Photography Ryan James Caruthers

Diese jungen Fotografen werfen ein neues Licht auf Queersein

Diese Frauen und Männer zeigen uns, was es bedeutet, jung und queer zu sein.

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Jan. 27 2017, 3:10pm

Photography Ryan James Caruthers

Es ist unmöglich, Queersein in nur einem Foto auszudrücken. Anfang des 20. Jahrhunderts haben Fotografen queere Maskulinität als Athleten mit glitzernden Sixpacks und in antiken Posen inszeniert, die sogenannte physique photography. Die Bilder sind damals in Magazinen mit Titeln wie dem bekannten Physique Pictorial oder Adonis und Demi-Gods erschienen. Später haben Künstler wie James Bidgood, Duane Michals und Tee Corinne neue Facetten hinzugefügt. Und mit Fotografen wie Wolfgang Tillmans, Collier Schorr und Ryan McGinley ist queer photography mittlerweile Teil des Kanons und die Zeit, in der Schwulenmagazine unter der Matratze versteckt werden müssen, sind zum Glück vorbei. Heute hängen solche Fotos über mehrere Stockwerke als Calvin-Klein-Anzeigen im öffentlichen Raum.


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Immer mehr Fotografen nutzen Instagram und Tumblr als ihre experimentellen Spielwiesen, um das ganze Spektrum menschlicher Sexualität zu zeigen: So fotografiert der New Yorker Fotograf Mickey Aloisio statt der muskulösen Adoniskörper füllige Männer, die sich als queer identifizieren, und die Londoner Fotografin Erika Bowes postet saturierte Porträts von ihren gender-queeren Freunden, die sie auf Instagram entdeckt hat. Und das sind nur zwei der jungen Fotografen, die flüchtige Momente in lebendige Dokumente verwandeln und uns zeigen, was es heute auch heißen kann, jung und queer zu sein.

Serge Le Hidalgo
"Für mich drückt Nacktsein die Essenz einer Person aus", sagt der in Paris lebende Fotograf Serge Le Hidalgo. Seine lichtdurchfluteten Fotos fühlen sich so an wie ein entspannter Sonntag mit einem Lover. Seine Motive laufen nackt und relaxed durch das Haus, und durch Licht-und-Schatten-Spiele werden die Feinheiten ihrer Körper wunderschön in Szene gesetzt. Hidalgos softe Bilder haben auf Tumblr einen Nerv getroffen. Dort werden seine Bilder zu Tausenden gelikt und geteilt. "Meine Arbeiten zu zeigen, ist mir sehr wichtig, weil ich Feedback brauche", so der Spanier. "Ich bin auf das Gefühl angewiesen, dass es Leute gibt, die sich für die Bilder interessieren." Er hat in Madrid Fotografie studiert und erklärt, dass seine Ästhetik auf einen Ex-Freund zurückgeht: "Der hat mir einen Fujjica Stx-1 gegeben. Damit habe ich ihn nackt fotografiert. Das war die beste Schule."

@sergelehidalgo

Devin N. Morris
Devin N. Morris beschreibt seine Fotografien als etwas, das zwischen einem Traum und einer Erinnerung existiert. Ein Blick genügt und man weiß, was er meint. Seine Models tragen Kleidung, die an experimentelle Silhouetten von Hood By Air und Vetements erinnern. Mit seinen theatralischen Bildern zeigt er, was Schwarzsein ist und was Schwarzsein werden kann. "Ich möchte die Funktion von Kleidung erweitern und ignoriere dafür die gegenderten Bedeutungen von Farben, Formen oder Designs", erklärt er das umfangreiche Styling und Kuratieren, das all seine Shootings begleitet. "Ich räume den Personen eine Priorität ein, die in der klassischen Fotografie unterrepräsentiert sind: People of Color, oder genauer gesagt Afroamerikaner."

@devinnmorris

Luke Smithers
Für den in Texas aufgewachsenen Luke Smithers bot die Fotografie zuallererst einen Ausweg. In seiner Jugend ist er über den Zaun seiner Nachbarn geklettert, hat ein Stativ aufgestellt und sich davor selbst fotografiert. "Danach habe ich ihren Zaun mit Photoshop in die afrikanische Savanne verwandelt, ich zwischen Zebras", erinnert sich. Mittlerweile studiert er an der NYU und widmet sich noch intensiver, seine Fantasien Realität werden zu lassen. Er stellt sich selbst ins Zentrum seiner Bilder. "In all meinen Arbeiten thematisiere ich mein eigenes Schwulsein", erklärt er seinen Ansatz. "In jedem Foto steckt mein Verlangen, das ich zu der Zeit empfunden habe."

