black art matters: jean-michel basquiat

Das Guggenheim im spanischen Bilbao zeigt die erste, längst überfällige Retrospektive des Künstlers in Europa.

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14 Juli 2015, 10:15am

Wenn man die Basquiat-Ausstellung im Guggenheim in Bilbao betritt, hört man Martin Luther Kings I Have a Dream-Rede. Am Ende der Ausstellung klingt Now's The Time aus den Lautsprechern. Gemeinsam fassen beide sehr gut zwei unterschiedliche Aspekte von Basquiat zusammen: einerseits Harlem Renaissance und andererseits ein Kind der Bürgerrechtsbewegung. Seine Kunst hat aus diesen beiden Einflüssen etwas Markantes gemacht und wie die Ausstellung in Bilbao zeigt, ist seine Kunst auch heute noch relevant.

Den Künstler Basquiat vom gefeierten Star Basquiat zu trennen, fällt schwer. Basquiats Leben überschattet sein Werk und man kann leicht übersehen, wie talentiert er war. Wie ausgereift seine kompositorischen Fähigkeiten, seine Farbwahl, die Dichte und Struktur seiner Arbeiten war. Wie Glenn O'Brien, Drehbuchautor des Basquiat-Films Downtown 81, sagt: „Basquiat hat Fans wie Bob Marley". Deshalb verwundert es umso mehr, dass er bisher noch keine große Retrospektive in einem europäischen Museum hatte, zumal er einer der wenigen Künstler ist, deren kultureller Einfluss weit über die Grenzen der Kunst hinausreicht. In der Neuen Nationalgalerie oder in der Tate sollten längst Blockbuster-Ausstellungen über ihn gelaufen sein.

Jean-Michel Basquiat Loin, 1982 © Estate of Jean-Michel Basquiat. Licensed by Artestar, New York

Als er mit 27 an einer Überdosis Heroin starb, hinterließ er über 1000 Bilder und 3000 Zeichnungen. In nur zwölf Jahren schuf er ein Lebenswerk. Er lebte auf der Straße, stieg schnell in den Kunstolymp auf und was noch wichtiger war: Er brachte die Straße in die Oberschicht.

Basquiats Verortung in der Kunstwelt pendelte immer zwischen zwei Extremen. Er war Downtown-Punk und Uptown-Boy. Er fühlte sich in der Massen- wie Hochkultur zu Hause, kannte Madonna wie Andy Warhol. Er kommt aus der subkulturellen Sprache der Graffitikunst, aber seine Arbeiten erinnern an das Erbe eines Cy Twombly, Pablo Picassos oder Francis Bacon. Jay Z preist ihn als Statussymbol und Killer Mike als Aktivist. Während er malte, hörte der Ravels Bolero, entspannte zu Charlie Parker und Miles Davis und trat mit der experimentellen Punkband Gray auf. In einer minimalistischen Zeit schuf er unglaublich komplexe Werke, wurde aber dennoch als der wilde Mann der Kunst gesehen. Die Unmittelbarkeit seiner Bilder stand im Kontrast zur Komplexität seiner Kompositionen. Bei ihm sahen die komplexesten und schwierigsten Dinge einfach aus. Er war der erste große schwarze Kunst-Star, er holte schwarze Ausdrucksformen in die weiße Galerieszene New Yorks und wurde zu einem echten Promi.

Jean Michel Basquiat The Ring, 1981. Private Collection, Courtesy Acquavella Galleries © Estate of Jean-Michel Basquiat. Licensed by Artestar, New York

„Also, was machen wir damit?", fragt der Poet Christian Campbell. Er meint die Mythen, die sich um Basquiat ranken und die aus der Auseinandersetzung mit seiner Kunst oftmals einen Bericht aus einem Klatschmagazin machen (Mit wem hat er gevögelt? Wie ist er gestorben? Was hatte er genommen? Wie sahen seine Haare aus?). Die Antwort der Macher der Ausstellung in Bilbao ist darauf glücklicherweise: Nichts. Ignorieren und auf die Kunst konzentrieren.

Die frühen Bilder, größtenteils auf recycelten Materialen wie Platten und Türen entstanden, tragen Basquiats Zeit als Graffitikünstler in sich, sein Kindheitstraum als Karikaturist zu arbeiten und seine Besessenheit mit Kunstgeschichte.

Er fand außerdem schwarze Helden, an denen es in der Kunst mangelte, integrierte sie in seine Arbeiten und brachte so modernes, schwarzes Leben in die Kunst. Frühe Werke wie Famous Negro Athletes mit gekritzelten Rückflächen, einem Baseball, seinem Markenzeichen der Krone; oder King of Baseball, eine blaue Figur, Krone und Baseball. Das sind einfache und wirkungsvolle Bilder mit einfachen Linien und reduziertem Farbeinsatz. Der Minimalismus verstärkt die politische Absicht.

Jean Michel Basquiat Self-Portrait, 1984. Yoav Harlap Collection © Estate of Jean-Michel Basquiat. Licensed by Artestar, New York

Seine Bilder sollten aber schon bald danach unglaublich komplex werden, als er seine einzigartige visuelle Sprache entwickelte. Seine wiederkehrenden Motive sind schwarze Köpfe, Kronen, das Copyright-Symbol, Baseball-Spieler, Boxer, Text, ausgekratzter Text, Körper und die Faszination mit Entkörperlichung. Diese Motive finden sich in all seinen Werken wieder und schaffen so eine visuelle Verbindung zwischen ihnen.

