Rankin erklärt, was ein gutes Foto zu einem großartigen macht

Wir habe uns ein paar wertvolle Tipps von dem Schotten geholt, der zu den gefragtesten Fotografen unserer Generation zählt.

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09 März 2017, 1:40pm

Die einfachste Art einen Text über John Rankin Waddell, so der vollständige Name des Schotten, zu beginnen, wäre wohl ein Namedropping all der Weltstars, die er in seiner Karriere bereits abgelichtet hat. Models, Schauspieler, Musiker und Politiker. Die Helden unserer Zeit. Von Musiklegenden wie Björk und Britney Spears über Supermodel Kate Moss bis zu Schauspielgrößen wie George Clooney, gibt es wohl kaum jemanden, den der Fotograf noch nicht vor der Linse hatte.

Und selbst wer nicht um Rankins Weltruhm weiß, wird sich der Magie seiner Fotos kaum entziehen können. Doch es wäre vermessen, den 50-Jährigen allein auf seine Fotografie zu beschränken. 1992 hat Rankin mit Jefferson Hack das Magazin Dazed & Confused gegründet, aber auch als Filmemacher ist er immer noch aktiv. Wir haben ihn vor der Eröffnung seiner aktuellen Ausstellung Rankin in Berlin getroffen, um uns mit ihm darüber zu unterhalten, was ein großartiges Foto tatsächlich ausmacht und welche Faszination Selfies auf unsere Gesellschaft ausüben.


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Werden Fotos einmal dieselbe Bedeutung für unsere Kultur und Gesellschaft haben wie beispielsweise die Gemälde der Alten Meister?
Ja, sie sind wie Fenster zu längst vergangenen Welten. Ob bestimmte Bilder diese Wertschätzung tatsächlich verdienen, ist eine andere Frage. Jeder von uns kann das Glück haben, ein außergewöhnliches Foto zu schießen. Aber um ein Gemälde wie die Alten Meister zu erschaffen, reicht es nicht, irgendwo einen Auslöser zu drücken.

Etliche Ihrer Kollegen bedauern den Verlust wahrer, großer Fotos und machen dafür vor allem das Smartphone und Social Media verantwortlich. Liegt es an der schieren Masse der Bilder, der wir heute ausgesetzt sind, dass uns wahrhaft große Fotos weniger bedeuten?
In meinen Augen begreifen ältere Leute schlichtweg nicht, wie schnell die Post-Internet-Generation Dinge nicht nur konsumiert, sondern auch bewusst wahrnehmen kann. Ich persönlich habe die Digitalfotografie von Anfang an als Chance gesehen und arbeite gerne damit. Deswegen verstehe ich Social Media noch lange nicht perfekt. Aber sind wir mal ehrlich: Niemand kann das zu diesem Zeitpunkt. Dafür ist die ganze Entwicklung einfach noch zu jung. Instagram finde ich extrem faszinierend. Die Plattform hat sich zu einem komplett grenzenlosen Spielplatz für Kreative entwickelt, die den Weg zur Fotografie eben nicht auf konventionelle Weise gefunden haben. Ich bin sicher, dass noch zahlreiche ähnlich neue Formen folgen werden.

Viele Fotos, die heute entstehen, sind Selfies. Können Sie als Porträtfotograf erklären, was uns daran so fasziniert und warum das Selfie inzwischen ein solch einzigartiges soziales Phänomen geworden ist?
Für die Spezies Mensch ist es wohl ganz natürlich, dass wir von uns selbst besessen sind: Wie sehen wir aus und was denken andere über uns? Die heutige Generation hat mit dem Internet ein Werkzeug gefunden, diese Form der Auseinandersetzung durch Bilder und Kommentare noch um ein Vielfaches zu verstärken. Allein die Tatsache, dass sie einfach ein Foto machen und es in Sekunden um die ganze Welt schicken, ist für die Älteren unter uns gänzlich neu und teilweise unbegreiflich. Jüngere hingegen sehen es nicht als Trennung, sondern als vollkommen natürliche Erweiterung der eigenen Persönlichkeit. Die Leute verlangen nach Bestätigung, blenden die Ironie des Ganzen jedoch aus. Für mich ist das faszinierend und abstoßend zugleich.

