Warum wir davon besessen sind, unnützes Zeug zu kaufen

Der Online-Marktplatz 'Wish' erfüllt unbekannte Träume, doch die Folgen sind katastrophal ...

von Douglas Greenwood
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29 August 2019, 3:10pm

Du wolltest schon immer Schwimmhäute zwischen deinen Fingern? Eine elastische Kunstzunge? Ein Lifting fürs Kinn? Das alles kannst du haben – für insgesamt sechs Euro. All diese Dinge, von denen du niemals vermutet hättest, dass du sie in deinem Leben brauchst, kannst du bei Wish finden. Dort kannst du alles finden.

Wish ist eine Shopping-App, die du dir in etwa wie eine Mall während des Sommerschlussverkaufs vorstellen kannst. Nur noch günstiger, unübersichtlicher und verrückter. Ein sicherer Hafen für junge Menschen mit Hang zum Horden. Das Paradies für Menschen, die für wenig Geld ihre Garderobe neu erfinden oder fast echte AirPods kaufen möchten. Die "Mobile Mall", wie Wish sich selbst bezeichnet, dreht dir eine endlose Sammlung unnützer Dinge an. Mit einem Knopfdruck. Das ganze System funktioniert nur deshalb, weil das Unternehmen ihre Produkte von den chinesischen Hersteller_innen direkt zu den Kund_innen verschickt und dabei die Zwischenhändler_innen ausschaltet. Alles, was du tun musst, ist dich zwei bis drei Wochen lang zu gedulden, bis du das bestellte Produkt (oder zumindest etwas, das dem Produkt irgendwie ähnelt) in deinen Händen hältst.

Die Gen Z hat eine Kaufkraft von geschätzt 143 Milliarden Dollar. Eine gigantische Summe, die auch die Art verändert, wie wir einkaufen: online, hauptsächlich mit unseren Handys. Während die meisten Händler_innen versuchen, das junge Publikum anzulocken, wurde Wish von Anfang an attraktiv für Digital Natives gestaltet. Der Aufbau der App erinnert an Instagram. Der Kauffluss soll, trotz der geografischen Distanz, so nahtlos wie möglich sein. Wish gibt uns alles, was wir vermeintlich wollen: günstige Sachen, die Möglichkeit Modetrends mitzumachen und unübertroffene Bequemlichkeit.

Für YouTube-Vlogger sind Seiten wie Wish (und die größere, wenn auch etwas komplexere Schwesterseite AliExpress) ein Synonym für big business. Unsere Obsession Menschen dabei zuzuschauen, wie sie all ihre neu erworbenen Sachen vorstellen, wird nur noch größer, wenn diese Teile von Seiten stammen, die für uns alle finanziell zugänglich sind. Das Video mit dem Titel "I SPENT $400 ON WISH APP...IS THIS WEBSITE A JOKE? WTF!" der britischen Vloggerin Patricia Bright hat satte 8.6 Millionen Views. Und die Beauty- und Style-Expertin Safiya Nygaard hat Wish-Hauls einfach zu ihrem Markenkern gemacht. Sie veröffentlicht Wish Challenge-Videos, testet sich durch das Make-up-Sortiment und suchte sogar nach ihrem perfekten Hochzeitskleid auf dem digitalen Marktplatz. Auch die Vloggerin Charley Bourne hat dank Wish einiges an Bekanntheit dazu gewonnen. "Ich habe mit Wish angefangen, als ich mit meinem YouTube-Channel begonnen habe", erzählt sie i-D. "Ich habe gerne Haul-Videos geschaut und wollte einige der Produkte selbst besitzen. Als ich mir das Ganze genauer angesehen habe, konnte ich nicht glauben, dass es dort sogar kostenlose Sachen gibt!"

Genau das ist ein weiterer Punkt, bei dem Amazon oder AliExpress hinterherhinken. Häufig listet Wish kostenlose Produkte auf der Seite, bei denen die Käufer_innen einzig den Versand zahlen müssen. Eine schlaue Taktik, Leute dazu zu bringen, letztlich mehr zu kaufen ... während sie eigentlich denken, überhaupt nichts zu zahlen. Charley hatte bereits einige Male auf der Seite bestellt, bis sie diese Gratis-Angebote entdeckte. "Ich habe einige Schnäppchen gemacht, aber die Qualität der Produkte hat mich enttäuscht und die Begeisterung ließ nach." Und so ist Charley, genau wie Millionen anderer Preisjäger, abgedriftet in ein Meer aus billigen Sachen mit Plastikverpackung – das absurdeste Teil, sagt sie, war ein Paar Fisch-Hausschuhe. Doch der Berg Müll, den sie dadurch angehäuft hat, bereitet ihr Sorgen. "Ich habe definitiv nicht darüber nachgedacht, als ich das erste Mal etwas bestellt habe, doch jetzt, da ich bewusster handle, was Plastik- und Verpackungsmüll betrifft, sehe ich, wie viel Schrott dort kursiert", meint sie. "Ich versuche, nach dem Motto 'Qualität vor Quantität' zu kaufen und nicht einfach Witz-Produkte, die ich danach wegwerfe."

