diese kunterbunten bilder vom hamburger csd feiern sexuelle freiheit

Taucht mit uns ein in die schillernde Welt des CSD in Hamburg.

von Alexandra Bondi de Antoni
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26 August 2015, 10:00am

Laute Musik, überall strahlende Gesichter und viel Liebe, die in der Luft liegt - wir befinden uns inmitten des Hamburger CSD. Alle feiern, freuen sich ihres Lebens, alle Sorgen und Probleme sind für ein paar Stunden vergessen. Unter ihnen auch Lindsay und Toa. Die zwei lernten sich vor einem Jahr kennen, verliebten sich unsterblich ineinander und arbeiten seitdem unter dem Namen Bardo an den verschiedensten Projekten zusammen. Heute sind sie auf den Straßen Hamburgs unterwegs, um die Individualität und Lebensfreude der schwulen, queeren, lesbischen, transsexuellen und heterosexuellen Deutschen einzufangen. 

„In Deutschland ist die Schwulenszene so unglaublich individuell. Die Leute sind freier als in vielen anderen Länder", meint Lindsay später. Die Bilder sind der Anfang eines umfassenden Projektes über die unterschiedlichen Schwulenszenen weltweit. Wir haben Toa und Lindsay, die im Moment in Südafrika an einer weitere Bilderstrecke arbeiten, ein paar Fragen gestellt und mit ihnen über Schwulenrechte und über die Wahrnehmung des weiblichen Körpers gesprochen. 

Wer seid ihr und wie habt ihr euch kennengelernt? 
Toa: Lindsay ist Simbabwerin und ich bin französisch-kolumbianischer Herkunft. Wir trafen uns vor einem Jahr, als ich von einem zweijährigen Indientrip wiederkam. Am ersten Tag rannten wir nackt durch die Straßen Hamburgs und filmten uns dabei. Am vierten Tag waren wir total ineinander verliebt. Jetzt sage ich wir, aber anfangs musste ich einiges an Überzeugungsarbeit leisten. Seitdem schreiben, fotografieren, filmen und experimentieren wir gemeinsam - wir fotografieren Mode, drehen Videoclips, Dokumentationen und Unsinn. Als Kollektiv sehen wir uns als Liebeskind von Allen Ginsburg und Chögyam Trungpa.
Lindsay: Eines Tages sagt mir Toa, dass er nach Indien geht und ich habe fünf Minuten, um mir zu überlegen, ob ich mit ihm „für immer" (seine Worte) mitgehen möchte. Ich flippte aus, schloss dann meine Augen und sagte ‚Wieso nicht'. Schließlich verbrachten wir vier gemeinsame Monate dort, in denen wir eine andere Seite an uns entdeckten. Das hat Bardo nachhaltig beeinflusst, was die individuelle Sichtweise, Stimme und Richtung angeht.

Was ist Bardo? Wofür steht es? Was sind eure Ziele?
Lindsay: Bardo ist ziemlich umfangreich, aber um es einfach auszudrücken: Bardo ist tibetisch-buddhistisch und bedeutet „dazwischen", die Zwischenstufe zwischen einem Punkt und dem nächsten. Im Westen ist es am besten als Zwischenstadium zwischen dem Diesseits und Jenseits bekannt. Ich glaube, dass das Thema in ein paar Monaten super trendy sein wird. Ich glaube, wir stehen für einen Teil unserer Generation, der als super hipsterig und cool gilt, aber wir sind ziemlich traurig und extrem unsicher. Angetrieben durch dieses Gefühl laufen wir in eine Richtung ohne ein Ziel als solches zu haben, weil wir ehrlich gesagt gar nicht wissen, wohin wir laufen. Irgendwie scheint es zu funktionieren. Man fällt, aber man kommt nie auf dem Boden auf.

