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was es bedeutet, im jahr 2016 eine starke, schwarze frau zu sein

Das Bild von schwarzen Frauen in den Medien, eine positive Körperwahrnehmung, unser Umgang mit Social Media und was das mit dem möglichen Sieg von Trump zu tun hat - die Sängerin und Powerfrau Santigold hat zu allem eine starke Meinung.

von Lisa Leinen
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08 Juli 2016, 11:35am

Santi White, besser bekannt als Santigold, hat sich im Februar dieses Jahres mit ihrem dritten Album zurückgemeldet. 99¢ ist ihre ganz persönliche Gesellschaftskritik: Mahnende Worte und Wortspiele, aufmunternd sowie trügerisch verpackt in eingängiger Popmusik. Der Titel und das Albumcover—für das sie sich nebst allerlei Gebrauchs- und Alltagsgegenständen in eine Plastikfolie hat einschweißen lassen—sind eine Anspielung auf den Wert, für den Künstler heutzutage ihrer Meinung nach verkauft werden. Und das, obwohl sie selbst einen hohen Preis dafür zahlen. Vor ihrem Berlin-Konzert letzte Woche haben wir mit ihr über die Gefahren der virtuellen Welt, die Schönheit des Unperfekten und ihre ganz persönlichen Zweifel als Frau gesprochen. 

Du hast ein interaktives Musikvideo zu der Single „Can't Get Enough Of Myself" veröffentlicht, bei dem jeder via Webcam mitwirken kann. Wohin wird diese einehmende Selbstinszenierung führen?
Diese Selbstinszenierung führt dazu, dass jemand wie Trump Präsident werden könnte, wenn wir das zulassen. Das macht mir wirklich Angst. Ich habe das Gefühl, dass dieser ganze Narzissmus und dieser ungefilterte Starkult in der virtuellen Wert kompensiert wird. Dieses unerreichbare, perfekte Leben, das jeder online vorgibt zu haben und inszeniert. Viele von uns flüchten doch in diese Welt, weil sie sich nicht mit der Realität beschäftigen wollen, weil sie sich nicht die wichtigen Fragen stellen wollen oder können, und weil sie sich nicht mit sich selbst auseinandersetzen wollen. Und genau das ist das Gefährliche daran. Aber: Natürlich weiß ich auch, dass das alles viel Spaß macht, und ich glaube auch zu wissen, warum. Auf meinem aktuellen Album spiele ich genau mit diesem Kontrast, mit diesen beiden konträren Ansichten. Niemand wird mir zuhören, wenn ich mit erhobenem Zeigefinder rumlaufe und sage: „Wenn wir so weitermachen, wird Donald Trump unser nächster Präsident". Ich muss sie abholen, damit sie mir zuhören. Und noch was: Was ist falsch daran, nicht perfekt zu sein? Was ist falsch daran, dass wir nicht alle dem gleichen Leben hinterherjagen? In der Vergangenheit wurde es viel mehr zelebriert, eben nicht perfekt, sondern real zu sein. Nur deswegen ist doch die Kunst entstanden! Und jetzt? Jetzt muss alles glänzen und auf eine Art auch unecht sein—und am besten all das zusammen.

Ich frage mich oft, wie es wohl ist, wenn man in der heutigen Zeit ein Teenager ist und in dieser ganzen Social-Media-Blase aufwächst. Wir sind erwachsen, wir können vielleicht einfacher über gewissen Dingen stehen. Aber wenn man jung ist ...
Es ist wahnsinnig gefährlich, ja. Ich habe erst neulich mit einer Freundin gesprochen, die genau darüber einen Dokumentarfilm macht, also welchen Effekt die sozialen Medien auf Jungs und Mädchen haben. Es ist erschreckend. Aber ganz ehrlich: Wir, die Erwachsenen, sind zwar selbstbewusst, aber doch auch irgendwie alles andere als das. Ich habe kürzlich gelesen, dass die Anzahl der Menschen, die unter Ängsten und an Depressionen leiden in den letzten Jahren ins Absurde nach oben geschossen ist—dank Social Media.

