Collage via i-D US

Wie du im Jahr 2018 Creative Director wirst

Zu Clare Gillens und Imogen Snells Kunden gehören King Princess, Blood Orange und The xx. Wir haben die beiden Power-Frauen gefragt, wie sie das geschafft haben.

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30 Mai 2018, 10:46am

Collage via i-D US

Was ist ein Creative Director? Und wie werde ich einer? Wir haben ehrlich gesagt keine Antwort auf diese Fragen. Deshalb haben wir mit zwei unserer i-D Favorites aus der Branche darüber gesprochen. Clare Gillen hat bereits mit Tinashe und Blood Orange zusammengearbeitet und war zuletzt für die kreative Richtung von King Princess verantwortlich. Sie war es, die das Queer-Sein von King Princes im Video zu "1950" in den Vordergrund gestellt hat.


Auch auf i-D: Wir haben die US-Sängerin in Sydney getroffen


Und auch Imogen Snell ist kein unbekanntes Gesicht in der Branche. Seit mehreren Jahren ist sie Creative Director von The xx und bekannt für die fantastischen Artworks der englischen Indie-Pop-Band. Sie steckt auch hinter der kreativen Neuausrichtung der britischen Musikerin Anna Calvi, die zu ihren Punk-Wurzeln zurückgefunden hat. Wir haben mit den beiden über ihre Anfänge gesprochen und herausgefunden, welche Aufgaben du als Creative Director eigentlich alles hast.

Wie seid ihr Creative Director geworden?
Clare: Ich wusste relativ früh, dass ich kreativ tätig sein wollte, hatte aber keine Ahnung wie. Also habe ich mich während des Studiums mit Gelegenheitsjobs wie Kellnern durchgeschlagen. Rückblickend betrachtet, muss ich sagen, dass ich ohne die Erfahrungen – wie für eine teure Kamera zu sparen, um damit zu experimentieren – heute nicht die wäre, die ich bin. Irgendwann meinte mein Freund mal: "Alex Da Corte sucht einen Assistenten, willst du den Job?" Dadurch habe ich einen Fuß in die Tür bekommen. Ich habe mehrere Jahre für ihn gearbeitet und später auch seine Kunst produziert.

Imogen: Ich wurde mit 14 von einem Model Scout entdeckt. Das hat mir gezeigt, dass ich nicht als Lehrerin oder Anwältin enden muss, sondern auch Fotografin, Stylistin oder Bühnenbildnerin werden kann. Ich habe am Central Saint Martins in London Fashion Communication studiert. Es ging darin nicht um Modedesign, sondern um Bereiche wie Fotografie, Styling und Film in Verbindung mit Mode. Das Studium hat mir einen guten Überblick verschafft. Ich bin weder Fotografin noch Regisseurin, ich bin Creative Director.

Nachdem Studium habe ich für Sam Gainsbury gearbeitet. Sie war für alle McQueen-Shows, die McQueen-Ausstellung und die Punk-Ausstellung im Met verantwortlich. Es haben ausschließlich Frauen für sie gearbeitet – das war einschüchternd, aber auch befreiend. Heute arbeite ich mit einer ganzen Reihe von Musikern zusammen und sorge dafür, dass ihre künstlerische Vision von Anfang bis Ende ein zusammenhängendes Ganzes ergibt. Dazu gehören die Live-Auftritte und die kreative Richtung bei Shootings und Musikvideos.

Imogen Snell, creative direction for I See You LP campaign across artwork, merchandise, press photography, music videos, website, & brand partnerships.
Imogen Snell, Creative Direction für The XX.

Bringen einem die Jobs, die man hasst, genauso viel wie die Jobs, die man liebt?
Imogen: Ich habe so ziemlich jeden Job gemacht, den man sich vorstellen kann. Als ich einem Stylisten assistiert habe, habe ich zum Beispiel schnell gemerkt, dass ich keine Stylistin werden möchte.
Clare: Viele haben mir gesagt, dass ich in einer Sache wirklich gut werden sollte. Aber es liegt mir einfach nicht, mich nur auf eine einzige Sache zu konzentrieren. Ich liebe es, an mehreren Projekten gleichzeitig zu arbeiten. Wenn du mehrere Jobs gemacht hast, erfährst du viel. Und das hilft.

Ihr habt beide mal gesagt, dass Creative Direction für Frauen ein natürliches Betätigungsfeld sei. Könnt ihr das genauer erklären?
Imogen: Was mich immer erstaunt ist die Tatsache, dass Creative Direction sehr persönlich ist. Wenn man mit Musikern zusammenarbeitet, steckt man in ihren Köpfen, in ihren Gedanken und Gefühlen. Sie haben an diesem einen Album geschrieben, das alles für sie bedeutet – und dazu sollst du dir Gedanken machen. Die Rolle des Creative Directors hat einen femininen Aspekt. Die Hälfte meiner Zeit verbringe ich damit, Menschen zuzuhören.
Clare: Ich habe so viel von Männern als auch von Frauen gelernt. Es kommt auf den Menschen drauf an. Als Creative Director sollte man sensibel, sehr geduldig und ein wirklich guter Zuhörer sein.

Clare Gillen, Creative Direction für Moses Sumneys Aromanticism-Tour.

Was ist der Unterschied zwischen einem normalen Shooting und einem Live-Konzert?
Imogen: Das Schöne an Konzerten ist, dass sie temporär sind und im Hier und Jetzt stattfinden. Man kann sich ein Konzert zwar auch noch danach im Internet anschauen, aber das ist nicht das Gleiche. Dinge, die live passieren, sind magisch. Die Musiker kommunizieren in solchen Momenten direkt mit ihren Fans. Es ist sehr intim und menschlich. Es geht in erster Linie um die Reaktion der Menschen. Um etwas, das nur in einem Moment passieren kann.
Clare: Etwas für einen Live-Moment zu kreieren, ist etwas ganz anderes. Man muss etwas entwickeln und umzusetzen, das nicht umkippt und jemanden womöglich erschlägt. Außerdem soll eigentlich keiner wissen, dass man die Arbeit gemacht hat. Trotzdem nehmen die Leute langsam aber sicher wahr, dass es so etwas wie einen Setdesigner oder Creative Director gibt. Das ist natürlich gut fürs Ego.

Imogen Snell, Creative Direction für Wales Bonner Spring/Summer 17 Fashionshow.

Stimmt, ein Creative Director genießt nicht unbedingt die gleiche Wahrnehmung wie ein Fotograf.
Imogen: Die wenigsten wissen, was ein Creative Director eigentlich macht. Wenn es zum Beispiel um die Visuals für ein neues Album geht, schicken mir die Musiker drei Monate vor der Veröffentlichung das Album. Ich höre es mir an, entwickle Themen, Ideen und Referenzen und lasse mir mit Sicherheit 100 verschiedene Moodboards einfallen. Dann minimieren wir gemeinsam die Auswahl und besprechen weitere Details. Die meisten denken, dass alles mit dem Shooting beginnt. Tatsächlich geht es aber viel früher los, auch wenn die wenigsten in unsere Köpfe schauen können.

Clare Gillen, Creative Direction für Bleachers "Gone Now"-tour.

Clare Gillen und Imogen Snell werden von IAMSOUND vertreten.

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der US-Redaktion.