Er sah in Sportlern - Boxern und Baseball-Spielern - afroamerikanische Helden. Er sah Kampf, Widerstand, Sieg und Stärke in ihnen. Er sprach oft von einem Boxkampf gegen Julian Schnabel. In der gemeinsamen Ausstellung mit Andy Warhol war ein Poster der beiden mit Boxhandschuhen zu sehen. Kunst als Wettbewerb und Basquiat wollte sich selbst beweisen - als Schwarzer in einer weißen Welt.

So viele Bilder Basquiats an einem Ort zu sehen, lässt eines immer deutlicher werden: Basquiats Hauptthema war die Kritik an Amerikas Umgang mit seinen Schwarzen und die Doppelmoral; eine Kritik an einer Welt, in der er Sammlern für unglaublich viel Geld Bilder verkaufen konnte, aber dennoch kein Taxi nach Hause nehmen konnte; in der sein Freund und Graffitikünstler Michael Stewart festgenommen wurde und von der Polizei zu Tode geprügelt wurde; eine Kritik an seiner Stellung als gefeierter schwarzer Künstler, der seine Bilder an den Wänden der Weißen zeigt, für Weiße zeigt und eine Kritik an der Art und Weise, wie er kleingehalten wurde, in dem er als Novum, als Primitiver behandelt wurde.

Jean-Michel Basquiat Man from Naples, 1982. Guggenheim Bilbao Museoa © Estate of Jean-Michel Basquiat. Licensed by Artestar, New York

Sein Bild Defacement war als Erinnerung an seinen Freund Michael Stewart gedacht und zeigt zwei cartoonhafte Polizisten, die mit Schlagstöcken auf eine schwarze Silhouette eindreschen, über ihnen der Begriff Defacement (engl. Entstellung). Wer wird verprügelt? Wer wird hier entstellt? Der U-Bahn-Waggon, den Michael Stewart gemalt hat, als die Polizei ihn attackiert hat? Oder Michael selbst. Basquiat malte Michaels Körper als Silhouette, weil es nicht um einen, nicht nur um Michael geht, sondern weil es um die vielen Schwarzen geht, die die Polizei zur Zielscheibe hat - bis heute.

Michaels Tod war ein Wendepunkt für Basquiat und sein politisches Bewusstsein. Die Werke wurden politischer, weniger cartoonhaft und viel wütender. Irony Of Negro Policemen zum Beispiel ist eine groteske Karikatur der Heuchelei, wenn der Unterdrücker Teil der Unterdrückten ist, sein Gesicht ist eine Maske, seine Körper gefangen in Linien voller Farbe und beschmiert mit dem Wort „Pawn" (engl. Bauer) unten in der Ecke.

Als Basquiat selbst 1983/1984 anfing, mit Warhol zusammenzuarbeiten, und sein Freund wurde, wurde er selbst als Bauer gesehen, Andy Warhols Haustier, das Andy benutzt. Aber Basquiat schaffte es, dass Andy Warhol wieder anfing zu malen, was man in einer Ausstellung von Tony Shafrazi mit einer Serie von Gemeinschaftswerken im Jahr 1985 oder einer vom Letzten Abendmahl inspirierten Serie, die in Mailand ausgestellt wurde, sieht. Die Kritiker haben die Werke gehasst und Basquiat als das Maskottchen der Kunstwelt beschrieben. Nach Andy Warhols Tod versank Basquiat in Trauer und wandte sich in größeren Mengen dem Heroin zu.

Jean Michel Basquiat. Irony of a Negro Policeman, 1981. Private Collection © Estate of Jean-Michel Basquiat. Licensed by Artestar, New York

Seine letzten Werke, die als einmaliges Event für eine Nacht im Jahr 1988 in der Baghoomian Gallery im Cable Building im New Yorker Viertel SoHo ausgestellt wurden - sechs Monate vor seinem Tod -, zeugen von dieser tiefen Trauer: die Werke sind zurückhaltend, reduzierter Farbeinsatz und pulsieren mit der Intensität von Sprache. Er hörte wie ein Besessener Beethovens Eroica und ihn interessierten besonders die Unterschiede zwischen den verschiedenen Einspielungen und Interpretationen der Sinfonie. Das steht für Basquiats Arbeit als Ganzes: die Überarbeitung, das Sampeln und die Symbolik, die sich durch seine Arbeiten ziehen.

Die Ausstellung im Guggenheim in Bilbao trägt den Titel „Now's The Time", ein Hinweis an Charlie Parker, vielleicht etwas indirekter auch an Basquiat selbst. Jetzt ist die Zeit, seine Arbeiten neu zu bewerten, ihm die museale Retrospektive zu geben, die sein Werk verdient hat. Aber auch weil es an der Zeit ist, den Rassismus und die Stereotype zu hinterfragen, die wir durch die Augen Basquiats gefiltert bekommen. Es wird leider klar, wie wenig sich in den letzten 27 Jahren verändert hat. Wie viele Michael Stewarts hat es dieses Jahr bereits gegeben? 

Jean-Michel Basquiat Eroica, 1987. Private Collection © Estate of Jean-Michel Basquiat. Licensed by Artestar, New York

Basquiats Karriere hat deutlich gezeigt, wie wenig schwarze Künstler es seit ihm gegeben hat; wie weiß die Kunstwelt geblieben ist und wie bevormundend die Haltungen sein können. Basquiat hat vielleicht schwarze Helden gemalt, aber er bleibt einer der wenigen schwarzen Helden, die Kunst gemacht haben und beweisen, dass schwarze Kunst wichtig ist. 

Now It's Time läuft noch bis zum 1. November im Guggenheim Bilbao.

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Credits


Text: Felix Petty