in erinnerung an richard nicoll

Ende letzter Woche erreichte uns die schreckliche Nachricht vom Tod des britischen Designers Richard Nicoll. Wir werfen einen Blick zurück auf die Arbeit des Designers, unseres guten Freundes und i-D Contributor und veröffentlichen das Interview von...

von i-D Staff
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24 Oktober 2016, 2:25pm

Dieser Artikel erschien 2009 zuerst auf Englisch in unserer The Inside/Outside Issue.

Mäntel aus PVC, Strumpfhalter, die spacige Oberteile mit Bleistiftröcken verbinden, Cardigans, die den Blick auf Brüste freigeben, rosafarbene Satinkorsette, bestickt mit Schleifen und A-Linien-Kleider, die verführerisch mit BH als Applikation daherkommen: das sind nur ein paar der Kreationen, die das Publikum bei der Präsentation der Herbst-/Winterkollektion 2009 ins Schwitzen gebracht haben. Frech, sexy und durch und durch moder, die Knöpfe der futuristischen Militärjacken sind um den Hals angeordnet und unterhalb der Schulter ist das Oberteil gecroppt. Seine goldfarbenen Zigarettenhose und enganliegende Bodycon-Kleider sind die perfekten Outfits für Frauen, die sexy, elegant und subversiv aussehen wollen.

„Die Kollektion basiert auf der Figur Tan-ya aus den Neo-Romantic-Collagen von Linder Sterling", erklärt mir Richard. „Linder holte sie aus einem Leben im suburbanen Softporno der 50er auf den Laufsteg." Am bekanntesten ist die britische Künstlerin Linder Sterling für ihr explizites Albumcover Orgasm Addict von Buzzcock und das Zine Secret Public, das sie zusammen mit Jon Savage gegründet hat. Die Prints spiegeln Linders Genie wider. Die atemberaubenden Schwarz-weiß-Montagen sind ein Mix aus weiblichen Nacktfotos, alten Erotikmagazinen und floralen Prints. Zu sehen sind die Prints auf Outfits für den roten Teppich, T-Shirts und auf Mäntel aus PVC. Der Designer hat ein paar seiner Models mit durchsichtigen Schlafmasken und Strumpfhalter auf den Laufsteg geschickt. Korallfarbener Lippenstift, verwuscheltes Haar, weiße Strumpfhosen und fleischfarbene Schuhe komplettierten den 60er Science-Fiction-Look. Das sind Outfits für Frauen, die ihren Sexappeal und ihren Charme einsetzen, um genau das zu bekommen, was sie wollen. Geschlossen und zurückhaltend, aber gleichzeitig auch wild und freizügig. Man kann sich darin die perfekte nicht-so-perfekte Nachbarin vorstellen: immer herausgeputzt saugt sie den Teppich und kocht Kaffee für ihren Mann, nur eben mit einer Schlafmaske und Strumpfhaltern im Gesicht und einem hautengen Rock. Diese Frau weckt Assoziationen mit Jane Jetson, das ist Kleidung für das sexy Suburbia, eine Welt der endlosen Partys und des Dogging, Joggen mit dem Hund. Richard hat Linder vor acht Monaten das erste Mal kennengelernt, als sie in sein Studio kam, um sich ein Outfit für das Shooting für die britische Vogue auszuleihen. Sie hat sich für ein bronzefarbenes Lamé-Shirt interessiert, das ein guter Freund von ihr, Morrissey, während seiner „Your Arsenal"-Tour in den 90ern getragen hat. Auch Richard hat Morrissey im Rahmen dieser Tour in London gesehen. Er erzählt mir, dass sich Linder und er darüber sofort verstanden hätten. Später hat Richard sie gefragt, ob sie nicht zusammenarbeiten wollen. „Die Zusammenarbeit mit Linder war die Erfüllung eines Traumes", so Richard weiter. „Sie ist nicht nur wahnsinnig lustig, großzügig, mitfühlend und faszinierend, sie repräsentiert auch den Typus von Anti-Heldin, den ich bewundere." Durch kreative Brainstormings über SMS und E-Mail haben sie sich besser kennengelernt und haben über Glamour und Außenseitertum in der Kunstwelt diskutiert. Doch die Diskussionen kamen immer wieder auf ihre Leidenschaft und Liebe für den britischen Sänger und Songwriter Morrissey zurück.

