wie die selfiekultur die mode beeinflusst

Letzte Woche hielt Li Edelkoort einen ihrer Vorträge in Berlin. Ihre Message für die Mode der nächsten Jahre: Immer mehr Fokus auf den Hals, weil die heutige Generation nur noch für das Selbstporträt lebt.

von Alexandra Bondi de Antoni
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28 Juni 2017, 9:55am

Es ist ein warmer Mittwoch, an dem Liganova zum Talk mit der Trendforscherin schlechthin — Li Edelkoort — geladen hat. Auf dem Platz vor dem alten Krematorium in Wedding hat man das Gefühl, als würde die Fashion Week, die zur selben Zeit in Paris stattfindet, direkt nach Berlin gebeamt worden sein, so chic schauen alle hier aus — die Moderedakteure, die Einkäufer und die Designer. 

Li Edelkoort, die in sogenannten Trendbooks über zukünftige Trends in Mode, Design und Beauty schreibt, wurde vor zwei Jahren auch Menschen außerhalb unserer kleinen Modeblase ein Begriff, als sie in einem Interview mit Dezeen verkündete, dass die Mode tot sei. Heute wird aber nicht über das Problem mit den immer schnelleren Produktionszyklen von Fast Fashion und den daraus entstehenden Problemen gesprochen oder über die Frage, ob Modenschauen noch relevant sind, sondern sie teilt ihre neuesten Trenderkenntnisse mit den an ihren Lippen hängenden Kreativen. Das von ihr präsentierte Trendbuch steht ganz im Zeichen des Porträts. "Wenn man zurückblickt, merkt man, dass Selfies nichts Neues sind. Schon die großen Maler haben Selbstporträts angefertigt. Was neu ist, ist der Fokus auf diesen Ausschnitt in der Mode", erklärt die Niederländerin. Weiter führt sie aus, dass durch die immer weiter steigende Anzahl an Selfies der Kragen in den nächsten Sessionen immer opulenter und dramatischer wird — durch den Ausschnitt zeigt man der Welt wer man ist und was man alles kann. "Es fühlt sich so an, als würde die ganze Welt in das Porträtformat schrumpfen. Selbst Videos werden so gedreht. Das war vor ein paar Jahren noch ganz anders und ist eine interessante Entwicklung." 

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Dass die Mode den Fokus auf den Selfieausschnitt wirft, ist eigentlich gut nachvollziehbar. Wir leben in einer von Selbstporträts regierten Welt, in der viele Momente nicht mehr für das stehen, was sie sind, sondern es nur darum geht, wie gut man es auf Fotos festhalten kann (Pic or it didn't happen). Personen, die oftmals nicht mehr machen als hübsch auszusehen, werden heutzutage für ihr Gesicht gebucht und durch Social Media haben wir uns eine zweite Online-Persönlichkeit aufgebaut, die manchmal weit entfernt von der Offline-Realität liegt. Trotzdem muss man auch die immer größer werdende Gegenbewegung von Menschen, die sich bewusst dem Onlinewahnsinn verwehren, bedenken. Weil genau diese Menschen — meistens sind es Kreative, Designer oder Tastemaker — die sind, die ihrer Zeit voraus sind und so mit die Trends bestimmen. 

Am Ende gab es noch einen Talk zu Thema Beauty, in dem sie erklärte, dass das Problem von großen Konzernen sei, dass sie versuchen, die Kunden mit "immer neuen Fantasien, die keine wirklichen sind, in ihren Bahn zu ziehen". Sie zeichnet weiter auf, dass es in Zukunft immer mehr darum gehen wird, seine Schwächen in Stärken zu verwandeln, das Außergewöhnliche an sich hervorzuheben und seinen Körper und sein Gesicht zu feiern wie es ist — etwas, das wir bei i-D schon seit Jahren predigen und das nun hoffentlich auch endlich im Mainstream ankommt. 

Credits


Text: Alexandra Bondi de Antoni
Foto: Erwin Olaf

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