das literaturwunderkind raziel reid über die angst des mainstreams vor schwulem sex

„Wir leben in einer Kultur, die die Realität nur im Fernsehen akzeptiert.“ – Der Autor von “Movie Star“ im Interview.

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Mai 3 2017, 8:10am

Vor fast zehn Jahren wurde in Kalifornien der damals 15-jährige Larry Fobes King von seinem Mitschüler Brandon McInerney umgebracht. Ein Fall, der international für Schlagzeilen sorgte und das Thema Mobbing an LGBTQi-Jugendlichen wieder stärker ins öffentliche Bewusstsein rückte. Eine Geschichte, die auch den mittlerweile 27-jährigen kanadischen Autoren Raziel Reid bewegt hat. Seine eigenen Erfahrungen und den Mord an dem jungen Amerikaner hat er in seinem preisgekrönten Debütroman Movie Star verarbeitet, in dem es um die gegenwärtige Situation von LGBTQi-Jugendlichen geht, die heutzutage immer noch mit Mobbing und Schikanen wegen ihres angeblichen Andersseins konfrontiert werden. Und auf den Literaturbetrieb. Wie man auch an den negativen Reaktionen auf die Entscheidung, sein Erstlingswerk mit dem angesehen Governor General's Award auszuzeichnen, ablesen konnte. Es wurde sogar eine Petition ins Leben gerufen, um ihm den Preis abzuerkennen, wegen angeblicher antichristlicher Darstellungen. Für uns hat der junge Nachwuchsautor aus Kanada die neue Kurzgeschichte „Das Selfie" geschrieben, die wir dir heute in Auszügen präsentieren. Im Interview hat er uns außerdem erklärt, warum er Probleme mit dem Begriff queer hat, was ihn an Oscar Wildes Das Bildnis des Dorian Gray fasziniert und warum die sozialen Netzwerke vulgär sind.

Dein Debütroman Movie Star basiert auf einer wahren Begebenheit aus Kalifornien. 2008 wurde in dem US-Bundesstaat der 15-jährige Larry King von seinem Mitschüler Brandon McInernery erschossen. Newsweek nannte es damals den prominentesten Fall von einem schwulenfeindlichen Hassverbrechen seit mehreren Jahren. Der Fall sorgte international für Schlagzeilen und manche machten anschließend aus dem Opfer King den Täter. Was hat dich an dieser Geschichte so fasziniert?
Larry Fobes King war einfach nur fabulös. Er hat sich in der zweiten Klasse geoutet, er wollte, dass ihn die Leute Laticia nennen, und er hat die Geschlechterrollen infrage gestellt. 2008, kurz vor Valentinstag, hat er seinen Mitschüler Brandon gefragt, ob er nicht sein Valentin sein will. Brandon war ein kleiner prolliger Skinhead, der mit einer Pistole in die Schule kam und Larry in den Kopf geschossen hat, daraufhin er an seinen Verletzungen gestorben ist. Diese Geschichte hat mich fertiggemacht und deswegen habe ich mit dem Schreiben angefangen.

Wann hast du gewusst, dass du Autor werden willst?
Mit 11 Jahren habe ich ernsthaft mit dem Schreiben angefangen. Meine Familie war streng katholisch. Ich wollte als Kind entweder Filmstar oder Priester werden. Deshalb gibt es in Movie Star auch die religiösen Referenzen. Ich lebe den Traum der Hauptfigur Jude. Nach der High School habe ich mir so schnell wie möglich ein One-Way-Ticket nach New York besorgt und bin dort hingezogen. Ich habe an der New York Film Academy mit dem Schauspielstudium angefangen. Daher gehe ich meine Geschichten auch wie einen Film an.

Das Buch wird als queerer Roman bezeichnet. Kannst du dich mit der Bezeichnung queer identifizieren? Und was bedeutet es heutzutage überhaupt noch, queer zu sein?
Die Bezeichnung queer ist OK. Der Begriff ist allumfassend und stellt nicht das Geschlecht oder die sexuelle Orientierung in den Vordergrund, auch wenn ich persönlich nichts gegen die Bezeichnung Power Bottom habe. Mein Problem mit dem Wort queer ist allerdings, dass es zu einer Art Modewort unter jungen, progressiv eingestellten Menschen geworden ist. Alle sind jetzt plötzlich queer. Dabei bedeutet queer zu sein, eben nicht mitzulaufen, sondern skeptisch zu sein und jenseits des Mainstreams zu agieren.

