Aus dem Tagebuch einer depressiven Autorin

Im Herbst 2014 veröffentlicht Jana Seelig einen Tweet über ihre Depression im Netz, der über Nacht viral geht. Als sie morgens aufwacht, entdeckt sie nicht nur hunderte Nachrichten von Betroffenen, sondern auch den Hashtag #notjustsad.

von Jana Seelig
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20 Mai 2016, 12:00pm

"Tagebuchschreiben war noch nie mein Ding. Ich weiß noch, dass ich als Kind immer Unwahrheiten in mein pinkes Diddl-Buch schrieb. Es hatte Schlösser, die sich viel zu einfach knacken ließen. Man brauchte dazu nicht einmal Haarklammern oder diese anderen Dinge, die Verbrecher immer in Krimis benutzen. Der Verschluss ließ sich mit etwas Fingerspitzengefühl ein wenig eindrücken, und schon waren meine Gedanken nicht mehr privat, sondern zugänglich für jeden, der sie lesen wollte – und ich wollte, dass man sie liest. Es waren ja nicht wirklich meine Gedanken, sondern meine Lügen, weil ich meinen eigenen kleinen Kosmos für zu unbedeutend hielt. Ich wollte immer, dass der Nachwelt etwas von mir erhalten bleibt, und so schlitterte ich von Extremen zu Extremen in meinem Tagebuch.


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Dieses Tagebuch existiert schon längst nicht mehr. Irgendwann während meiner Pubertät hab ich es feierlich verbrannt und mir zum Ziel gesetzt, meine eigene Geschichte zu erleben. Ich wollte nicht mehr die sein, die ihr Tagebuch und damit auch sich selbst belügt. Vor allem aber auch nicht die, an die man sich wegen ihrer Lügen erinnert. Seitdem habe ich viele weitere Tagebücher begonnen. Mal schrieb ich in Ringblöcke, mal in wunderschöne Bücher und manchmal auch ins Internet. All diese Notizen verstreuten sich irgendwann, sie verloren sich in den Tiefen meines Schreibtisches, in Mülltonnen oder im Netz. Natürlich enthielten sie weiterhin Lügen und oft ein riesengroßes Nichts – nur dass mittlerweile nicht mehr ich Unwahrheiten erzählte, sondern meine Depression, und wenn sie nicht gerade log, dann vergaß sie. Die Abstände zwischen den Zeilen waren teilweise so lang, dass meine eigene Geschichte mir nicht mehr schlüssig erschien. Ich vergaß, was zwischen zwei Liebeskummern passiert war. Oder zwischen zwei tollen Momenten. Weil ich immer zu leer oder zu glücklich war zum Schreiben, und immer dann kam mir das Geschehene irrelevant vor. Eine Geschichte, die keinen roten Faden hat, verfolgt man eben nicht so gern. Doch irgendwann ging mir auf, dass ebendas mein roter Faden ist. Dass diese Leere zwischen zwei Momenten genau meine Geschichte ist. Dies ist das Tagebuch einer Depression."

Minusgefühle, Prolog

Mein Name ist Jana Seelig, ich bin 28 und im Herzen Belieber. Ich sammle Haie wie Robin der einsame Eisenbahnfreund Schildkröten, kann das Gesamtwerk Kafkas auswendig rezitieren und finde, dass Garden of Delete von Oneohtrix Point Never das eindrucksvollste Album ist, das im Jahr 2015 veröffentlicht wurde. Ich weiß nicht, wie man bügelt, kann dafür aber fantastisch kochen. Mein Lieblingsfilm ist Stand by Me und ich bin das, was das Internet gern einen "Feminazi" nennt. Ich bin allerdings auch psychisch krank, also depressiv – und so gerne ich diese Tatsache auch einfach wegignorieren würde, weil depressiv sein scheiße ist, so sehr zieht es sich unübersehbar durch meinen Alltag. Für i-D hab ich mein Tagebuch geöffnet.

Sonntag

Der Druck ist wieder mal zu groß. Es ist kein äußerer, sondern ein innerer Druck, der sich mit Reden nicht bekämpfen lässt. Während sich draußen die Gewalt gegen die Polizei richtet, richtet sich drinnen alles gegen mich. Ich lege mich in die Badewanne, lasse heißes Wasser ein. Neben mir liegt Werkzeug bereit. Ich könnte das Leiden beenden, hier und jetzt, entscheide mich aber dagegen und nehme mich allein der Stelle an, an der das Problem heute sitzt. Als ich das sich färbende Wasser betrachte, geht es mir besser. Ich hab die Depression entfernt, kann sehen, fühlen, riechen, wie sie langsam aus mir herausfließt und sich ganz sanft um mich schmiegt, und plötzlich bin ich wieder Herr über die Lage.

