brennende skulpturen und memes: so gehen künstler gegen rechts vor

Während die Radikalisierung immer weiter um sich greift, sehen es zahlreiche Kunstschaffende als ihre Pflicht an, etwas zu tun. Wir haben uns die Arbeiten von vier Künstlern, die genau das machen, einmal näher angeschaut.

von Stefanie Schneider
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01 August 2017, 2:05pm

Ende September stimmen wir in Deutschland bei den Bundestagswahlen über unsere Zukunft ab. Was das für die Kunst- und Kreativszene bedeutet, wollen wir in den nächsten Wochen herausfinden. Hier geht es zu allen Artikeln.

Nach Frankreich und Großbritannien werden wir Deutsche am 24. September dieses Jahres an die Wahlurnen gerufen, um über die Zusammensetzung des Bundestages und unsere Zukunft abzustimmen. Junge Franzosen und Briten haben uns gezeigt, dass es sich lohnt, für etwas zu stehen und das Veränderung möglich ist. Viele beziehen in den sozialen Netzwerken bereits Stellung und engagieren sich für eine Welt, in der alle Menschen einen Platz finden und so leben können, wie sie es selbst wollen. Jetzt ist die Zeit gekommen, damit aus den wichtigen Social-Media-Kampagnen und Hashtags auf Instagram und Twitter politische Realität wird.

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Denn wir leben in einer Welt, in der Rechtsextremismus zur Banalität geworden ist, in der von Macht Besessene Hetze und Hass unter die Leute bringen und die demokratischen Werte tatsächlich gefährdet sind. Donald Trump sitzt im Oval Office, Europas rechtspopulistische Parteien rücken zusammen — vereint in ihrem Nein zu Europa und der Hetze gegen Migranten. Die Radikalisierung wuchert um sich und zahlreiche Künstler sehen sich in der Pflicht, etwas zu tun. Wir haben uns die Arbeiten von vier Künstler, die genau das machen, einmal näher angeschaut.

JR

Der 15-jährige Buona Traoré und der 17-jährige Zied Bienna sind auf dem Nachhauseweg von einem Fußballspiel, als sie sich von einem Polizeiauto verfolgt fühlen. Sie rennen weg, auch wenn sie sich nichts zu Schulden haben kommen lassen. Die Polizisten ordern Verstärkung, die Jugendlichen verstecken sich in einer Umspannstation und sterben an einem Stromschlag. Noch in der derselben Nacht — am 27. Oktober 2005 — eskalierte die Situation in Clichy-sous-Bois, einer Vorstadt im Westen von Paris. Tagelang lieferten sich vermummte Jugendliche und die Polizei erbitterte Kämpfe. Tausende Autos brannten, eine Tränengasbombe der Polizei explodierte in der Moschee von Clichy-sous-Bois, der damalige Innenminister Nicolas Sarkozy beschimpfte die Jugendlichen als Gesindel. Die Krawalle weiteten sich auf weitere Vororte und schließlich auf ganz Frankreich aus, drei Menschen starben, Hunderte wurden verletzt. Vor den Wahlen in Frankreich wollte die 36 Meter lange Fotoinstallation des französischen Aktivisten und Street-Art-Künstlers JR ein Aufschrei sein. Bis Mitte April waren die 700 schwarz-weiß Porträts von Einwohnern aus den sozialen Brennpunkten Frankreichs im Palais de Tokyo zu sehen, nun haben sie ihren Platz in den Straßen einer Großraumsiedlung im Vorort Montfermeil gefunden, der Heimat des Künstlers.

Jonathan Horowitz

Paris sei eine Stadt in Deutschland, die globale Erwärmung eine Erfindung der Chinesen und der USA ginge es besser, wenn Menschen aus vorwiegend muslimischen Ländern erst gar nicht mehr einreisen — Donald Trumps Twitteraccount ist voll von alternativen Fakten. Als Trump die Wahl in den USA gewann, hat der New Yorker Jonathan Horowitz den Instagram-Account @dailytrumpet gegründet. Dort postet der 51-Jährige nun täglich ein Bild eines anderen Künstlers, das Trump kritisiert: Der mit Putin tanzende US-Präsident, bearbeitete Porträts seiner Beraterin Kellyanne Conway oder Trump als Fratze, der die Augen fehlen. Auch in seinen Werken versucht Horowitz, mit subtiler Ironie nichts weniger als die Welt zu verändern. Die Politik der USA war seit jeher sein Thema. In der New Yorker Petzel Gallery zeigte er in der Ausstellung We need to talk ... den dicken Hintern Trumps, der Golf spielt, während die Welt untergeht.

Michel Abdohalli

Die Avantgardisten lebten nach dem Ideal: Der Künstler muss die Welt auf den Kopf stellen. Er muss radikal sein, sich über Grenzen hinwegsetzen, die Gegenwart aus der Fassung bringen. Viele Künstler sehen sich auch heute noch gerne als Avantgardisten. Was aber, wenn rechtspopulistische Politiker ähnliche Strategien fahren? Die Kunstwelt hat sich im Angesicht der Apokalypse politisiert — einige legen die Arbeit nieder, andere gehen auf die Straße, schimpfen, protestieren, in weiten Teilen des Kunstbetriebs scheint ein "Jetzt erst Recht" zu regieren. Auch der deutsche Performance-Künstler und Maler Michel Abdohalli hat sich für den Widerstand entschieden: Mitten in Hamburg stellte er im Oktober vergangenen Jahres einen überdimensionalen Schwamm aus Originalmaterial auf — eine circa 500 Kilogramm schwere Installation, die laut Abdohalli ein Symbol gegen Hass sein und alles Negative aufsaugen soll. Rassismus dürfe nie salonfähig werden, egal wie häufig er propagiert würde, erklärte der 36-jährige Künstler iranischer Abstammung gegenüber dem Street-Art Magazinurbanshit.de. Wenige Wochen nach der Installation wurde das Werk angezündet und verbrannte restlos. Ein politischer Hintergrund wird vermutet.

Sharon Paz

Was, wenn die Wut der Menschen aufgrund der politischen Situation größer ist als ihre Vernunft? Auch wenn sich die begehbare Videoinstallation der in Israel aufgewachsenen und in Berlin lebenden Performancekünstlerin nicht direkt mit dem Rechtsruck in Europa auseinandersetzt, spricht Sharon Paz grundlegende Dinge an. We forgot, so der Titel der Arbeit, beschäftigt sich mit Fragen der Einwanderung, mit Machtstrukturen und der Kombination aus geschichtlichen Ereignissen und individuellen Erfahrungen. Inwiefern beeinflussen unsere Handlungen die Geschichte? Welche Bilder bleiben uns im Gedächtnis? Und vergessen wir Dinge, weil wir bewusst verdrängen?

Credits


Einleitung: Michael Sader
Text: Stefanie Schneider
Foto: Screenshot von Instagram von bisomratte (links) und dailytrumpet (rechts)

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