olafur eliasson glaubt daran, dass kunst die welt verändern kann

Olafur Eliasson ist bekannt für seine riesigen Installationen: vom Weather Project im Tate Modern bis zu den Wasserfällen im New Yorker Hafen. Für seine neue Arbeit hat er zwölf tonnenschwere Eisblöcke aus Grönland auf den Rathausplatz von Kopenhagen...

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27 November 2014, 12:05pm

Olafur Eliasson ist besessen von Landschaften und Umgebungen. In seinen Arbeiten beschäftigt sich der dänisch-isländische Künstler immer wieder mit zwischenmenschlichen Beziehungen. Für eines seiner berühmtesten Werke, Weather Project, hat er die Sonne in die Turbinenhalle des Londoner Tate geholt und es entstand eine Welt voller dunkler Schatten und grellem Sonnenlicht. Oder für Green River, ein Kommentar zur Wasserverschmutzung, färbte er ohne vorherige Ankündigung Flüsse in Berlin, Stockholm und Tokyo grün ein, was die uninformierten Einwohner überraschte. Ihre Reaktionen wurden Teil des Kunstwerks.

Auch die berühmt gewordenen Wasserfälle im Hafen von New York hat er gebaut. Die Installation gehört zu den teuersten Objekten öffentlich geförderter Kunst und hat das urbane Hafengebiet von New York geradezu verwandelt. Im Vordergrund seiner Arbeiten steht das Wie von zwischenmenschlicher Interaktion und wie diese sich durch ein Kunstwerk verändern kann. „Gefühle sind Fakten", zitiert er mitten in unserem Gespräch die amerikanische Choreografin und Tänzerin Yvonne Rainer. Seine Arbeiten haben etwas von der Vergänglichkeit tänzerischer Bewegungen: massiv, spektakulär, emotional, fast immer temporär und darauf angelegt, wieder zu verschwinden. Das neueste Projekt Ice Watch ist da keine Ausnahme. Olafur hat 100 Tonnen grönländisches Eis auf dem Rathausplatz von Kopenhagen zur Uhr angeordnet und es vier Tage dort schmelzen lassen, während die Kopenhagener es umarmt, dran geleckt, darauf gesessen und die Eisblöcke bewundert haben. Nebenbei bemerkt: Jede Sekunde schmelzen 100 Tonen Eis in Grönland weg. Aus der abstrakten Vorstellung Klimawandel, und wie er unsere Umwelt verändert, wird etwas Sichtbares.

„Mich interessiert, wie unsere Gedanken und Ideen über uns selber mit dem übereinstimmen wie wir handeln", erklärt Olafur in seinem Haus in Dänemark. „Es ist interessant, weil es mit dem Gefühl von Entkoppelung und Entmachtung unserer eigenen Leben zu tun hat. Wie kann man die Herausforderungen, vor denen wir stehen, fühlen und sehen, wenn ein Großteil sowieso denkt ‚Was ich tue, spielt keine Rolle'?" Ice Watch ist ein leidenschaftlicher Weckruf an eine zynische Welt, jetzt zu handeln und die Probleme anzugehen - bevor es wirklich zu spät ist.

„Ich bin der festen Überzeugung, dass die Kunst einen Einfluss darauf hat, wie wir über vieles denken. Kunst findet nicht im luftleeren Raum statt, sondern ist Teil der Klimadebatte, die sehr akademisch geführt wird. Es gibt einen Bedarf, die Theorie in praktische Handlungen zu übersetzen und ich glaube, dass Kunst dabei helfen kann, Leute umfassender und auf einer psychologischen Ebene zu berühren."

Eliasson und der Geologe Minik Rosing wandten sich anfangs an den ehemaligen grönländischen Premierminister Kuupik Kleist und versuchten, einen Weg zu finden, wie sie an große Teile des Eises, das vor der Küsten bei Nuuk in Grönland trieb, kommen und es nach Dänemark transportieren können.

„Als erstes habe ich ihm gesagt, dass das Eis ein so wunderschönes, skulpturales Objekt ist und dass ich es auf den Rathausplatz in Kopenhagen bringen und jedem zeigen möchte", erzählt Eliasson lachend. „Er hat zugestimmt zu helfen und wir mussten mit einem Schlepper und Dingi [Beiboot] aufs Meer raus und das Eis an Land schleppen. Mithilfe eines Krans haben wir das Eis dann in Kühlcontainer bekommen, wo wir es mit einer großen Kettensäge in Stücke gesägt haben und dann ging es auf einem Containerschiff nach Kopenhagen."

Ice Watch sagt nicht nur etwas über zwischenmenschliche Interaktion aus, sondern auch darüber, wie Leute mit dem Klimawandel umgehen. Für Eliasson hat das Eis „die Qualität eines Lagerfeuers oder von Stonehenge". Wie recht er hat: Eis und Stein sind einfachste Erdelemente und wie Stonehenge wirkt das Eis wie ein Fremdkörper in der Landschaft und offenbart die Obsession, den Verlauf der Zeit zu bestimmen. Eliasson versteht es, aus einem politischen Kunstwerk etwas Interessantes und visuell Ansprechendes zu schaffen.

„Es ging auch darum, zu zeigen, dass öffentliche Räume für öffentliche Aktivitäten da sind. Auf eine bestimmte Art und Weise war es ein Straßenparlament, das die Kraft der Straße hervorgehoben hat. Eis existiert nur für eine kurze Weile, bevor es zu Wasser wird, und so sollten Demokratien funktionieren, sie sollten sich permanent neu erfinden."

„Es ist wie das Weather Project und es geht um Teilen und Erfahren", antwortet er angesprochen auf die Beziehung zwischen den beiden Arbeiten. „So viele Leute waren vor Ort und haben die Qualität der Erfahrung klargemacht. Beide Installationen fragen danach, was es bedeutet voneinander abhängig zu sein und etwas zu teilen, ohne notwendigerweisezustimmen zu müssen. Es ist ein Raum, in dem keine Entscheidungen zu Lasten anderer getroffen werden und es funktioniert auch, wenn Leute nicht zustimmen. Diese Arbeit soll für Einbindung stehen."

olafureliasson.net/icewatch

Credits


Text: Felix Petty
Foto: Anders Sune Berg und Group Greeland, mit Genehmigung von Olafur Eliasson