Maxime Imbert fotografiert Teenage-Girls aus der Sichtweise der Boys aus "The Virgin Suicides"

Die Bilder des französischen Fotografen sind genauso mysteriös und verführerisch wie dein Lieblingsfilm von Sofia Coppola.

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Sep. 15 2016, 8:05am

Den Pariser Fotografen Maxime Imbert treibt seine eigene Neugier an. Daraus entstehen dann so lustvolle Porträts, die er selbst als „verzweifelt romantisch" beschreibt. „Ich betrachte mich oft als einer der Boys aus dem Film The Virgin Suicides", erklärt uns Imbert. „Verliebt sein in die geheimnisvollen Lisbon-Schwestern und davon träumen, was sie so gegenseitig mit sich machen, wenn sie alleine zu Hause sind." Aus dieser imaginären Perspektive heraus entsteht ein ganz besonderer Blick auf eine unbeschwerte Jugend und die Girls werden auf den Fotos zu verwunschenen Wesen. Die Grenze zwischen Unschuld und Erotik wird hier neu verhandelt. In einem Foto, eine Nachbildung der Eröffnungsszene in The Virgin Suicides, lutscht eine junge Frau mit Braids und einem durchsichtigen Tanktop an einem Wassereis in einer dunklen Vorortstraße. Die Bildunterschrift lautet: „Ist sie schüchtern oder durchtrieben?". „Für mich liegt die Antwort beim jeweiligen Betrachter", verrät uns Imbert im Interview. Wir haben mit ihm außerdem über Nostalgie und den Fotografen Richard Avedon gesprochen.


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Wie bist du zur Fotografie gekommen? Erinnerst du dich an die ersten Fotos, die dich bewegt haben?
Ich erinnere mich noch gut an die Helmut-Newton-Retrospektive im Pariser Grand Palais im Jahr 2012. Ich habe stundenlang vor den Big Nudes gesessen. Ich war regelrecht wie hypnotisiert von den überlebensgroßen Prints von stehenden, nackten Frauen, die mit ihren Augen ein unglaubliches Selbstbewusstsein ausgestrahlt haben. Da habe ich zum ersten Mal Fotografie so richtig ernst genommen.

Wann und warum hast du mit dem Fotografieren angefangen?
In meinem ersten Studienjahr am Central Saint Martins. Eigentlich habe ich dort Kunst studiert. Ich habe mich aber bald in die Dunkelkammer verliebt. Da war es so ruhig und die vielen roten Lichter, die haben es mit angetan. Ich hatte das Gefühl, dass ich mich dort frei entfalten kann.

Warum ist das Hauptthema deiner Arbeiten Frauen? Hast du dich schon immer einer weiblichen Ästhetik verschrieben gefühlt?
Weil ich neugierig bin. Ich stelle mir oft vor, dass ich einer dieser Jungen aus The Virgin Suicides bin. Dass ich mich in die geheimnisvollen Lisbon-Schwestern verliebt habe und davon träume, was sie miteinander machen, wenn sie alleine zu Hause sind. Girls waren immer schon die Heldinnen meiner Geschichten.

Deine Fotos zeigen oft nackte Haut und entstehen vor farbigen Hintergründen. Was genau findest du an diesen Farben so schön? Ist es eine Hommage an die Unschuld vergangener Jahrzehnte?
Unsere Generation ist so nostalgisch. Die 2000er erleben gerade ein Comeback und wir schreiben das Jahr 2016! Das Phänomen existiert überall. Ich bin in der Gegenwart verwurzelt, aber eben mit einem Nostalgie-Twist, weil ich bestimmte ästhetische Formen ansprechend finde. Ich war vor Kurzem zum ersten Mal in New York. Unser kollektives Bewusstsein ist voll mit Vorstellungen von dieser Stadt: Die Central Park-Porträts von Diane Arbus oder Joel Meyerowitz' Fotos von den Straßen von Manhattan; Andy Warhol; the Velvet Underground. Ich habe für einen Ort Nostalgie empfunden, wo ich vorher noch nie war. Das war eine sehr lustige Erfahrung.

Ich liebe das Foto, auf dem das eine Mädchen die Zuckerperlenkette ihrer Freundin anknabbert. Das hat mich an meine eigene Jugend erinnert und an die Nähe, die man in diesem Alter zu seinen Freunden spürt. Warum sind Freundschaft und Intimität zentrale Themen in deiner Arbeit?
Ja, genau. Diese Freundin ist ihre Zwillingsschwester. Ihre Beziehung ist also ziemlich besonders. Mir ist das Geschichtenerzählen wichtig. Deshalb sind Themen wie Freundschaft und Intimität so wichtig, weil sie für eine Narrative in meinen Fotos sorgen. Ich muss an die Szene aus Dogtooth denken, in der sich zwei Schwestern gegenseitig ihre Bäuche und Schultern ablecken, um die Zeit totzuschlagen. Verstörend, aber visuell sehr interessant.

Welche Fotografen inspirieren dich?
Schwierige Frage. Aber wenn ich nur einen nennen könnte, dann wäre das Richard Avedons In the American West. Die Fotos sind einfach unglaublich. Aber ich werde nicht nur durch die Fotografie inspiriert. Auch viel durch Filme, besonders Horror und Thriller. Carrie ist wahrscheinlich mein absoluter Lieblingsfilm. Sissy Spacek ist einfach eine brillante Schauspielerin. Ihr Charakter ist eine gute Mischung, süß und furchteinflößend. Ich mag, dass meine Fotos eine Mischung aus Zärtlichkeit mit einem Schuss Verrücktheit haben.

Du hast vorhin gesagt, dass du Schönheit sammelst. Was bedeutet Schönheit für dich? Und wie definierst du Schönheit?
Fotografie ist ein Akt von Aneignung. Also, ja, in diesem Sinne bin ich Sammler. Ich glaube, dass ich ziemlich obsessiv bin. Ich habe in meinem Kopf oft bestimmte Gesichter und suche dann nach ihnen, bis ich sie gefunden habe. Schönheit ist mein Antrieb, sie gibt mir einfach einen Adrenalin-Kick. Aber ich habe keine Definition von Schönheit. Es ist zu persönlich und zu subjektiv, um es in Worte zu fassen. Sie verändert sich im Laufe der Zeit.

Was ist schöner: Perfektion oder Unvollkommenheit?
Ich entscheide mich für die Perfektion der Unvollkommenheit. Sie bedingen sich gegenseitig und gehören zusammen.