Fotos über DWA Press

Diese Bücher zeigen dir, wie man Widerstand lebt

"Wer nicht mehr atmen kann, wird irgendwann seelisch verrecken oder sich für die Auflehnung entscheiden."

von Naima Limdighri
|
19 Dezember 2019, 2:04pm

Fotos über DWA Press

'Auflehnen' ist laut Duden ein schwaches Verb, obwohl so viel Kraft und Widerstand im Akt der Auflehnung steckt. Wir können Wertvorstellungen, Kleiderordnungen, militärische Befehle oder penetrante Flirtversuche ablehnen – und uns damit gegen sie auflehnen. Für mich bedeutet das Wort, sich für etwas in den Gegenwind lehnen. Für Freiheiten, Würde, Anerkennung oder Teilhabe. In erster Linie geht Auflehnung nach vorne, ohne das Gestern oder Heute aus dem Blick zu verlieren.

Ob die Haitianische Revolution von 1791, #DeutscheWohnenEnteignen, die Demonstrationen, die momentan in Chile und dem Libanon stattfinden, Fridays For Future, #BlackLivesMatter, Rojava, die Proteste zum G20 in Hamburg oder die #NiUnaMenos Bewegung aus Argentinien: alle Beteiligten haben die Schnauze voll von Korruption, sozialen Ungleichheiten, Privatisierung, Staat- und Polizeigewalt, Ausbeutung, sexueller Gewalt und Diskriminierung. Mal entsteht Auflehnung spontan – ein Tweet oder ein Stein, der fliegt und auf einmal alles hochgehen lässt. Mal wird von langer Hand geplant, wie Einzelpersonen oder Gruppen gegen oder für etwas kämpfen werden. Mal wird auf der Straße, mal mit rechtlichen Mitteln gekämpft.

Der politische Theoretiker und Revolutionär Frantz Fanon hat in seinem antikolonialen Manifest und Hauptwerk Die Verdammten dieser Erde von 1961 geschrieben: "When we revolt it’s not for a particular culture. We revolt simply because, for many reasons, we can no longer breathe."
Wer nicht mehr atmen kann, wird irgendwann seelisch verrecken oder sich für die Auflehnung entscheiden. Wenn Frauen ständig sexualisiert werden, sie es wagen selbstbestimmt über ihre Sexualität zu sprechen. Wenn Revolution erwünscht ist, aber bitte nur soweit es dem Patriarchat oder Nationalismus angenehm ist. Wenn Afrolatinx in der Diaspora ihre Stimme erheben, um selbst für sich zu sprechen, dann ist literatisch-politische Auflehnung angesagt. Lest für euch selbst.

Cover_Yalla_Feminismus
Foto: über Tropen Verlag

Reyhan Şahin, Yalla, Feminismus! (Tropen Verlag, 2019)

*Reyhan Şahin kommt aus Bremen und ist promovierte Sprachwissenschaftlerin, Performance-Rap-Künstlerin sowie Autorin. Sahins Kunst und Musik – die sie seit den 2000ern als Lady Bitch Ray veröffentlicht – wurde und wird von Rap Hörer_innen und Kolleg_innen oft skandalisiert und auf das Sexuelle reduziert. Wegen angeblicher "pornographischer Inhalte" ihrer Musik, verlor Şahin 2006 ihren Job als Moderatorin bei Radio Bremen. Vielleicht lag es an ihren expliziten Texten und ihrer Bildsprache sowie ihrer Positionierung als alevitische Muslima in der Deutschrapszene, dass ihre Person und Kunst sexistisch-rassistisch fehlgedeutet und degradiert wurde. Dabei setzt sie sich mit dem intersektional-feministischen Potential und subversiven Inhalt auseinander: dem Anprangern von patriarchalen Zuständen und der künstlerisch-politischen Selbstbestimmung einer mehrfach diskriminierten Frau.

Ihr zweites Buch Yalla, Feminismus! ruft auf: gegen Sexismus, Rassismus, Islamfeindlichkeit und für laute intersektionale feministische Kämpfe, kritischen Austausch und Dissidenz – auch unter Feminist_innen. Das Buch soll marginalisierte Personen motivieren, sich mehr einzumischen und selbstbewusst an queer-feministischen Debatten teilzuhaben. Durch ihre eigene soziale Positionierung macht Şahin die Rassismen und Patriarchate verschiedener Gesellschaften in Deutschland sichtbar: die der Deutschrapszene, die der mehrheitlich weißen, männlich-dominierten Hochschulstruktur, die der muslimischen Communitys und die der weiß-deutschen Mehrheitsgesellschaft.

