Diese Woche steht ganz im Zeichen von Haaren. In unserer i-D Hair Week erkunden wir, wie Haare eine Konversation über Identität, Kultur und Gesellschaft starten. 

junge, queere kreative über ihre haare

Haare können ein wichtiges Ausdrucksmittel sein. Was Haare für die eigene Persönlichkeitsfindung bedeuten und wie man sich durch Haare definieren kann oder auch nicht, haben uns diese jungen Freigeister in Berlin erzählt.

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Juni 20 2017, 12:35pm

Diese Woche steht ganz im Zeichen von Haaren. In unserer i-D Hair Week erkunden wir, wie Haare eine Konversation über Identität, Kultur und Gesellschaft starten. 

Joe, 21

Woher kommst du?
Aus Spanien.

Was machst du?
Ich bin Künstler.

Wie wichtig sind dir deine Haare?
Meine Haare sind tief mit meinen persönlichen Erfahrungen verbunden. Ich habe nach langer Suche endlich eine Wohnung in Berlin gefunden. Davor war ich kurz davor aufzugeben und nach Spanien zurückzukehren. Als ich die Wohnung gefunden habe, habe ich mir die Haare selbst geschnitten — durch meine Haare drücke ich Veränderungen in meinem Leben aus.

Auch auf i-D: Wir erkunden in unserer Serie "Real American Beauty" die transformative Kraft von Frisuren und deren kulturelle Bedeutungen

Erinnerst du dich an das erste Mal, als du deine Frisur verändern wolltest?
Ich glaube, da war ich drei Jahre alt und mit meiner Mutter beim Friseur. Ich wollte sie färben, aber natürlich hat mir meine Mutter das verboten. Seit ich elf war, habe ich meine Haare dann in allen möglichen Farben getragen. Mir war es schon immer wichtig, mein Aussehen selbst bestimmen zu können.

Wie würdest du deine Haare in drei Worten beschreiben?
Connected to Life. Als ich meine Haare vor ein paar Wochen gefärbt habe, hat sich ein guter Freund von mir am gleichen Tag ebenfalls die Haare schwarz gefärbt, ohne dass wir uns davon erzählt hätten. Das war ein schöner Zufall.

Leni, 24

Woher kommst du?
Berlin.

Was machst du?
Ich bin gerade mit meinem Modedesign-Studium and der Kunsthochschule Weißensee fertig geworden und model. 

Wie wichtig sind dir deine Haare?
Ich definiere mich als nicht-binär. Haare haben deshalb auch viel damit zu tun, wie ich mein Geschlecht ausdrücke. Das ist aber ein laufender Prozess in mir: Ich merke gerade, dass meine alten Vorstellungen wieder aufbrechen. Lange Haare waren für mich immer wichtig, weil ich das mit Weiblichkeit assoziiere, aber jetzt habe ich das Gefühl, das Selbstbewusstsein zu haben, dass mir das nicht mehr so wichtig ist. Jetzt könnte ich mich auch mit kürzeren Haaren weiblich fühlen.

Erinnerst du dich an das erste Mal, als du deine Frisur verändern wolltest?
Als ich vor fünf Jahren nach Berlin gezogen bin. Berlin ist die Stadt der Freiheit, hier kann man sich selbst entdecken. Hier habe ich auch angefangen, meine Haare wachsen zu lassen. Jetzt sind sie auf der Länge, auf der ich sie immer haben wollte und natürlich möchte ich sie jetzt wieder abschneiden. [Lacht] 

Wie würdest du deine Haare in drei Worten beschreiben?
Ein Wort: Hassliebe.

Mit wem würdest du gerne mal für einen Tag Frisur tauschen?
David Bowies roten Vokuhila würde ich gerne mal ausprobieren, weil der so schön androgyn ist. Das ist, glaube ich, auch die Richtung, in die ich jetzt mit meinen Haaren gehen möchte. Ich habe gerade diese sehr weibliche Seite ausprobiert und merke, dass ich wieder etwas mehr von beiden Geschlechtern haben möchte. Ein Vokuhila finde ich cool, weil er für alle Geschlechter gleich ist. Das trägt eine Frau genauso gut wie ein Mann.

