nur schön sein alleine reicht nicht mehr: die männermodel-revolution

Die cuten Boys und heißen Männer müssen heute mehr können, als nur schön auszusehen. Die Modelagenturen sind auf der Suche nach Persönlichkeiten.

von Tess Lochanski
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06 Februar 2017, 3:10pm

In der Welt männlicher Models gibt es wenige große Namen und Persönlichkeiten, die einem in Erinnerung bleiben, weil sich jede Saison, ja, jede Fashionshow die Geschichte, und dadurch die Charaktere, verändern. „Ich gehe meine Kollektionen wie Kurzfilme an, mit einer richtigen Geschichte", erklärt uns Kris van Assche, Creative Director von Dior Homme. „Diese Saison habe ich mir einen Rave vorgestellt, in der sich jeder ohne Grenzen ausleben kann. In der Mitte der Masse steht ein mysteriöser Mann, der einen schwarzen Anzug trägt. Jeder schaut ihn an. Das ist der l'homme Dior." Noch nie zuvor in der Geschichte der Menswear setzen die Designer dermaßen auf Geschichten und nützen das Casting als einen Eckpfeiler, damit ihre Narrative zum Leben erweckt werden.

„Über die letzten Saisons hat sich etwas geändert. Die Marken wollen eigenständiger werden. Sie suchen nach Persönlichkeiten und verfahren weniger nach dem Motto: Wer ist diese Saison heiß", erklärt Adam Hindle, Casting Director für Sacaï und Cèline. „Die Models sollen glaubhaft sein. Die Labels suchen deswegen nach Männern, die in einer Band mitspielen könnten, die Poeten sein könnten oder die einfach jeden Job brauchen. Die Designer und die Stylisten suchen Charaktere, die ihre Botschaft transportieren und eine Geschichte erzählen können." Dieser neue Bedarf hat zu einer ganzen Reihe von neuen Modelagenturen geführt, die nach Models suchen, die eine Realität und eine Persönlichkeit verkörpern können, und nicht nur perfekte Gesichtszüge haben. Ein Beispiel dafür ist Eva Göbel und die von gegründete Agentur Tomorrow is Another Day, deren Models unter anderem für Vetements und Balenciaga laufen. Immer mehr Alternative Agencys wie Midland, Rockmen, Brother und Lumpen machen sich einen Namen in der Industrie.

„Ich komme eigentlich aus der Kinoecke", erkärt Avdotja Alexandrova, die Gründerin von der in Moskau ansässigen Modelagentur Lumpen. „Ich möchte der Modewelt echte Menschen zeigen." Die neue Norm heute: Street Credibility. Unbedingte Voraussetzung: eine Haltung haben. Ein Muss: Persönlichkeit besitzen. Makel? Umso besser. „Immer mehr Designer und Stylisten wollen mehr über die Leben der Models erfahren", sagt Antoine Duhayot, Head Booker von Rockmen in Paris. „Raphaël, einer unserer Boys zum Beispiel, studiert Literatur an einer sehr guten Uni. Die Leute lieben so was. Das ist etwas, das die Männermodelwelt von der Welt weiblicher Models unterscheidet. Da wird sichergestellt, dass sich die Mädchen auf ihre Modelkarriere konzentrieren." Für Adam Hindle, der auch Frauen castet, ändert sich auch in diesem Bereich die Industrie. „In letzter Zeit ändert sich viel bei den Mädchen. Einige Marken haben ihre Tribes aus Charakteren und Persönlichkeiten zusammengestellt, das Casting wird so zu wichtigen Werkzeug der Imagebildung. Bei den Frauen ist es auch durch das Hairstyling und Make-up einfacher, aus einem Mädchen einen bestimmten Charakter zu formen."

Lange Zeit war der Begriff „New Face" mit der Hoffnung auf Erfolg verbunden. Dieses Muster hat auch die Menswear übernommen, ob das nun gut oder schlecht ist, sei dahingestellt. Sophie Bruynoghe, Casting Director für Hermès, sieht auch, dass sich die Bedeutung des Castings verändert hat, wenn auch kritisch. Das französische Haus ist für seinen sehr klassischen Stil und strenge Auswahl bekannt. „Statt sich Schritt für Schritt eine Karriere aufzubauen, werden aus einigen die It-Boys in einer Saison und verschwinden dann schneller, als sie gekommen sind", sagt sie uns. „Weil sie erstens sehr jung sind und sich ihnen schnell Chancen eröffnen. Zweitens fühlen sich die Menschen heutzutage sehr schnell gelangweilt, besonders bei Jungen, die anders aussehen. Die Demokratisierung der männlichen Modelwelt ist eine gute Sache, die Welt verändert sich schließlich auch. Die Zugangsschwellen zu dem Job werden geschliffen. Doch wenn man sich die schiere Zahl der Kandidaten anschaut, dann es ist wirklich schwer, sich eine eigene Karriere aufzubauen. Das passiert in sehr wenigen Fällen und man kaum vorhersehbar."

Oder kurz gesagt: Immer mehr werden Models, wenn sie dann Erfolg haben, ist der nicht von Dauer. Antoine sieht das positiv: „Die meisten Persönlichkeiten, die gerade so gefragt sind, haben niemals daran gedacht, dass sie später mal eine Modelkarriere einschlagen werden. Sie haben oft ihre eigenen Ziele und Träume und sehen es nur als Nebensache. Wir ermutigen sie dabei, dass sie ihre eigenen Ziele weiterverfolgen. Diese Veränderungen sorgen dafür, dass die Modelbranche ingesamt weniger grausam wird. Wir versprechen nicht das Gelbe vom Ei, das macht das System insgesamt besser."

William, 18, Amerikaner (J.W.Anderson, Facetasm, Loewe, Etudes) @ Elite

Zacharie, 18, Französisch (Dior, Berluti, Lanvin) @ Success

Horry, 19, Französisch (Paul Smith, Kenzo, Off/white) @ Rockmen

Raphaël, 19, Französisch (Valentino, Officine Générale) @ Rockmen

Anton, 17, Dänisch (exclusive Gosha Rubchinskiy) @ Success

Credits


Text: Tess Lochanski
Fotos: Jun Yasui