Die Fotografie der Unvollkommenheit unserer digitalen Generation

Früher haben wir über die makellosen Schönheiten der Laufstege fantasiert, heutzutage haben wir jedoch nur noch Augen für die ungeschminkten, echten Mädchen mit Zahnlücke à la Tumblr-Ästhetik. Jane Helpern erklärt den Wandel.

von Jane Helpern; Fotos von Corinne Day
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Aug. 21 2015, 8:50am

In den 90ern war es nicht ungewöhnlich, wenn du einen Großteil deines Gehalts für anspruchsvolle Hochglanz-Modemagazine beim Zeitungskiosk ausgegeben hast. So ein kostbares Magazin, das voll mit glamourös ausgeleuchteten Amazoninnen in Couture war, konnte dich ohne Probleme einen Monat begleiten. Du konntest es in deiner Handtasche mit dir herum tragen, um es auszupacken, wann immer du in einem schicken Coffeshop etwas Zeit hattest, oder herausziehen, wenn du während des Berufsverkehrs in der Bahn Augenkontakt vermeiden wolltest.

Später konntest du dann in deinem Schlafzimmer deine Lieblingsseiten rausreißen und an deiner Pre-Pinterest-Pinnwand festheften. Du hattest wahrscheinlich ein Lieblings-Supermodel (Naomi Campbell, irgendjemand?) und hattest dich mit der Tatsache abgefunden, dass du nie so aussehen wirst wie sie. Wie sind wir also von der Supermodel-Verehrung zur von lila Haaren, Achselhaar-Stoppeln und Tumblr-It-Girl besessenen Selfie-Kultur gelangt? Eine Welt, in der Michael Bailey Gates und Petra Collins unangefochten als Ballkönig und Ballkönigin herrschen?


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Die Anti-Retusche-Natürlichkeit ist nichts Neues. Man muss sich nur die legendären Corinne Day-Fotos von Kate Moss und Juergen Tellers Schnappschuss-artige Porträts ansehen, um den Stil bereits in der Hochphase der Supermodel-Ära in den frühen 90ern zu sehen. Day und Teller sind die coolen Großeltern der natürlichen Anti-Retusche-Fotografie, die das Internet erobert hat. Dank der Erfindung von Instagram, Tumblr, Vine und anderen süchtig machenden Plattformen zum Austausch von Bildern und Videos, die den Wandel von Kamera zu iPhone charakterisieren, ist die vormals elitäre Industrie nicht länger so unerreichbar, wie sie einmal war. Die Kluft zwischen Realität und Modeindustrie verringert sich. Wir sind mittlerweile nur einen Like von unseren Ikonen entfernt und du brauchst keine teure Kamera mehr, um ein Bild zu machen, in einer Galerie ausgestellt zu werden oder Aufmerksamkeit zu bekommen.

Das Internet-Zeitalter hat in positiver oder negativer Hinsicht - oder wahrscheinlich beidem (je nachdem, wen du fragst) - eine Generation von klugen, selbsternannten Fotografen, Herausgebern, Kuratoren und Models hervorgebracht. Diese Branchenvorreiter brechen, verändern und formen die Art und Weise, wie wir Schönheit im Jahr 2015 wahrnehmen und darüber sprechen. Trotz der weit verbreiteten Nachbearbeitung, die bei kommerziellen Aufnahmen mit riesigen Budgets natürlich immer noch dominiert, sind viele der neuen Fotografen darauf bedacht, die Schönheit der Unvollkommenheit einzufangen und aufrechtzuerhalten.

Die Muse der Tumblr-Generation ist nicht länger die makellose Schönheit, die ihre strahlend weißen Zähne auf dem Cover der September Issue zeigt und behangen ist mit Diamanten. Das heute angesagte Model hat dunkle Ringe unter den Augen, trägt kein Make-up, hat eine Zahnlücke, ist schlaksig und hat kein Interesse daran, endlos bearbeitet zu werden. Es ist die notorisch stoppelige, unrasierte Arvida Byström. Es ist das Cartoon-artige, großlippige und mit buschigen Augenbrauen ausgestattete i-D Covergirl Lily McMenamy. Es ist androgyn, posiert vollkommen nackt und ist mit Gesichtstattoos übersät. Manche von ihnen haben (bis jetzt) nicht einmal Agenten.

Die Künstlerin Petra Collins aus Toronto steht vielleicht an der Spitze der neuen Schönheitsbewegung. Mit ihrer auf Weiblichkeit fixierten, körperbejahenden Art der Fotografie hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, zu zeigen, dass echte Frauen die Welt regieren und dass es mehr als akzeptabel ist, den natürlich weiblichen Zustand zu zeigen und zu feiern. Obwohl sie die Dinge sicherlich durch eine Brille aus grellen Bonbonfarben sieht (ihr Instagram-Account ist eine Explosion voller Vintage-Erotika, Emoji-Herzen und Neon) verändern ihre ehrfurchtslosen Bilder von wackelnden Bäuchen, blanken Nippeln und reichlich Flaum die Vorstellungen von Weiblichkeit in der Modewelt.