Der Text gliedert sich in vier Kapitel. Im ersten Kapitel arbeitet sich Şahin ab am Label "Feministin" und weiteren Konzepten wie Intersektionalität, antimuslimischer Rassismus und der eigenen künstlerisch-feministischen Biographie. Das zweite Kapitel widmet sich dem "Schwanzpatriarchat" im HipHop. Şahin setzt sich spezifisch mit Deutschrap und dessen schlechten Ausreden für Übergriffigkeiten, Verleumdungen aber auch zunehmend sichtbaren feministischen Akteur_innen im Game auseinander. Sie zeichnet ein akkurates und lebendiges Bild, wie sich Frauen – oder als weiblich gelesene Personen – im Deutschrap bewegen (können). Und wie schwierig es ist, wirklich gewaltfrei und gleichberechtigt an dieser Kultur und Industrie teilzuhaben, ohne sich patriarchalen Hierarchien zu beugen. Sexuelle Belästigung und sexuelle Übergriffe von männlichen HipHop-Akteuren – gegen Journalist_innen, Fans oder Partnerinnen – sowie Diffamierungen und Gewaltfantasien gegen Frauen, Schwule und Transpersonen in Texten werden stetig relativiert: Rap sei ein Spiegel der Gesellschaft, es sei nur Entertainment, Kunstfreiheit olé, bloß keine Verantwortung für das Blut an Händen aller Beteiligten übernehmen. Şahin weist darauf hin, dass nicht nur Gangster-Rapper, sondern auch vermeintlich harmlose Rapper wie Max Herre oder Yung Hurn immer wieder patriarchale Frauenbilder reproduzieren.

Das dritte Kapitel beschäftigt sich unter anderem mit der religiös-politischen Symbolik des muslimischen Kopftuchs, wobei Şahin direkt festhält: "Das Kopftuch gibt es sozusagen nicht." Es gibt die Träger_in und deren verschiedenen Ansichten sowie diverse religiöse, politische und ethnische Bedeutungsebenen. Außerdem kritisiert und kontextualisiert Şahin "westlichen" Feminismus, der die Pauschalisierung "des" Islam als frauenverachtend und Entschleierung als Befreiungsmotiv für Kopftuchträgerinnen propagiert. Şahin erklärt anschaulich, wie das Unwissen weißer Feminist_innen und verkürzte Kopftuchdebatten in Form von Bevormundung und Tokenisierung neue weiße Feminismen produziert – und somit tatsächliche feministische Kritik am muslimischen Patriarchat in Kombination mit einem rassismuskritischen Diskurs zum Kopftuch unsichtbar gemacht werden.

Kapitel vier ist ein ehrlicher Blick und Angriff auf den weiß-deutschen, patriarchalen Wissenschaftsbetrieb, die "Fuckademia". Şahin räumt mit dem Vorurteil auf, Universitäten seien Orte des kritischen Wissensaustauschs und der weltoffenen Forschung. Sie blickt historisch auf die Entwicklung deutscher Universitäten und macht anschaulich, wie festgefahren und hierarchisch dieser Kosmos aus alter, weißer, männlicher Vetternwirtschaft und elitären rassistisch-sexistischen Machtstrukturen ist. Unter #Geschichte teilt Şahin eigens erlebte oder von Freund_innen und Bekannten zugetragene Erzählungen, die die Absurdität und strukturellen Ungerechtigkeiten im Wissenschaftsbetrieb sichtbar machen.

Es gibt in Deutschland viel zu wenige feministische Bücher von BIPoC Frauen, die sich laut auflehnen. Reyhan Şahin ist eine dieser unbeirrten Stimmen, die sich trotz der Ernsthaftigkeit von Feminismus ihren Humor nicht nehmen lässt. Yalla, Feminismus!

the seven necessary sins for women and girls
Foto über Beacon Press

Mona Eltahawy, The 7 Necessary Sins For Women and Girls (Beacon Press, 2019)

*Mona Eltahawy wurde in Ägypten geboren und hat in England sowie Saudi Arabien gelebt. Sie ist freiberufliche Journalistin und lebt mittlerweile in den USA. Eltahawy war eine der lautesten Stimmen des #MosqueMeToo Movements, das, in Anlehnung an #MeToo, den sexuellen Missbrauch muslimischer Frauen auf der Pilgerfahrt nach Mekka oder an anderen muslimische Stätten, Moscheen oder Wallfahrtsorten sichtbar machen wollte.