@lukesmithers

Meg Allen
"Ich habe mit dem Fotografieren angefangen, weil ich mich an schöne Dinge erinnern wollte", erklärt Meg Allen. "Es gab diese banalen Begebenheiten, die nur darauf gewartet haben, festgehalten zu werden. Diese Gefühl hat mich überwältigend. Das war etwas Universelles", sagt uns die amerikanische Fotografin. Beim Fotografieren fühlt sie sich besonders von der Schönheit weiblicher Männlichkeit angezogen. Ihre Fotos sind hyperrealistische Porträts von Frauen, die oft nur auf sexistische Klischees reduziert werden: "In meinen Arbeiten wird es immer Elemente von Butchsein und Queersein geben, weil ich das nun mal bin. Das bestimmt meine Wahrnehmung der Welt", sagt sie. Während sich andere queere Fotografen für die Hochglanzversionen ihrer Erfahrungen und Innenleben interessieren, geht es der in Oakland lebenden Fotografin darum, den Alltag zu zeigen und dass queer zu sein eben auch anders aussehen kann. "Die Wahrheit ist, dass wir gar nicht so kompliziert sind", erklärt sie. "Einige von uns sind total langweilig und möchten einfach nur ein Haus, einen gut bezahlten Job und legal heiraten können."

@megallenstudio

Amos Mac
Schon als Kind hat Amos Mac immer eine Einwegkamera mit sich herumgetragen und seine Vorliebe fürs Geschichtenerzählen entdeckt. Heute arbeitet er als Associate Television Producer und hat an der zweiten Staffel von Gaycation mitgewirkt. Doch daneben ist er auch ein hervorragender Fotograf. Zusammen mit Zackary Drucker hat am Translady Fanzine gearbeitet und dafür zum Beispiel Juliana Huxtable fotografiert. Und 2009 hat er gemeinsam mit einem Freund Original Plumbing gegründet, eine Printpublikation für Transmänner. "Die fing als Fotoserie von Transmännern an. Ich wollte meine Fotos dann mit Interviews kombinieren, weil ich genug davon hatte, dass Transgender von Cisgender fotografiert werden und nur als Körper ohne eigene Stimme wahrgenommen wurden", sagt er. Für die HBO-Dokumentation The Trans List hat er den Platz hinter der Kamera eingetauscht und darin über seine eigene Erfahrung als Transgender gesprochen.

@amosmac

Ryan James Caruthers
Fotograf Ryan James Caruthers mag Männer in High Heels. In seinen minimalistischen Fotos (man kann die Farben meistens an einer Hand abzählen), fängt er die weichere Seite von queerer Männlichkeit ein. "Mir geht es mit meiner Ästhetik darum, die Feinheiten einer Persönlichkeit zu zeigen", so der junge Fotograf. "Auch wenn in meinen Fotos Queersein nicht immer direkt anspreche, taucht es doch als Thema irgendwie auf." Mit 14 Jahren experimentierte er mit Analogfotografie, in dem er sich selbst im Wald fotografiert und die Fotos dann auf Flickr veröffentlicht hat. "Es war toll, mit Leuten zu interagieren, die ähnlich wie ich dachten, auch wenn das nur auf einem visuellen Level war", erzählt er uns. Eines seiner stärksten Fotografien zeigt ein junges Männermodel, das seine Muskeln wie ein WWE-Wrestler anspannt, aber ein Samtkleid trägt. Das Foto symbolisiert den Fakt, dass Männlichkeit und Weiblichkeit keine Frage von Entweder-oder ist. Sie bedingen sich gegenseitig. In einer Welt, in der queere Männer gezwungen werden, zwischen Aktiv und Passiv zu entscheiden, zwischen Femme oder Masc, ist das ein Statement, das jeden erreichen muss.

