Quantcast

Ein Ausflug in die fantastische Welt von Faux Real

VonAlexandra Bondi de AntoniÜbersetzt vonMichael SaderFotos vonSylvie Weber

Faux Real ist Berlins einzige Drag-Party, bei der nur weibliche, nicht-binäre und Trans Personen auftreten. Wir haben uns ins Getümmel gestürzt und verraten dir, was diese Partynächte so besonders machen.

In unserer Themenwoche "Berlin's New Drag" erkunden wir, was und wer die Underground-Drag-Szene in der deutschen Hauptstadt so besonders macht. Alle Artikel findest du hier.

Es ist ein Freitagabend im Osten von Berlin. Wir befinden uns in der heutigen Location der nächsten Faux Real-Party. In einigen Stunden wird es hier Performances ausschließlich von weiblichen, nicht-binären und Trans Personen geben — eine Besonderheit in der Berliner Drag-Szene. Dass Frauen in Drag performen, ist nichts Neues. Und trotzdem werden sie immer noch von vielen als Faux Queen — falsche Queens — abgestempelt. Das Kollektiv Faux Real will das ändern und schafft mit seinen Partys einen Raum für Frauen, Transgender und Menschen, die sich als nicht-binär oder weiblich identifizieren, in dem sie frei sein können. Während die Veranstalter die letzten Vorbereitungen treffen, sprechen wir mit einigen Mitgliedern und lassen uns von ihnen erklären, wie sie zum Drag gekommen sind und warum Berlin der beste Ort ist, um Drag zu performen.

"Dollar Baby ist eine anarchistisch-feministische Hexe, eine transgressive Kraft die gegen jegliche Vorstellung von Normalität ankämpft. Sie agiert aus einer jugendlichen Verweigerungshaltung heraus, daher die Anklänge an verschiedene Subkulturen wie Goth, Black Metal und BDSM. Dollar Baby widmet sich den dunklen Seiten des Lebens wie Schmerz, Trauma, Horror und devianter Sexualität. Zugleich nähert sie sich Themen wie Verletzlichkeit, utopischer Träumerei und machtvoller Weiblichkeit performativ an und versucht immer, auch positive Visionen von subkultureller Verweigerung zu entwerfen. Drag war schon immer ein zentraler Aspekt in meinem Leben - seit meiner Jugend habe ich Drag Queens angebetet und begehrt und mich mit ihrer Art, Geschlechtsidentität als performativ und campy darzustellen, identifiziert. Weibliche Geschlechtsidentität hat sich für mich immer mehr als Performance und weniger als natürliche Repräsentation angefühlt, womit auch mein nicht-binäres Coming-out zusammenhängt. Für mich ist Berlin der beste Ort, um Drag Queen zu sein. Kreativität und Einzigartigkeit spielen eine höhere Rolle als bei traditionelleren Formen von Drag, die Zugangsschwelle für Performer_innen ist geringer." - Mascha


"Drag bietet einem die endlose Möglichkeit, immer wieder etwas neues zu werden."- Kübra

Foto: Alex Giegold Kleid: Tata Christiane.

"Ich bin ein post-humaner Drag-Performer und möchte bei meiner Performance keine männlichen oder weiblichen Merkmale reproduzieren. Meine Drag-Ästhetik mit Kostüm und Make-up sind Prothesen, die die nicht-menschliche Welt verkörpern und ich kreiere ein neues Selbstverständnis, das auf Verbundenheit, gegenseitiger Hilfe und Solidarität beruht. Es ist der Versuch, vom Mythos Mensch wegzukommen, der sich von der Natur entfernt hat, und sich stattdessen auf eine Geschichte voll mit Reichen, Imperialismus, Kolonialismus und dem Patriarchat eingelassen hat. Für mich als trans-feminine Person, die in ihre Identität wächst, war Drag ein sicherer Ort für mich mit dem Kostüm." - Dusty Whistles


Auch auf i-D: Unser Video mit Faux Real:


"Als ich jünger war, hatte ich mit Angstzuständen zu kämpfen und habe meinen Körper nicht akzeptiert. Ich habe mir mein Selbstbewusstsein Stück für Stück mit Dingen, die ich an mir mag, aufgebaut. In meinen Performances geht es viel um innere Konflikte, Entwicklung und Veränderung. Ich wurde mehr als einmal sexuell angegriffen. Aus diesen Erfahrungen habe ich eine Performance über dieses Thema gemacht und meine inneren Konflikte auf künstlerische Art und Weise verarbeitet. Anderen zu helfen und mich zu öffnen, fällt mir nicht leicht. Ich habe es gelernt, als ich Teil der Drag-Szene wurde und es in mein Privatleben adaptiert habe. Besonders in Rom hatte ich das Gefühl, dass ich die Community unterstützen muss, weil sie mich so sehr unterstützt. Je mehr Positivität ich von meiner Drag-Mutter und meiner Club-Familie bekommen habe, desto mehr hatte ich das Gefühl, dass ich das Gleiche tun muss." - Venus

"Meine Drag-Persönlichkeit ist Jennifer Peggy (kurz: Jpeg). Sie ist ein amerikanischer Teenie aus den 80ern und die Verkörperung von "Girls Just Wanna Have Fun". Drag ist ein schöner Weg, um die Teile meiner Persönlichkeit und meines Ichs auszudrücken, die weiblich sind. Ich bin ein Trans-Mann und wollte Drag schon vor der Angleichung machen, sogar bevor ich mit der Testosteron-Behandlung angefangen habe. Ich wollte solange damit warten, bis ich mich in meiner Männlichkeit jeden Tag so wohl fühle, dass ich ein Kleid tragen kann und nicht das Gefühl habe, dass ich eingeengt werde. Meine Vorstellung vor meiner öffentlichen Angleichung davon, was Männlichkeit ist, ist doch sehr anders von der, die ich heute verkörpere. Ich bin ein kleiner und tuntiger Mann und ich werde trotzdem immer noch mit dem falschen Geschlecht angesprochen. Ich mag es nicht, mit dem falschen Geschlecht angesprochen zu werden. Je weiter die Angleichung voranschreitet, desto wohler fühle ich mich dabei, meine Weiblichkeit zu zeigen. Das ist ein guter Indikator dafür, wie wohl ich mich mit meiner eigenen Art von Männlichkeit fühle, wenn ich mich so gut anfühle und mich als Frau anziehe." - Rory

"Die Person, die ich darstelle, heißt Ze Royale. Eine androide Göttin, die spirituell immer noch ein Humanoid ist. Ich verwandle aus Erfahrungen und Lektionen aus der Vergangenheit Manifestationen von Liebe, Schönheit und sexuellem Verlangen. Ich sehe das, was ich tue, eigentlich nicht als Drag an sich an. Ich habe schon immer daran geglaubt, dass man sich das Leben erschaffen muss, das man möchte. Und indem ich einen anderen Aspekt von mir auf der Bühne performe hilft mir dabei, über die Konstrukte, ob nun wegen der Ethnie, des Geschlechts oder Sexualutät, die mich unterdrücken, hinwegzukommen. Dass ich die gesellschaftlichen Label und die Erwartungen anderer Personen durchbreche war wesentlich daran beteiligt, dass ich nicht nur ein besserer Performer geworden bin, sondern als auch als Mensch gewachsen bin." - Ze Royale