The Seven Sins for Women and Girls ist eine feministische Anleitung zum Widerstand gegen das Patriarchat. Es ist ein mitreißend und enthusiastisch geschriebenes Manifest für eine globale, revolutionär feministische Leserschaft. Die These ist simpel: Anstand und Höflichkeit werden das Patriarchat nicht stürzen, Punkt. Stattdessen präsentiert Eltahawy sieben tabuisierte Eigenschaften und Konzepte, die ihrer Meinung nach im feministischen Repertoire jeder Frau*/nicht-binären Person stecken sollten. Laut Eltahawy sollten sich Frauen* jene Qualitäten zu eigen machen, die ihnen von patriarchal geprägten Gesellschaften aberzogen wurden. Die Autorin rät Feminist_innen die von ihr präsentierten, ineinandergreifenden 'Sünden' Gewalt, Lust, Wut, Aufmerksamkeit, Obszönität, Ambition, Gewalt und Macht energisch gegen patriarchale Hierarchien einzusetzen.

Jedes Kapitel widmet sich einer dieser vermeintlichen Sünden und erläutert ihre Wirkmächtigkeit und ihren Nutzen. Sie selbst hat ihre Wut über patriarchale Gewalt in den Akt des Schreibens von The 7 Sins als Widerstand umgesetzt, nachdem sie einen Mann schlug, der sie in Toronto in einem Club sexuell belästigte. Eltahawy schreibt: "I knew I had to write it while I was still high on the glory of beating up a man who had sexually assaulted me. Who was this woman who I had become, who looks men in the eye, seizing their gaze with my fury until their fear tells me they understand not to fuck with me?" Das Buch sieht es als das Recht von Frauen* an, das Patriarchat herauszufordern, zu missachten und zu durchschlagen.

Eltahawy schmückt ihr Manifest und jede der 'Sünden' mit inspirierenden Geschichten zu globalen Aktivist_innen, die genau diese Tabukonzepte im Kampf für Gleichberechtigung nutzen. Stella Nyanzi aus Uganda nutzt beispielsweise radikale öffentliche Unhöflichkeit als Werkzeug im Kampf für Frauenrechte, spezifisch die Bereitstellung von Menstruationshygieneprodukten für Schülerinnen. Eltahawy beginnt jede ihrer Lesungen, Auftritte oder Social Media Videos mit "Fuck the patriarchy". Sie nennt diesen Satz ihr Glaubensbekenntnis und erklärt: "And I say, 'Fuck the patriarchy', because I am a woman, a woman of color, a Muslim woman. And I am not supposed to say 'fuck.'" Wir könnten auch sagen, dass Vulgärsprache im feministischen Kontext das verbale Gegenstück zu zivilem Ungehorsam ist. Innerhalb muslimisch-konservativer Milieus ist sie eine kontroverse Figur, wird aber auch von arabischen Frauen, die sich als progressiv begreifen, in 'westlichen' Medien kritisiert.

The Seven Sins for Women and Girls ist ein gut lesbarer Text, der international wie intersektional gedacht ist. Er erklärt, wie und warum sexuelle Gewalt an Frauen* als Kriegswaffe eingesetzt wird, wie sich geschlechtsspezifische Unterdrückung in Ländern manifestiert, die von Diktatoren oder religiösen Führern geleitet werden, geht auf Fragen zu körperlicher und sexueller Selbstbestimmung ein ("At what age does my body belong just to me?") und erläutert, wie Männer in Machtpositionen versuchen, junge Frauen wie Greta Thunberg oder Rahaf Mohammed zum Stillschweigen zu bringen.

Als muslimische Frau, die sich zu patriarchaler Gewalt in muslimischen Gesellschaften äußert, sind Eltahawy und ihre emanzipatorische Schreibe Zielscheibe mehrerer Angriffe. Sie äußerst sich dazu reflektiert: "I know too well that Muslim women are caught between a rock and a hard place." Sie benutzt hier ein englischsprachiges Sprichwort, das mit "in der Klemme sitzen" übersetzt werden kann. Die Klemme für muslimische Frauen, die sich für Gleichberechtigung einsetzen, erklärt sich wie folgt: Auf der einen Seite haben wir islamfeindliche Rechte, die sich eifrig bemühen, muslimische Männer zu dämonisieren; auf der anderen stehen eine Vielzahl muslimischer Communitys, die bereit sind muslimische Männer bis aufs Letzte zu verteidigen – aufgrund patriarchaler Hierarchien und dem Bedürfnis "nicht schlecht dazustehen". Fakt ist jedoch, dass keine der beiden Seiten sich wirklich um muslimische Frauen schert. Darum: "Fuck the patriachy, let's sin!"

