© 2017 Constantin Film Verleih GmbH/die film gmbh/Marc Reimann

"Jugend ohne Gott" ist der Film, den wir gerade brauchen

Vor dem Kinostart am 31. August haben wir mit den Hauptdarstellern des Films über mal verstörende, mal hoffnungsvolle Zukunftsaussichten gesprochen.

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22 August 2017, 12:36pm

© 2017 Constantin Film Verleih GmbH/die film gmbh/Marc Reimann

Es ist ein Blick in die nahe Zukunft und erinnert doch bereits an unseren digitalisierten Alltag: In einem Hochleistungscamp versuchen die besten Schüler einer Abschlussklasse, einen Studienplatz an der Elite-Universität Rowald zu erlangen. Es geht um Leistung und Anpassung – darum, im Team zu funktionieren, und doch alle anderen auszustechen.

Einer will sich jedoch nicht unterordnen: Zach ist nur widerwillig dabei und stellt die Methoden des Systems in Frage. Im umliegenden Wald trifft er Ewa, die sich mit Diebstählen durchschlägt und einer Gruppe Jugendlicher angehört, zu der jedweder Kontakt verboten ist.


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Als eine Schülerin erschlagen im Wald aufgefunden wird, gesteht jemand den Mord, der ihn unmöglich begehen konnte. Der aufrichtige Lehrer, der die Klasse zum Assessment-Camp begleitet hat, verfolgt eine Spur und verliert, verstrickt in einem Netz aus Lügen, seine moralische Integrität.

Jugend ohne Gott basiert auf dem gleichnamigen Roman von Ödön von Horváth, der 1937 veröffentlicht wurde und die Entwicklungen nach Hitlers Machtübernahme angriff. Wir haben mit drei Hauptdarstellern des Films vorab über die Aktualität der Themen gesprochen: Jannis Niewöhner, Jannik Schümann und Fahri Yardim erzählen im Interview, wie schwierig es sein kann unangepasst zu sein und warum wir Rebellen aber unbedingt brauchen.

Zach (Jannis Niewöhner) © 2017 Constantin Film Verleih GmbH/die film gmbh/Marc Reimann

Jannis Niewöhner spielt Zach

Was waren die ersten Gedanken zu deiner Rolle?
Zach ist in einer Phase, in der ich mich auch immer noch befinde. Eine, in der man manchmal mit sich selbst unzufrieden ist, viele Fragen hat, die man nicht beantworten kann. Oder auch Gefühle verspürt, aggressive teilweise, die man nicht erklären kann. Man ist auf der Suche und bahnt sich selbst einen Weg – obwohl er einem eigentlich versperrt wird –, um Antworten einzuholen.

Für wie realistisch hältst du die Dystopie, die in Jugend ohne Gott dargestellt wird?
Für sehr realistisch, weil man sieht, wie rasant sich die digitalisierte Welt entwickelt. Ansonsten habe ich mich in der Schule manchmal auch selbst auf eine Art unfrei gefühlt. Oder ich hatte Angst davor, Dinge zu tun, nach denen ich mich eigentlich fühle, die aber als uncool gelten. Es gibt starke Vorgaben im Bezug darauf, was richtig ist. Der Druck ist spürbar. Ich war unglaublich zufrieden, als ich aus der Schule kam und viel mehr dem nachgehen konnte, wonach ich mich selbst fühle und nicht dem, was mir gesagt wird.

Auf welche aktuellen Gefahren macht der Film aufmerksam?
Die Gefahr, Individualität zu verlieren. Für mich ist der Film weniger politisch als bildungskritisch. Vor allem die Bildung ist, meiner Meinung nach, heutzutage das Problem. Konkurrenzdenken und Leistungsdruck untergraben jegliche Kreativität. Individualität und Moral werden nicht mehr wirklich geschätzt. Durch den Weg zur Leistung verliert man sich manchmal oder findet erst gar nicht zu sich selbst.

Zach ist der Systemkritiker in der Geschichte. Wie unangepasst bist du?
Das durfte ich viel sein – in meiner Schulzeit, in meiner Kindheit. Ich bin auf einem Dorf großgeworden, wo du weißt, dass viele Dinge eigentlich nicht zugelassen sind. Kreative Dinge, wie zum Beispiel Singen oder Schauspielern, können als verpönt gelten. Unangepasst zu sein, bedeutet manchmal schon einfach, solchen Dingen nachzugehen. Insofern bin ich das manchmal. Je mehr ich aber über den Film nachdenke, merke ich, dass ich doch auch sehr angepasst bin – dass wir alle Teil dieses Systems sind. Selbst wenn man sich bewusst macht, dass es eines ist. Das Schlimme ist: Das System ist so klug, man hat trotzdem das Gefühl, unangepasst zu sein.

Titus (Jannik Schümann) und Zach (Jannis Niewöhner, rechts) © 2017 Constantin Film Verleih GmbH/die film gmbh/Marc Reimann

Jannik Schümann spielt Titus

Was ist für dich das wichtigste Thema des Films?
Das wichtigste Thema ist, inwiefern man sich selbst abgrenzen kann, von dem Druck und den Erwartungen der Gesellschaft, um sich selbst treu zu bleiben.