Sie sind seit mehr als 30 Jahren im Geschäft. Was ist Ihr Antrieb, immer weiterzumachen?
Keine Ahnung, ehrlich. Wahrscheinlich gehöre ich zu den Menschen, die viel lieber nach vorne als zurück schaut. Für mich wäre das, als ob ich ein Komma oder einen Punkt in einen Satz zwänge, den ich eigentlich unbedingt weiter formulieren möchte. Selbst, wenn ich fünf Tage die Woche Auftragsarbeiten erledige, finde ich am sechsten Tag eigene Projekte, die ich fotografieren will. Ich kann nicht anders, ich bin abhängig von Fotografie.

Was macht ein gutes Bild zu einem großartigen?
Meistens geht es vor allem um den Instinkt. Ein großartiges Foto bleibt dir im Gedächtnis, auch lange nachdem du es angeschaut hast. Sie springen voller Energie in dein visuelles, emotionales und intellektuelles Gedächtnis und spielen dort vollkommen verrückt. Eines meiner liebsten Zitate über Fotografie stammt von Ralph Hattersley: „Wir fotografieren, um zu verstehen, was das Leben für uns bedeutet". Wir alle streben danach, diese Fotos zu machen, aber es gelingt, wenn überhaupt, ein paar Mal im Leben. Und wenn es passiert, spürst du es. Definitiv.

Zu einem professionellen Shooting gehört heute neben dem Fotografen eine ganze Crew. Haben Sie noch dieses Gefühl des „Nur ich und meine Kamera"?
Manchmal sehne ich mich danach, mit der Kamera allein zu sein. Irgendwann gehe ich genau an diesen Punkt zurück. Als Regisseur diverser Filme weiß ich jedoch, wie man ein Set organisiert, auf den besonderen Moment vor der Kamera hinarbeitet und ihn einfängt. Im Idealfall ist die Crew da, um dem Model zu helfen und alles so angenehm wie möglich zu gestalten. Viele Leute vergessen das und konzentrieren sich stattdessen auf das pompöse Drumherum oder die Klischees rund um Opulenz und Arroganz. Aber wen kümmert es schon, wie viele Leute du für ein gutes Foto brauchst. Kann es nicht einfach um das Bild gehen, das dabei herauskommt?

Hat sich das Verständnis von Schönheit im Laufe Ihrer Karriere verändert?
Ich glaube nicht. Vor Kurzem habe ich einige meiner alten Arbeiten angeschaut und so viele Gemeinsamkeiten zu heute entdeckt. Sicher liegt das auch an meiner Perspektive. Wenn überhaupt, bin ich wahrscheinlich inzwischen betäubt von traditionellen Schönheitsnormen. Deswegen steht für mich die Persönlichkeit mehr im Fokus als jemals zuvor. Es ist keineswegs so, dass mir heute alle Models gefallen. Ganz bestimmt nicht.

Eines Ihrer Lieblingsmodels ist ihre Frau Tuuli Shipster. Wie unterscheidet sich Ihre Frau Tuuli vom Model Tuuli?
Das Model ist auf Fotos niemals so schön wie in echt. Selbst auf einer Millionen Bilder ließe sich nicht festhalten, wie großartig sie ist. Tuuli hat unzählige Facetten, die ich extrem anziehend finde, vor allem ihre Aura und diese unglaubliche Energie.

Was möchten Sie allen mit auf den Weg geben?
Die Leute sollen nicht denken, mein Weg wäre der einzig richtige. Wir alle müssen für uns die richtige Balance finden. Das ist wohl der beste Tipp, den ich anderen Kreativen geben kann: Finde deinen Weg und bleibe ihm treu.


"Rankin" läuft noch bis zum 1. April 2017 in der CWC Gallery. Hier geht es zum Event.