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das künstlerduo elmgreen & dragset über das hiv-stigma

Das teilweise in Berlin lebende und arbeitende Künstlerduo Michael Elmgreen und Ingar Dragset möchte mit seinem Werk die Debatte über HIV und Safer Sex neu anstoßen.

Fabrizio Meris

Als die Aids-Epidemie in westlichen schwulen Communitys in den 80ern und 90ern ihren Höhepunkt erreichte, wurden aus Künstlern wie Roni Horn, Félix González-Torres und die Gruppe General Idea Aktivisten, die mit ihren Werken Debatten um Sex, Krankheit und Tod anstoßen wollten. Aber mit der Einführung der Kombinationstherapie, durch die die Anzahl der HIV-Infizierten, die AIDS bekommen, sank, und die Krankheit für weniger Menschen tödlich endete, wurde die schwule Community nicht nur sorgloser im Umgang mit Safer Sex, sondern es ging auch der kritische Umgang mit dem Thema in der Kunst zurück. Das Künstlerduo Elmgreen & Dragset setzt das Thema mit ihrer Ausstellung Stigma aber wieder auf die Tagesordnung. Zu sehen gibt es handgemachte Glasurnen, die mit Farbpigmenten gefüllt sind, die als Ummantelung der neuesten Generation von HIV-Präparaten wie Truvada, Atripla, Stribild und Isentress genutzt werden. Die Pastellfarben sind hübsch, schön und verbergen die „giftige Realität dieser Medikamente". Wir trafen die Künstler und sprachen mit ihnen über Kunst als Aktivismus und über ihr berühmtestes Kunstwerk Prada Marfa.

Eure neue Ausstellung Stigma setzt sich mit dem Thema HIV auseinander, mit dem sich viele Millionen Menschen angesteckt haben und deren Überleben von der Kombinationstherapie abhängt. Wie fing dieses Projekt an?
Michael Elmgreen: In den 90ern taten Künstler wie Félix González-Torres oder das Kollektiv General Idea viel dafür, dass über AIDS gesprochen wurde. Aber ihre Message hielt nicht mit der Entwicklung der Krankheit Schritt. Es scheint so, dass die ganze Krise jetzt vorbei ist und dass die Debatte über das Thema in den Kulturbereich abgeschoben wurde. Weil im Westen keine Leute mehr an AIDS sterben, ist die Debatte abgeebbt und die Probleme der 30 Millionen Leute, die mit dem HIV-Virus leben, sind weniger medientauglich.

Wie kam es zum Titel der Ausstellung? Wieso ausgerechnet Stigma?
Ingar Dragset: Das Ziel der Ausstellung ist es, dass die Vorurteile, unter denen Leute mit HIV leiden, sichtbar gemacht werden - Vorurteile der Mehrheitsgesellschaft, aber auch innerhalb der Schwulencommunity selbst. In Deutschland zum Beispiel ist es nicht ungewöhnlich, dass Ärzte einem raten, seine Krankheit auf der Arbeit zu verschweigen und nicht der Familie davon zu erzählen, wenn sie konservativ eingestellt ist. Das resultiert aus der Ignoranz und dem Stigma, das diesem Thema anhaftet. Aber vor allem ist es der Mangel an Sichtbarkeit in den Medien und der fehlenden Debatte darum.

Glaubt ihr, dass die Generation Z ein Bewusstsein für Themen wie HIV und Safer Sex hat?
ME: Die Anzahl von Neuinfektionen unter jungen Schwulen ist alarmierend, besonders in Großstädten wie London oder Berlin. Junge Boys haben eine verzerrte Wahrnehmung der Realität: Sie glauben, dass es keine Risiken mehr gibt, wenn man sich mit HIV ansteckt; einfach eine Tablette nehmen und alles wird OK sein. Sie denken aber nicht an die komplexen Auswirkungen auf den Körper, die aus der lebenslangen Einnahme dieser schädlichen Medikamente entstehen.
ID: Es ist auch notwendig, dass mehr über Safer Sex gesprochen wird. Ungeschützter Geschlechtsverkehr wird als gefährlich und nicht natürlich abgestempelt. Wenn man genauer hinsieht, dann ist es genauso wie Anfang der 80er - es ist etwas Abnormales. Heute gibt es in einigen wenigen Ländern, wie den USA, eine empfohlene Prophylaxe, genannt PEP. Seine Verbreitung betrifft auch moralische Fragen. Die Debatte um Safer Sex zu ignorieren, hilft überhaupt nicht dabei, eine Lösung für das HIV-Problem zu finden.

