"wenn du nur das archiv eines anderen wiederholst: sei stylist!"- hussein chalayan über den zustand der mode

Während die Vorbereitungen zur Abschlussshow der Modeklasse der Universität für Angewandte Kunst im vollem Gange sind, haben wir Hussein Chalayan zum Gespräch über Vetements, den Zustand der Mode und seine Rolle als Lehrer getroffen.

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17 Juni 2016, 9:40am

Hussein Chalayan ist viel. Er ist Designer seines eigenen Labels und seit letztem Jahr auch für Vionnet. Er ist Innovator, der die Modewelt nicht nur einmal in Staunen versetzt hat und seit dem Anfang seines Schaffens das, was Mode ist oder sein sollte, immer und immer wieder hinterfragt und Grenzen ausgetestet hat. Heute feiert Mozarts Die Entführung aus dem Serail an der Deutschen Oper Berlin Premiere, für das er die Kostüme kreiert hat—nur eines der vielen Projekte, an denen er arbeitet. Sitzt man dem zweifachen British-Fashion-Award-Preisträger und Träger des britischen Verdienstordens gegenüber, merkt man, dass er ein Mann ist, der ganz genau weiß, wie kostbar Zeit ist und wie wenig wir davon haben. Das ist auch das, was er seinen Studenten vermitteln will. Neben seiner Arbeit als Designer und Kostümbildner ist er zudem auch noch als Professor an der Universität für angewandte Kunst in Wien tätig. 

„Hussein Chalayan ist ein wahrer Vollprofi. Immer respektvoll, zielorientiert, schnell und höflich. Am Tag nach der Modenschau wurde mir das wieder bewusst, als er seine herzliche Abschlussrede an uns Studenten hielt und die Klassenassistentin ihn mit den Worten: ‚Hussein, your taxi is waiting already' unterbrach. Einige Sekunden später huschte er kaum merklich zur Tür hinaus", erzählt Raphael Frommann Caric, der letzte Woche seine Abschlusskollektion präsentiert hat, über seinen ehemaligen Professor. Christoph Rumpf, der gerade das erste Jahr unter der Leitung von Chalayan abgeschlossen hat, fügt hinzu: „Am Tag nach der Show hat er uns mit Brötchen, Erdbeeren und Drinks überrascht. Es ist schon eine surreale Situation, wenn Hussein Chalayan, trotz Zeitdrucks, in einer Kochschürze Sekt für seine Studenten einschenkt. Das zeigt sehr gut, dass er unsere Arbeit und unseren Einsatz wertschätzt."

Zeit ist kostbar, aber sich die Zeit für die wichtigen Dinge nehmen, ist deshalb um so wichtiger. Wie kann man in einer Welt, in der schon alles da gewesen ist, Neues schaffen und wie kann man, wenn man selbst zu den einflussreichsten Menschen in der Modewelt zählt, sein Wissen über Innovationen weitergeben und dabei vielleicht sogar noch etwas von den Studenten lernen? Und wie bereitet man junge Designer auf eine Modewelt vor, die so schnelllebig wie noch nie zuvor ist? Während die letzten Vorbereitungen zur Abschlussshow der Modeklasse im vollem Gange sind, unterhalten wir uns bei Espresso und Sodazitron über diese Fragen, kommen von Vetements zum allgemeinen Zustand der Modebranche hin zu seiner Rolle als Lehrer. Chalayan antwortet immer ohne zu zögern, stockt nie und ist sehr involviert. Am Ende des Gesprächs hat er sich so in Rage geredet, dass er etwas nach vorne gelehnt im Stuhl sitzt. Wir atmen beide tief aus, er entschuldigt sich, dass er wieder zurück zu seinen Studenten muss, und wünscht zum Abschluss noch viel Spaß bei der Show.

