Tarana Burke: “Ich bin so ein verdammter Fan von Rihanna”

Für die von ihr ko-kuratierte Sonderausgabe befragt Rihanna die Gründerin der MeToo-Bewegung.

von i-D Staff
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11 Februar 2020, 4:52pm

Dieser Artikel erschien erstmals in der i-D Sonderausgabe ‘Rihannazine’, Nr. 01, 2020. Bestell dein Exemplar hier. Für dieses einmalige Projekt stellte Rihanna den Frauen, die die Kultur von heute maßgeblich prägen, eine Reihe von Fragen und lud sie ein, ihre Vision für 2020 zu teilen.

Würdest du dich vorstellen?
Mein Name ist Tarana Burke. Ich bin die Gründerin der MeToo-Bewegung und Geschäftsführerin der MeToo-Organisation.

Was verstehst du unter Erfolg?
Vor Jahren, als ich mit Männern auf Dates ging, fragte ich sie immer, wie sie Erfolg definieren, weil ich wissen wollte, ob sie auf Geld und Macht aus waren. Es ist interessant nun selbst diese Frage gestellt zu bekommen. Ich hoffe, dass ich anders darüber denke. Ich denke, es ist ein Punkt in deinem Leben, wo du dich so wohlfühlst und so glücklich bist mit deiner Arbeit, dass sich ein Gefühl von Zufriedenheit einstellt. Ich habe in einem sehr jungen Alter, mit vierzehn Jahren, entschieden, was ich mit meinem Leben machen würde, und es ist mir gelungen, genau das zu tun: nicht nur die MeToo-Bewegung, sondern soziale Gerechtigkeit im Allgemeinen. Ich habe fast immer die Arbeit gemacht, die ich machen wollte, und das gab mir das Gefühl etwas beizutragen. Mir ist klar, dass das ein Privileg ist.

Was siehst du als deinen bisher größten persönlichen oder beruflichen Erfolg?
Mein Kind. Als ich schwanger war, mit dreiundzwanzig, fing meine Karriere gerade erst an, und viele Leute sagten, “Du bist zu jung, um ein Kind zu haben!” Was ich rückblickend wahrscheinlich wirklich war. Eine Person jedoch gab mir unglaublich guten Rat. Sie sagte: “Das Beste, was du für die Zukunft der schwarzen Community tun kannst, ist ein schwarzes Kind so zu erziehen, wie du willst, dass die Welt aussieht. Das ist das beste, was du für die Welt tun kannst.” Und das habe ich gemacht!

Und deine größte Niederlage?
Mein Kind ist genderqueer und als es sich mit zwölf oder dreizehn outete, habe ich nicht gut reagiert. Wir haben viel darüber gesprochen, und ich habe mich entschuldigt, aber wenn ich jetzt daran zurückdenke, zucke ich immer noch zusammen. Ich kämpfte damals mit meinem Verhältnis zur Religion und ließ Außenstehende meine Haltung zu meinem Kind beeinflussen. Ich schäme mich nicht dafür—viele von uns brauchen eine Weile, um Dinge besser zu verstehen, und kämpfen für sie, weil wir eine persönliche Verbindung haben. Ich bin dankbar. Alle Leben zählen! Alle schwarzen Leben, alle queeren Leben, alle Trans-Leben. Wie kann ich mich für das Überleben von Menschen einsetzen, wenn ich mich nicht für alle Überlebenden engagiere. Ich hab’s euch doch gesagt, ich liebe mein Kleines!

Jetzt wo wir ins Jahr 2020 aufbrechen, was nimmst du mit aus dem vergangenen Jahr und was lässt du zurück?
Ich lasse meine Selbstzweifel zurück—diese Idee, dass ich nicht genug bin. Alle sagen, dass sie Negativität hinter sich lassen wollen, aber ich gebe keine Erfahrung auf, die mir dabei helfen kann zu wachsen. Es klingt schrecklich, aber ich meine es ernst: Ich erinnere mich an all das Schlechte, weil ich Klarheit haben möchte darüber, wer mich weiterhin begleiten darf in meinem Leben. Hast du Negativität verursacht? Dann erinnere ich mich an dich, und du darfst nicht mitkommen.

