5 Bücher für alle, die eine Dosis Hoffnung gebrauchen können

Wir schimpfen gerne über das Vergangene, das wir nicht mehr ändern können. Doch wo ist all' die Hoffnung auf bessere Zeiten hin? Wir geben sie dir mit diesen Leseempfehlungen zurück.

von Kai Hilbert
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18 Januar 2017, 10:10am

Glückskind, Steven Uhly
Hans hinterfragt seine Situation schon längst nicht mehr. Er setzt alles daran, seine Vergangenheit, seine Frau, seine Kinder und sein altes Ich aus seinem Gedächtnis zu löschen. Da ist nichts. Nichts, außer seiner vollgemüllten Bude und der Tante vom Amt, die natürlich einen persönlichen Kleinkrieg gegen ihn führt. Von Körperhygiene hält Hans auch nichts mehr, nur in Selbstmitleid badet er liebend gern. Als es der „behauste Obdachlose", wie er sich selbst liebevoll betitelt, doch mal schafft, den Müllbeutel rauszubringen, findet er eine Puppe in der Tonne. Aber nein, das ist keine Puppe—das ist ein Säugling, ein echtes Baby, ein weggeworfenes Leben! Es ist, als sei ein Schalter in Hans umgelegt worden. Plötzlich ist da wieder etwas, für das es sich lohnt, den Arsch hochzubekommen. Ohne groß nachzudenken, nimmt er sich dem hilflosen Kind an (oder ist es andersherum?) und siehe da, sein Leben gewinnt wieder an Struktur und Elan. Mit dem Besitzer vom Lotto-Toto-Laden gegenüber und seinen Nachbarn, der netten iranischen Familie entsteht um den menschenscheuen Hans und Felicitas, wie er sie tauft, eine kleine geheime Findelkind-Gemeinschaft. Doch was, wenn ihm jemand Felicitas wegnehmen will? Was, wenn er auffliegt? Schließlich gäbe es ohne ihn dieses Glückskind doch gar nicht und ohne dieses Glückskind für ihn keine Hoffnung auf einen neuen Start. Steven Uhly erzählt in sanftem Ton von zwei weggeworfenen Leben, die einander auf verschiedene Weisen erretten, und schafft dabei einen Roman zwischen modernem Märchen und empathischer Sozialstudie.


Auch auf i-D: Wir haben Shanghais Jugend getroffen, die die chinesische Firewall durchbricht


Winterdreieck, Julia Deck
Wie oft hat sich jeder von uns schon gewünscht, er wäre ein anderer? Von jetzt auf gleich in die Haut einer anderen Person schlüpfen und—puff—gehören all die nervigen Probleme wie Jobsuche, ungeöffneten Rechnungen und dergleichen der Vergangenheit einer Person an, die es so nicht mehr gibt. Was sich bei uns auf Tagträume beschränkt, lässt eine junge Frau Wirklichkeit werden, gibt sich kurzerhand den Namen Bérénice (nach einem Film von Éric Rohmer) und entflieht ihrem langweiligen Alltag. Ohne erkennbaren Plan stolpert sie sich ihr eröffnenden Möglichkeiten nach und trifft so auf einen Schiffinspektor. Anfänglich fasziniert von der jungen Dame, die übrigens mittlerweile Schriftstellerin ist, gibt er sich großzügig. Bérénice umschifft auftauchende Widrigkeiten mit Charme und kleinen Lügen, die ihr allzu leicht über die Lippen gehen. Trotz wachsendem Misstrauen gegenüber der mysteriösen Frau, die nichts über ihre Vergangenheit preiszugeben bereit oder imstande ist, nimmt er sie schließlich gar mit nach Marseille und Paris. Das Konstrukt der Mademoiselle gerät gefährlich ins Wanken. Doch Bérénice ist noch nicht am Ende ihrer Reise. Winterdreieck ist nicht zwangsläufig als hoffnungsspendender Roman zu bezeichnen und doch wirkt er durch das kühne, wenngleich zuweilen wirre Handeln seiner Heldin (ebenso wie Julia Decks Schreibstil) inspirierend auf jene, die sich nach einem Neubeginn sehnen.

