berliner street-style sechzig plus

Marta Wilkosz dokumentiert unter dem Hashtag #seniorstyles die stylischsten Rentner Berlins. Wir haben die junge Fotografin zum Interview über Style und Älterwerden getroffen.

von Alexandra Bondi de Antoni
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21 September 2015, 1:10pm

Natürlich kann man über die etwas fragwürdigen Richtlinien von Instagram (siehe #freethenipple oder #curvy) denken, was man will, und kann die soziale Plattform für den übertriebenen Narzissmus unserer Generation verantwortlich machen, man darf aber trotz der ganzen kontroversen Diskussionen nicht vergessen, welch großartige Inspirationsquelle Instagram eigentlich ist. Die Body-Positiv-Bewegung nützt sie für ihre Zwecke, Labels casten mittlerweile direkt Model über Instagram, wir haben das Gefühl, das wir den Stars und Sternchen ganz nah sind, und es gibt kaum eine bessere Zeitbeschäftigung, also sich durch wunderschön kuratierte Accounts zu klicken, wenn man eigentlich unglaublich viel zu tun hat. (Und sind wir uns ehrlich, wir alle machen es!) 

Einen Account, den wir euch für euren nächsten Instagram-Marathon ans Herz legen, ist der von Marta Wilkosz, die die Straßen von Berlin unsicher macht und gut gekleidete Rentner ablichtet. Vor drei Jahren ist die Polin von Kanada in die deutsche Hauptstadt gezogen, wo sie seitdem lebt und arbeitet. Martas Snapshots zeigen den Style der älteren Generation, wallende Röcke, große Ohrringe und schillernde Accessoires. Im Gegensatz zu den Bildern der Advanced-Style-Größe Ari Seth Cohen sind die Aufnahmen der Polin jedoch spontan und nicht gestellt. Es geht ihr um „Kleidung in Bewergung". Wir haben die junge Fotografin zum Interview über Style, Älterwerden und ihre Entscheidung, ihre Bilder direkt über Instagram zu veröffentlichen, getroffen.

Wie bist du zur Fotografie gekommen?
Ich habe im ersten Jahr an der Uni begonnen, mich für Fotografie zu interessieren, nachdem ich ein paar Fotografiekurse während meines Kunstgeschichtsstudiums belegt habe. Nach meinem Abschluss habe ich Fotografie am Alberta College of Art in Calgary studiert. Ich habe anfangs analog im Dunkelraum gearbeitet, um dann zu Digitalkameras zu wechseln, als die Technologie ausgereifter wurde. Ich nutze immer noch analog, aber die meisten meiner Fashion- und Senior-Style-Projekte fotografiere ich digital und auf meinem iPhone.

Erzähle mir etwas über dein Projekt. Wieso fotografierst du alte Leute?
Es fing alles in meiner Nachbarschaft an. Meine erste Wohnung in Berlin war in Friedrichshain, in der Nähe der Karl-Marx-Allee, ein Boulevard aus DDR-Zeiten, wo viele Alte und Renter leben. Hier habe ich die ersten Bilder von älteren Leuten gemacht. Mich hat ihre Kleidung interessiert, wie sie sie kombinieren und wie es sich von der Art und Weise unterscheidet, wie sich die Jungen heutzutage anziehen. Die Vintage-Oversized-Mäntel, die oft zu groß für ihre Körper sind. Die Länge von Röcken und der Ausschnitt. Die großen Hüte und Accessoires. Die bequemen Laufschuhe. Ich finde diesen Kleidungsstil sehr interessant. Anfangs habe ich nur Schnappschüsse mit meinem iPhone gemacht. Dann habe ich meine Kamera benutzt, um mich selbst von den Motiven zu distanzieren und nicht ihre Privatsphäre zu verletzten. Als ich dann später in mein altes Viertel zurückgezogen bin, fing das Projekt wirklich an. Ich bin jeden Tag von älteren Leuten umgeben, daher nahm das Projekt natürlich Gestalt an.

Das erste Bild, das Marta jemals von einer älteren Dame gemacht hat. 

Erinnerst du dich an das erste Bild, das du von einer älteren Person gemacht hast?
Das erste Foto habe ich von einer sehr eleganten älteren Dame in der U-Bahn gemacht. Sie sah fantastisch aus und ihre ganze Aufmachung war hervorragend. Ich bin mir nicht sicher, ob sie gemerkt hat, dass ich sie mit meinem iPhone fotografiere. Ihre Körperhaltung und ihre Ausdruck waren so selbstbewusst und stark, da habe ich dann über die Darstellung von Rentern und besonders älteren Frauen nachgedacht.

Und worauf bist du gekommen? 
Es liegt in der Natur des Menschen, ein Problem mit dem Älterwerden zu haben. Wir spüren den Druck schon in unseren Zwanzigern, weil wir uns immer mehr der Vergänglichkeit und unserer eigenen Sterblichkeit bewusst werden. Unsere Gesellschaft ist besessen davon, jung und auf dem aktuellen Stand zu bleiben. Deswegen wird Älterwerden oft als etwas Negatives dargestellt und als etwas, was vermieden werden muss - koste es, was es wolle.