Seit 1976 verbindet Linder Sterling und Morrissey eine enge Freundschaft. In dem Smith-Song „Cemetery Gates" wurde die Künstlerin sogar verewigt. Aufgewachsen ist Richard im australischen Perth, „die geografisch isolierteste Stadt auf der Welt", so der Designer. Zuflucht hat Richard in den Texten von Morrissey gesucht und zählt Songs wie „Lucky Lisp", „Barbarism Begins at Home", „Break up the Family", „Hairdresser on Fire" und „Bigmouth Strikes again", um nur ein paar zu nennen, zu seinen Lieblingssongs. „Ich habe Morrissey schon immer geliebt", erklärt Richard. „Dadurch, dass ich mit Linder Jahre später zusammenarbeiten würde und dabei noch so viel Freude zu empfinden, auch weil sie Morrissey die Ergebnisse gezeigt hat, hat sich bei mir ein Gefühl von Symmetrie und der Glaube, dass Dinge aus einem bestimmten Grund passieren, eingestellt." Seine Show für Herbst/Winter 09 hat er mit dem New York Vocal-Remix vom Smith-Song „This Charming Man" beendet—ein passendes Tribut an sein Idol.

Geboren wurde Richard Nicoll 1977 und er beschreibt sich selbst als ruhiges Kind, das seine Persönlichkeit durch seine Kleidung ausgedrückt hat. „Jedes Wochenende war ich auf Flohmärkten unterwegs", erinnert er sich. „Ich war wirklich schüchtern. Für mich war Kleidung das Kommunikationsmittel, es brauchte nicht viel Worte." Sein Kleiderschrank bestand damals aus Pyjama-Oberteilen, Band-T-Shirts, Armeehosen und Perlen. „Meine Haare waren wie die von Kramer [aus Seinfeld]", beschreibt er seine Frisur, „und das war noch die bessere Frisur." Nach der Schule hing er im Minigoldzentrum ab, wo er Poolbillard gespielt und geraucht hat, bevor er nach Hause gegangen ist, um dort The Smiths und Morrissey zu hören. 1994 ist er nach London gezogen und hat sich am CSM für Kunst eingeschrieben. Ursprünglich wollte er Bildhauerei studieren. Bis er seine Liebe für die Mode entdeckt hat. Danach hat er sich umgeschrieben und hat 2002 seinen Bachelor in Menswear gemacht und als Stylingassistent für Camille Bidault Waddington und Alistair Mackie gearbeitet. Dass er seine Leidenschaft dem Modedesign gilt, haben auch andere erkannt und so er hat Stipendium für den Master in Menswear am Central Saint Martins von Louise Wilson erhalten. Schnell hat er auf Womenswear umgesattelt.

Im Rahmen von Fashion East auf der London Fashion Week hat Richard 2003 seine Debütkollektion präsentiert, der Beginn einer kleinen Tradition, die drei weitere Kollektionen beibehalten werden sollte. Die Gründerin von Fashion East, Lulu Kennedy, ist bis heute eine enge Freundin von ihm und unterstützt ihn. Während dieser Zeit designte er als Freelancer für Louis Vuitton unter Marc Jacobs. „Das war eine tolle Zeit", erinnert sich Richard. „Das hat meinen Glauben an die Mode wiederhergestellt und mich darin bestärkt, weiterzumachen und es auch ernsthaft zu versuchen." Durch die ein Stipendium von NewGen konnte er 2005 seine erste eigene Show auf der London Fashion Week realisieren. In London präsentiert er bis zum heutigen Tag seine neuesten Entwürfe.

Seine cleanen, sportlichen Kleider, seine gekonnte Schnittführung und die minimalistische Eleganz begründen den Ruf von Richard als einem der spannendsten britischen Designer momentan. Zu den Leuten in der ersten Reihe gehören Leute wie Anna Piaggi von der italienischen Vogue und der modeverrückte Popstar Kanye West. Richard Nicoll ist bereits mehrmals ausgezeichnet worden, darunter ein Stipendium von Fashion Forward und der angesehene ANDAM Award. Die Kollektionen von Richard Nicoll werden heute in über 30 Stores auf der ganzen Welt verkauft. Zu seinen bekannten Kundinnen zählen unter anderem Lily Allen, Sienna Miller, Diane Kruger und Florence Welsh.

