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„ich bin schwul und muslim“: der neue stolz queerer araber

„Viele Leute fragen mich, wie ich schwul und gleichzeitig Muslim sein kann. Ich bin es einfach. Der persönliche Glauben hat nichts mit der sexuellen Identität zu tun.“ Gründer Khalid Abdel-Hadi gibt mit „My.Kali“ der arabischen LGBTQi-Community eine...

von Edward Siddons
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02 Juni 2016, 9:20am

Khalid Abdel-Hadi photographed by Abdullah Dajani.

Unter dem Feuer von Teppichbomben, Nervengas, religiösem Fundamentalismus und Luftangriffen löst sich der syrische Staat langsam aber sicher immer weiter auf. Doch egal wie schlimm und erschütternd die politische Situation auch sein mag, man findet immer wieder Geschichten von Hoffnung und Widerstand, die darauf warten erzählt zu werden. So gedeiht zum Beispiel im Nachbarland Jordanien, eine Oase der Ruhe in der Region, ganz vorsichtig eine queere Szene.

Im Iran, in Saudi-Arabien und dem Jemen steht auf Homosexualität die Todesstrafe. 1951 wurde in Jordanien Sex zwischen zwei Männern, die über 16 Jahre alt sind, entkriminalisiert. Zum Vergleich: In Deutschland wurde dies erst endgültig 1994 getan. In der Hauptstadt Amman sind Leute aus der LGB-Community akzeptiert, jedenfalls solche Schwule und Lesben aus der Mittelschicht, mit Geld und einem Abschluss, die als hetero durchgehen könnten. Transgender, Schwule und Lesben aus unteren Schichten, Schwule, Lesben auf dem Land und jeder, der sich in der Öffentlichkeit queer gibt, muss Unterdrückung fürchten. In dem unsteten politischen Klima Jordaniens, systematischer Homophobie im Rest des Nahen und Mittleren Ostens, internationalen LGBT-Bewegungen, bei denen weiße Schwule und Lesben im Zentrum stehen, die den Islam dämonisieren und Schwule und Lesben aus dieser Region zu Opfern machen und als Primitive ansehen, ist die Freiheit der arabischen LGBT-Communitys ein politisches Minenfeld.

Khalid Abdel-Hadi, Gründer des führenden LGBTQi-Magazins im arabischen Raum My.Kali hat einen Ort für queere Kultur in dieser Region geschaffen. 2008 wurde das Magazin gegründet und erschien anfangs ausschließlich in englischer Sprache. „Wir wollten nicht in der Sprache sprechen, die die Öffentlichkeit benützt", erklärt er, teilweise aus Angst vor Vergeltungsakten. Erinnert sei an Xulhaz Mannan, ein prominenter LGBT-Aktivist aus Bangladesch, der von radikal-islamischen Extremisten geköpft wurde. Doch im letzten Jahr wurde ein neues Kapitel in der stolzen Geschichte von My.Kali aufgeschlagen: die erste Ausgabe auf Arabisch. „Wir dachten, dass es endlich an der Zeit war. Wir haben nicht viel daran gedacht, ob es wirklich richtig war oder auch sicher für uns."

Die Gründung des Magazins erwies sich als schwierig. Die erste Ausgabe wurde auf einer CD gespeichert und sollte auf der Party eines Freundes des Magazins lanciert werden. Khalid ist selbst auf das Cover zu sehen, „ein Akt der Besitznahme", wie er es nennt. Nach Jahren, in denen seine Familie seine LGBT-Magazine und Bücher konfisziert hat. Der Launch sollte unter Freunden stattfinden, aber eine konservative islamische Zeitung hat davon Wind bekommen. Der Artikel hieß dann: „Revolution der Perversen".

„Zu dieser Zeit gab es Meldungen, dass Leute im Iran öffentlich gehängt wurden; dass Leute durch gefakte Facebook-Profile geködert wurden, dann in Ägypten festgenommen wurden, in Syrien gekidnappt, auf den Straßen Iraks erschossen wurden und in Saudi-Arabien ins Gefängnis geworfen wurden", erinnert er sich. „Ich war damals 18 Jahre alt." Zum Glück blieb er größtenteils von gewaltsamen Gegenreaktionen verschont. Durch verschlüsselte Kommunikation und Pseudonymen hat er seine Sicherheit und die seiner Mitwirkenden überall im Nahen und Mittleren Osten geschützt-das Magazin wurde somit zu einem Meilenstein für queere Araber.

Der Staat mischt sich kaum ein: „Die Regierung hat ein Problem mit Leuten, die über Politik und Religion sprechen: Davor hat sie Angst. Wir versuchen, uns da nicht einzumischen. Wir bleiben bei Kunst, Gesellschaft und Kultur", sagt er und macht eine Pause. „Wir versuchen, nicht zu politisch zu sein." Politisch ist es natürlich dennoch, wenn Transgender auf dem Cover sind, wenn offen über die Sexualität von Frauen geschrieben wird oder wenn sie zum Schweigen gebrachten Kreativen aus der LGBT-Community eine Stimme geben, und das in einer Region, die so sehr damit beschäftigt ist, die Existenz von Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transgender zu leugnen, oder sie als Symptom westlicher Dekadenz, Unterdrückung oder Imperialismus zu brandmarken.