In der Geschichte spielt Mobbing eine große Rolle. Wurdest du selbst in der Schule gemobbt? Und w as können wir tun, damit es weniger Mobbing gibt?
Ja, ich wurde selbst gemobbt. Die Typen, die mich am meisten gemobbt haben, waren letztlich nur neugierig und hatten Angst. Ich hatte nicht begriffen, dass es beim Mobbing um sie geht, um ihre Gelüste und ihre Scham — nicht um mich. Ich dachte die ganze Zeit, dass es um mich geht und dass irgendetwas mit mir nicht stimmen muss. Jungen Menschen wird beigebracht, dass sie ihr wahres Wesen unterdrücken sollen. Diese angestaute Energie bahnt sich oft als Hass ihren Weg. Was wir tun können, damit es weniger Mobbing gibt? Wir könnten ehrlicher sein. Behandelt Kinder und Jugendliche als die aufgeklärten Persönlichkeiten, die sie sind. Vielleicht hören sie dann auf, sich so primitiv zu verhalten.

Du hast für Movie Star in Kanada den angesehenen Governor General's Literary Award gewonnen. Diese Entscheidung hat zu Protesten geführt, auch von der Kirche. Kritisiert wurde der Umgang mit Sex in der Jugendliteratur und die antichristlichen Darstellungen. Es gab sogar eine Petition dafür, dir den Preis wieder abzuerkennen. Warum haben die Menschen solche Angst vor Menschen, die sexuell aktiv sind?
Das Problem ist doch nicht, dass Menschen sexuell aktiv sind, sondern dass sich Teenage-Boys in den Arsch ficken. Die Leute haben Angst davor, weil es die Realität zeigt. Wir leben in einer Kultur, die die Realität nur im Fernsehen akzeptiert.

Ist Coming-out heutzutage noch wichtig?
Sich nicht zu outen, finde ich, um ehrlich zu sein, gerade ziemlich gut. Es ist so chic geworden.

Im Interview mit dem Guardian hast du gesagt, dass die Millenials von einer unleugbaren Vulgarität gekennzeichnet seien. Was hast du damit genau gemeint?
Jeder strebt heutzutage nach Aufmerksamkeit, was gibt es Vulgäreres? In den sozialen Netzwerken geht es doch nur darum, sich zu präsentieren, das ist ziemlich manipulativ. Dort gilt der Grundsatz: Je obszöner, desto populärer. Wir sind eine Generation, die mit dem Internet als Verlängerung unserer eigenen Persönlichkeiten aufgewachsen ist.

Das bringt mich zu der Kurzgeschichte "Das Selfie", die du für uns geschrieben hast. Die Plattform Instagram spielt darin eine entscheidende Rolle. Wie stehst du persönlich zu den sozialen Medien?
Die sozialen Netzwerke bieten für Kreative so viel Freiraum. Ich habe durch meinen Feeds auf den verschiedenen Plattformen schon so viele neue Künstler entdeckt. Aber wenn man nicht selbstbewusst genug ist, wird man durch sie schizophren. Sie machen uns zu Gefangenen der Fragmente, die wir von uns darauf preisgeben.

Die Kurzgeschichte ist eine moderne Adaption von Oscar Wildes Das Bildnis des Dorian Gray. Was fasziniert dich so sehr an Oscar Wilde und besonders an seinem Roman Das Bildnis des Dorian Gray?
Oscar Wilde ist den Märtyrertod für die Sünden aller Homosexuellen gestorben, ich bin ihm alleine deswegen verpflichtet. Das Bildnis des Dorian Gray hat eine große Rolle in meiner Jugend gespielt. Ich habe mich in Dorians unablässiger Eitelkeit und seiner Subversion wiederentdeckt. Der Roman hat mich dazu inspiriert, selbst über die Sündhaftigkeit und die Naivität der Jugend zu schreiben, ohne eine Lösung zu präsentieren oder Reue zu empfinden — sondern einfach nur die sündenvolle Ernsthaftigkeit der Jugend zu zeigen. Das macht doch die Jugend gleichzeitig so großartig und erschreckend.

Was hat es mit dem Titel "Das Selfie" auf sich?
Ich dachte mir, dass ein moderner Dorian Gray heute kein Porträtbild auf dem Dachboden mehr zu stehen hätte, sondern dass er ein Selfie in seinem privaten Instagram-Account verborgen hält und davon besessen ist. Die Kurzgeschichte gehört in ein neues Subgenre der Horrorgeschichten: Makaber Digital.

