die frauenfeindliche erfolgsbilanz des richard prince

Wenn Aneignung, angeblich im Namen der Kunst, das Stehlen und Manipulieren von Bildern von Frauenkörpern beinhaltet, dann haben wir es hier mit mehr als nur einem Problem der Urheberschaft zu tun.

von Courtney Iseman
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04 Juni 2015, 10:40am

Es ist schon ein Weilchen her, seit Richard Prince mit seiner Appropriation Art für Aufsehen sorgte. Ältere Werke von ihm, in denen er neue Bilder erschafft oder stiehlt (je nachdem wie man es sieht), haben es nicht oft von der Kunstwelt in die Mainstream-Medien geschafft. Seine aktuellen Instagram-Porträts machen ihn nun auch bei einem jüngeren Publikum bekannt. Richard Prince ist ein Künstler, der Leute seit den späten Siebzigern verärgert. Im Herbst letzten Jahres hingen vergrößerte Bilder von mehreren Instagram-Accounts an den Wänden der Gagosian Gallery, die der US-Künstler nur um eigene Kommentare unter den Bildern ergänzt hat. Die Kontroverse um diese Bilder kochte vergangenen Monat so richtig hoch, als die Bilder bei der Kunstmesse Frieze in New York für 90.000 Dollar oder mehr versteigert wurden.

Im Internet tobt die Diskussion, ob Richard Prince von Instagram-Usern wie Sky Ferreira und vom Model- und Burlesque-Kollektiv SuicideGirls gestohlen hat oder nicht.

Abhängig davon, welche Maßstäbe man bei Kunst anlegt, kann man das Für und Wider diskutieren. Sein künstlerischer Ansatz dreht sich um Rephotography (Barbara Kruger und Cindy Sherman sind weitere Beispiele). Er nimmt bestehende Bilder von anderen und modifiziert sie, um sie zu seinen eigenen Arbeiten zu machen. Daneben passiert aber noch etwas anderes. In den letzten 40 Jahren hat besonders eine Thematik die Arbeiten von Prince begleitet - die Art und Weise, wie er Frauen zu Objekten macht.

Princes Aneignung bemächtigt sich der Bedeutung des gestohlenen Originalwerks und verändert sie. Wenn eine Frau ein Bild von sich auf Instagram postet, weil es ihr Körper ist und sie dessen stolze Besitzerin ist, dann ist es etwas völlig anderes, wie wenn ein Typ daherkommt, einen schmutzigen Kommentar hinzufügt und das Ganze dann für 90.000 Dollar verkauft. Dadurch werden die ursprünglichen Absichten der Frau und auch ihre Bildrechte ad absurdum geführt. Diese Instagram-Ausstellung ist nicht das erste Mal, dass sich Prince Bilder von Frauen bemächtigt und sie manipuliert hat, um seine eigene Frauen-als-Objekte-Perspektive auszudrücken.

Brooke Shields, Spiritual America
Ob Prince die Bildintention hier gekapert hat, tut nichts zur Sache, wenn man bedenkt, dass es sich einfach um ein provokatives Bild eines nackten, 10-jährigen Mädchens (Brooke Shields), das Make-up trägt, handelt. Er hat das Bild wieder herausgekramt und eine Frau, ein Kind, objektiviert, indem er ein verstörendes Bild zu einer Art Symbol erkoren hat. Angeblich soll Spiritual America eine Kritik an dem amerikanischen Streben nach Ruhm ohne Rücksicht auf Verluste sein (Shields Mutter gab das Foto beim Fotografen Gary Gross in Auftrag, um es im Softporno-Magazin Sugar 'N' Spice zu platzieren und die Karriere ihrer Tochter zu starten). Aber dieses Argument mit einem suggestiven Bild eines Kindes zu verbinden, fühlt sich an wie ein Überfall. Ja, das Bild wurde schon davor veröffentlicht, aber es hätte besser vergessen und nicht mehr beachtet werden sollen. Stattdessen feierte Prince das Bild und bewies damit nur seine eigene Unfähigkeit, das Mädchen in diesem Bild als etwas anderes als ein Objekt zu sehen.