Wie seid ihr zur Fotografie gekommen?
Lindsay: Toa hat bereits in den letzten fünf Jahren beim Film gearbeitet, also er hat produziert, geschrieben und auch Regie geführt. Ich habe während auch immer fotografiert. Ich wollte das nie werden, es ist einfach passiert. Es wurde für mich zum effektivsten Weg, um mich künstlerisch auszudrücken. Jetzt, da wir zusammen arbeiten, sind wir ständig auf der Suche nach neuen künstlerischen Formen. Ich fing damit an, nackte Menschen - einschließlich meiner Mutter - irgendwo im Nirgendwo im Süden Afrikas zu fotografieren. Ich weiß nicht wieso, aber ich kann keine Fotos von Toa machen, auch wenn er der am besten aussehende Schokoladenprinz ist, den ich je getroffen habe. (Natürlich sagte er mir, dass ich das sagen muss.)

Wieso habe ihr auf dem CSD fotografiert? Was ist euer persönliches Interesse daran?
Lindsay: Wir arbeiten meistens spontan, dieses Mal auch. Es ist eine große Party, auf die ich die letzten vier Jahre immer gegangen bin. Es ist interessant zu sehen, wie sie sich die Szene entwickelt und wie sie wächst. Auch wenn ich aus einer sehr konservativen Familie komme, hatte ich nach meinem Schulabschluss immer sehr enge Kontakte zur Schwulenszene. Ich hatte zig schwule Freunde und ich bin immer in Schwulenclubs und auf Schwulenpartys gelandet. Das Thema Sexualität wollte ich schon länger aus dem Blickwinkel dieser Freunde beleuchten sowie meine eigenen Erfahrungen und meine Herkunft einbringen. Wir wollen das Normale in den Ausgestoßenen und Leuten aus der Unterhaltungsbranche entdecken. Menschen mit all ihrer komplexen Psychologie und Sexualität sowie die Mechanismen hinter Rassismus interessieren uns.
Toa: Wenn wir Labels wie Schwarz oder Weiß, Homosexuelle oder Heterosexuelle benutzen, errichten wir eine Mauer in den Köpfen der Leute. Wir vergessen, dass wir, unabhängig von der eigenen Sexualität, Menschen bleiben. Wir wollen alle glücklich werden und keiner möchte leiden. Wir sollten uns nicht so wichtig nehmen.

Wo stehen wir heute in Sachen Schwulenrechte? Was muss sich eurer Meinung nach noch ändern?
Lindsay: Es hat sich weltweit schon viel in Sachen Schwulenrechte bewegt, auch wenn das leider noch nicht überall angekommen ist. Das offensichtlichste Beispiel ist Russland, wie Indien und viele Länder in Afrika, in denen Schwule immer noch verfolgt und unterdrückt werden, weil sie „nicht normal" sind. Es ist einfach krank, dass man für die sexuelle Orientierung in einigen Ländern im Nahen und Mittleren Osten sowie Afrika immer noch zum Tode verurteilt werden kann. Die Mentalität, dass Homosexualität falsch ist, und dass sie in Ländern wie Indien seit den 1860ern unter Strafe steht, wird sich nicht über Nacht ändern. Was wir bis dahin tun können, ist für ein höheres Bewusstsein zu sorgen und auf die Dinge aufmerksam zu machen, die nichts mit uns zu tun haben. Wir glauben, dass es letztlich um Toleranz geht. Ich denke mir die ganze Zeit nur: ‚Ist das euer Ernst?' Wollen die Leute wirklich einen Krieg um Homosexualität führen? Es geht doch dabei um Liebe. Es ist eine Privatsache. Es geht keinen was an, wen oder warum man jemanden liebt. Unsere Prioritäten müssen sich ändern. Wie wäre es denn mit Monsanto? Ich habe das Gefühl, dass es eine groteske Verletzung von grundlegenden Menschenrechten ist, die uns von einer größeren Krise ablenken soll.