Ein Monat auf dem Land, J.L. Carr
Befinden wir uns auf der Suche nach einem Neuanfang, ist das nicht gleichbedeutend damit, dass wir uns in eine selbstverschuldete Situation manövriert haben, die eines Neuanfangs bedarf. Oft sind es auch die äußeren Umstände, die einen gefangen nehmen und nicht wieder freigeben wollen. So wie im Fall des Protagonisten dieses Romans. Wir schreiben das Jahr 1920, als ein junger, vom Krieg versehrter Mann in ein kleines nordenglisches Dorf einkehrt. Sein Mantel ist ihm zu groß, Worte bringt er nur stotternd hervor, seine Gesichtsmuskeln zucken ohne sein Zutun. Er hat den Großen Krieg überlebt, ist Restaurator und soll nun in der Kirche des Dorfes ein altes Gemälde freilegen und wieder in Schuss bringen. Seine Arbeit betrachtet er dabei nicht als Kunst, sondern als ein Handwerk, das dazu in der Lage ist, Kunst neues Leben einzuhauchen. So, wie der Zahn der Zeit Farbe, Kontraste und Konturen alter Gemälde fast bis zur Unkenntlichkeit verblassen und abblättern lässt, hält es der Krieg mit den Menschen—bloß, dass dieser für sein destruktives Werk keine Jahre, sondern nur Augenblicke braucht. Er lernt die Einwohner kennen, die so liebenswürdig wie verschieden sind. Nach und nach gewinnt sein verblasstes und abgeblättertes Leben wieder an Farbe, Kontrast und Kontur—kurzum: Seinem Leben wird neues Leben eingehaucht. Ein Monat auf dem Land liest sich unaufgeregt und anrührend. Carr erzählt von der Einfachheit der Dinge und welches Glück ihnen innewohnt, vom Überwinden eines Schreckens, den wir uns nicht einmal vorstellen können.

Nacht ist der Tag, Peter Stamm
Was, wenn du das eine Leben lebst? Also das, was du immer wolltest? Du siehst gut aus, du bist glücklich, du bist erfolgreich, du liebst und wirst geliebt. Was, wenn dir dann, wie aus dem Nichts, mit einem Schlag alles genommen wird? Der Fernsehmoderatorin Gillian passiert genau das. Sie erwacht in einem Krankenhaus. Dort liegt sie und alles ist weg: Ihr hübsches Gesicht, ihre Karriere, ihr Mann. Was war da noch? Silvester. Alkohol. Streit mit Matthias. Heimweg im Auto. Unfall. Der Grund des Streits war ein Künstler, der Frauen fotografiert und diese Fotografien Monate später malt. Dieser Mann, der Grund ihrer Misere, soll nun, beschließt sie, ihre Erlösung sein. Vielleicht sieht er sie für das, was sie ist, und nicht für das, was sie war. Denn wie zu sich zurückfinden, wenn plötzlich alles, worüber man sich definiert hat, nicht mehr da ist? Finden ohne das „Zurück" davor—Flucht nach vorne. Der Autor Peter Stamm versteht sich darauf, von Menschen zu schreiben, die geradewegs ihrem Abgrund entgegen blicken. Wohin der Abgrund blickt? Ihr könnt es euch denken. Kein Feelgood-Buch über Bruch und Neubeginn und doch in seiner puristischen Brutalität eines, das es sich in jedem Fall lohnt, in die Hand zu nehmen—wenn man sich traut.

Pink Hotel, Anna Stothart
Zu guter Letzt ein bisschen Coming-off-Age und Selbstfindungsphase gefällig? Eine 17-jährige Londonerin—frisch von der Schule geflogen—bekommt einen Anruf, der ihr mitteilt, dass die Mutter, die sie nie kannte, soeben verstorben ist. 20 Stunden und eine geklaute Kreditkarte später steht die junge Vorzeige-Halbwaise im letzten, nun ebenfalls halb-verwaisten Hotelzimmer ihrer Mutter im kalifornischen Venice Beach. Halb-verwaist, denn da ist noch ein Koffer unter dem Bett. Dieser offenbart ihr die wenigen Habseligkeiten, die ihr hinterlassen wurden. Wohin, wenn man in seiner eigenen Zukunft nichts erkennt, das einem erstrebenswert erscheint? Vielleicht in die Vergangenheit dessen, wonach man sich immer sehnte, aber nie hatte. Während in der Lobby des Pink Hotel die große Beerdigungssause derer steigt, die Mutter Lilys Highlife teilten, beschließt sie, anhand von Klamotten, Make-up, alten Briefen und Fotos das Leben ihrer verlorenen Mutter zu rekonstruieren. Auf ihrer Reise in die Vergangenen findet sich jedoch vor allem eines: Den Weg in die eigene Zukunft. Anna Stothart, selbst erst Anfang 30, beweist auch in diesem Roman ihr Feingefühl für jugendliche Aufsässigkeit und Fragilität. In diesem federleichten und zugleich tiefgründigen Roman erkennen wir, dass der Neuanfang, den wir brauchen, nicht immer der ist, für den wir uns bewusst entscheiden.

Credits


Text: Kai Hilbert
Foto: Justine Reyes via Flickr / CC BY 2.0