Nurses
2003 gehörte Prince zu den Künstlern, die vom W Magazine beauftragt wurden, Kate Moss so zu fotografieren, wie sie es für richtig hielten, und für Prince war sie die sexy Krankenschwester. Später stellte sich heraus, dass die Aufnahme eine Vorschau auf seine Bildreihe Nurses sein sollte, in der er Titelbilder von Pulp-Magazinen („Pulp-Cover waren berühmt für die Abbildung halbnackter junger Frauen in Bedrängnis, die auf den rettenden Helden warten") auf die Leinwand brachte und sie mit Farbe modifizierte. Zu der Zeit fragte das Slate Magazin, ob die Bilder das seien, was wir von Richard Prince erwarten würden; ein Künstler, bekannt für seine anspruchsvolle Kritik an den verfänglichen Mythen der amerikanischen Konsumkultur. Oder hatte sich ein Element von purem Vergnügen unter die Ironie gemischt? Im Artikel geht es außerdem um das unbehagliche Gefühl, das man bekommt, wenn jemand immer noch das Frauen-als-sexy-Krankenschwestern-Klischee bedient. Princes Bilder sind eine Fetischisierung einer Frau, die existiert, um jedes Bedürfnis ihres Patienten zu befriedigen; oder in diesem Fall die Bedürfnisse ihres Erschaffers Richard Prince.

Biker Girlfriends
In den Achtzigern wandte sich Prince den Gangs und den amerikanischen Subkulturen zu. Von all den interessanten Themen, auf die er bei den Subkulturen mit gemeinsamer Leidenschaft traf, entschied er sich jedoch für die Freundinnen der Biker. Die bekanntesten Werke aus dieser Zeit sind Bilder von fast-nackten Frauen auf den Maschinen ihrer Partner - Kühlerfiguren, wenn man so will. Zusammenstellungen wie diese auf Princes eigener Website oder diese auf der Website von Christie zeigen nicht viel von amerikanischer Biker-Kultur. Stattdessen zeigen die Bilder Frauen, drapiert über Motorrädern; die männliche Perspektive, dass Frauen nur Dekoration sind.

After Dark
After Dark sei nach der Kollaboration mit Marc Jacobs 2007 für eine Taschenkollektion von Louis Vuitton, die das Konzept von „Louis Vuitton nach Einbruch der Dunkelheit" erkundet, entstanden, sagte er Russh Magazine. Für seine eigenen Arbeiten fügte er diesen „After Dark"-Bildern ein pornografisches Element hinzu. Jedes Bild steht für eine andere Stadt - „New York after dark", „Moscow after dark" -, angereichert mit verschwommenen, nackten und gesichtslosen Frauen. Prince schmückt seine Aussagen wieder mit dem pornografischen Wert von nicht identifizierbaren, nicht bekleideten Frauen. Sie haben keinerlei Aussagekraft oder sind mit der Thematik des Bildes verbunden. Stattdessen hinterlassen diese Bilder das schleichende Gefühl, dass ein Künstler wie Prince Frauen als Objekte sieht, die er in seinen Werken manipulieren kann.

Frauen als Dekoration oder als sexualisierte Untertanen sind ein ständiges Thema in Princes Arbeiten. Das wurde durch seine neueste Instagram-Reihe noch einmal überdeutlich und in diesen Werken fühlt sich die Aneignung besonders verdreht und ungerecht an. Auch ein Foto der Künstlerin Audrey Wollen, auf dem sie wie die Venus vor dem Spiegel von Diego Velázquez posiert, wurde von Richard Prince zweckentfremdet. Uns sagte sie dazu: „Er [Richard Prince] hat meine Autorschaft und meine Identität vollständig gelöscht. Es wurde einfach nur ein Foto von einer nackten Frau, bereit zum Angrabschen." Es geht nicht um Appropriation Art als Kunstform, sondern es geht um das Problem, wenn Aneignung auf die Male Gaze trifft. „Bestimmte Körper aus einem Meer von Bildern auszuwählen, sie aus ihrem Kontext zu reißen und sich dann als Inhaber dieser Körper zu bezeichnen, ist nicht mehr nur langweilige Kunst, sondern grenzt an räuberisches und gewalttätiges Verhalten", erklärt uns die Künstlerin zum Abschluss.

Credits


Text: Courtney Iseman

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