vergangenheit vs. zukunft: die mailänder männerschauen beweisen, dass das kein gegensatz sein muss

Donatella Versace besinnt sich auf Futurismus, Neil Barrett interpretiert seine Anfänge neu, Stefano Pilati überzeugt bei Ermenegildo Zegna und mit Iceberg bringt James Long ein Stück London mit. Bei den Männerschauen in Mailand wird das Neue im Alten...

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18 Januar 2016, 5:00pm

Bei den Männerschauen in Mailand gibt es diese Woche ein Thema: die richtige Balance zwischen Vergangenem und Innovation finden. Sollten Designer und ihre altehrwürdigen Häuser an Ästhetiken festhalten, die diese Häuser groß gemacht haben, oder sollten sie entrümpeln und sich auf etwas Neues einlassen? In der italienischen Modewelt würde es fast an Ketzerei grenzen, wenn ein Designer das Erbe eines Labels schlicht ignoriert, egal wann es gegründet wurde. Bei ihren Ästhetiken überschneiden sich die italienischen Labels und Kollektionen sehen ähnlich aus, immerhin sprechen wir über italienische Mode. Das heißt aber noch nicht, dass kein Designer das Designerbe weder hinterfragen noch verändern darf. „Ich hoffe, dass die Kollektion durch meine englische Erziehung und Designideen und den Transfer nach Italien modern und zeitgenössisch wirken lässt", sagte James Long nach seiner ersten Schau für Iceberg, das Pop Art-Sportswear-Label, was Jean-Charles de Castelbajac in den 70ern auf Geheiß der Gerani-Familie aus der Taufe hob. Der Familie gehört das Label bis heute. „Es ist toll, die Freiheit zu haben, meine Ideen umzusetzen", so der Designer weiter.

Iceberg autumn/winter 16

War die Mission des Designers erfolgreich? Die Antwortet lautet ja. Er hat es geschafft, Vergangenheit und Gegenwart so unangestrengt zu vereinen, dass sich die jungen Redakteure „Dieser Mantel ist so Iceberg" und „Ich möchte das haben" gegenseitig zuflüsterten. Es gibt keinen besseren Gradmesser für die Bedeutung in der Modewelt als der Wunsch von Leuten, die Kleidung unmittelbar tragen zu wollen. Diese Fähigkeit, sofortige Bedürfnisbefriedigung auszulösen, hat James Long bereits schon länger mit den Kollektionen für sein eigenes in London angesiedeltes Label bewiesen. Für das italienische Modehaus ergänzte er seine Outdoor-fähigen und urbanen Entwürfe mit einer Portion Pop und bekannten Retroanleihen. „Italo-Pop trifft auf Brit-Pop", kommentierte er die Micky-Maus-Motive aus der Kollektion. „Ich habe viel Anleihen bei Werken der Pop Art, die im Besitz der Familie sind, genommen." Die Accessoires haben sich am meisten neu angefühlt: Eine Wonder-Women-Tiara für Jungs. Das ist nicht lächerlich, sondern bei Longs Iceberg macht es Sinn. Es war lustig und subversiv, auf diese britische Art und Weise, die die Modeindustrie zu Neuem zwingt, und gleichzeitig war es auch diese lockere und kommerzielle italienische Art und Weise, die die Modeindustrie mindestens genau so sehr braucht.

