Wie Motherlan die Skate-Kultur in Lagos verändert

Tyler Mitchell reiste nach Nigeria, um die spannendste Crew der Stadt abzulichten.

von Alex Sossah, Grace Ladoja, und Felix Petty
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06 Dezember 2019, 12:12pm

Es ist nicht einfach, in Lagos zu skaten. Es gibt keine Skateparks, dementsprechend kaum Skater. Sicherheitsbeamte jagen dich und Einheimische zetteln Streit an. Die lokale Szene setzt daher – gezwungenermaßen – auf Improvisation. Trotz all der Hürden gibt es einen Skateshop, WAFFLESNCREAM, den Jomi führt. Während er in Leeds studierte, hat Jomi das Skaten für sich entdeckt und eröffnete seinen Laden, als er nach Lagos zurückkehrte.

Jomis Skateshop war der Ort an dem sich Motherlan – eine Crew junger Skater, die inoffiziell vom Trio Slawn, Leo und Onyedi geführt wird – kennenlernte. Sie fingen an sich hier zu treffen, um zusammen zu skaten und so eine enge Verbindung aufbauten. Mit The Native, Teezee und Seni als Mentoren wurde Motherlan schnell zu einem wichtigen Bestandteil der Alté Community. Dann begannen sie eigene Streetwear zu designen und Skate Videos zu drehen. Seit ihrer Gründung konnten sie sich immer mehr etablieren als Epizentrum der aufkeimenden Skate-Szene in Lagos und der größeren Kreativszene der Stadt.

Allein in diesem Jahr arbeiteten sie mit Awake NY zusammen, drehten ihren ersten Skate-Film, Edward (eine Hommage an ein verstorbenes Mitglied ihrer Crew), und haben in Kooperation mit Converse begonnen, einen Dokumentarfilm zu produzieren. Auf ihrem Weg haben Alex Sossah und Grace Ladoja Motherlan intensiv begleitet. Hier setzen sie sich zusammen, sprechen über ihre Anfänge, ihren Aufstieg und die Zukunft für Skater in Nigeria ...

Lagos-22
Slawn und Leo tragen Komplettlooks von Raf Simons.

Alex: Wie habt ihr einander kennengelernt? Slawn: Am Anfang gab es eigentlich nur mich und Onyedi. Irgendwann kam Leo ohne Einladung bei mir vorbei und wollte was essen. Leo: Das ist Blödsinn! Ich war eingeladen. Slawn: Letztendlich kam es dazu, dass wir den Tag zusammen verbrachten und ein kurzes Skate-Video drehten.

Alex: Ihr habt euch durch Skaten kennengelernt, oder? Onyedi: Ja. Wir haben uns auf Anhieb verstanden. Slawn: Ich habe Leos Kunst überall gesehen. Leo: Ich sprach mit Jomi von WAFFLESNCREAM und er sagte mir, ich müsse Slawn und Onyedi unbedingt kennenlernen.

Alex: Kannst du erklären, was WAFFLESNCREAM ist? Slawn: Es ist ein Skateshop, die erste Plattform für Skater in Nigeria. Dort lernten wir uns kennen, dort lernten wir, wie das ganze Ding funktioniert. Leo: Wir hingen dort ab, haben den Shop bemalt und ein bisschen dort gearbeitet.

Man in Motherlan t-shirt, shot in black and white
Slawn trägt ein T-shirt von Motherlan.

Alex: Was ist dein erste Erinnerung an die Skate-Kultur? Wie hast du von ihr erfahren? Leo: Als ich etwa sieben Jahre alt war, habe ich auf Disney eine Serie namens Zeke and Luther geschaut und dachte: 'Das ist geiler Scheiß!' Slawn: Durch meinen Onkel. Er hatte Tony Hawk’s Pro Skater. Das habe ich damals so oft gespielt, dass meine Mutter den Soundtrack mitsingen konnte. Onyedi: Bei mir war es genauso. Ich habe so oft gespielt, bis ich irgendwann dachte: 'Fuck it, ich kaufe mir ein Skateboard.' Leo: Mein erstes Deck habe ich zu meinem achten Geburtstag bekommen. Ich habe mich so darüber gefreut.

Alex: Es fing also an mit Disney-Serien und Computerspielen. Wie entstand diese Liebe zum Skateboarden? Slawn: Es wird zu deinem Leben. Das wurde noch krasser, als wir Jomi vom WAFFLESNCREAM Skateshop kennengelernt haben. Er war dieser ältere Typ, der auch vom Skaten besessen war, deshalb ließ er uns machen, was wir wollten. Onyedi: Wir hingen den ganzen Tag bei Jomi ab und abends gingen wir skaten.