Warum denkst du, ist es so weit gekommen?
Weil wir uns und unser Leben ständig mit dem der Anderen in einer virtuell erschaffenen Welt vergleichen. Dass sie nicht echt ist, vergessen wir aber leider, und dann fühlen wir uns beschissen und ganz klein. Warum tun wir das? Ich bin ohne all das aufgewachsen. Stattdessen hatte ich immer starke Frauen um mich herum, die zu meinen Vorbildern geworden sind, die stark waren, die mich geprägt haben. Sie haben kein Make-up getragen—na und? Das war ihnen sowas von egal. Als ich in der Schule war, haben wir alle Baggy Jeans getragen und sahen aus wie kleine Tomboys. Das war toll. Und ich erinnere mich daran, als die ersten Mädels dann angefangen haben, enge Jeans anzuziehen und wir sie verurteilt haben und dachten: Warum tut ihr das? Man ist eben gemein, wenn man jung und unerfahren ist. Heute finde ich das natürlich gut, dass jede von uns das trägt, was sie möchte. Warum wollen wir, dass wir alle gleich aussehen? Das ist doch total fucked up. Und langweilig noch dazu.

Du bist jemand, der sich in der Öffentlichkeit klar positioniert, hast eine starke Meinung und stehst für sie ein. Woher nimmst du die Kraft und das Selbstbewusstsein dafür?
Ganz ehrlich ... Ich zweifle auch sehr stark an mir, immer wieder. Machen wir uns nichts vor, ich lese die gleichen Magazine und sehe mir die gleichen Videos wie du an. Schau dir doch die Frauen mal an, die erfolgreich sind, vor allem die schwarzen Frauen. Wer im Fernsehen oder in Filmen ist, ist operiert. „Du willst hier mitmischen? Dann lass dich zurecht biegen." Ich bin gegen all das, aber wie ich diese Einstellung entwickelt habe? Vielleicht dadurch, dass ich ohne die Möglichkeit des schnellen und ständigen Vergleichs aufgewachsen bin. Ich habe ganz andere Werte und Moralvorstellungen mit auf den Weg bekommen.

Du bist seit fast zehn Jahren im Musikbusiness. Wenn wir über oberflächliche Anliegen wie Aussehen sprechen—was hat sich geändert?
Wenn du dir Fotos von damals anschaust, bemerkst du recht schnell, wie echt die Leute damals noch aussahen im Vergleich zu jetzt. Ich erinnere mich an einen Auftritt in Paris, damals zu Beginn meiner Karriere: Es war furchtbar heiß und meine Haare haben sich während meines Auftritts in irgendwas wildes, aber alles andere als in eine Frisur verwandelt. Damals gab es das Internet noch nicht wirklich, niemand hat es hochgeladen und niemanden hat es interessiert, wie meine Haare aussahen. Heutzutage wirst du mit einer HD-Kamera gefilmt, die ein paar Zentimeter vor deinem Gesicht rumfliegt und das alles wird unaufhaltsam via Livestream in die ganze Welt hinaus übertragen. Und wir wissen alle: Das Internet vergisst nicht. Aber natürlich muss ich bis zu einem gewissen Punkt auch mitmischen bei dem Ganzen, so läuft es halt, das ist die Kultur, in der wir leben—so sehr wir das auch kritisieren. Ich möchte als Künstlerin ernst genommen werden für das, was ich mache, nicht für das, wie ich aussehe.

Neben all diesem gesellschaftlich aufgebauschten Druck, was ist das Schönste daran, eine Frau zu sein?
Ich arbeite viel mit Männern zusammen, ich bin auch mit vielen Männern befreundet. Und bestimmt pauschalisiere ich jetzt, aber: Frauen sind empathischer. Sie können ihre Gefühle rauslassen, sie einsetzen und ausdrücken. Ich weiß, dass genau diese fehlende Rationalität in manchen Situationen als Schwäche ausgelegt werden kann, vor allem im Arbeitsalltag. Und bestimmt ist da auch was dran, aber ich denke trotzdem, dass dies eine ganz wundervolle Eigenschaft ist. Wenn man ein Kind zur Welt bringt, und plötzlich nicht mehr nur für sich selbst verantwortlich ist, merkt man plötzlich, dass Selbstlosigkeit etwas sehr Schönes und Wichtiges sein kann—und Frauen wissen intuitiv, wie sie damit umgehen sollen.

„Disparate Youth" ist ein Song auf deinem letzten Album. Was ist die größte Aufgabe, die unsere Jugend heutzutage zu bewältigen hat?
Der Zustand unseres Planeten ist wirklich sehr bedenklich. Der Klimawandel ist hier und die Konsequenzen sind furchteinflößend. Aber natürlich haben wir noch viel mehr Probleme, diese Aggression, die zur Zeit an so vielen Orten auf der Welt zu spüren ist und zum Ausdruck kommt, ist erschreckend. Ich weiß, wie abgedroschen das klingt, aber wir müssen aufeinander achten, und auf unseren Planeten, der uns ein Zuhause schenkt. 

Credits


Text: Lisa Leinen
Fotos: via Warner Music

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