Mich würde zum Schluss interessieren, wie du zum Schreiben gekommen bist.
Als ich in Vancouver gewohnt und an meinem Debütroman Movie Star gearbeitet habe, habe ich als Kolumnist Schwulenpartys bewertet. Auf den Partys habe ich einfach mein iPhone aus der Tasche geholt und mir darauf Notizen gemacht, als ich die Drag Queens unter der Discokugel beobachtet habe. Mit 25 bin ich dann außerplanmäßiger Professor für Creative Writing an der University of British Columbia geworden.

Wie müssen wir uns deinen Schreibprozess vorstellen?
Schreiben ist wie Sex rückwärts. Am Anfang sprudeln die Ideen nur so aus einem heraus. Das ist der kreative Part, der so viel Spaß macht. Danach kommen das Kuratieren und die Disziplin.

Was ist der beste Ratschlag, der dir fürs Schreiben gegeben wurde?
Nicht nachdenken.

@razielreid

Movie Star ist im Albino Verlag erschienen.


Ein Einzug aus „Das Selfie" von Raziel Reid, aus dem Englischen von Michael Sader

Der Lord nimmt das aufstrebende Insta-Model Dorian in den nachfolgenden Wochen unter seine Fittiche. Sie werden im Restaurant The Nice Guy gesehen, wie sie konspirativ in einer Ecke hocken. Dorian steht dermaßen unter dem Einfluss vom Lord, dass er anfängt, sich so wie er zu kleiden: in feinsten Anzügen, mit protzigem Pelz und einem Spazierstock. Sie verbringen so viel Zeit miteinander, dass die Freundin und Baby-Mama des Lords eifersüchtig wird und ihre Mutter sich eine neue Storyline für ihre Reality-Fernsehserie über ihre Familie ausdenkt: In dieser Staffel ist der Lord schwul.

Dem Lord macht das nicht viel aus. Der Skandal wird ihm viele neue Follower bringen. Dorian ist so androgyn schön, dass sich der Lord tatsächlich stark zu ihm hingezogen fühlt, er steht aber immer noch nur auf Frauen.

Während einer kokainerfüllten Partynacht im Catch ist der Lord von so vielen jungen Frauen umgeben, dass ihn Dorian nach seinem Geheimnis fragt. „Das geht durch Direct Messages", zwinkert er seinem jungen Protegé zu.

Dorian entscheidet sich, dass er es selbst mal ausprobieren will. Ein Kommentar unter einem seiner Fotos weckt seine Aufmerksamkeit.

@TheSibylVane schreibt: „Du siehst aus wie Prince Charming! Folge mir und ich kaufe dir Pizza und zahle für dein Netflix-Abo!"

Sie hat damit die richtigen Töne getroffen. Er geht auf Sybils Profil und sieht ein Foto von sich mit dem Hundefilter von Snapchat. Er will sie ablecken. Sibyls Profil besteht nur aus Selfies, das kann nur eins bedeuten: Sie ist Selfie-Expertin. Er schickt ihr direkt seinen Standort und innerhalb von wenigen Minuten postet sie ein Selfie von sich beim Sex mit Dorian. Das ist wahre Liebe!

Sibyl ist genauso berauscht. Sie erzählt ihrem Bruder James, dass sie ihren Prince Charming gefunden habe. Sie nennt Dorian zwar nicht beim Namen, aber redet ständig davon, wie schön und wie beliebt er in den sozialen Netzwerken sei. Was bleibt James anderes übrig, als neidisch zu sein? Er versteht Social Media nunmal nicht. Er hat keinen einzigen Follower! Er sagt seiner Schwester, dass er Prince Charmings Profil melden wird, wenn er ihr jemals weh tun würde. James weiß, was für Schweine diese Social-Media-Stars sein können. Sibyl lacht ihn an. Sie ist so angetan von ihm, dass sie keine Unmengen von Selfies mehr posten muss, um Bestätigung zu erhalten.

Sie löscht ihr Instagram-Profil und sagt Dorian, dass er jetzt ihr Ein und Alles sei.

„Ich habe dich wegen deiner Likes gemocht", entfährt es Dorian. „Ohne deine Selfies bist du einfach nur basic."