Kollektionsbilder des Diplomstudenten Axel Berner Eyde, Fotos: Maximilian Maerzinger

Zu Beginn würde es mich interessieren, welche Erinnerungen du an deine Zeit am Central Saint Martins hast. Beeinflussen diese Erfahrungen die Art, wie du heute unterrichtest?
Aus meiner Studentenzeit am Saint Martins habe ich viele Erinnerungen. Die Erfahrungen, die ich dort gesammelt habe, haben mich definitiv geprägt. Als ich studiert habe, war die Schule noch nicht sehr wohlhabend. Wir waren damals nur 13 Studenten in einer Klasse, heute hast du über 30. Das war eine ganz andere Zeit, man kann das nicht vergleichen—wir waren im Zentrum von London, in den späten 80ern, wir hatten wenig Geld, aber dafür umso mehr Kreativität. Am Saint Martins zu studieren, war wie an einer Kunstuniversität zu studieren, an der Mode zufällig als Kurs angeboten wurde. Die Universität für Angewandte Kunst erinnert mich sehr an das alte Saint Martins—mit ihren vielen Departments. Wir arbeiten mit dem Fotografiekurs, dem Multimediakurs und der Architekturklasse zusammen. Es geht immer um den Austausch. Ich sehe wirklich viele Ähnlichkeiten. Heutzutage ist aus dem Central Saint Martins eine große Institution mit zu vielen Studenten geworden. Dieser Umstand macht sie natürlich reicher—natürlich auch kreativ, aber es fehlt die Energie, die man damals gespürt hat, wenn man über die Gänge gelaufen ist.

Weil es heutzutage mehr ums Geld geht?
Die Studenten haben zu viel Geld, das sie von ihren Eltern bekommen. Sie werden zu sehr verwöhnt. Und zu viele Studenten werden aufgenommen. Natürlich gibt es die, die wirklich hart arbeiten. Es ist eine Mischung, aber ich habe das Gefühl, dass es in den Neunzigern viel mehr darum ging, Probleme zu lösen. Das ist aber auch allgemein ein Problem der Mode—du hast alles schon so viele Male davor gesehen. Der Unterschied ist nur, wie Kleidung zusammengefügt und wie sie dann präsentiert wird. Ich habe das Gefühl, dass wir die Gabe zu kuratieren heutzutage mehr schätzen als einen innovativen (Design-)Zugang. Allgemein finde ich Mode gerade etwas problematisch.

Meinst du, wie sich die Modekultur verändert hat? Denkst du an Labels wie Vetements, bei denen die Arbeit als Kollektiv, die Szene und der Status fast so wichtig sind wie das Design selbst?
Labels wie Vetements sollen auf jeden Fall existieren. Aber sie interpretieren Margielas Archiv neu und ich bin mir nicht sicher, ob sie es ausreichend kommentieren. Es ist nichts falsch daran, in die Vergangenheit zu blicken—das ist ja auch das Naheliegendste, um mit ihr umzugehen. Heutzutage sehe ich eine noch nie dagewesene Nostalgie für das Vergangene, das ist auch der Grund, warum Vetements Sinn macht. Ich finde nur, dass sie sich vielleicht ein bisschen mehr in ihre eigene Richtung pushen sollten, da ihre Designs dem Margiela-Archiv zu sehr ähneln. Ich verstehe nicht, wie sie das, was er gemacht hat, einfach wiederholen können, ohne einen wirklichen Kommentar hinzuzufügen.

Aber ist das heutzutage nicht mit allem so? Wenn man sich umsieht, gibt es kaum noch wirklich Neues. Alles wiederholt sich, es wird immer weniger kommentiert.
Die Rolle des Designers ist es, Elemente hinzuzufügen, die etwas Neues an sich haben. Sei es eine andere Form, Silhouette, sei es durch die Farbwahl, den Stoff, die Textur—all diese Dinge haben einen Standpunkt und testen hoffentlich Grenzen aus. Wenn sie keine Grenzen austesten, dann sollten sie wenigstens Charakter haben. Wenn du nur das Archiv eines anderen wiederholst: Sei Stylist! Es ist nichts falsch daran.