@ryanjamescaruthers

Mickey Aloisio
"Es ist erstaunlich, wie bereitwillig Leute etwas von sich preisgeben, wenn sie erstmal nackt sind", erklärt Mickey Aloisio. Seine Nacktfotos zeigen Chubbys , so werden in der Schwulencommunity füllige Schwule genannt, die direkt in die Kamera schauen. Ein Blick, der den Betrachter gerade zu einer Reaktion aufruft. „Queersein ist ein so elementarer Teil meiner Arbeit geworden. Es ist schwierig, diesen Aspekt nicht in meiner Arbeit zu berücksichtigen", sagt der Fotograf. "Ich bin vor Kurzem 90 Tage lang kreuz und quer auf der Suche nach Chubbys durchs Land gefahren, um die Porträtserie fortzuführen. Ich habe auch oft bei ihnen übernachtet. Wenn es die queere Community nicht geben würde, dann glaube ich nicht, dass ich noch fotografieren würde, ohne diese Männer hätte ich keine Motive."

@mickeyaloisio

Diego Villarreal
Diego Villarreal ist dem ein oder anderen vielleicht als Model bekannt. Gerade erst lief er für Balmain, Givenchy und Versace in deren Herbst/Winter 2017-Schauen. Aber er macht hinter der Kamera mindestens eine ebenso gute Figur. In seinen Fotos sieht man, wie seine Freunde aus der Modebranche New York in Genderfluid-Outfits unsicher machen und das tun, was das Privileg der Jugend ist: Exzess leben. Seine ansonsten so cleanen Fotos haben eine verspielt, erotische Qualität: Brustwarzen, Schweiß und Schmollmünder sind zu sehen. "Ich stehe gerade total auf Fetisch", erklärt er seine gegenwärtigen Vorlieben. Das spanische Model Schrägstrich Fotograf hat beim Shooting eine Regel: "Je lustiger und angedrehter, desto besser."

@diegovillarreal

Erika Bowes
Ihr Handwerk hat Erika Bowes durch einfaches Ausprobieren gelernt, als sie als Teenager zur Fotografie gefunden hat. Ihr erstes Bild war von ihrem Hund, das natürlich auf Tumblr gelandet ist. "Das war ein schrecklicher und peinlicher Post, aber ich erinnere mich noch daran, wie besessen ich von Bildkomposition, dem Winkel, der Bewegung, den Farbkombinationen und dem Schatten war, das bin ich seitdem beibehalten habe", erklärt Bowes. Ihre Arbeiten zeichnen sich heute durch kräftige Farben, ein vielfältigen Model-Cast und alternative Mode aus. Beim Shooten ist ihr besonders wichtig, dass sie die Persönlichkeit in all ihren Facetten darstellt. Für das Fruits Zine hat sie die Pansexualität des Models mit starken Farbeinsätzen zelebriert. Ihre Arbeiten sind radikale, multidimensionale Porträts von queeren Femmes.

@erikabowes

Doug Paul Case
"Mich fasziniert der männliche Körper immer wieder: Was für wunderschöne Arbeiten durch das Spiel mit Licht entstehen", so Doug Paul Case über seinen Ansatz. Seinen Abschluss hat er im MFA Program der Indiana University gemacht und ist dann eher durch Zufall zur Fotografie gekommen. "Catherine Bowman, selbst Dichterin, hat mich nach einem Kurs gefragt, ob ich fotografiere", sagt er. „In meinem Gedicht ging es um Sportler, die in engen roten Shorts über den Campus rennen. Zu der Zeit habe ich nie ernsthaft darüber nachgedacht, Fotos zu machen. Aber ich habe es dann versucht, weil ich dachte, dass es mir dabei helfen würde, diese anschaulichen Gedichte umzusetzen." Cases Fotos fühlen sich wie Gedichte an. Er spielt darin mit Strukturen, mit Materialien und Doppelbelichtungen. Es sind Bilder, die sich wie Moodboards anfühlen. Wie jedes gute Gedicht, so lässt er genügend Interpretationsfreiraum in seinen Werken. "Die wichtigste Funktion von Queersein in der Kunst und allgemein im Leben ist es, dass es den Betrachter zwingt, darüber nachzudenken, was Schönheit auf der Welt bedeutet und was dadurch alles entstanden ist", erklärt uns Doug Paul Case.

@dougpaulcase