Das Magazin ist keine politische Plattform per se, aber Khalid wirbt für Veränderungen in der Region. Entkriminalisierung im Nahen und Mittleren Osten sowie im Norden Afrikas, größere Aufklärung der heterosexuellen Mehrheit und die rechtliche Anerkennung von Transgender sind Eckpfeiler der Bewegung. „Bis jetzt ist die LGB-Community ziemlich stabil. Wir versuchen, unsere Stimme Transgender zu geben, damit sie sichtbarer werden", erklärt er. Es scheint so, als ob er die Fehler im Westen vermeiden will, wo schwule und lesbische Anliegen privilegiert wurden und lediglich gehofft wurde, dass das mit den Transgender-Rechten schon kommen würde.

Der Westen und seine Fehler sind Themen, auf die wir in unserem Gespräch immer wieder kommen. Viele Jordanier sind mit Queer as Folk, Glee und Will and Grace aufgewachsen, die aber kaum wiedererkennbare Rollenbilder für arabische Schwule und Lesben geliefert haben. „Kultureller Imperialismus ist ein heißes Thema in Jordanien. Unsere arabische Identität ist uns sehr wichtig. Wir wollen mit dem Westen (und den Vorteilen von LGBT-Sichtbarkeit und Akzeptanz) assoziiert werden, aber gleichzeitig nicht alles aus dem West gutheißen." Frauenrechte und LGBT-Rechte wurden zu wichtigen Rechtfertigungen für blutige Interventionen durch den Westen in der Region. Dadurch wurde der Eindruck verstärkt, dass die arabische Welt vorurteilsbeladen und primitiv ist und auf Hilfe des weißen Retters wartet.

„Die Queer Theory ist kolonialistisch", so Khalid. „Wir müssen darüber nachdenken, ob die LGBT-Identität nicht eine weitere Idee ist, die der Westen den Araber aufzwingen will. Und wir sollten darüber nachdenken, ob es nicht Identitäten gab, die genuin arabisch sind. Wir blicken in der Geschichte zurück und versuchen, daraus etwas für die Gegenwart abzuleiten." Die Geschichte der arabischen Welt bietet für LGBT-Forscher viel Material: viele der klassischen Gedichte Arabiens thematisieren gleichgeschlechtliche Liebe (wenn auch nie gleichgeschlechtlichen Sex) und Muhammed as-Saffar, ein marokkanischer Gelehrter, der in den 1840ern nach Paris kam, zeugte sich verwundert darüber, dass „Flirten und Romanzen nur zwischen Frauen und Männern stattfindet, und dass Männer nicht auf Jungs oder junge Männer stehen."

Eine Identität frei von westlicher Dominanz, die vermeidet, queere Araber als monolithischen Block zu betrachten, ist eine Herausforderung. Besonders frustriert Khalid, dass in westlichen Medien queere Araber immer als Opfer dargestellt werden. Für all die Geschichten von Ablehnung, Entfremdung und Unterdrückung gibt es zwar auch Geschichten von Akzeptanz und Triumphen, aber in der westlichen Darstellung geht die Komplexität der Leben queerer Araber unter. Ein Beispiel: Im Nachbarland Iran steht auf Homosexualität zwar die Todesstrafe, wobei das Land aber auch die zweithöchste Anzahl an geschlechtsangleichenden Operationen auf der Welt hat. Der Ungleichheit bei LGBT-Rechten wird nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt.

Die Versöhnung der nationalen Identität mit der sexuellen Identität ist untrennbar mit einem noch komplexeren Thema verbunden: die Verbindung von sexueller und religiöser Identität. „Ich bin gläubig. Ich bin ein kurdischer, jordanischer, palästinensischer, arabischer und queerer Mann", sagt er stolz. „Viele Leute fragen mich, wie ich schwul und gleichzeitig Muslim sein kann. Ich bin es einfach. Der persönliche Glauben hat nichts mit der sexuellen Identität zu tun."

Obwohl die letzten zehn Jahre nicht einfach waren, wurden signifikante Fortschritte erzielt: „Wir hätten niemals gedacht, dass es mehrere LGBT-Publikationen in der Region geben würde, dass Tunesier offen im Fernsehen über Sexualität sprechen oder dass Marokkaner über Transgender in den landesweiten News sprechen würden."

Zu den wenigen Konstanten im Nahen und Mittleren Osten des 21. Jahrhunderts gehört, dass nichts vorhersehbar ist. Dem Fortschritt queerer Communitys in Jordanien steht die Tragödie im Nachbarland Syrien gegenüber. „Keiner von uns hat die Revolution in Syrien kommen sehen. Es ist eine Tragödie. Man denkt neu über das Leben und die Zukunft nach. Du sitzt im Café, trinkst deinen Kaffee und liest über Schwule, die vom IS vom Dach geschmissen werden. Ich könnte vom Dach geschmissen werden. Ist es das wert, was ich hier tue?"

Khalid pausiert. Ich pausiere. Die Stille wiegt schwer. Sekunden später ist sein Optimismus wieder da und er versichert seinen Glauben an queere Verbündete und ihre Bemühungen um Anerkennung und Rechte. Die Revolutionen, die in Jordaniens Nachbarländern stattgefunden haben, kann er auch etwas Gutes abgewinnen: „Der Fortschritt der letzten Jahre ist mit den Revolutionen verbunden, nicht direkt natürlich, aber es gibt Ähnlichkeiten."

„Die Leute werden lauter", erklärt er. „Lauter über alles: ihre Rechte, ihre Träume, ihre Lebensweisen und ihre Zukunft." Das Magazin My.Kali ist die kollektive Stimme der arabischen LGBTQi-Community. Eine Stimme, die den den Weg für eine neue Ära in der Region ebnet.

Credits


Text: Edward Siddons
Fotos: Courtesy of My.Kali