@lenibolt

Lerato, 20 

Woher kommst du? 
Köln.

Wie wichtig sind dir deine Haare?
Als Teenagerin hatte ich ein eher schlechtes Verhältnis zu meinen Haaren und meiner Identität. Erst langsam habe ich angefangen, meine Haarstruktur zu akzeptieren, die ja nicht den europäischen Normen entspricht. Heute liebe ich meine Haare sehr.

Erinnerst du dich an das erste Mal, als du deine Frisur verändern wolltest?
Mit 14 hatte ich ein gestörtes Schönheitsbild. Ich bin in einen Afroshop gegangen und habe meine Haare chemisch glätten lassen — das hat meine Haare total kaputt gemacht. Vor zwei Jahren habe ich sie dann einfach spontan abgeschnitten, was wirklich total befreiend war.

Wie würdest du deine Haare in drei Worten beschreiben?
Unkompliziert, natürlich, schön.

Mit wem würdest du gerne mal für einen Tag Frisur tauschen?
Eine Bekannte von mir hat auch afrikanisches Haar, aber dünneres als ich und sehr große Locken. Das könnte ich mir auch vorstellen. Ansonsten bin ich aber gerade sehr zufrieden mit meinen Haaren.

Sarnt, 25

Woher kommst du?
Aus Bangkok.
Was machst du?
Ich studiere Filmwissenschaften. 

Wie wichtig sind dir deine Haare?
Meine Haare repräsentieren meine Spiritualität, mein persönliches Wachstum. Ich plane, die lange Seite bis zu meinem Tod nicht abzuschneiden.

Erinnerst du dich an das erste Mal, als du deine Frisur verändern wolltest?
In Thailand müssen alle Schüler den Militärdienst leisten und deshalb schon in der Grundschule die Haare raspelkurz tragen. Mein Verhältnis zu meiner eigenen Identität war damals genauso eingeschränkt, wie meine Möglichkeit über meine eigene Frisur zu bestimmen. Nach dem Militärdienst habe ich mich davon befreit und sehe meine jetzige Frisur auch als Art Widerstand gegen die Militärkultur meiner Heimat.

Wie würdest du deine Haare in drei Worten beschreiben?
Mein Markenzeichen, mein subtiler Widerstand gegen die Normen in Asien und meine Freiheit.

Mit wem würdest du gerne mal für einen Tag Frisur tauschen?
Ich hätte Lust auf die Frisur von der Tänzerin AyaBambi, würde mir dann aber eine Art Treppe in den Pony schneiden.

Alex, 20

Woher kommst du?
Ich komme eigentlich aus Braunschweig.

Was machst du?
Ich studiere Kunstwissenschaft und model nebenbei. Und gerade arbeite ich für das Performing Arts Festival.

Wie wichtig sind dir deine Haare?
Ich hatte früher super lange, rote Haare, und da waren sie mir zu wichtig, weil ich mich zu sehr darüber definiert habe. Deshalb habe ich dann auch irgendwann den radikalen Schritt gemacht und sie abrasiert. Wenn man kaum mehr Haare hat, setzt man sich wirklich auch ganz anders mit seinem Gesicht auseinander.

@alexostojski

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Erinnerst du dich an das erste Mal, als du deine Frisur verändern wolltest?
Oh Gott, bestimmt schon mit zwölf. Ich war früher der totale Freak, der schon um fünf Uhr morgens vor der Schule aufgestanden ist, um seine Haare zu glätten. [Lacht]

Wie würdest du deine Haare in drei Worten beschreiben?
Weiß, kurz und strohig.

Mit wem würdest du gerne mal für einen Tag Frisur tauschen?
Mir fällt zwar gerade keine Person ein, aber ich hätte gerne mal super lange, glatte Rocker-Boys-Haare. Solche, die immer schön fallen. Wie der Typ aus einem der Lana-Del-Rey-Videos. 

Mimi, 22 

Woher kommst du?
Aus Berlin.