Three men on skateboards, photographed from above
Von links nach rechts: Leo trägt einen Komplettlook von S.R STUDIO. LA. CA. Onyedi trägt einen Komplettlook von Supreme. Slawn trägt einen Komplettlook von S.R STUDIO. LA. CA. Alle Schuhe Converse.

Grace: Würdest du Jomi als Mentor bezeichnen? Slawn: Jomi ließ alles auf uns los. Er brachte uns dazu, alles, was irgendwie mit der Skate-Kultur zusammenhing, aufzunehmen. Leo: Er hat uns alles gegeben. Slawn: Er war einer von diesen coolen Erwachsenen, die dich tun lassen, was du willst. Leo: Mit 16 habe ich mit Jomi meinen ersten Joint geraucht.

Grace: Wie ist die Skate-Szene in Lagos? Leo: Um ehrlich zu sein, ist sie schrecklich. Onyedi: Man sieht niemanden Skateboard fahren. Deshalb muss man sich so richtig vernetzten. Leo: Wir haben uns immer getroffen und eines Tages sagte ich: "Fuck it, ich gehe nicht zurück nach Hause." Ich habe abwechselnd bei Slawn oder Onyedi oder Jomi gewohnt. Die Frage war dann nicht mehr 'Wo bist du?', jetzt hieß es 'Auf geht's!' Slawn: Ich erinnere mich daran, als wir Jomi das erste Mal besuchten. Bilder von nackten Frauen bedeckten die Wände, Räucherstäbchen brannten. Es war perfekt. Leo: Damals war er gerade dabei, den Skateshop aufzubauen. Onyedi: Und als er fertig war, waren wir jeden Tag dort. Leo: Im Hinterzimmer stand eine Couch. Da saßen wir den ganzen Tag und designten. Onyedi: Und jeder von uns hatte schon Sex auf der Couch.

Grace: Ganz allgemein, wie war es für euch in Nigeria aufzuwachen? Seid ihr in einer wohlhabenden Familie aufgewachsen oder als Teil der Arbeiterklasse? Wart ihr Rebellen? Slawn: Mein Leben schwankte wie verrückt. Eine Zeit lang war es OK, dann ging es bergab und meine Situation wurde sehr schlecht. Ich lebte mit meinen Cousinen, Cousins und meiner Mutter – 16 Leute haben in einem Raum ohne Heizung gewohnt. Leo: Ich bin in der Kirche aufgewachsen, mein Vater war ein Pastor. Ich habe die Sonntagsschule besucht. Der ganze christliche Blödsinn wurde mir aufgezwungen. Ich durfte nicht rausgehen oder Freunde haben, deswegen hatte ich sehr viel Zeit, meiner eigenen Fantasie freien Lauf zu lassen. Es gab nur wenig Geld und schließlich wurde alles zu viel, meine Eltern mussten Rechnungen und Schulgebühren zahlen, es gab aber kein Geld. In dem Moment habe ich diese Jungs getroffen und hatte endlich einen Grund zu gehen. Onyedi: Ich bin in Sydney, Australien aufgewachsen und zog mit 13 nach Lagos. Es war merkwürdig. Eine gemischte ethnische Herkunft zu haben ist nicht einfach, ich habe mich fehl am Platz gefühlt. Manchmal starren mich Leute an, aber so war es schon in Sydney, es war schon immer so. Irgendwann gewöhnt man sich daran. Aber als ich anfing zu skaten, hat sich alles von selbst ergeben.

Grace: Skateboarden hat euch zusammengebracht und euch die Freiheit gegeben, die ihr euch immer gewünscht habt. Warum habt ihr nicht einfach für WAFFLESNCREAM gearbeitet? Warum habt ihr stattdessen eure eigene Marke gegründet? Leo: Onyedi hatte die Idee. Slawn: Onyedi sagte: "Du machst Filme, du machst Kunst, du designst. Warum machen wir nicht unser eigenes Label?" Onyedi: Wir ergänzen einander. Leo: WAFFLESNCREAM war toll, aber es war nicht unser Ding. Wir brauchen Freiheit. Slawn: Jomi gab uns den Mut, unseren Eltern zu sagen: "Yo, das machen wir." Für ein Kind aus Nigeria ist das ein schwieriges Unterfangen.

Two shirtless men embrace

Grace: Hattet ihr Angst? Leo: Ich hatte so eine Angst vor meinem Vater. Mein Vater war verrückt! Onyedi: Als ich die Jungs kennengelernt habe, war ich 14 – die anderen beiden waren 16, glaube ich. Meine Eltern verstanden nicht, warum ich mit diesen älteren Jungs abhängen wollte. Slawn nahm mich mit auf Partys und so. Leo: Wenn man in Nigeria aufwächst, hat man keine Angst. Ich habe das Gefühl, afrikanisch zu sein, macht dich wagemutig. Dazu kommt das Skateboarden, das dich noch wagemutiger macht. Als Skateboarder in Nigeria muss man furchtlos sein. Leute haben es auf uns abgesehen, überall und immer. Man muss allzeit bereit sein. Sicherheitsbeamte haben es auf uns abgesehen. Area Boys, kriminelle Jugendgangs, haben es auf uns abgesehen. Slawn: Wir geraten in viele Prügeleien.