„Meine Designs sind eine eigenwillige Mischung aus der Vergangenheit und Zukunft", erklärt Richard. „Ich habe eine klare Vorstellung von der Frau, für die ich die Kleidung entwerfe. Meine Frau ist stark, unabhängig, kreativ, eigenwillig und zelebriert Individualität über die gängigen Vorstellungen von Status und Sexualität." Ein passendere Partnerin als Linder Sterling konnte er kaum finden. In dem Shooting für i-D wurde Linders Kunst zum Leben erweckt: Die Künstlerin wurde selbst zu einer sinnlichen Hausfrau aus den 50ern und zur vollbusige Königin der Vorstadt, eben nur mit knallroten Lippen, einem guten Shampoo und großen Set. „Sie verkörpert auf perfekte Weise meine Idee einer Frau, die sich ihrer Vergangenheit bewusst ist, dabei aber alterslos, optimistisch und innovativ bleibt", so Richard. „Wenn Linder weniger interessant wäre, dann wäre aus ihr ein Postpunk-Klischee geworden, aber für mich steht sie für Modernität und Inspiration."

Hier schildert Linder Sterling ihre Erfahrungen:

„Zum ersten Mal habe ich Richard Nicolls Designs für ein Vogue-Shooting getragen. Das Thema des Editorials war „Gangs" und ich war Teil von Stuart Shaves Kunstgang. Ich habe ein von Morrissey inspiriertes Oberteil von Richard getragen und wurde vor einer Box, auf der „Zerbrechlich" stand, fotografiert. Eine glamouröse Version von The Death of Chatterton, mit einem industriellen Chic. Daraufhin hat sich Richard gemeldet und mich gefragt, ob ich Interesse an einer Kollaboration hätte. Ich habe ohne Zögern zugesagt. Die Zeit hat sich richtig angefühlt—und Richard auch. Es war so, als ob sich endlich ein Kreis schließen würde. Die weibliche Form in meinen Arbeiten nimmt ihre Bezüge aus den 70ern. Ich war neugierig darauf, wie sich das in Womenswear übersetzen lassen würde. Das hat funktioniert und erst neulich habe ich Sienna Miller im amerikanischen Fernsehen gesehen, wie sie ein Oberteil mit einem Linder-Print getragen hat. Ich fand toll, wie die Linder-Brüste die Brüste von Sienna Miller überdeckt haben, als sie über GI Joe gesprochen hat. Wir haben für Richards Kollektion eine Farbpalette gewählt, die sich an der Unterwäsche aus den 30ern orientiert. Es stammt aus der gleichen Zeit, aus der das Haus für das Shooting für i-D stammt. Mich hat schon immer interessiert, wie es unter der Oberfläche aussieht. Die Geschichte des BHs sagt ja schon alles. Als ich jung war, schien sich jede Sitcom im Fernsehen darum zu drehen, wie der Mann den BH an einem hübschen, jungen Ding aufbekommt. Heute gibt es ganze Branchen, die nur ein Ziel haben: ihr den BH wieder überzuziehen. Es ist doch fast ein Wunder, dass noch kein BH-Hersteller die Textzeile „Let me get my hands on your mammary glands" in einem Werbespot verwendet hat. Die Collagen, die Richard für die Prints benutzt hat, habe ich aus Negativen geschaffen, die ich auf einer Auktion erstanden habe. Sie sind in mehreren glamourösen Shootings entstanden. Weil das Model Bikinistreifen hatte, musste ich mehr bezahlen. Es gibt eine ganze Generation Männer, die auf Bikinistreifen und Alltagserotik stehen und nicht auf künstliche Bräune. Die ganze Idee hinter der Erotik ist doch, dass die Verfügbarkeit der Frau verzögert werden soll, ob das nun durch die Sonne oder Unterwäsche passiert. Der Stylist bei dem Shooting, Jacob K, hat das verstanden. Für die Fotos von Tim hat er aus mir eine galaktische Frau gemacht. Die Fotos verstehen nur Männer, die ein bestimmtes Alter haben, wahrscheinlich eher nicht das durchschnittliche i-D Publikum. Aber Jacob und ich haben gewusst, was wir wollen. Als es dann endlich zum Shooting kam, hat es auch der Fotograf Tim Walker verstanden. Tim arbeitet sehr literarisch. Als wir uns durch jeden Raum im Haus gearbeitet haben, hat er mich immer nach einer Geschichte, meiner Geschichte gefragt. Wir hatten nur einen Tag für alle Fotos. Wir haben zügig und spontan gearbeitet. Tim arbeitet mit Tageslicht, er ist ein absoluter Meister darin. Als ich in einem Richard-Nicoll-Mantel und Louboutin-Stiefeln die zurückgebeugte Pose für eine Weile halten musste, weil Tim verschiedenen Kameras ausprobiert hat, sind mir die Worte meiner Mutter wieder in den Sinn gekommen: Wer schön sein will, muss leiden. 