Icerberg autumn/winter 16

„Einige Leute sind so inspirierend, dass sie mich herausfordern, etwas Neues zu tun. Also habe ich mir gesagt: ‚Was kann ich tun, was ich normalerweise nicht tun würde'?" erklärte Neil Barrett nach seiner bisher persönlichsten Kollektion. Er schaute zurück auf seine Kindheit im britischen Devon und unterlegte diese Erinnerungen mit einem David-Bowie-Interview aus den 70ern, was über die Lautsprecher schallte und von einem Remix von „A Better Future" abgelöst wurde. Für die Kollektion interpretierte der Designer Kleidungsstücke neu. „Ich habe meine eigenen Kleidungsstücke, die von meinem Vater, von meinem Bruder, von meinem Onkel und die, die ich nicht haben konnte, aber meine Freunde hatten, zitiert." Näher an einem Gleichgewicht zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart kann ein Designer kaum sein. Getreu dem Motto: Ohne ein Verständnis für die Vergangenheit kann es keine Zukunft geben, einschließlich einem Verständnis für die eigene Vergangenheit. Herauskam eine britische Kollektion: Schaffelljacken, Karojacken sowie Oberteile mit seinen zum Markenzeichen gewordenen modernistischen Grafiken, Adler-Prints. Die 70er wehten über den Laufsteg, was sich mittlerweile durch so viele Kollektionen zieht, dass sich die 70er wieder genauso zeitgenössisch anfühlen wie zur damaligen Zeit.

Neil Barrett autumn/winter 16

Den Tod von David Bowie konnte Donatella Versace nicht vorhersehen, genauso wenig konnte sie innerhalb von fünf Tagen eine Kollektion entwerfen, die seiner Leidenschaft für die Raumfahrt und das Weltall gewidmet war. Denn genau dieses Gefühl vermittelte die neueste Versace-Menswear-Kollektion: eine Ode an den Futurismus, inklusive eines Raumschiffs und „Ground Control to Major Tom" aus „ Space Oddity" am Ende der Modenschau. Bowies Vorstellungen von Raumfahrt wurde in den 60ern geprägt: ein analoger Futurismus, den Stanley Kubrik vielleicht am besten mit seinem Film 2001: Odyssee im Weltraum aus dem Jahr 1968 eingefangen hat. Das allein macht die Kollektion aus silberfarbenen Tracksuits, taubenblauen Anzügen und Raumanzug-ähnlichen Applikationen auf Jacken noch nicht zukunftsweisend. Was daran futuristisch oder vielmehr innovativ war, war Donatellas Furchtlosigkeit. Der Respekt der Versace-Matriarchin vor dem Haus, das ihr verstorbener Bruder gegründet hat, drückt sich jetzt in ihrem Wunsch nach größtmöglicher Relevanz aus. Zu sehen an den Models mit LEDs, die den Laufsteg entlangjoggten.

Versace autumn/winter 16

Opulenz gehört diese Saison in Mailand bereits zu den vorherrschenden Themen und die Opulenz bei Versace war umwerfend. Statt majestätisch und dekadent zu sein, war es voller Leben und sportlich. Sie nahm Elemente aus Raumanzügen und Raumstationen und verwandelte sie in ihre eigenen futuristischen Interpretationen majestätischer Stickereien wie mit Juwelen besetzte Science-Fiction-Richterroben aus der Renaissance. Donatella hatte dieses Mal keine Lust auf Interviews backstage. Es soll als Message für den Umweltschutz verstanden werden: die Erde zu schützen, indem wir sie verlassen und einen neuen Planeten bevölkern. Vielleicht hat ihr auch einfach nur Der Marsianer gefallen. Ob Donatella nun diejenigen zufrieden gestellt hat, die ständig immer alles neu haben wollen, ist egal. Auf jeden Fall ist sie nie langweilig. Genauso wenig wie Stefano Pilati, der seine bisher beste Kollektion für Ermenegildo Zegna präsentiert hat. Die Opulenz bei Pilati war glitzernd, hinreißend und bezaubernd. Es war egal, ob es sich dabei um Vergangenes oder Neues gehandelt hat, es war einfach nur schön. Kron-Motive, die in Mäntel gewebt wurden, und riesige Juwelen auf Rollkragenpullover. Es war fabelhaft. Was es noch besser würde? Wenn die Kollektion in Produktion gehen würde. Das wäre eine echte Innovation, die die Modewelt braucht.

Ermenegildo Zegna autumn/winter 16

Hier findest du alles zur Mailänder Modewoche.

Credits


Text: Anders Christian Madsen
Fotos: Mitchell Sams