"Das Internet hat einen Ort geschaffen. Ich denke, besonders für Mädchen und Frauen ist dies wichtig, damit sie Plattformen, Magazine und Webseiten kreieren können, die Bilder zeigen, die nicht der Norm entsprechen; Bilder von echten Körpern", sagt Petra. "Ich bin von all der Unvollkommenheit inspiriert. Von Dehnungsstreifen, den Linien und Kurven, den Haaren - einfach allem. Das alles erweitert das Bild des Körpers." Bei der Frage, ob sie ihre Arbeiten retuschiert, zuckt sie. "Nein! Niemals! Das sieht so schlecht aus." Sie schätzt sich außerdem glücklich, dass sie noch nie mit einem Bildredakteur gearbeitet hat, der ihre Grenzen überschritten hat.

Die 25-jährige, ebenfalls aus Toronto stammende Maya Fuhr unterstützt Collins' Lust auf das Natürliche. "Das Internet macht Schönheit und Inspiration zugänglich. Es ist wie eine endlose Reise durch nicht der Norm entsprechende Schönheitsideale mit Menschen verschiedener Hautfarbe, der Sad Girl-Kultur und verschiedene Formen und Größen. Das weiße, lachende, amerikanische Girl ist nicht länger der Schönheitsstandard, für den die Magazine einmal standen", sagt Maya.

In Reely and Truly, einem 30-minütigen Kurzfilm des Londoner Fotografen Tyrone Lebon, der auch für i-D tätig ist, bekommen wir einen Einblick in die selbst-reflexive Unterwelt der begehrtesten Modefotografen - von Teller bis Collins und allen dazwischen. In Lebons aufschlussreichem Film zieht sich die japanische Künstlerin Fumiko Imano, bekannt für ihre tolle Alter-Ego-Serie Twins, aus und quiekt vergnügt, während sie über ihre eigene Wahrnehmung ihres Körpers spricht. "Immer wenn ich einen Kürbis sehe, ziehe ich mich aus. Denn ich habe das Gefühl, dass mein Körper ein bisschen wie ein Kürbis ist." Imano bezieht sich auf eine Reihe von Polaroids, auf denen sie nackt auf allen Vieren posiert und stolz ihre engelsgleichen Röllchen zeigt, umgeben von der festlichen, herbstlichen Pflanze. Fumikos farbenfrohe Fotos, von denen viele freizügige Selbstporträts sind, zeigen die Künstlerin oft vollständig nackt und mit einem durch reife Früchte oder üppige Natur verziertem oder verdecktem Gesicht und Körper. Sie ist unverstellt und in voller Blüte sie selbst.

In dem Film kommt auch Ari Marcopoulos vor, der ehemalige Assistent von Andy Warhol. Seine schamlosen Schwarzweißaufnahmen der New Yorker Subkultur, der Punkrock-Jugend und von Bad-Boy-Skateboardern, haben ihm den Titel des Künstlers mit dem größten Wiedererkennungswert der Branche eingebracht. Seine Arbeiten stehen für die kreativen Genies der Stadt und dem oft gepeinigten, viel feiernden inneren Kreis. Seine Themen neigen dazu, alles andere als nach dem Lehrbuch schön zu sein, was wahrscheinlich der Grund ist, warum wir davon so fasziniert sind. Sie haben eine unwiderstehlich dunkle Seite. Wo viele Unvollkommenheit sehen, sieht Marcopolous Schönheit und hält sie fest.

Warum wird diese neue Generation also mehr von den unbearbeiteten, unzensierten, etwas grotesken Bildern inspiriert als von den extrem bearbeiteten, unrealistischen Fotografien, die seit Jahren auf Anzeigetafeln und in Magazinen zu sehen sind? "Perfekte Menschen erscheinen merkwürdig langweilig", drückt Maya Fuhr es unverblümt aus. Es ist weitaus interessanter, zu sehen, woraus echte Körper und Gesichter bestehen, Narben und Sonnenflecken und Dellen und so, anstatt Bilder, die so umgestaltet wurden, dass sie unkenntliche und isolierende Hüllen von dem, was sie einmal waren, sind. Statt Mängeln aus dem Weg zu gehen und sich ihrer zu schämen, geht es bei dieser Art von Fotografie darum, die Eigenarten und Asymmetrien zu akzeptieren, die selbst die allerschönsten Menschen haben, und ihnen Tribut zu zollen. Es geht nicht darum, attraktiv oder unattraktiv zu sein; es geht darum einzigartig und man selbst zu sein. Wie Schönheit liegt auch Unvollkommenheit im Auge des Betrachters. Während manche eine gekrümmte Wirbelsäule, ein blaues Auge oder eine schiefe Nase sehen, sehen diese Fotografen einen entscheidenden Moment der Zeit, der festgehalten werden muss.