeptiere ich das irgendwie und mache Nichts. In manch anderen Fällen entsprang die Form der Mode aus Zeichnungen, wie bei der Arbeit Headmachine, aus Utopiegedanken und dem Konzept wie bei der Arbeit Brilliant Housemates oder auch schon mal schlicht und einfach aus dem Experiment wie bei dem Projekt Subobject. Im Prozess der Formung gerate ich im Inneren in Bewegung. Das führt dann vielleicht zur Form der Outfits, im Kern aber wohl zur Umformung meiner Gedanken und Sichtweisen. Dann entsteht, was entsteht. Das reizt mich. 

Wo siehst du die Unterschiede zwischen Mode und Kunst und wo die Überschneidungen?
Heute verschmelzen die Grenzen zwischen dem, was Mode einmal war, und dem, was sie alles sein will. Für mich ist Bekleidung wie eine zweite Haut, wie eine zusätzliche Ebene, die den Menschen räumlich umgibt, und genau deshalb hat Mode das Potenzial als erweiterte Kunstgattung auch alles Andere zu sein. Der Anspruch auf Einzig- und Andersartigkeit erschuf die Mode und erzeugt deshalb ihren ständigen Wandel. 

Der Unterschied zur Kunst ist: Sie hat das unumgängliche Bedürfnis und Potenzial am und mit dem menschlichen Körper zu funktionieren. Der Mensch, oder besser sein Körper und die Bekleidung, ihr Schutz, ihr Schmuck und ihr Mittel der Kommunikation gehören zusammen und erschaffen, beziehungsweise haben Anteil an der Identitätsstiftung. Ein Bild dagegen oder eine Skulptur hängt man sich nicht an den Körper. Die Kunst als solche hat mit ihren Absichten also eine viel losgelöstere Verbindung zum menschlichen Körper als Mode. 

Siehst du dich also als Designerin oder Künstlerin? 
Ich sehe mich nicht als Künstlerin und auch nicht als Modedesignerin. Ich denke, Mode muss sich neu begreifen, um vielleicht einen erweiterten Begriff dafür zu finden. 

@susihinz

Credits


Text: Max Migowski
Fotos: Susi Hinz, Johanna Maria Fritz