im gespräch mit ezra miller

Ezra Miller ist auf der Suche nach dem universellen Selbst. Wir trafen den charismatischen Schauspieler und sprachen mit ihm über seine queere Identität, seine Rolle als Kevin und wieso er seine Opernkarriere beenden musste.

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Mai 28 2015, 10:35am

COAT MODEL’S OWN. SHIRT SAINT LAURENT BY HEDI SLIMANE.

Neulich schlichen sich Ezra Miller und eine Bekannte (seine Freundin?) - der Beziehungsstatus der beiden ist nicht bekannt - mitten in der Nacht in den Garten seiner Kindheit. Das Herumtollen hat ihn nostalgisch werden lassen. Es ist Jahre her, dass er dort lebte und als Frühreifer-Opernsänger in die Stadt pendelte. Mit nur 22 Jahren hat Ezra bereits einen kometenhaften Aufstieg vom Theaterwunder zur kulturellen Ikone hinter sich. Als ultimativer amerikanischer Horror-Teenager in We Need to Talk About Kevin und durch seine Rolle als charismatischer Patrick in Vielleicht lieber morgen (beides Verfilmungen von Kultromanen) könnte Ezra ganz bald in die Riga der Superstars aufsteigen. Um so mehr da er offen über seinen Cannabiskonsum und seine queere Identität spricht und so zu so etwas wie dem männlichen Pendant zum Manic Pixie Dream Girl wurde. Mit drei neuen Filmen (Madame Bovary, Judd Apatows Trainwreck und The Stanford Prison Experiment) diesen Sommer, Auftritten mit seiner Band Sons of an Illustrious Father und einem gerade erst bekannt gewordenen Superhelden-Franchise The Flash, stehen dei Chancen nicht schlecht, dass er mehr zum neuen Marlon Brando wird - er ist genauso ungewöhnlich wie talentiert. Als wir uns zum Interview treffen, trägt Ezra einen Leo-Print-Mantel und eine schwarze lederne Halskette. Er hat eine unglaubliche Präsenz: Wenn er mit einem redet, dann blickt er einem tief in die Augen und wie bei vielen idealistischen Künstlern aus seiner Generation spürt man den Weltschmerz, den er mit sich trägt.

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Wieso hast du als Kind mit Operngesang aufgehört?
Als sich meine Stimme veränderte, wurde mir das nahegelegt. Als ich mich wirklich dazu entschloss, blieb eine große Leere zurück, die nur durch darstellende Kunst gefüllt werden konnte. Also besuchte ich dann dieses Sommercamp Buck's Rock, ein veritables Utopia für ein Kind, das privilegiert und glücklich genug ist, dahin gehen zu können. Ich habe den Clown Shop im Camp besucht, wo es Improvisations- und Stand-up-Comedy und ein paar echte Clowns gab. Ich war der schräge, punkige Typ. Viele dachten, dass ich ein Mädchen wäre; ich hatte pinkes Haar und trug eine Pilotenbrille. Bis zum heutigen Tag war es wahrscheinlich der ernsthafteste Schauspielunterricht, den ich genoss, was mehr über dem Umstand aussagt, dass nicht viel Schauspielunterricht hatte, als alles andere. Ich wurde aus dem Sommercamp rausgeschmissen, weil ich einen Joint geraucht habe. Wir wurden fast gelyncht. Es gab Graffitis und es gab Flashmobs.

Was hat dich und was reizt dich immer noch an den darstellenden Künsten?
Letztlich ist es für Menschen spannend zu realisieren, dass ihr Sein mehr ist als die Identität, die ihnen zugewiesen wurde. Was für mich als Kind aufregend war, ist immer noch so ziemlich das, was ich noch aufregend finde. Als Kind hätte ich das so ausgedrückt: Ich kann alles sein, was ich möchte. Jetzt drücke ich es so aus: Meine Empathie kennt keine Grenzen und ich hoffe, dass ich die Idee eines universellen Selbst ansatzweise verstehe.

Was sind die Eigenschaften eines universellen Selbst?
Die Frage solltest du Wissenschaftler und Mystiker statt einem prätentiösen Schauspieler stellen.

Welche Rolle, die du gespielt hast, kommt dir deiner Persönlichkeit am nächsten und welche ist am weitesten davon entfernt?
Die Beantwortung dieser Frage setzt voraus, dass ich mich gut kenne, und das ist etwas, woran ich arbeite. Es wäre einfach, diejenigen Rollen, in denen ich einen Psycho-Killer spiele, als die zu nennen, die nichts mit meiner Identität zu tun haben. Es wäre einfach zu sagen, dass die ausgelassenen, inspirierenden und ständig energiegeladenen Rollen, die ich gespielt habe, mir am nächsten kommen. Aber das sage ich nicht.

