in einer neuen dokumentation wird dries van noten ganz persönlich

Vor dem Release von “Dries” hat uns Regisseur Reiner Holzemer von seiner Zusammenarbeit mit der Designerlegende erzählt.

|
Juni 27 2017, 9:26am

Foto: John Dolan

Dries Van Noten genießt nicht ohne Grund den Ruf, ein Freigeist zu sein. Noch heute, über 30 Jahre nach seinem Durchbruch, lässt er sich von niemandem reinreden. 1986 gründete der Designer sein Unternehmen, das er bis heute unter völlig eigener Regie führt, einige Jahre später begann er die belgische Königin einzukleiden und 2008 gewann der Modemacher den International Award des amerikanischen Modeverbands CFDA. Mittlerweile ist Dries Van Noten 59 Jahre alt und seine Geschichte ist noch lange nicht aus-erzählt.

Während Dries berühmt für seine farbenprächtigen Kollektionen, mit Prints auf Stoffen und Layering im Styling ist, wurde Reiner durch Dokumentarfilme über Größen wie den Fotografen Juergen Teller und die Regisseurin Caroline Link bekannt. Für Dries hat der deutsche Regisseur den belgischen Designer nun ein Jahr lang begleitet. Was ihn dazu inspiriert hat, Dries Van Noten zu porträtieren, und welche Überraschungen die Arbeit bereithielt, hat uns Reiner Holzemer im Interview erzählt.

Auch auf i-D: Edward Meadham über die Höhen und Tiefen, wenn man eines der gefeiertsten Londoner Labels aus den letzten zehn Jahren führt

Was war für Sie der Grund, die Geschichte von Dries Van Noten zu erzählen?
Ich habe viele Fotografen porträtiert und war an einem Punkt, an dem ich dachte: das Feld habe ich jetzt erkundet. Insofern war ich offen für neue kreative Persönlichkeiten und habe nach Motiven gesucht. Juergen Teller, über den ich auch einen Film gedreht habe, hat damals mit Dakota Fanning eine Sommerkollektion von Dries für die amerikanische Vogue fotografiert. Dort habe ich ihn zum ersten Mal persönlich kennengelernt und fand ihn gleich sehr sympathisch. Ich dachte auch: Mensch, über Mode weiß ich eigentlich so wenig - darüber wie sie gemacht wird und was alles dahintersteckt. Was ich da von Dries gesehen habe, fand ich aber wahnsinnig interessant.

Kam der Vorschlag also von Ihrer Seite?
Genau. Nur war es dann gar nicht so einfach: Anfangs sagte Dries "Ja, vielleicht - jetzt aber nicht". Dieses "vielleicht" dauerte schließlich drei Jahre. Alle sechs Monate haben wir uns bei den Fashionshows gesehen und er meinte immer wieder, es sei jetzt nicht der richtige Moment. Er ist ein sehr diskreter, scheuer Mensch - solche lassen sich nicht so schnell überzeugen. Man muss das Vertrauen desjenigen gewinnen. Ohne Vertrauen kann man einen Film wie Dries sowieso nicht machen.

Was ist bei der Zusammenarbeit mit ihrem Protagonisten am wichtigsten?
Das Vertrauen, mich nah an die Person zu lassen. Ich muss an die Höhen und Tiefen, auch an das Scheitern, rankommen. Man darf natürlich Geheimnisse behalten, aber ich möchte einen Einblick davon bekommen, was der Mensch neben dem Beruf sonst so tut und denkt. Kreative verkörpern ja oft eine Ganzheitlichkeit: Sie sind nicht völlig andere Menschen, wenn sie ihr Atelier verlassen - da geht das kreative Denken weiter.

Würden Sie im Nachhinein sagen, dass Dries Van Noten Ihnen sein wahres Ich gezeigt hat?
Ich glaube nicht, dass man ihm mit einer Kamera näher kommen kann, als es mir gelungen ist. Dries ist unheimlich diskret, mir gegenüber war er aber trotzdem immer ehrlich und offen, denke ich. Beim letzten Interview merkte er, dass die Botschaft, die er anfangs vermitteln wollte - "Es ist alles schön und geht leicht von der Hand" -, würde nicht der Realität entsprechen. Dann meinte er noch, wie schwierig und anstrengend alles auch ist. Letztendlich zeigt es, dass er Vertrauen hatte. In Porträts von Designern werden oft Klischees bedient, von der Fashionwelt erwarten Leute häufig großes Drama. In Dries kommt das nicht vor. Ich wollte das nicht, darauf war mein Fokus nicht - wir haben aber auch nichts verborgen. So wie man Dries in seinen Handlungen sieht, so ist er. Der Film ist sehr authentisch.

Wie stark war der Einfluss von Dries Van Noten selbst auf das Drehbuch?
In einem Interview mit Le Figaro sagte Dries selbst, dass er mir eine Carte Blanche gegeben hat: Ich konnte also eigentlich machen was ich wollte. Manchmal habe ich trotzdem befürchtet, dass er irgendetwas zensieren würde, weil er ein Perfektionist ist und gewohnt, überall Hand anzulegen. Außerdem ist er ein dramaturgisch denkender Mensch, mit einem großen Verständnis auch für filmische Erzählweisen. Er hatte aber nur minimale Änderungswünsche.

Dries Van Noten macht einen sehr organisierten Eindruck, an einer Stelle im Film sagt er, er arbeite auf ganz "spontane Art". Wie haben Sie ihn bei den Dreharbeiten wahrgenommen?
Sagen wir mal so: Der Rahmen ist organisiert - darin gibt es aber natürlich Spielfelder. Das finde ich genial an ihm. Er sagt, dass du dem Zufall eine Chance geben musst. Picasso hatte dazu eine ähnliche Haltung: "Ich suche nicht, ich finde." Ein Konzept ist gut, aber Dries ist auch immer bereit, alles über den Haufen zu schmeißen und einer besseren Idee zu folgen.

Hat sich Ihr Bild von Dries Van Noten im Laufe der Produktion verändert?
Das ändert sich manchmal heute noch. Man fokussiert ja ganz bestimmte Aspekte einer Persönlichkeit, abhängig davon wie man selbst gerade drauf ist und was einen im Leben beschäftigt. Ich habe gewusst, dass er viel arbeitet, aber ich hätte mir nicht vorgestellt, dass es so viel ist. Ich habe wirklich größten Respekt vor dem, was er da macht. Wer 5000 Einzelteile im Jahr entwirft und rausbringt, steht unter permanentem Druck.

Hat Sie irgendetwas besonders überrascht?
Sein Ideenreichtum und sein Detailwissen. Er ist wirklich jemand, der das, was er da tut, handwerklich beherrscht. Selbst Hand anzulegen ist seine Vorstellung von Kreativität. Er hat eine fast kindliche Freude daran, Dinge zu gestalten. Dries hat das Glück, wie ich auch, etwas tun zu können, das ihm wahnsinnig viel Spaß macht.


Dries von Reiner Holzemer startet am 29. Juni in den deutschen Kinos.

Credits


Text: Joely Ketterer
Fotos: PROKINO Filmverleih GmbH