Als es darum ging, aus den Fotos Collagen zu machen, musste ich mich erst mal psychologisch davon entfernen, damit ich Distanz zu ihnen aufbauen und sie als gefundene Objekte behandeln kann. Ich setze mich in meinen Arbeiten oft selbst als gefundenes Objekt ein. Ich teile mich in zwei Hälften, damit ich gleichzeitig Objekt und Subjekt sein kann. Ich habe mit Messern, Skalpell, dem Prittstift und einer Ausgabe von The Rose Annual gearbeitet. Tim war froh darüber, dass er die Kontrolle abgeben konnte und mir freie Hand gelassen hat. Dieses Vertrauen war an sich sehr befreiend. Das Styling von Jacob K hat dazu beigetragen, dass es verschiedene Ebenen gibt. Ich bin zufrieden, wenn die Kleidung das Psychologische widerspiegelt.

Ich habe das Brustkorsett 1981 in einem Martial Arts Shop in Manchester gekauft. Ich habe wahrscheinlich eine Woche gehungert, um es mir leisten zu können. Ich habe es später zur Eröffnung vom Hacienda getragen, zusammen mit einem schwarzen Cardigan und schwarzen Rock, das war Witwe-trifft-Helmut-Newton-Chic. Der Busfahrer war glücklich, er war auch der einzige. Monate später habe ich in dem Club in einem Kleid aus Fleisch zur Bonfire Night gesungen. Von der Factory war keiner wirklich glücklich darüber, aber es war allemal besser als die Feuerwerke.

Ich erinnere mich noch daran, wie wichtig i-D zu der Zeit war. Das Magazin war so einfach, so direkt. Jede Seite zeigte das, was die Leute in Großbritannien wirklich getragen haben, es war mindestens ebenso ein anthropologisches Magazin. i-D war einfach neugierig, zu erfahren, was wir getragen haben und warum. Morrissey und ich haben uns immer für die Leute interessiert. Wir haben die Leute in Manchester beobachtet und am meisten haben uns die Leute interessiert, die sich in ihrer Haut wohlgefühlt haben. Wir haben uns beide in unseren Körpern wohlgefühlt. Uns hat immer mehr als die Mode der Kleidung interessiert: die Art und Weise, wie Leute laufen. Wir waren davon überzeugt, dass wir anhand des Hüftschwungs sagen konnten, ob die Person Sex hatte. Ich brauche gar nicht zu erwähnen, dass unsere Hüften bei der Geburt ruhig gestellt wurden. Das passiert automatisch, wenn man aus dem Norden Englands kommt und ein bisschen Grips hat. Kluge Leute haben keinen Sex.

Ich arbeite im Moment an zwei Performance-Pieces, in Kollaboration mit Richard Nicoll und dem Musiker Stuart McCallum. Wenn Benjamin Britten und Peter Pears bei Topshop gearbeitet hätten und in Levenshulme gelebt hätten, dann hätten sie die gleiche Musik gemacht, die Stuart und ich gemacht haben. Wir haben die Musik hier in einer verlassenen Musikhalle in Morecambe aufgenommen, ein Atomkraftwerk und eine Kirche. Alles Orte, die überflüssig geworden sind oder noch werden. Stuart und ich haben uns eingeschlossen und den Sound einfach entstehen lassen.

Richard Nicoll und Stuart McCallum wurden beide 1977 geboren. Da denkt man doch über die Zeit und das Alter nach. Wie oft war ich in einem Schuhladen, bevor sie überhaupt die Augen geöffnet haben? Wie viele Toast habe ich verbrennen lassen? Wie viele Lippenstifte die Toilette heruntergespült? Ich habe so viele Kämme in Ritzen hinter Schubladenschränke verloren.

Ich bin in den 50ern geboren, ich bin klassische Mid-Century-Moderne und ich weiß, dass ich jetzt offiziell Vintage bin. Ich werde bald als antik gelten."

Credits


Text: Holly Shackleton 
Fotos: Tim Walker
Styling: Jacob K
Artwork: Linder Sterling
Make-up-Artist: Sam Bryant.
Fotoassistenz: Francesca Foley.
Stylingassistenz: Siobhan Lyons und Sivan Currie.
Haarassistenz: Gerard Hawe.
Location: greatnorthernlocations.com.
Fotoentwicklung: Touch Digital.
Models: Linder Sterling, Saranne Woodcroft und Richard Nicoll.