Wenn du Rihanna eine Frage stellen könntest, was wäre sie?
Mensch, nur eine Frage? Ich bin so ein verdammter Fan. Was ich so toll finde an Rihanna ist, dass man das Gefühl hat, sie hat eine Veränderung durchlaufen an irgendeinem Punkt, wonach sie ganz sie selbst wurde, und seither entschuldigt sie sich bei niemandem mehr. Das würde ich sie gern fragen: Wie ist es dir gelungen, den ganzen Rummel auszublenden und dich wirklich ganz darauf zu konzentrieren, dich ohne Kompromisse auszuleben, deiner Bestimmung zu folgen?

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Tarana trägt einen Mantel von JW Anderson. Die Ohrringe sind ihre eigenen.

Taranas Manifest für 2020
Früher habe ich immer viel Aufheben gemacht um Neujahr. In manchen Jahren war es eine Liste mit genau durchdachten Vorsätzen, die ich meinen Freundinnen zur Genehmigung vorlegte. In anderen Jahren waren es Sachen wie Goal-Setting oder Vision Boards. Doch ich vergaß noch jedes Mal, was ich mir vorgenommen hatte—lang bevor das Jahr vorüber war. Wenn ich zurückschaute auf das Jahr, stellte sich manchmal heraus, dass ich mich an diesen oder jenen Vorsatz nur deshalb gehalten hatte, weil es Vorsehung war.

In diesem neuen Jahr, dieser neuen Dekade, habe ich alle diese Praktiken aufgegeben. Es wurde viel darüber diskutiert, was wir in den 2010er-Jahren zurücklassen wollen, aber ich habe zuletzt eher darüber nachgedacht, was ich mitnehmen möchte. So viel Gutes ist passiert, trotz der kolossal schlechten Dinge, die ebenfalls geschehen sind. Ich will, dass der revolutionäre Funken, der Anfang des Jahrzehnts entfacht wurde, in den 2020ern weiterbrennt. Die vergangenen zehn Jahre haben viele von uns, insbesondere jüngere Generationen, gelehrt, wie Freiheit wirklich aussehen könnte; Freiheit in Sachen Sex, Sexualität und Geschlechtsidentität. Die Freiheit, sowohl Authentizität als auch Verletzlichkeit anzunehmen, ohne darüber unsere Würde zu verlieren. Ich brauche kein Vision Board mehr, weil meine Vision in meine Seele eingebrannt ist. Ich gehe in dieses neue Jahrzehnt mit der Klarheit, dass meine Träume größer werden müssen. Ich nehme Erinnerungen mit und die Lehre, dass ich, was immer ich erträume, nochmal und größer werde träumen müssen.

Es gibt ein Wort, eine Idee oder ein Ziel, das ich ins neue Jahrzehnt mitnehmen möchte, und das ist “Heilung”. Die Leute neigen dazu, diese Idee zu verfälschen, sich nur in einem kommerziellen Sinn und als Ware damit zu beschäftigen, aber wir brauchen Heilung in einem tieferen Sinn. Wir müssen als Einzelne heilen und wir brauchen kollektives Heilen. Ich hoffe, dass ich leitend und vermittelnd für diese Art von Heilung wirken kann. Die Art, die uns dazu bewegt, aktiv zu werden, um unser Leben und die Welt zu ändern.

Credits


Fotos Mario Sorrenti
Styling Carlos Nazario

Haare AKKI / Art Partner (Oribe)
Make-up Kanako Takase / Streeters
Nägel Honey / Exposure NY (Tom Ford Beauty)
Set Jack Flanagan / The Wall Group
Beleuchtung Lars Beaulieu
Foto-Assistenz Kotaro Kawashima, Javier Villegas und Jared Zegha
Digitale Technik Johnny Vicari
Styling-Assistenz Raymond Gee, Erica Boisaubin und Christine Nicholson.Schneider Thao Huynh
Haar-Assistenz Rei Kawauchi, Takao Hayashi und Motome Yamashita.
Make-up-Assistenz Aimi Osada & Megumi Onishi
Set-Assistenz Akaylah Reed und Joe Arai
Produktion Katie Fash
Produktionsleitung Layla Némejanski
Produktionsassistenz Fujio Emura
Casting-Direktor Samuel Ellis Scheinman für DMCASTING
Casting-Assistenz Cicek Brown für DMCASTING

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