Findest du das schwierig?
Ich wurde in einer Zeit geboren, in der es viel weniger Probleme gibt, als meine Eltern noch erleben mussten. Trotzdem gibt es einen gewissen Druck, der auf unserer Generation lastet: Ich bin der erste Jahrgang, der in zwölf Jahren Abitur gemacht hat. Dadurch habe ich mitbekommen, wie meine Schülerkollegen unter Druck standen, weil von ihnen erwartet wurde, so früh von der Schule zu gehen und dann gleich etwas anzufangen. Ich hatte mein Abi schon mit 17. Zum Glück wusste ich immer, was ich werden möchte, und hab mir nie so einen Druck gemacht.

Warum ist Mitläufertum wieder aktuell?
Hat das jemals aufgehört? Social Media ist viel kleiner und weniger ausschlaggebend als große politische Bewegungen. Dort begegnet man genauso dem Mitläufertum. Ich habe mich auch [bei Instagram] angemeldet, weil mir dazu geraten wurde. Man muss sehr aufpassen. Ich glaube beispielsweise, dass Die Welle immer wieder funktionieren würde.

Im Film wird eine dystopische Version der Zukunft gezeigt. Was macht dir Angst?
Es macht natürlich Angst, dass Parteien mächtiger werden, die im Bundestag einfach nichts zu suchen haben. Ansonsten macht mir, wenn ich an die Zukunft denke, tatsächlich eher die Transparenz durchs Internet Angst als eine leistungsorientierte Zukunft. Vielleicht unter anderem, weil sich meine Generation so viel mit Social Media beschäftigt.

Der Lehrer (Fahri Yardim) © 2017 Constantin Film Verleih GmbH/die film gmbh/Marc Reimann

Fahri Yardim spielt die Rolle des Lehrers

Welche Themen der Geschichte findest du in der Gegenwart wieder?
Entsolidarisierung ist für mich eines der Hauptthemen. Wiedererstarkende Klassengesellschaft und Klassendenken – was, meiner Meinung nach, weniger Zukunftsvision, als heutiger Realismus ist. Auch die ins Abseits verdrängende Gentrifizierung und abhängig Beschäftigte. Die ganzen Klassiker der Globalisierungskritik. Und gleichzeitig natürlich das Gefangensein in dieser Entfremdung. Viel zitierte Rückbesinnung auf Protektionismus, Nationalismus und Leistungsgesellschaft und -denken. Der Lehrer, den ich spiele, im Gefangensein zwischen den Welten: Zwischen dem alten humanistischen Geist und dem konformistischen Gehorsam. Diese Ambivalenz fand ich sehr spannend und insofern auch stellvertretend für unsere Zeit. Ich erlebe dieses Bedürfnis nach Solidarität und gleichzeitig auch ein Erstarren vor der Dynamik des Auseinanderdriftens.

Was ist reizvoll an einem Charakter, der mit seinen eigenen Wertvorstellungen bricht?
Er ist mir manchmal sehr nah in diesem Opportunismus. Und gleichzeitig steht er stellvertretend für viele. Er ist nicht stark und nicht mutig genug, aufzubegehren gegen das Systematische. Er findet keine Antwort auf die Frage nach dem richtigen Leben im Falschen. Er unterwirft sich. Es ist der schwache Moment, sich dem Gehorsam seiner Karriere nicht zu widersetzen. Die Karriere geht über das Ideal. Es interessiert mich, weil ich dieses Dilemma von mir kenne. In vielen Situationen wäge ich ab: Ist das jetzt karrieredienlich oder widerspricht es zu sehr meinen Idealen? Das Interessanteste an der Lehrerfigur aber ist seine Entwicklung, aus der wiederum Hoffnung spricht.

Muss Rebellion, wie im Film, von der Jugend ausgehen?
Ich finde das tut sie schon immer. Je mehr wir meckern über die Jugend, desto mehr macht sie es richtig. Sie haben den Vorzug des narzisstischen Rebellendaseins. So sehr ich mich an ihrer modernen Version stoße, mein Bewusstsein ist auf ihrer Seite. Es ist an der Zeit, dass Rebellion wieder stärker von der Jugend ausgeht. Es braucht diese jugendliche Kraft und dazu eine vermessene Naivität. Diese hoffnungsschöpfende Energie des Aufbegehrens wird im Film wundervoll vermittelt.

Du spielst die Rolle des Lehrers. Gibt es etwas, das die Rolle dir gelehrt hat?
Wenn man gerade den Anteil in sich verkörpern muss, der einem selbst am unangenehmsten ist – nämlich Feigheit –, habe ich gemerkt, macht mich das irgendwann satt. Es aktiviert in mir alles, was ihr entgegen steht. In der Hinsicht war der Lehrer ein abschreckendes Beispiel meiner selbst. Seine Feigheit hat mich letztendlich ermutigt, zum Beispiel auch heute, das Poltische nicht auszulassen.