Three men talk in a kitchen
Die Models tragen ihre eigene Kleidung.

Grace: Skateboarden wird nicht wirklich akzeptiert in Lagos? Slawn: Überhaupt nicht. Als wir mal auf Victoria Island geskatet sind, kam ein Sicherheitsbeamter auf uns zu und fing an, uns anzuschreien. Onyedi hielt ihm das Handy ins Gesicht, darauf schnappte er sich das Teil. Unser Freund, James, rannte auf ihn zu und schmetterte ihm das Skateboard auf den Kopf. Leo: Bis heute taucht er schnell unter, wenn er uns skaten sieht.

Alex: Wie sind die Sicherheitsbeamten normalerweise drauf? Leo: Es gibt keine Orte in Lagos, an denen man skaten darf. Man muss skaten, wo auch immer man kann. Man hat permanent Panik. Onyedi: Alle Sicherheitsbeamten in Lagos hassen uns.

Grace: Wie sieht die Skate-Szene in Afrika allgemein aus? Leo: Südafrika hat eine verdammt tolle Skate-Szene. Ein paar coole Typen in Soweto. Die Typen von The Kucklehead in Botswana sind krass. Die Leute aus Ghana. Vor kurzer Zeit kamen sie alle nach Lagos, um Filme zu drehen. Das war abgefahren, alles verdammte Psychos. Slawn: Wir hassen es, wenn Leute sagen: "Oh, ihr seid aber echt toll für eine afrikanische Skate-Marke." Wir sind cool, weil wir afrikanisch sind. Leo: Wir haben uns fast alles selbst beigebracht. Wir haben genau beobachtet, wie es andere Marken machen und herausgefunden, wie wir nigerianische Kultur darin integrieren können. Aber natürlich wissen wir, dass Nigeria immer noch ein sogenanntes 'Drittweltland' ist. Es gibt viele Dinge, die wir hier nicht haben. Slawn: Ich erinnere mich an den Anfang, da waren wir überrascht, dass wir überhaupt T-Shirts produzieren können.

Grace: Obwohl die Skate-Szene klein ist, scheint die Streetwear-Szene schnell zu wachsen, oder? Leo: Die Leute in Nigeria haben sich schon immer gut angezogen. Slawn: Dass Leute ihre eigene Kleidung machen, ist hier Teil der Kultur. Leo: Und dann geht man zum Markt und sieht überall gefälschte Nike, Fake Louis Vuitton.

Alex: Es ist also eine Entwicklung von gefälschter Streetwear hin zu einheimischer Streetwear. Slawn: Mit Motherlan stehen alle Chancen gegen uns, aber es musste einfach passieren. Wir alle führten unterschiedliche Leben in Nigeria und das Skaten brachte uns zusammen. Leo: Stelle dir vor, du sagst deiner Mutter, dass du in Nigeria skaten willst: "Bist du verrückt? Geh' zurück ins Bett!"

Grace: Aber es ist unglaublich, wie weit ihr gekommen seid. Ihr macht jetzt eine Kooperation mit Angelo Baque aus New York, einem Pionier der Skate-Kultur! Onyedi: Das war verrückt. Er ist ein OG. Diese Zusammenarbeit ist eine irre Chance. Leo: New York und Lagos zu kombinieren ... New York ist das Lagos Amerikas. New York ist LSD und Lagos ist Shrooms. Leo: Von Anfang an schickten Onyedi und ich Nachrichten an Leute, die sich niemand zu fragen traute, weil jeder gdachte, sie würden eh nicht antworten. Wir fingen an, mit den ganz großen Nummern zu sprechen, so wie Erik Brunetti von FUCT und Julien Consuegra von Stray Rats. Krasse Typen. Leo: Wir sind nur ein paar Kids aus Nigeria, die den Leuten was liefern können und deshalb wollen Leute mit uns zusammenarbeiten, denke ich. Weil wir authentisch sind. Slawn: Wenn man in Nigeria jemanden fragt, ob man was in einem Laden machen kann, sagen die: "Ne, ihr seid Skater ..." Erst wenn jemand von außerhalb deine Arbeit anerkennt, fangen die Leute in Nigeria an, dich zu respektieren. Leo: Sogar Jesus wollte nichts mit seiner Heimatstadt zu tun haben. Er musste sie verlassen.

