Foto: Nicola Ihde

Das sind die besten Fotograf_innen von morgen

"Ein gutes Foto muss irritieren. Durch das, was es zeigt oder eben dadurch, wie es etwas zeigt."

von Juule Kay
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26 September 2019, 9:06am

Foto: Nicola Ihde

Es geht um dich. Um mich. Um unser Bauchgefühl. Das Konzept von Zeit. Die Hoffnung einer jungen Generation. Fragen über das Erwachsenwerden. Die Bedeutung von nackter Haut. Alleine und unter anderen. Genau hier, irgendwo dazwischen, liegen die Arbeiten von DREIZEHN, der diesjährigen Abschlussklasse der Ostkreuzschule für Fotografie in Berlin.

22 Fotograf_innen zeigen in einer Gruppenausstellung, was sie gelernt haben. Wann sie am besten auf ihr Bauchgefühl vertrauen, wann sie gegen die Meinung anderer arbeiten. Herausgekommen ist ein Mix aus melancholischer Schwarz-Weiß-Fotografie und unverfälschten Erinnerungen. i-D hat fünf von ihnen getroffen und sie gebeten zu erklären, was ein Foto zu einem wirklich guten Foto macht.

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Hannah Schönwald

Deine Serie trägt den Titel Memory Foam. Welche Erinnerung würdest du gerne noch einmal durchleben?
Die Erinnerung an die Geburt meines Bruders ist eine meiner frühesten, deswegen würde ich sie gerne erneut durchleben. Einerseits, um sie auf ihre Echtheit zu überprüfen – viele unserer Erinnerungen sind verfälscht –, aber auch um die Perspektive einer vierjährigen Version meiner Selbst einzunehmen. Ich stelle es mir für mein heutiges Leben sehr lehrreich vor, einmal die Reinheit, Naivität und Authentizität des kindlichen Blickes zu erfahren.

Was bedeutet Zeit für dich?
Zeit ist eine widersprüchliche Komponente in meinem Leben. Obwohl sie meist sehr schnell vergeht, fühlt sie sich trotzdem gedehnt an: Die Dichte an Erlebnissen kann dazu führen, dass eine Woche sich wie ein Monat anfühlt. Oft wünsche ich mir für uns alle, wir hätten mehr Zeit für das Wesentliche. Social Media & Co. sind echte Zeitfresser. Deswegen versuche ich, hin und wieder meine Prioritäten zu hinterfragen.

Welchen Tipp würdest du jedem_r Fotograf_in mit auf den Weg geben?
Horch in dein Inneres, die meisten Antworten liegen schon ganz nah bei dir. Und wenn du selbst von etwas überzeugt bist, halte daran fest – auch wenn Leute deine Arbeit vielleicht nicht verstehen oder mögen. Trotzdem ist ein gewisses Maß an Anpassungsfähigkeit und Gespür für aktuelle Tendenzen in dieser sich rasant entwickelnden Branche oft unabdingbar.

@hannahschoenwald

Nicola-Ihde
Foto: Nicola Ihde

Nicola Ihde

Was verbirgt sich hinter deiner Serie YOU YOU YOU YOU ME ME ME?
Ich habe lange nach einem Titel gesucht, weil ich einen Satz finden wollte, der einfach 100 Prozent passt. Daran bin ich in den letzten Monaten verzweifelt, bis ich mich dazu entschieden habe, so einfach wie möglich heranzugehen: Worum geht es mir hier eigentlich? Um mich. Um dich. Um das Individuum und das Zusammen, gemeinsam und allein, Ego und das Gegenüber. You and me. Es geht mir vor allem um den Blick nach innen: Fragen, die das Ich betreffen, Sex, Beziehung, Zweifel, Intimität. Gerade bin ich 28 geworden, das sind also alles Themen, die mich in den letzten Jahren begleitet haben. Vielleicht lässt es sich mit Fragen über das Erwachsenwerden zusammenfassen.

Was ist dir besonders wichtig, wenn du fotografierst?
Das, was fotografiert wird. Einen Job behandelst du wahrscheinlich etwas anders als ein persönliches Projekt. Für mich war allerdings immer wichtig, auf meine Intuition zu hören, ein emotionales Bild authentisch zu zeichnen, zu versuchen Nähe oder Distanz abzubilden, wenn diese gerade spürbar war. Oft sind die Bilder schon in uns vorhanden, die Kamera kann ein Werkzeug sein, um diese festzuhalten.

Welcher Rat, war bis jetzt der beste, den du bekommen hast?
Hör auf dein Bauchgefühl!