Ist Kunst eine Form von politischem Aktivismus?
ME: Aus einer gewissen Perspektive betrachtet, könnte man das annehmen, da sich Kunst auch mit politischen Themen auseinandersetzt. Kunst wird von Menschen gemacht. Jeder Mann und jede Frau sollte sich dafür interessieren, was seine oder ihre Community als Ganzes bewegt.

Fühlt ihr euch wie Aktivisten?
ID: Nicht direkt. Wenn ich Aktivist wäre, dann würde ich mit Sicherheit effizientere und konkretere Formen finden, um etwas zu bewirken.

Hat die zeitgenössische Kunst auch Nebenwirkungen?
ID: Ich möchte glauben, dass sie das hat, aber keine negativen Nebenwirkungen wie die Medikamente, die wir in unserer Ausstellung thematisieren. Kunst kann für ein Bewusstsein sorgen und Veränderungen und Verbesserungen in der Gesellschaft bewirken.

Wieso habt ihr Prada für Prada Marfa ausgewählt?
ID: Wir haben im Laufe der Zeit zu vielen Dingen eine Art Hassliebe entwickelt, und eine davon zu Prada. Ich glaube, dass unsere Entscheidung für Prada aus der Gewissheit entstammt, dass sie uns nicht verklagen werden [lacht]. Prada hat offensichtlich viel Style, aber für uns war entscheidend, zu wissen, dass Miuccia wirklich an Kunst interessiert ist und nicht nur daran interessiert ist, ein Gegenstand oder ein Produkt zu bewerben.
ME: Dieses Projekt entstand nicht als Kollaboration. Wir haben uns mit dem Unternehmen in Verbindung gesetzt und sie haben uns freundlicherweise erlaubt, dass wir ihr Logo sowie Schuhe und Taschen aus ihrer Kollektion nutzen dürfen. Ein Teil unserer Arbeiten ist eine Reflektion über die Kunstwelt - ihre internen Debatten und kleine Obsessionen. Damals hatte Prada eine gute Sichtbarkeit: in Kunstausstellungen und auf Biennalen konnte man oft Leute sehen, die Prada trugen. Unsere Wahl wurde beeinflusst dadurch, dass Prada auf kleinste Details achtet. Prada hatte diese minimalistische Ästhetik, ähnlich wie Donald Judd. Es war wirklich interessant und wir dachten, dass es perfekt zu unserer Vorstellung von Kunst passt.

Was habt ihr gedacht, als die Installation zur Zielscheibe von Vandalismus wurde und Schuhe und Taschen gestohlen wurden?
ME: Wenn ein Künstler sich zu viel Gedanken über die öffentliche Reaktion macht, dann sollte er keine Kunstwerke oder Kunst im öffentlichen Raum schaffen, denn die Welt ist nun mal chaotisch. Wenn man sich entscheidet, abseits von Museen und Galerien zu arbeiten, dann muss man damit rechnen, dass so etwas passiert. Es ist nicht schwer sich vorzustellen, dass ein kleines Gebäude im Nirgendwo das perfekte Ziel wird, um seine jugendliche Frustration an einem Kunstwerk abzulassen.

Was habt ihr aus dieser Erfahrung gelernt?
ME: Wir haben viel von der lokalen Community und durch ihre Reaktion gelernt. Alle haben uns geholfen, die Installation aufzubauen. Durch ihre Unterstützung verstanden wir, dass es richtig ist, das Projekt solange am Leben zu lassen, wie es nur möglich ist. Dieses Jahr ist das zehnjährige Jubiläum von Prada Marfa.

Stigma in der Massimo De Carlo London läuft ist noch bis zum 21. November.

massimodecarlo.com

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Credits


Text: Fabrizio Meris
Porträt: Elmar Vestner