Sibyl ist nach Dorians Ablehnung so niedergeschmettert, dass sie sich schnell wieder ein neues Profil zulegt und Selfies hochlädt, in der Hoffnung, dass sie ihn dadurch zurückgewinnen kann. Dorian ignoriert grausamerweise ihre ständigen SMS. Dann bemerkt er, dass sich das Selfie aus Basils Studio verändert. Um seinen Mund hat sich eine Linie gebildet. Er erinnert sich an das Versprechen, das er gegeben hat. Er schwört, dass er sich bei Sibyl entschuldigt wird, damit das Selfie wieder zu seiner ursprünglichen Schönheit zurückkehrt. Als er aber ihr neues Profil aufruft, sieht er, dass Sibyls letztes Selfie aus einem Bad voller Blut stammt, ihrem eigenen Blut. Das Schlimmste daran: die ganzen Winkel des Fotos sind total unvorteilhaft!

Um ihn über den Verlust hinwegzutrösten, schleppt der Lord den bedrückten Dorian auf Partys. Sie dröhnen sich zu. Und weil sie schon mal im Little Beach House Malibu sind, zeigt ihm der Lord einen Thread mit gesperrten Tweets von einem französischen Hedonisten. Die alten, 140 Zeichen langen Nachrichten werden zu Dorians Leitfaden.

Am nächsten Tag besucht Basil Dorian zu Hause, um ihm seine Aufwartung zu machen, nachdem er den Selbstmord-Post von Sibyl gesehen hat. Er hat letzte Nacht Dorians Check-ins nachverfolgt. Er konnte es kaum glauben, dass er so kurz nach der Tragödie schon durch Clubs zieht. Dorian hat Sibyl bereits vergessen. Er möchte nur über schöne Dinge sprechen: dass er gerade über 3 Millionen Follower gewonnen hat.

Nachdem Basil gegangen ist, starrt Dorian das gealterte Selfie auf seinem Handy an. Er wirkt darauf ernster als je zuvor. Mit zitternden Fingern erstellt er seinen privaten Instagram-Account, @pictureofdorian, und lädt das Selfie hoch, damit kein anderer es jemals sehen wird.

Im Laufe der Jahre entwickelt sich Dorian zu einem Supermodel. Sein ausschweifendes Leben hinterlässt jedoch keine Spuren in seinem Gesicht, das immer wie frisch gephotoshoppt aussieht.

Mit dem Lord als Mentor an seiner Seite stillt Dorian seinen Hunger nach Extravaganz. Er feiert so heftig, dass Kate Moss dagegen wie die Schutzheilige des Catwalks wirkt. Dorian interessiert sich nur für das, was ihm Vergnügen bereitet und ihn reich macht. Er jettet um die Welt, sammelt die Geschenke seiner vielen Bewunderer ein — sie müssen ihn Prince Charming nennen. Er verlässt das Bett nur, wenn er über Nacht mindestens 10.000 neue Follower gewonnen hat und entwickelt sich zum Inbegriff einer Diva. Fans, die ihn auf der Straße nach einem Selfie fragen, schlägt er das Handy aus der Hand, Kreativdirektoren erpresst er, dass sie den Heroin Chic wiederbeleben und er schaut zu, wie all die schönen Menschen um ihn eingehen. Er droht seiner Agentur damit zu gehen, wenn sie nicht ein Nachwuchsmodel fallen lässt, auf das er eifersüchtig ist. Er stürmt von Fashionsets mit den Samples weg. Je schrecklicher er sich benimmt, desto schneller steigen seine Follower-Zahlen. Seine Follower sind aber zunehmend von seiner Perfektion verunsichert. In den Kommentaren verbreiten sich langsam Gerüchte: Dorian liebe nur die Aufmerksamkeit. Negative Nachrichten werden immer geteilt. Er lebt eine makellose, gefilterte Existenz. Wie besessen beobachtet er, wie sich das Selfie in seinem privaten Account immer weiter verändert, während er äußerlich immer noch so aussieht wie damals.

Jeder möchte das Geheimnis von Dorians ewiger Jugend kennen. Auch wenn er das so lange wie möglich als von der Natur gegeben verklärt, als die Kommentare zunehmend skeptischer werden, fängt Dorian an, Fotos mit Schönheitschirurgen der Stars, wie Dr. Alan Campbell, zu posten. Der wiederum lässt die anderen nur zu gern glauben, dass Dorian sein Pièce de Résistance ist.

Die ganze Kurzgeschichte findest du hier und hier .

Credits


Text: Michael Sader
Fotos: Tallulah