Wie hat sich die Wahrnehmung von Alter in den letzten Jahren verändert? Glaubst du deine Fotografie kann etwas dazu beitragen?
Die Wahrnehmung, was alt ist, verändert sich mit jeder Generation. Die alten Klischees von Altersweisheit und die Cleverness der neuen Generation werden immer ihre Gültigkeit besitzen. Der Umstand, dass wir mit jeder Generation länger leben, lässt uns vielleicht entspannter mit dem Thema Zeit umgehen. Die neuen Jungen haben neue digitale Möglichkeiten und sind unglaublich clever. Meine Bilder von älteren Leuten sind ein kleiner Ausschnitt eines viel größeren Themas. Ich hoffe doch sehr, dass meine Bilder Leute mit Selbstbewusstsein und einer gewissen Lebenszufriedenheit zeigen. Streetstyle-Fotografie ist in den letzten Jahren wirklich gewachsen. Jeden Tag werden so viel Bilder veröffentlicht und es wird mittlerweile als völlig normal angesehen, auf der Straße aufgrund seines Outfits fotografiert zu werden. Aber das hier ist etwas Neues. Ich bin ein großer Anhänger davon, mehr von der älteren Generation zu sehen, und das Alter zu feiern.

Wieso hast du dich entschieden, die Fotos auf Instagram zu veröffentlichen?
Das hat sich so ergeben. Ich habe immer mehr Fotos von Älteren auf der Straße gemacht. Wenn ich jemanden mit einem tollen Accessoire oder einem wunderschön geschnittenen Übermantel gesehen habe, habe ich schnell mit meinem iPhone ein Bild gemacht. Weil das ein Hobby neben meinen Fotografenjobs war, habe ich sie auf Instagram mit dem Hashtag #SeniorStyles gepostet, um sie mit meinen Freunden zu teilen und auch als Archiv für mich selbst. Langsam bestand mein Instagram-Account nur aus diesen Bildern und es ist die perfekte Plattform dafür. Ein Moment, der festgehalten wird, und die vorhergehende Generation festhält. Ich muss gestehen, dass sich das in eine kleine Besessenheit entwickelt hat. Auf meinem Weg ins Atelier halte ich immer Ausschau nach älteren Leuten, vor dem Supermarkt oder auch im Urlaub. Ich habe immer eine Kamera bei mir, denn die interessantesten Leuten sieht man, wenn man es am wenigsten erwartet.

Wie hat Social Media Fotografie verändert?
Dank Social Media können wir Bilder auf einen Klick einfach und unmittelbar mit anderen teilen. Man kann leichter mit seinem Publikum auf vielen Plattformen in Kontakt treten und daran arbeiten, dass die Zielgruppe größer wird. Oder man kann still und leise seine Bildsprache entwickeln und sich durch andere entdecken lassen. Man trägt zum kollektiven Gedächtnis bei, wenn man sich mit Gleichgesinnten zusammentut. Aber Social Media kann auch übergesättigt sein und für eine kurze Aufmerksamkeitsspanne sorgen.

Was möchtest du mit diesen Bildern erreichen?
Ich möchte den Stil und die Werte dieser Generation dokumentieren und in der Lage sein, darüber zu reflektieren, wenn es nicht mehr so alltäglich ist. Ich habe festgestellt, dass ältere Leute oft eine Art „Uniform" tragen, also ein Outfit, dass sie oft und mehrmals anhaben. Ich bewundere diese Schlichtheit, Ruhe und diese Abkopplung von aktuellen Modetrends. Die Leute in meinen Bildern werden älter, ihr Stil und ihre Vorstellung von Mode wird von ihrer Vergangenheit und Geschichte beeinflusst, es ist eine Zeitkapsel voller gut gemachter Vintage-Stücke, Geschneidertem und mit einer Detailgenauigkeit, die der heutigen Fast-Fashion fehlt. Vieles davon wurde früher im Einzelhandel gekauft und hat die Zeit überdauert. Ich bezweifle, dass wir das mit der heutigen Mode erleben werden. Mode ist ein Spiegelbild von Werten und von Stil. Ich glaube, dass sich die meisten älteren Leute in meinen Fotos in ihrer Kleidung wohl fühlen und kein Interesse an Trends haben.

Gibt es eine lustige Geschichte? Ist etwas Interessantes passiert?
Ich fotografiere in einem Dokumentarstil, von der anderen Straßenseite oder wenn sich Leute unbeobachtet fühlen. In meiner Ostberliner Nachbarschaft gibt es ein gewisses Misstrauen gegenüber Fremden, die einen auf der Straße mit einer Kamera verfolgen. Ich möchte nicht stören, sondern ich bin an Mode in Bewegung interessiert. Ihr Ausdruck ist unbeeinflusst und nachdenklich. Ich frage nie um Erlaubnis, weil die Bilder sich nicht gestellt anfühlen sollen, die Bilder sollen einen echten Einblick in den Alltag bieten.

Und noch zum Abschluss: Warum ist es schön, älter zu werden? 
Ich hoffe, dass meine Bilder eine anmutige Seite des Älterwerdens zeigen. Die nostalgischen Erinnerungen an meine Großeltern, die nicht mehr leben, sind sehr positiv. Weiße, krausige Haare oder weiche Hände mit Altersflecken finde ich sehr schön und beruhigend. Auf gewisse Art und Weise ist es ein Blick in meine eigene Zukunft. Ich glaube, dass die Leute, die ich fotografiere, in Würde und mit Stil älter werden.

@marta_wilkosz

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Credits


Text: Alexandra Bondi de Antoni 
Fotos: Marta Wilkosz

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