Montag

Meine Freundin und ich sind auf der Premiere von Mängelexemplar, essen Nachos mit Käsedip, trinken Cola, bis uns der Bauch weh tut und lachen an den Stellen, die man wirklich nur versteht, wenn man weiß, wie eine Depression sich anfühlt. Zwei Reihen vor uns sitzt Sarah Kuttner in Jogginghose und verdrückt ein paar Tränen, vermutlich, weil sie glücklich ist. Bei der Hälfte des Films überfällt mich Panik und ich renne raus zum Rauchen, lasse meine Freundin einfach sitzen, ohne was zu sagen. Dieser Film handelt von mir und dem letzten Mann, dem ich so richtig nah war. Es ist unsere Geschichte, erzählt aus meiner Perspektive, eins zu eins, und sie schlägt mir in den Bauch und ins Gesicht. Ich krümme mich vor Schmerz, bekomme keine Luft mehr, schaffe es gerade so, das Handy zu zücken und ihm zu schreiben, dass ich dringend mit ihm reden muss. Ich glaube, dass er nie verstand, wie schwer krank ich wirklich bin. Er reagiert nicht. Es bleibt alles wie im Film.

Dienstag

Zurzeit begleitet mich ein Kamerateam durch meinen Alltag. Meinen Alltag als depressives Großstadtmädchen. Es ist ein gutes Team, ich drehe gern mit ihnen und mittlerweile verbindet uns auch privat eine Freundschaft. Das ist jedoch nicht immer so. Seit meinem öffentlichen Ausraster im November 2014 hab ich fast ständig Kameras um mich herum. Ich bin die Vorzeigedepressive, also die, die man immer dann ins Studio holt, wenn man jemanden braucht, der mal erzählt, wie das so ist, wenn man nichts fühlt. Man merkt, dass auch die Redakteure der Formate ein ganz bestimmtes Bild davon haben, wie Depressionen funktionieren, und ich muss sie immer enttäuschen. Manchmal zielen ihre Fragen direkt auf meine vermeintlichen Wunden, so als würden sie wollen, dass ich vor der Kamera zusammenbreche, damit sie Material für ihre nächste Sendung haben. Sie bitten mich, weniger zu lachen, der Authentizität des Beitrags wegen und ich frage mich, was authentisch daran sein soll, wenn man mir Emotionen ins Gesicht legt. Wenn das passiert, breche ich ab. Wenn ihr mich in eurem Beitrag wollt, könnt ihr mich haben – aber nur so, wie ich wirklich bin und nicht, wie ihr mich gerne hättet.

Mittwoch

Ich schlafe mit einem Exfreund und es ist gut, verdammt gut, so wie es immer ist mit ihm, weil wir perfekt funktionieren, wenn wir miteinander schlafen. Ich erzähle ihm, dass ich das eigentlich fotografieren muss, wie ich hier liege, auf dem Bauch, die Hände auf dem Boden abgestützt, während er mich hart von hinten nimmt und er lacht, findet die Idee irgendwie geil. Wir machen also Fotos, ziehen beim Sex wilde Grimassen und beschließen, dass wir das doch lieber für uns behalten. Er kommt, ich komme, und dann bleiben wir liegen, nackt, und reden. Ich frage ihn, warum wir uns eigentlich getrennt haben, wo doch alles so harmonisch ist. Er sagt, meine oft ausufernde Art sei zwar sehr sexy und charmant, aber auch schwierig und dass alles viel leichter wäre, wenn ich gesund wäre. Auf dem Weg nach Hause bleibe ich auf der Warschauer Brücke stehen.

Donnerstag

Meine Freunde laden mich ein auf ein Boot, das in Wirklichkeit eine kleine Yacht ist, und ich nehme die Herausforderung an, obwohl ich panische Angst vor Wasser habe. Vor dem Ertrinken, um genau zu sein. Deshalb steht das auf meiner Liste mit möglichen Suizidoptionen auch ganz hinten. Ich habe diese Liste wirklich. Und kein Problem damit, darüber zu sprechen. Auf viele Menschen wirkt meine ständige Auseinandersetzung mit dem Tod krankhaft. Ich selbst nenne es krank, weil es genau das ist. Was sie nicht verstehen, ist, dass das Wissen, dass es einen Ausweg gibt, mich am Leben hält. Der Abend auf dem Boot ist schön.

Freitag

Jemand hat ein Lied über mich geschrieben, mein Buch, meine Erkrankung. Ich bin fassungslos, glücklich, traurig, verwirrt, verletzt, verliebt, wütend, alles auf einmal. Ich komme aus dem Heulen nicht mehr raus, drücke immer wieder auf play, fange wie wild an zu tanzen, erstarre im nächsten Moment zu Stein, lasse mich auf den Boden fallen und heule weiter. Die Katze kommt vorbei, stupst mich an und miaut. Ich schmiere meinen Rotz in ihr Fell und sie stört sich nicht einmal daran.

Samstag

Es geht mir gut. Zum ersten Mal seit langer Zeit geht es mir wirklich einfach gut.

Wenn du selbst in einer seelischen Krisensituation stecken solltest, es gibt kostenlose Hilfsangebote wie die örtlichen Kinder- und Jugendnotdienste oder die Nummer gegen Kummer.