shaun ross über geschlechterklischees in der modeindustrie

Was passiert, wenn ein männliches Model in 12-Zentimeter-Absätzen den Raum betritt? Schauspieler, Aktivist, Model und der Mann hinter #InMySkinIWin hat i-D die Antwort verraten.

von Shaun Ross
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23 August 2016, 8:33am

Photography Azha Ayanna

Neulich saß ich auf dem Podium des Global Youth Leadership Summit der Initiative The Representation Project in San Francisco. Dessen Gründerin und CEO Jennifer Siebel Newsom hat mich gefragt, ob ich jemals mit Stereotypen konfrontiert wurde. Ich habe in das Publikum geschaut und junge Aktivistinnen und Aktivisten gesehen, die auf der Konferenz darüber gesprochen haben, wie wir Geschlechternormen überwinden und die Gesellschaft verändern können. Das hat mir Stärke gegeben, die Wahrheit zu sagen.

Meine Antwort: Ja. Ich habe mit 16 mit dem Modeln angefangen. Ich war zwar in der GQ zu sehen, aber das bedeutet nicht, dass es einfach war. Ich hatte ein Go See bei einer Website—ich werde keine Namen nennen—, die für Models wichtig ist. Dort habe ich eine Redakteurin getroffen und die hat mir gesagt: „Ich mag deinen Look, aber es gibt zwei Sachen an dir, von denen ich glaube, dass sie nicht funktionieren. Erstens: Deine Nase ist komisch. Ich glaube nicht, dass Fotografen wie Patrick Demarchelier und Steven Meisel das mögen werden. Zweitens: Designer mögen es nicht, wenn männliche Models zu feminin sind."

Ich liebe Mode und es ist mir egal, was andere denken. Wenn ich mich in etwas wohlfühle, trage ich es. An dem besagten Tag habe ich 12-Zentimeter-Absätze getragen. Agenten und Leute, wie die Redakteurin, haben mir immer gesagt, dass ich zu Castings mit einem weißen T-Shirt, Jeans und einem Skateboard erscheinen soll. Das habe ich aber nie gemacht. Ich bin kein Skateboarder und schleppe auch kein Skateboard mit mir herum, um zu beweisen, was für ein Kerl ich bin. Ich mache keine Push-ups, um wie jedes andere Männermodel auszusehen. Das bin ich nicht.

Ich hatte Angst zu Castings zu gehen, weil all diese Männer breite Oberkörper und Schultern hatten. So bin ich einfach nicht gebaut. Ich war immer der Kleinste bei diesen Castings. Was ist immer passiert? Wenn ich einen Raum betreten habe, wurden alle still. Jedes Männermodel hat mich angeschaut. Sie haben meinen Walk beobachtet, weil er einfach umwerfend ist. Als ich fertig war und den Raum längst verlassen hatte, starrten sie immer noch.

Ich sehe mit Sicherheit nicht wie ein Typ mit Skateboard aus und ich bin nicht so typisch maskulin, um die gängige Vorstellungen von einem Männermodel zu erfüllen. Aber sie sollten Unrecht behalten. Ich habe es geschafft: mein Gesicht ist von Vogue über W bis i-D überall zu sehen, nicht zu vergessen, dass ich das Gesicht für die globalen Kampagnen von Kenneth Cole und AXE war. Ja, ich war sogar der Lover im Musikvideo zu „Tropico" von Lana Del Rey.

Ich bin so weit gekommen, eben weil ich anders bin! Ich habe herausgefunden, wie ich mich selbst liebe, und mich mit Leuten umgebe muss, die mich auch lieben—meine Freunde und Familie. Zwar ist das manchmal schwer, aber man muss es wenigstens versuchen. Das war das Tolle am Summit von The Representation Project: Es versammelte Kids aus allen Schichten. Sie haben gelernt, was sie gegen Hass aufgrund ihrer Geschlechteridentität tun können und dabei stark und sie selbst bleiben.

The Representation Project ist eine Initiative, die alle unterstützt, denen immer gesagt wurde, dass sie nicht die sein sollen, die sind sie sind; dass sie sich nicht so akzeptieren sollen, wie sie sind, und dass sie nicht ihre eigenen Identitäten annehmen und feiern sollen. Wir stellen Stereotype, Geschlechternormen und soziale Ungleichheit infrage und kämpfen für deren Überwindung. Du solltest mitmachen.

Lasst uns alle zusammenfeiern, wenn zum ersten Mal eine Frau Präsidentin der USA wird oder den Fakt, dass schwarze Athleten die Schwimm- und Leichtathletik-Wettbewerbe bei Olympia dominierten, während sie noch vor ein paar Jahren unsichtbar waren.

Aber lasst uns da nicht aufhören! Wir müssen den Status quo und uns selbst infrage stellen und uns es nicht zu bequem machen. Wenn du Rassismus, Sexismus oder Hass begegnest, wehre dich dagegen. Das kann zwar unbequem sein, aber es die Anstrengung wert. Es kann tausende Stimmen geben, die sagen, dass du dies oder jenes machen sollst oder dich so und so verhalten sollst. Wenn du deinen Weg und deine Leute gefunden hast, dann musst du denen nicht mehr zuhören. Schalte den Autopiloten ab, stehe auf und trete dafür ein, was dir wichtig ist. Weil wir am aktivsten sind, wenn wir uns es nicht allzu bequem machen.

Mehr Informationen über das Projekt findest du hier.

Credits


Text: Shaun Ross
Foto: Azha Ayanna

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