malcriada & other stories
Foto über DWA Press

Lorraine Avila, Malcriada & Other Stories (2019, DWA Press)

*Lorraine Avila ist Autorin, Pädagogin und Tochter dominikanischer Einwanderer. Sie ist in der Bronx in New York aufgewachsen. Ihr Debüt bricht mit vielen Tabus innerhalb dominikanischer Communitys.

Malcriada & Other Stories ist die Debüt-Sammlung lyrischer Kurzgeschichten von Lorraine Avila. Im Zentrum stehen dominikanische Frauen, Migration und (inter)generationelles Trauma. Der poetische Text lädt dazu ein, mit den verschiedenen Charakteren zu leiden, zu schluchzen, zu heilen und zu lachen. Es geht um aufwachsen, wachsen, aufwachen und über etwas wachen. Rassismus, aufschreiben, schreiben, für sich aufstehen und einstehen, einfach gehen. Geld, beten, Stille, Lärm, rummachen und selber machen. Hunger, verletzt werden, verletzen, Töchter, Mütter, Großmütter, sich verändern und entdecken. Polizeigewalt, Knast, Alkohol, Sex, Betrug und Freundschaft. Subway fahren, 50 Cent hören, Colorism, sich erinnern, sich neu zusammensetzen. Scham, Feminismus, AIDS, konstant versuchen, das "Malcriada"-Label über Jahre loszuwerden, nur um zu realisieren:

"But I am. I’ve always been Malcriada. This collection is an ode to me. To all the Malcriadas in me that knew storytelling was where it was for us to mitigate the heavy. I say all of this to say that while you read these stories, know that they were written for me before they were revised and given to you."

Malcriada selbst ist ein Begriff aus dem Spanischen. Er bedeutet verwöhnte, unhöfliche und vor allem 'schlecht erzogene' Göre. Tatsächlich wird diese Bezeichnung aber als Schamwerkzeug genutzt, das Frauen mit Meinung, Vision oder Persönlichkeit in ihre Schranken weisen soll. Zurück auf die billigen Plätze, wo dich niemand mehr sprechen oder atmen hört – und trotzdem stets verfügbar, um die Erwartungen anderer zu erfüllen.

Alle Charaktere aus dem Text sind gewissermaßen 'schlecht erzogen' und auf ihre jeweilige Weise marginalisiert. Sie schaffen sich durch diverse Strategien wie Kunst, Glaube, Liebe oder sozialen Aufstieg Freiräume, aber auch neue Herausforderungen, um zu (über)leben. Die Protagonist_innen werden den Leser_innen in einem Hybrid aus Englisch und Spanisch serviert – "real Bronx Dominican shit" also. In der ersten Geschichte macht sich beispielsweise ein junges Mädchen alleine auf den Weg, um in einem kleinen Boot tagelang illegal von der Dominikanischen Republik nach Puerto Rico überzusetzen. Von dort reist sie mit gefälschten Papieren weiter zu ihrer Mutter nach New York, die sie Jahre nicht gesehen hat. Die Geschichte zeigt die Tiefe, Brutalität, emotionalen Verstrickungen sowie Traumata illegaler Einwanderung.

Malcriada & Other Stories bricht mehrere Schweigen zu gesellschaftlichen Tabus und lehnt sich gegen den immer gleichbleibenden Status Quo auf. Es ist eine poetische Reise auf knapp 200 Seiten, die durch eine Klammer im Vor- und Nachwort des Textes eingebunden wird. Im Vorwort hält Avila fest, dass dieser Text "for all Malcriadxs worldwide" ist. Im Nachwort schreibt sie: "Reader – if you are anything like the characters, if you grew up in similar circumstances, I hope these stories may have entered your wounds as an elixir sent to affirm and heal – like the stories I hold nearest to my own heart. If you are not like the characters on these pages, if you did not grow up with experiences that mirror these or if they just did not resonate the slightest bit, may they have driven you to discomfort and empathy. Take what you need and leave the rest."

Tagged:
gesellschaft
aktivismus
Buchempfehlung