Man in JW Anderson and Loewe
Onyedi trägt einen Mantel von JW Anderson. Hose Loewe.

Grace: Wie ist die kreative Szene in Lagos im Moment? Ich weiß ja, dass ihr euch oft mit Mowalola trefft. Slawn: Ich habe schon immer mit Mowalola abgehangen. Sie sieht Dinge auf dieselbe Weise, wie wir sie sehen. Wir haben denselben kreativen Prozess.

Alex: Woran arbeitet ihr gerade? Was kommt als nächstes? Slawn: Wir machen einen Dokumentarfilm mit Converse, wegen ihrer Spark Progess Initiative. Es geht darum, darzustellen, dass verschiedene Leben sich ähneln können. Es geht nicht nur um Skater. Es handelt von Drogen, Gewalt, Außenseitern, Dragqueens, chaotische Energien. Leo: Skater sind manchmal komplett von der Rolle. Sie sind sehr voreingenommen. Slawn: Oft wollen Leute nichts mit Leuten außerhalb des eigenen Felds zu tun haben, ob das nun Skater oder Dragqueens oder Obdachlose sind. Leute haben Angst davor, sich zusammenzuschließen. Darum geht es in unserem Film.

Grace: Warum komme ich darin nicht vor? Lass uns über mich und Alex reden. Unsere Beziehung. Für uns seid ihr wie unsere Kinder. Wie seht ihr das? Onyedi: Als ich dich kennenlernte, hieß es für mich: "Ihr könnt euch weiterhin abmühen oder mit uns mitkommen." Und dann kamen wir mit euch mit. Slawn: Ihr habt uns einen Plan geschmiedet. Ihr habt dem Ganzen plötzlich Sinn gegeben. Ich hatte noch nie eine E-Mail verschickt, bevor ich euch kennenlernte. Onyedi: Ihr habt neue Räume geschaffen, in denen wir uns bewegen konnten. Leo: Grace ist wie eine Mutter für uns. Sie sagt immer: "Leo hast etwas gegessen? Wie war es in der Schule?"

Grace: Wie sieht euer Traum aus? Onyedi: Ich möchte aufwachen und die Freiheit haben, einfach aufzustehen und skaten zu gehen. Wir hätten dann sowas wie eine Kult-Anhängerschaft. Wir können einfach nur Dinge erschaffen und sie mit der Welt teilen. Slawn: Wir wollen uns einfach nur wohlfühlen, frei, finanziell erfolgreich. Leo: Ich möchte in der Lage sein, krassen Scheiß zu machen. Eine Zusammenarbeit mit Apple. Ich möchte unser Logo auf einem Flugzeug sehen.

Man in CDG
Slawn trägt ein Jacket und Hemd von Comme des Garçons. Shorts Ambush.
Three men embrace, one looking down
Von links nach rechts: Onyedi, Leo und Slawn tragen Komplettlooks von Givenchy.
Man seen from behind on skateboard
Slawn trägt einen Komplettlook von Burberry.
Man looks out of window in apartment block
Leo trägt ein Short von Versace. Jumpsuit Fendi.
Man in Prada
Leo trägt einen Komplettlook von Prada.
Man jumps into swimming pool
Leo trägt einen Rock von Louis Vuitton.
Three men on trucks
Von links nach rechts: Onyedi, Leo und Slawn tragen Komplettlooks von Raf Simons.
Skaters run through grass, one of them in a trolley
Von links nach rechts: Onyedi trägt einen Komplettlook von Louis Vuitton. Leo trägt eine Hose von Lanvin. Slawn trägt einen Komplettlook von Louis Vuitton.
Three men in water
Von links nach rechts: Leo, Onyedi und Slawn. Komplettlooks von Balenciaga.
i-D motherlan lagos cover

Credits


Fotos: Tyler Mitchell

Fashion Director: Carlos Nazario

Foto-Assistent: Zach Forsyth
Styling-Assistenz: Raymond Gee, Erica Boisaubin und Giovanni Beda
Produktion: Metallic Inc.

Models: Slawn, Leo, Onyedi, Ikedi Nwaezeapu, Dave Nwanze Lotanna, Olafare Olagbaju, Aduloju Kingdavid, Ifemide Cole, Osereme Olurotimi Etomi, Don Papi, Abubakar, Soromto Okolie, Samiko, Tomiwa Smith, Andy Artesit, Charles, Seke Fabamwo und A.O.

Interview: Alex Sossah und Grace Ladoja
Intro: Felix Petty

Dieser Artikel stammt ursprünglich aus der neuen i-D The Get Up Stand Up Issue, no. 358, Winter 2019. Hier kannst du die Ausgabe bestellen.

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