bei comme des garçons und andreas kronthaler for vivienne westwood regiert die vernunft

Designer huldigen in den Herbst-/Winter-17-Shows der Altersweisheit.

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06 März 2017, 2:55pm

Comme des Garçons fall/winter 17

Reife — das ist klar das Thema der diesjährigen Shows in Paris. Simone Rocha hat den Ton in London mit ihren älteren Schönheiten vorgegeben, einschließlich der 72-jährigen Jan de Villeneuve, der 73-jährigen Benedetta Barzini, der 50-jährigen Cecilia Chancellor und Audrey Marnay, die mit 36 immer noch 15 Jahre älter ist, als die meisten Models, die gerade auf den Laufstegen unterwegs sind. Eva Herzigova (42) hat in Mailand die Bottega-Veneta-Show eröffnet und Amber Valetta (43) die Versace-Show beendet. Sie lief auch für Dries van Noten in Paris, aber der 58-jährige Designer, der seine 100. Fashionshow gefeiert hat, hatte noch mehr im Petto. Für diese Show hat er über 50 Models, die für ihn seit seiner ersten Modenschau 1992 gelaufen sind, einfliegen lassen, von Kristina de Connick, die den ersten Look gelaufen ist, bis zu Alek Wek, Carolyn Murphy, Tasha Tilberg, Trish Goff, Guinevere van Seenus, Hannelore Knuts, Anne Catherine Lacroix, Nadja Auermann und vielen anderen. Die meisten Models sind über 40 und doch wirkten sie genauso natürlich wie ihre jüngeren Nachfolgerinnen, wenn nicht sogar selbstbewusster und charismatischer. Das muss am Alter liegen.

Andreas Kronthaler for Vivienne Westwood, Autumn/Winter 17

In seiner Kollektion, die fast schon an Haute Couture erinnert, hat Kronthaler seine cross-sexuelle, cross-kulturelle und cross-historische austro-englische Opulenz weitergeführt, es war eine Lektion in Altersweisheit: „Ich schließe keine Körper aus. Heutzutage wird zu viel Wert auf Körper gelegt. Ich bevorzuge die Augen und das Gesicht, und ich liebe Hände und Füße", schrieb er. „Männer und Frauen in Anzügen, das bringt das Formale in unsere zwischenmenschlichen Beziehungen." Kronthaler steckt Männer in Kleider. Beides sorgte für einen Unity-Look, ein Thema, das John Galliano letzte Woche bereits bei Maison Margiela aufgegriffen hat. Die Designer haben in ihren Herbst-/Winterkollektionen 2017 auf das reaktionäre Jahr 2016 (Trump und Brexit) reagiert. Sie zeigen, dass mit dem Alter die Erfahrungen kommen, die uns davor bewahren sollen, Fehler zu wiederholen. Diese Saison könnte unter der Überschrift des berühmten Churchill-Zitats „Wer mit 20 kein Kommunist ist, hat kein Herz. Wer mit 40 Kommunist ist, keinen Verstand" stehen, das fälschlicherweise dem ehemaligen britischen Premier zugeschrieben wird. 

Andreas Kronthaler for Vivienne Westwood, Autumn/Winter 17

Zynisch und unwahr, stimmt doch die Kernaussage nach wie vor: die Jugend kämpft leidenschaftlich, aber es sind die Älteren, die Verantwortung übernehmen und tätig werden müssen. Die Punk-Kollektion von Junya Watanabe war die Verkörperung dieser Einstellung. In seiner Zeit, in der die Mainstreampolitik gegen die liberalen Werte kämpft, die für Modeindustrie essentiell sind, war es ein Zeichen zum Widerstand. Manchmal reicht auch ein einfaches Zeichen. Und manchmal braucht man dafür eben eine Prise Rei-Kawakubo-Weisheit. Ihre Comme-des-Garçons-Kollektion zeige die „Zukunft der Silhouette". Dafür führte sie die Ballon-Looks, die entfernt an Mammuts erinnern sollen, auch diese Saison fort. Doch die Materialien der Kreationen hatten nichts Futuristisches, sie fühlten sich sehr analog an: Filz, Folie und Papier. So sah es zumindest aus.

Andreas Kronthaler for Vivienne Westwood, Autumn/Winter 17

Kawakubos Statement fühlte sich plötzlich etwas apokalyptisch an (das ist Wort der Saison, seit Vanessa Friedmans Kritik der Saint-Laurent-Show in der New York Times und Anthony Vaccarello es als Hashtag in seinen Instagram-Posts verwendet). Sagt uns damit die Comme-des-Garçons-Designerin, dass uns die digitale Evolution in ein Steinzeitalter, back to basics, Planet der Affen führt? Es ging viel mehr darum, wie in vielen Schauen der Saison Herbst/Winter 17 um Reife, Verstand und den Widerspruch zwischen Zukunftsfreude und Vergänglichkeit von allem Biologischen. Die Ausstellung des Costume Institute im New Yorker Met Museum dreht sich dieses Jahr um Kawakubo — ein Meilenstein für jeden Designer, der sicherlich auch zu einem persönlichen Innehalten bei der Japanerin geführt hat. Die Kollektion vom Wochenende dürfte ein erster Vorgeschmack auf die kommende Ausstellung gewesen sein.

Comme des Garçons, Autumn/Winter 17

Rei Kawakubo wurde 1942 geboren und erlebte als Mittzwanzigerin die 60er, eine Zeit der Möglichkeiten, der Chancen und des Optimismus. Die Haare aus Draht, die glänzenden silberfarbenen Kreationen, zusammen mit dem Analog-Vibe, wirkten vor diesem Hintergrund auf einmal sehr wie Stanley Kubrick: ein Look des Space Age, in dem ein kleiner Schritt für einen Menschen, einen großen Sprung für die Menschheit bedeutet hat, in dem Raumschiffe und Raumanzüge genauso ausgesehen haben wie bei Major Ton. Ist es ein Zeichen, dass die Designerin ihre Archive just zu einem Zeitpunkt öffnet, in dem in Amerika ein reaktionärer, konformistischer Zeitgeist weht? Möchte sie uns die liberale Kennedy-Ära zeigen und auf Expansion setzten, anstatt auf Rückzug?

Comme des Garçons, Autumn/Winter 17

Auf eine definitive Antwort müssen wir uns bis Mai gedulden. Dann eröffnet die Kawakubo-Retrospektive mit über vier Jahrzehnten Modegeschichte. Es wird nicht einfach nur um ihre Entwürfe gehen, sondern ihre Designs spiegeln auch die Zeitläufte wider. Es gibt keine bessere Werbung für Altersweisheit und reife Entscheidungen.

Comme des Garçons, Autumn/Winter 17

Credits


Text: Anders Christian Madsen
Fotos: Mitchell Sams