patrick desbrosses’ fotografien zeigen uns us-metropolen vor trump

In “Patrick on Desbrosses St.” nimmt uns der in Berlin lebende Fotograf im Sommer vor der Wahl mit auf die Straßen Chicagos und New Yorks.

von Joely Ketterer
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24 Juli 2017, 9:48am

Patrick Desbrosses

Letzten Sommer reiste Patrick Desbrosses durch Amerika. Bewusst nahm der Fotograf nur eine kleine Kamera mit, um einfach mal den Urlaub zu genießen, ohne ständig an das nächste Foto zu denken und "damit ich nicht in Versuchung komme, in meinen Arbeitsmodus zu verfallen." Ganz sein lassen konnte er es dann aber doch nicht und kam mit einigen verschoßenen Filmen zurück nach Deutschland. Die Bilder schicke er dann an Freunde und Bekannte und bat sie, ihm mit ihren Einfällen zu antworten. Ein Satz, ein Zitat — was immer ihnen in den Sinn kam. Aus den Kommentaren und seinen Aufnahmen entstand Patrick on Desbrosses St. Ein Bildband, der Patricks Straßenfotografie aus Chicago und New York im Sommer 2016 dokumentiert. 

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Für den gebürtigen Münchner, der vor allem für Magazine arbeitet und Porträts fotografiert, war es eine Möglichkeit, Menschen einmal etwas aus der Ferne zu beobachten. Zurück in der Heimat haben wir Patrick zum Interview getroffen, um zu hören, wie er Motive aussucht und welche Wirkung Fotografie in einer Zeit hat, in der uns pausenlos Bilder erreichen. Einen Blick ins neue Booklet hat er uns auch gewährt.

Was hat dich inspiriert, im Sommer vor der US-Wahl 2016, öffentliche Plätze in New York City und Chicago zu fotografieren?
Es war schlicht und einfach ein Urlaub. Ich hatte schon lange eine Reise geplant, habe Freunde in beiden Städtenund wollte irgendwie raus, diese Städte entdecken. Daraus eine Geschichte zu machen, war überhaupt nicht geplant. Eigentlich habe ich auch extra kein Equipment mitgenommen, mir davor noch ganz bewusst eine kleine Kamera gekauft, damit ich nicht in Versuchung komme, in meinen Arbeitsmodus zu verfallen. Die meisten meiner Aufträge sind für Magazine und ich mache viele Porträtarbeiten. Es war schön mal loszulassen, mich komplett rauszunehmen, keine Leute anzusprechen — mich einfach irgendwo hinzustellen und Eindrücke zu sammeln: eigentlich klassische Street Photography.

Was muss ein Motiv haben, dass sie dein Interesse weckt?
Das ist ganz schwer.

Schwer zu erfüllen oder schwer zu erklären?
Schwer zu erklären. Die Entscheidung fällt meistens sehr intuitiv und spontan. Ich setze mich nicht erstmal intellektuell mit Bildern auseinander. Es kommt irgendetwas oder nicht. Bei meinen eigenen Bildern brauche ich Kommunikation, vor allem mit Leuten, die mir wichtig sind und denen ich vertraue. Immer mal wieder aber auch mit Menschen, die keinen Bezug zu meinen Arbeiten haben. Manchmal hat ein Bild Wertigkeit für einen selbst, weil eine Erinnerung daran hängt. Das versuche ich dann erstmal beiseite zu schieben.

Was sollen Leute von Patrick on Desbrosses St. mitnehmen?
Mir geht es darum, wahrzunehmen, wie man sich in einer Großstadt bewegt. Dabei ist mir natürlich bewusst, dass es sich um einen europäischen Blick auf die amerikanische Metropole handelt. Ich wollte mich von den Klischees lösen, die durch Filme geschaffen wurden. Man ist dort und hat eigentlich das Gefühl, schon alles zu kennen, weil man es schon tausendmal gesehen hat. Davon und auch von dem Versuch, die Bilder spektakulär wirken zu lassen, habe ich versucht, ein bisschen wegzukommen. Ich mag Bilder mit einer ruhigen Sprache, auf denen erst mal nicht viel Aktion zu sehen ist. Zu viel will ich aber gar nicht sagen, weil es gar nicht die Intention war, dass der Betrachter etwas mitnimmt. Jeder soll sich seine eigene Meinung machen, ich möchte keinen Guide vorgeben, wie die Fotos zu verstehen sind.

Was macht ein gutes Foto aus?
Im allerbesten Fall Zeit. Man muss immer eine Form von Intimität ins Bild bekommen. Für mich ist deswegen das begleitende Porträt am schönsten: Man kann Zeit mit jemandem verbringen, die Person etwas kennenlernen und einfach mal sehen, was passiert. In dieser Situation ist man aber oft nicht. Dann muss man sehen, wie man zum Beispiel über Anweisungen etwas schaffen kann, dass der Betrachter dann trotzdem als intim empfindet und ihm auch normal vorkommt. Dennoch bin ich der Meinung, dass die besten meiner Fotos meistens von Leuten sind, die ich auch kenne. Aber das ist wieder eine subjektive Sicht. Wahrscheinlich sind mir die Bilder auch einfach wichtiger.

Wie würdest du deine Ästhetik beschreiben?
Ich bin immer an der Person interessiert. Natürlich hat man etwas Spielraum, aber von einem Menschen, der mir als ernste, introvertierte Person erscheint, mache ich auch ein ernstes, introvertiertes Porträt. Ich zwinge Leute nicht in eine Rolle, die sie nicht sind. Es geht darum, diese Eigenschaften in kurzer Zeit wahrzunehmen. Deswegen rede ich erst mal mit den Leuten, trinke gemeinsam einen Kaffee. Ich lasse mich auch gerne vom Zufall leiten. Ganz oft entscheide ich erst, wie ich arbeiten werde, wenn ich den Leuten begegne. Im besten Fall findet sich natürlich schon eine Form von Dialog in den Bildern. Das zu sehen liegt am Ende aber natürlich wieder beim Betrachter. Wie alles.

Was hat Berlin für deine Augen zu bieten, dass du dich entschieden hast, hier zu leben?
Fotografisch bin ich ziemlich müde von Berlin. Das ist aber eine reine Momentaufnahme, glaube ich. Vielleicht muss ich auch mal wieder raus. Immer mal wieder kriege ich einen Berlin-Koller, wenn ich zu lange in der Stadt bin. Ich habe manchmal eine Vorstellung von Schönheit in einer Stadt und dann vermisse ich ganz klischeehaft etwas wie saftiges, grünes Gras. Hier gibt es natürlich auch solche Orte, aber ich bin dann etwas skeptisch in der Auffassung, was schön ist. Die Schönheit dieser Stadt lebt einfach mehr von ihrer Freiheit. Und auch von den Leuten. Wenn ich keine Leute habe, die mir wichtig sind und die mich faszinieren und begeistern, kann die Stadt noch so toll sein. Ich glaube, dass die Schönheit Berlins für mich mein Umfeld ist. Das hält mich hier zuhause.

Patrick on Desbrosses St.

von Patrick Desbrosses kannst du hier kaufen. 

Credits


Text: Joely Ketterer
Fotos: Patrick Desbrosses

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