Habt ihr Unterschiede in den Schwulenszenen in verschiedenen Städten entdeckt?
Lindsay: Wo auch immer du bist, die Szene ist überall fantastisch, jeder steht unter Strom. Mein Eindruck ist, dass es in der deutschen Schwulenszene mehr Individualismus gibt. In Ländern im Süden Afrikas sucht die junge Generation noch nach ihren Ausdrucksformen, aber die Szene ist nicht so offen wie in Europa, das ist jedenfalls mein Eindruck. Ich denke, dass es immer noch genügend Möglichkeiten gibt, Unterdrückung herauszufordern sowie Selbstverständnis und Akzeptanz zu fördern. 

Was wollt ihr mit euren Bildern erreichen?
Lindsay: Die Bilder sind nur der Beginn. Sie zeigen nur einen kleinen Ausschnitt der Szene; den extrovertierten Teil mit Leder, den Partys und Kettenhemden. Wir hoffen, dass wir das Projekt auf die bodenständigeren, unscheinbaren Typen, die das Gewöhnliche darstellen, ausweiten können. Schwule werden so oft als abnormal angesehen. Diese Bilderserie fungiert quasi als Eisbrecher, bevor wir uns tiefgründiger und umfassender mit dem Thema auseinandersetzen.

Könnt ihr mir ein oder zwei besondere Begegnungen schildern, die passiert sind, während ihr fotografiert habt?
Lindsay: Jeder liebte es, vor der Kamera zu stehen. Die Leute feiern ihre Individualität und wollten sie auch mit uns teilen. Das ist etwas, was wir an der Szene lieben - ihre Offenheit. Wir fänden es toll, wenn sich mehr Leute - inklusive uns - daran ein Beispiel nehmen würden und weniger zugeknöpft und einfach entspannter wären. Ein netter Typ mit Stethoskop sagte mir, dass ich niedlich sei. Durch die Wortwahl nehme ich an, dass er dachte, ich sei auch ein Mann.

Mit der #Freethenipple-Bewegung und immer mehr Frauen, die offen zu ihrer Sexualität stehen, ändert sich auch das allgemeine Bild des weiblichen Körpers. In eurer Fotografie geht es viel um Nacktheit, deshalb würde mich interessieren, wie ihr zu diesem Thema steht. 
Lindsay: Es ist sehr leicht, zu glauben, dass man gesellschaftliche Schönheitsnormen bezüglich Frauen nicht beeinflussen kann, weil sie so tiefverankert sind. Dem ist nicht so. Auch wenn es nur eine kleine Geste, wie mal kein Make-up für einen Tag zu tragen, ist, kann das dabei helfen, dass sich andere Frauen wohler in ihrer eigenen Haut fühlen und nicht ständig das Gefühl haben, dass sie ihr Aussehen verändern müssen, um ein Schönheitsideal zu erfüllen. Diese Schönheitsideale, die über Social Media unkontrolliert in die Köpfe von jungen Mädchen gelangen, sind so aggressiv und destruktiv. Wir müssen wieder lernen, uns selbst zu lieben. Wir dürfen uns nicht nur über unsere Körper und wie andere unsere Körper wahrnehmen definieren. Toa hat mir immer gesagt, dadurch dass man nicht Stunden damit verbringt, schön auszusehen, tut man anderen und sich selbst etwas Gutes. Jeder ist aufgefordert, daran mitzuwirken, Frauen in ihrer Körperwahrnehmung zu unterstützen. Nicht nur dadurch, dass wir darauf achten, was in Zeitschriften und auf Plakaten gezeigt wird, sondern auch durch unser eigenes Verhalten, was letztlich Auswirkungen auf andere hat. So können wir gesellschaftliche Veränderungen anstoßen, indem wir bei uns selbst anfangen und einfach authentisch bleiben. So sehe ich das und ich denke, dass es vielen Frauen im Alter zwischen 20 und 29 mit ihrer eigenen Körperwahrnehmung so geht.

insidebardo.com

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Credits


Text und Interview: Alexandra Bondi de Antoni 
Bilder: BARDO

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