Wie hat dein Engagement im Film We Need to Talk About Kevin in so einem frühen Alter deinen Weg als Schauspieler beeinflusst?
Kevin zu spielen war unglaublich bereichernd und lehrreich. Die Rolle forderte mich heraus, sie zwang mich, meine Horizonte zu erweitern, und ich musste mich unter all diesen Meistern, mit denen ich zusammengearbeitet habe, behaupten. Ich hatte Albträume. Ich habe die wirklich dunklen Orte der menschlichen Existenz kennengelernt. Meiner Meinung nach war der Nachteil an dieser Erfahrung in diesem Alter die ganze Pressearbeit. Es gibt etwas, das in jeder Unterhaltung, definitiv aber in jedem Interview passiert. Es gibt eine Erwartungshaltung und der Mensch hat die Tendenz, diese Erwartungen zu erfüllen. Bei We Need to Talk About Kevin hatten viele Journalisten diesen Charakter gerade kennengelernt und waren interessiert daran, ob mich eine dunkle und bedrohliche Wahrheit umgibt. Wenn man als Mensch fühlt, dass man gefürchtet wird, dann passiert eines der folgenden Dinge: Entweder denkt man ‚Das ist ein schreckliches Gefühl, das ich nicht in meinem Leben haben möchte' oder ‚Das ist Macht. Jemand hat Angst vor mir". Mit 17 diese Stichworte zu bekommen, hat mich dazu inspiriert, Angst hervorzurufen. Etwas, wovon ich - mit einigem Abstand betrachtet - sehr genau weiß, dass ich das nicht auf die Welt projizieren möchte. Das sind aber die Zeiten, in denen wir uns als Personen formen; wenn wir uns in einer Art feindlichen Situation befinden und wir herausfinden müssen, wer wir in diesem Leben sind.

Jacke: Vintage Levi's. Hemd: Saint Laurent by Hedi Slimane.

Wer möchtest du also sein?
Aldous Huxley hat eine Menge erstaunlicher Drogen genommen, hing mit vielen Gurus ab und hat mit dem ganzen Spektrum von großartigen Wissenschaftlern, Mystikern, Philosophen und Denker seiner Zeit gesprochen. Ich weiß nicht, ob sie stimmt, aber das ist die Geschichte, die ich über den Tod von Aldous Huxley gehört habe: Er wollte an einer Überdosis LSD sterben und gab sich intravenös die 1000-fache Dosis. Als er im Sterben lag, fragte ihn ein Freund, was die große Wahrheit sei. Aldous Huxley sagte: „Ich denke, die Menschen sollten einfach versuchen, ein bisschen netter zueinander zu sein". Diese Geschichte hallt in mir nach. Ich möchte ein netter Mensch sein. Das ist Hippie-Gequatsche, aber ich denke der weitere Weg kann nur ein Weg des Mitgefühls sein. Was wir als Spezies auch machen werden, es sollte liebend sein.

Deine queere Selbstidentifikation hatte auf viele junge Leute einen großen Einfluss.
Das war unbewusst, als es passierte. Es war so ein Gespräch - ähnlich wie dieses hier - mit einer Person, zu der ich eine gewisse Verbindung gespürt habe, aber alles in einem offiziellen Interview-Kontext. Das war nichts, dem ich viele Gedanken geschenkt hatte. Ich sagte ihr einfach, wie ich mich fühle. Interessant ist gewesen, wie die Medien und Kultur dieses Statement aufgenommen haben. Als ich mich als queer identifizierte, auch wenn ich gesagt habe, dass die meisten meiner Partner weiblich waren, hieß es sofort: Ezra Miller, der schwule Schauspieler. Eigentlich heißt es nur, dass ich mich keinem binären System unterwerfen möchte, wenn es darum, wen und wie wir lieben. Ich bin froh, dass ich mich als queer identifiziert habe, weil es erstens wahr ist und letztlich denke ich, dass, wenn die Identität, die wir der Welt präsentieren, unserer wahren, persönlichen entspricht, dann ist man ungezwungener und nachhaltiger.

Credits


Text: Rory Satran
Foto: Alasdair McLellan
Styling: Julia Sarr-Jamois
Haare: Tina Outen at Streeters London
Make-up: Maki Ryoke at Tim Howard Management mit Produkten von Tom Ford Beauty
Nägel: Geraldine Holford at The Wall Group
Fotoassistenz: Lex Kembery, James Robjant, Nick Brinley
Stylingassistenz: Ashlee Hill, Bojana Kozarevic, Lauren Davis, Katelyn Gray, Xenia Settel
Make-up-Assistenz: Miguel Ramos. 
Produktion: Leone Ioannou at Pony Projects. 
Produktionsassistenz: Oscar Correcher. 
Nachbearbeitung: Output Ltd.