@ihdgirl

LauraSchleder
Foto: Laura Schleder

Laura Schleder

Welche Erinnerung ist dir am meisten im Kopf geblieben bei deiner Serie Zona Naturista?
Ich porträtiere darin das kleine Dorf Vera, ein Hotspot der spanischen Naturismusszene. Hier bin ich auf Duncan gestoßen, der erste Naturist, der sich auch bereitwillig von mir fotografieren ließ. Im Anschluss an unsere Fotosession habe ich ihn auf ein Bier in eine Bar im textilen Bereich des Dorfes eingeladen. Er ließ es sich nicht nehmen, dort in einer volltransparenten Hose aufzukreuzen. Das hat mir schwer imponiert. Bis heute bereue ich, diesen Anblick nicht festgehalten zu haben.

Welche Bedeutung hat Nacktheit für dich?
Nacktheit ist ein paradoxes Phänomen. An ihr wird deutlich, wie gesellschaftliche Konventionen auf uns wirken: Als Kind empfanden wir es wohl alle als gewöhnlich, an heißen Sommertagen nackt zu sein. Und die meisten von uns würden wohl auch zustimmen, dass Nacktsein mit zunehmendem Alter zu etwas Intimem und Sexuellem, zu etwas Beschämendem oder auch Befreiendem wird. In jedem Fall verliert es an Alltäglichkeit. Bis heute empfinde ich das so, daran haben auch meine Treffen mit Naturist_innen wenig ändern können. Auf fotografischer Ebene fasziniert mich Nacktheit jedoch schon seit Langem. Entkleidet baue ich zu den Menschen, die ich fotografiere, sehr viel schneller ein persönliches Verhältnis auf.

Was macht ein Foto zu einem wirklich guten Foto für dich?
Ein gutes Foto muss irritieren. Durch das, was es zeigt oder eben dadurch, wie es etwas zeigt. Fotografien mit Ecken und Kanten sind für mich die, die fesseln und bewegen. Was der Weg zu einem solchen Bild ist, finde ich eher nebensächlich.

@laura_schleder

stein_graal
Foto: Nikolaus Stein

Nikolaus Stein

Was hat es mit deiner Fotoserie graal auf sich?
Angefangen hat das Ganze mit einer Arbeit über Mystizismus und Paranoia; es wurde dann ein 'Kinderspiel' im eigentlichen Sinne daraus. Die Bilder entstanden sehr spielerisch, als würde man Rahmenbedingungen setzen und dann zusehen, wie sich alles entwickelt. graal ist eine sehr heitere Serie – und ich bin gespannt, wohin sie sich entwickelt.

Wann wusstest du, dass Fotografie das ist, was du machen möchtest?
Anfangs stand ich der Fotografie als Medium sehr skeptisch gegenüber, das Aparte daran hatte ich erst viel später gesehen. Wer behauptet, die Fotografie ausnahmslos zu lieben, der lügt: Es gibt diese Momente, in denen Fotografieren das einzig Sinnvolle ist, und eben jene sehr gegenteiligen. Das wichtigste scheint mir, den eigenen Ansprüchen gerecht zu werden und die Arbeit am Medium bis ans Äußerste zu treiben. Solange ich das von mir behaupten kann, wird Fotografie das sein, was ich machen möchte.

Welche wertvolle Lektion nimmst du aus deinem Studium mit?
Immer gegen die Lehrmeinung arbeiten.

@nikolaus.stein

CASADELPASSION
Foto: Valentin Fischer

Valentin Fischer

Welche Rolle spielt Fußball in deinem Leben?
Fußball kann ein einfacher Zugang zu anderen Kulturen sein, wenn man die Freude daran teilt. Ich habe schon immer gerne das Reisen mit dem Fußball verbunden. Der Titel Casa del Passion beschreibt einen Raum in Casablanca, in dem die Menschen sich ausleben: Sie spielen, singen, tanzen und leiden für ihren Club Wydad. Gleichzeitig ist es ein Zitat aus einem Gesang der Fans. Die Gesänge spielen in meiner Arbeit eine wichtige Rolle. Das Pathos und der verwendete Sprachmix aus Arabisch, Französisch, Englisch, Spanisch und Italienisch erzählt viel über den kulturellen Wunsch nach Europa und die Diaspora.

Warum hast du dich für den Weg der Fotografie entschieden?
Fotografie ist ein tolles, vielschichtiges Medium. Fotografien sind schön anzusehen und können Realitäten darstellen oder Atmosphäre aufbauen. Ich habe bei Fußballspielen unbewusst mit dokumentarischer Fotografie begonnen und erst später die Bedeutung verstanden.

Was stimmt dich hoffnungsvoll?
Die Freude am Fußball ist definitiv ansteckend. Doch meine Arbeit dreht sich gar nicht unbedingt um meine Hoffnung, mehr um die einer jungen marokkanischen Generation.

@valentinfschr

Die Abschlussausstellung von 'DREIZEHN' findet vom 27. September bis 06. Oktober in Berlin statt. Alle weiteren Informationen findest du hier.

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