flawless sabrina ist new yorks gute drag-fee

Die queeren Performancekünstler Mars Hobrecker und Leah James interviewten ihre Freundin und Mentorin – die legendäre Drag-Pionierin Mother Flawless Sabrina.

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Mai 11 2015, 10:30am

Wenn man das New Yorker Apartment vom Mother Flawless Sabrina - a.k.a. Jack Doroshow -betritt, fühlt man sich wie einer Zeitmaschine. Sogar bevor man sie sieht, sie hört gerade The American Life an ihrem Schreibtisch in der anderen Ecke des Raumes, spürt man ihre Gegenwart. Kunstvolle Möbel aus ihrer Pariser Zeit stehen an den Wänden und überall sieht man Kunst und Zeug, was sie seit ihrem Umzug Ende der 60er nach New York angesammelt hat. Es sind Erinnerungen an die Leute, die sie in ihrem Leben kennengelernt hat und diese Liste scheint endlos zu sein. Porträts von Diane Arbus hängen neben einem Poster einer neueren, von Bruce Weber fotografieren Barneys-Kampagne, für die sie vor der Kamera stand. Darunter ist ein malerischer Eindruck von Kembras Pfahlers Allerwertestem. Neben dem Kamin hängt ein Basquiat. Und hinter den Gemälden und Fotos, die meistens an die Wand getackert sind, scheint etwas durch, was sie als „allererste Rolle von Alcantara" (Truman Capote taufte das amerikanische Pendant Ultrasuede angeblich in diesem Wohnzimmer). Kurz gesagt: Es ist dekadent.

In ihrem Leben war Flawless Künstlerin, Muse und eine Expertin zum Thema Homosexualität (sie arbeitete als Consultant für Filme wie Myra Breckinridge und Zwei Banditen). Obwohl sie ausgebildete Psychologin ist, ist sie wohl am bekanntesten für Rolle in der Dokumentation The Queen von 1968 über die Drag-Wettbewerbe, die sie in ganz Amerika für zehn Jahre, zu einer Zeit veranstaltete, als Drag noch illegal war. Diese Heldentat brachte ihr über 100 Anzeigen ein. Zu den Juroren bei diesen Wettbewerben gehörten Leute wie Edie Sedgwick und Andy Warhol. Flawless ist eine Ikone.

Jetzt im Alter von 75 verbringt sie die meiste Zeit zu Hause und legt Tarot-Karten. Erst kürzlich bei der Neueröffnung des New Yorker Whitney Museums. Sie ist die Mentorin einer neuen, queeren Generation.

Wie kamst du zum Tarot?
Meine Großmutter hat Tarot-Karten gelegt. Sie hatte eine Freundin im Krankenhaus, der wir die Karten legten. Sie hat mir gebracht, wie es geht und gab mir das Selbstvertrauen. Meine Mutter und Großmutter waren wirklich gut darin, [Leuten] Selbstvertrauen zu geben. Vor dem Whitney-Event mit Zackary Drucker habe ich das nie wirklich in der Öffentlichkeit gemacht, nur für Freunde und Familie. Aber es macht Spaß. Den Leuten scheint es zu gefallen und das ist toll.

Gibt es einen Unterschied, wenn du die Karten für Freunde und Familie oder für Fremde legst?
Nicht unbedingt. Die Karten sind nur Cartoons auf Pappe. Worum es geht, ist die Interpretation und der Versuch, daraus positive Energien zu ziehen und sie auf die Leben der Leute anzuwenden. Es ist ein Weg, um Leute zu ermutigen, um ihnen Kraft zu geben.

Gibt es irgendwas, was du Leuten raten würdest, die nach dieser inneren Kraft suchen?
Am wichtigsten: glaube ohne Zweifel an dich selbst. Du bist der Boss! Steh dazu. Ich meine, es gibt vieles, was unsere Identitäten auslagern will, besonders im Kapitalismus. Aber die Realität ist, dass deine Leben nur deines ist. Wenn ich ‚rot' sage, stimmen wir alle zu, dass es so eine Farbe gibt, aber mein Rot hat vielleicht mehr Braunanteile und dein Rot hat vielleicht mehr Orangeanteile. Es sind diese Nuancen, die Menschen voneinander unterscheiden. Nutze sie und sei stolz auf sie!