Haul-Videos dieser Art ziehen uns immer weiter hinein, in den Mülleimer des Schnäppchenwunderlands – neugierig auf die Möglichkeiten, die sich uns eröffnen könnten. Doch diese Besessenheit, immer mehr Kram anzuhäufen, bringt Folgen mit sich, die katastrophal für die Umwelt sind. Folgen, deren wir uns wahrscheinlich nicht bewusst sind, wenn uns der Drang überkommt, mehr und mehr Sachen für unglaublich wenig Geld zu kaufen. "Wish hat eine sehr intelligente Marketing-Strategie", meint Christine, eine YouTuberin aus Norwegen, die selbst zahlreiche Wish Haul-Videos publiziert hat. Seit 2017 nutzt sie die App immer mal wieder mit Pausen. "Wenn du einkaufst, bekommst du Punkte, die du in Rabatte eintauschen kannst. Falls du die App sieben Mal in einer gewissen Zeitspanne besuchst, bekommst du außerdem einen Gutschein-Code. Wirbst du Freund_innen an, erhältst du Punkte oder 'Wish Cash' (eine Währung, die du ausschließlich für Wish-Waren nutzen kannst), mit denen du einkaufen kannst." Es ist ein bisschen wie Candy Crush, nur dass es um echtes Kaufen und Verkaufen geht und uns die Belohnungen in einen immer größeren Konsum tricksen. Christine ist sich der Auswirkungen auf die Umwelt bewusst, aber "kauft wegen des positiven Einfluss auf ihr Publikum weiterhin dort ein". "Ich bekomme regelmäßig Kommentare, DMs und Emails von meinen Zuschauer_innen, in denen steht, dass ihnen die Videos mit ihrem Selbstwertgefühl geholfen haben", erzählt sie. "Es gibt ihnen Mut, sich so anzuziehen, wie sie möchten, auch wenn sie keine Size Zero sind."

Viele Menschen behaupten, dass ihre Haltung problematisch sei, aber das Problem mit diesen Schnäppchen-Anbietern – genau wie das vieler Fast Fashion-Unternehmen – ist die Ausgangsfrage: Ist uns das persönliche Vergnügen so wichtig, dass wir dafür Zerstörung in Kauf nehmen? Können wir die Generation Z für diese Massen von Plastik verantwortlich machen, wenn unsere ganze Welt von Schnelllebigkeit geprägt ist? Eine Welt, in der uns beigebracht wird, dass wir niemals genug Geld haben werden, um irgendwas zu besitzen? Kaufsüchtige – oder auch die Menschen, die zwanghaft Sachen auf Wish shoppen – können die untragbaren Folgen ihres Verhaltens nur schwer erkennen, meint der Psychiater Dr. Pawan Rajpal. "Menschen mit Kaufsucht haben die Kontrolle über ihr Verhalten verloren und shoppen zwanghaft", sagt er. "So wie bei anderen Suchterkrankungen auch, gibt es ihnen ein Gefühl von Euphorie. Da ihr Verhalten von einer Sucht gesteuert ist, sind die ethischen Aspekte dahinter – die Umweltbelastung, nicht-recyclebare Verpackungen – nicht ihr Hauptfokus."

Ein anderes Problem, das es noch schwerer macht, eine klare Lösung für die Problematik zu finden, ist das Thema Class. i-Ds Roisin Lanigan hat bereits über die gravierenden Class-Probleme geschrieben, die heute die Klima-Bewegung infiltrieren. Eine Bewegung, die sich Mitte bis Ende des 20. Jahrhunderts entwickelt hat und hauptsächlich von Aktivist_innen aus dem Arbeiterstand geprägt wurde. Heute ist eine überwältigende Mehrheit der Partizipierenden aus der oberen Mittelschicht: dominiert von Figuren, denen es leicht fällt, ihre Nase gegenüber der Fast Fashion zu rümpfen, wenn diese Industrie in der Realität für viele junge Menschen doch häufig die einzige Möglichkeit ist.

So wie für Collin. Collin lebt in Kalifornien und nutzt Wish alle paar Wochen. "Die verrückt günstigen Preise sind der Grund, warum ich auch nach vier Jahren immer wieder zurückkomme", erzählt er. "Über die Auswirkungen auf die Umwelt habe ich bisher nicht wirklich nachgedacht. Es ist hart, 'nein' zu sagen, zu hübschen Shorts oder einem netten T-Shirt für vier Euro." Seine Haltung hat allerdings nichts mit Ignoranz zu tun, es ist vielmehr eine Überlebensstrategie. Er erzählt uns, dass er "sein ganzes Leben weniger wohlhabend" war, er das Produkt einer kapitalistischen Gesellschaft sei – "die meisten Kids der Gen Z würden niemals Kleidung tragen, die von keiner großen Marke kommt".

Denn: Das Mittel gegen die Wish-Besessenheit ist nicht, diejenigen an den Pranger zu stellen, die die App nutzen. Wir alle mögen Schnäppchen. Und für einige Menschen ist eine niedrigschwellige Kaufsucht eben das, was einer Katharsis am nächsten kommt. Stattdessen sollte die Verpflichtung bei Wish liegen, einen Weg zu finden, wie das Unternehmen im kapitalistischen System überleben kann – ohne unseren Planeten des Geldes wegen zu zerstören. Gibt es einen günstigeren Weg, diese Sachen irgendwo in der Nähe herzustellen? Damit sie nicht hergeflogen werden müssen und die Luft mit massenhaft CO2-Ausstößen belasten? Können die Produkte nachhaltig produziert werden? Können sie in recyclebaren Verpackungen geliefert werden, statt in Tonnen von Plastik und Klebeband? Oder würde das alles nur dazu führen, dass die Kosten steigen – und zwar so stark, dass Wish nicht mehr in der Lage wäre, den momentanen Markenkern zu wahren?

Vielleicht ist die einzige wirksame Lösung, innezuhalten und uns die Frage zu stellen, wie viel wir tatsächlich brauchen. Denn bevor wir es realisieren, könnte uns unsere Besessenheit von billigem Zeug in eine prekäre Zukunft führen, in der die Klimakrise irreparable Folgen zeigt.

Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kolleg_innen aus der UK-Redaktion.

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