Was machst du?
Ich fange bald an zu studieren.

Wie wichtig sind dir deine Haare?
Meine Haare sind ein wichtiger Teil meiner Identität. Ich bin Halb Afrikanerin und habe eine Krause. Das hat nicht jeder. Meine Haare sind Teil meiner Individualität und machen mich aus.

Erinnerst du dich an das erste Mal, als du deine Frisur verändern wolltest?
Als Teenager hatte ich ein Problem mit meinen natürlichen Haaren: Ich habe sie geglättet, hatte dann mal einen Bob und danach super lange Extensions. Vor vier Jahren kam dann der Punkt, an dem ich meine Haare natürlicher tragen wollte. So fühle ich mich mir selbst jetzt am nächsten.

Wie würdest du deine Haare in drei Worten beschreiben?
Das sind zwar vier Worte, aber: zum Glück gestern gewaschen. Am zweiten Tag sitzt die Frisur einfach besser, oder?

Mit wem würdest du gerne mal für einen Tag Frisur tauschen?
Ich bin gerade an einen Punkt gekommen, an dem ich meine Haare so gerne mag, dass ich sie gegen nichts eintauschen wollen würde.

Luca, 24 

Woher kommst du?
Aus Graz.

Was machst du?
Ich studiere Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der UdK.

Wie wichtig sind dir deine Haare?
Mir ist es sehr wichtig, über mein Aussehen bestimmen zu können. Meine Haare sind da — genau wie meine Kleidung und meine Tattoos — ein wichtiges Mittel, wie ich mich präsentieren möchte.

Erinnerst du dich an das erste Mal, als du deine Frisur verändern wolltest?
Den Drang, etwas zu verändern, habe ich schon sehr lange in mir. Mit vier Jahren habe ich mir das erste Mal Strähnen gefärbt, das hatte ich mir bei meiner Mutter abgeschaut. Das hat sich so durchgezogen: Seither habe ich immer wieder Neues ausprobiert, ob kurz, super lang, dazwischen gefärbt, abrasiert oder gefärbt. Zum Glück hatte ich eine Mutter, die das alles unterstützt hat. [Lacht] 

Wie würdest du die Beziehung zu deinen Haaren in drei Worten beschreiben?
Faul, ein bisschen obsessiv, natürlich.

Mit wem würdest du gerne mal für einen Tag Frisur tauschen?
Mir fällt keine spezifische Person ein, aber ich würde gerne mal einen Buzzcut ausprobieren. Ich überlege schon ganz lange, meine Haare einfach abzurasieren, aber ich trau mich nicht. Ich weiß nicht, ob das bei meiner Kopfform gut aussehen würde. [Lacht] 

Dein Tipp für einen Bad-Hair-Day?
Embrace it! Es gibt keine Bad-Hair-Days.

Was dürfte ein Friseur niemals bei dir machen?
Dreadlocks. Die finde ich bei weißen Menschen schwierig. 

@ltmr

Melinda, 23 

Woher kommst du?
Ich bin in Schweden geboren und aufgewachsen, aber meine Eltern sind ursprünglich aus Persien.

Was machst du?
Ich arbeite gerade in einem Jeansladen und mache dafür auch Social Media und Events. Außerdem produziere ich auch Musik.

Wie wichtig sind dir deine Haare?
Es ist schon ein großer, yoluminöser Teil meines Lebens. [Lacht] 

Erinnerst du dich an das erste Mal, als du deine Frisur verändern wolltest?
Da war ich vielleicht sechs Jahre alt. Meine Schwester und ich haben versucht, meine Haare mit einem Steamer zu glätten. Es hat funktioniert! 

Wie würdest du deine Haare in drei Worten beschreiben?
Voluminös, gelockt und wild.

Mit wem würdest du gerne mal für einen Tag Frisur tauschen?
Wahrscheinlich mit jemandem, der auch lange Haare hat, die aber weniger gekräuselt sind als meine.

@melindamohajer

Credits


Fotos: Eylül Aslan
Interviews: Catherina Kaiser
Produktion: Juule Kay