Wie kam es dazu, dass du bei The Queen mitgemacht hast?
Ich fing 1958 oder 1959 an, Drag-Wettbewerbe zu veranstalten, weil ich dachte, dass es irgendwann auch im Mainstream ankommen würde. Ich war erpicht darauf, die Leute, die bei den Wettbewerben mitgemacht haben, festzuhalten, weil ich wusste, dass alles wieder vorbei sein könnte. Es ging darum, einen Zeitpunkt festzuhalten, bevor er verschwindet.

Dachtest du, dass Drag nur eine Modeerscheinung sein würde?
Es war kompliziert, ja vielleicht. Ich konnte nicht ahnen, dass es einmal eine Ru Paul geben würde, die etwas so Tolles macht und das ganze Phänomen in jedermanns Wohnzimmer bringt. Zu der Zeit wurde es als etwas Abnormales, als eine psychische Erkrankung angesehen.

Gab es einen öffentlichen Aufschrei, als The Queen herauskam? Pink Flamingos erzürnte das Kultur-Establishment.
Als der Film herauskam, bemerkte ich dieses sonderbare Verhalten, dass Jugendliche aus einer Stadt in die nächste gefahren sind, um sich den Film anzuschauen. Sie wollten ihn sehen, aber nicht in ihrer Stadt.

Sie wollten vielleicht nicht, dass die Leute sie sehen, was sie sich da anschauen?
Ja, vielleicht. Es war wirklich lustig. Den Kinos ging es gut, dann kamen diese vielen Fremden von irgendwo her. Es war schon komisch. Aber ihr dürft nicht vergessen, dass The Queen keine Jugendfreigabe hatte und wie ein Porno behandelt wurde, und ich meine die richtig schlimme Sorte Porno. Aber der Film ist überhaupt nicht pornografisch, außer in den Köpfen derer, die ihn mit FSK 18 bewertet haben.

Als du Drag-Schönheitswettbewerbe veranstaltet hast, hast du dich als Mutterfigur für die anderen Mädchen präsentiert. Woher kam diese Rolle?
Schon sehr früh, sobald ich von dem Phänomen [Drag] erfuhr und mich dafür interessierte, daraus ein Geschäft zu machen. Ich war zu der Zeit Psychologiestudent an der Universität von Pennsylvania und das einzige Material, was ich finden konnte, war The Transsexual Phenomenon (das ist sehr lange her!). Darin hieß es, dass man eine nicht-konkurrenzbetonte Mutterfigur sein sollte, also habe ich mich als 18- oder 19-Jährige wie eine ältere Frau angezogen. Daher kommt Mother Flawless Sabrina.

Warum bist du immer noch in dieser Rolle und förderst junge Menschen?
Nun, es ist nicht schwer! Ich wurde sehr gut von meiner Mutter und meiner Großmutter gefördert. Sie waren unsagbar wichtig in einer Welt, die dachte, dass [Drag] eine schlechte Sache wäre, und sie haben mich unterstützt. Dadurch habe gelehrt, wie man Menschen unterstützen kann. Die Ergebnisse sprechen für sich.

Was möchtest du der zukünftigen Generation von queeren Jugendlichen sagen?
Ich sehe euch doch!

Zu denen, die dir jetzt gegenüber auf der Couch sitzen.
Macht genau das, was ihr macht. Seid innovativ, seid individuell, geht raus, performt so viel wie möglich, vergrößert eure Präsenz und ARBEITET!

Wenn es eine Botschaft gibt, dann die: dass die Leute an sich selbst glauben sollen. Je spezieller oder ungewöhnlicher wir sind, desto wichtiger ist es, dass wir an uns selbst glauben. Ohne Spontanität und Originalität und all dem, was man nicht in der Schule lernt, verlieren wir die wichtigsten Leute in unserer Kultur. Muss mal gesagt werden!

Credits


Text und Fotos: Mars Hobrecker und Leah James