Wie bringt du deinen Studenten bei, etwas anders zu machen und Neues zu erdenken? 
Ich will definitiv, dass meine Studenten Grenzen austesten und ihren eigenen Kommentar zu den existierenden Strukturen abgeben, wenn sie Mode machen wollen, die anders ist. Beibringen kann man es nicht richtig, man kann ihnen nur den Weg zeigen. Natürlich hat es viel damit zu tun, woher die Studenten kommen und wie sie das mit der Popkultur verbinden und wie sie sich in dieser Welt wiederfinden. Wie sie sich mit Musik beschäftigen. Musik und Mode haben so viele Verbindungspunkte. Es geht darum, wie sehr sie sich für Kunst interessieren, wie musikalisch sie sind, ob sie sich für Essen interessieren, viel reisen und so weiter und so fort. All das zeigt sich in ihrem Zugang zu ihrer Arbeit. Am einfachsten ist es, wenn du deinen Horizont erweiterst. Wenn du Mode studierst, achte nicht nur drauf, was in der Mode passiert, um inspiriert zu werden. Achte auch auf die Dinge, die außerhalb deiner Komfortzone liegen.

Aber das ist doch das, was die meisten von uns sowieso machen. Durch Social Media, Instagram und so weiter wissen wir immer über alles Bescheid. Es gibt so viel da draußen und das ist manchmal überfordernd. 
Die junge Generation wird von allen Seiten mit Daten überschüttet, weil wir in einer digitalen Ära leben. Ich habe noch die analoge Welt gekannt und miterlebt, wie sie immer digitaler wurde. Für mich geht es darum, wie man das Internet nutzt. Man kann es sehr innovativ nutzen, um mit Leuten in Kontakt zu bleiben und Ideen zu teilen. Ich finde es sehr faszinierend. Aber natürlich kann man sich auch in den ganzen Daten verlieren. Es geht darum, wie weit du gehst. So ist das ja auch bei den meisten Sachen im Leben. Wie du gesagt hast, man verpasst nie etwas und du hast oft auch nicht die Zeit, Dinge zu verpassen. Ich denke, dass die Idee, nicht alles sofort zu wissen, einen Dinge mehr schätzen lässt, wenn man sie denn findet und versteht. Ich weiß nicht, wie gut Dinge aufgrund von digitalen Medien heute noch gelernt werden, und es ist auch nicht old fashioned so etwas zu sagen. Aber ich sehe eine Entwicklung, die zurück zu dem geht, wie es einmal war. Alles im Leben dreht sich darum, wie wir Dinge angehen und zu welchem Ausmaß wir sie nutzen.

Verwendest du Social Media?
Ich persönlich nicht, aber meine Firma schon. Ich arbeite schon so viel und wenn ich dann mal eine Minute habe, in der ich nicht arbeiten muss, versuche ich, komplett abzuschalten. Deshalb halte ich mich von Social Media bewusst fern. Ich weiß, dass ich, wenn ich damit beginnen würde, nicht mehr davon loskommen würde. Ich bin jetzt schon sehr oft sehr müde und ich denke, dass Social Media das noch verschlechtern würde.

Ich bin mir sicher, dass deine Studenten aber alle viel online abhängen. Wenn du selbst keinen wirklichen Bezug dazu hast: Wie kannst du sie und die Art, wie sie arbeiten, verstehen?
Studenten verwenden es (im Unikontext), um Communitys zu bilden. Sie wurden in Social Media hineingeboren. Sie sind mit Computern und Handys großgeworden. Für mich geht es darum, zu respektieren, wie sie arbeiten, wie sie ihre Arbeitsprozesse optimieren können und ihnen zu helfen, sich nicht in den Datenströmen zu verlieren. Man wird so schnell desensibilisiert. Man verlernt zu kommunizieren. Deshalb ist es mir so wichtig, direkt mit ihnen zu sprechen. Natürlich gibt es kulturelle Unterschiede. London und Wien sind so verschieden. Wir haben hier (in Wien, Anm. d. Red.) viele Studenten aus Osteuropa, die einen ganz anderen Zugang haben. Deren Eltern und somit auch sie sind direkt vom Krieg betroffen. Ich sehe, dass sie immer noch stark von dieser Zeit beeinflusst werden.

Backstage bei der Show der Angewandten letzte Woche in Wien. Fotos und Design: Christoph Rumpf

Hast du jemals in London unterrichtet? Welche Unterschiede gibt es?
Ich habe einmal einen Kurs am Saint Martins gegeben. London ist viel internationaler, während es hier nicht so stark durchgemischt ist.

Siehst du den Kulturunterschied auch in den Arbeiten der Studenten?
Ja, den sehe ich. Die Wiener Studenten haben weniger Zugang zu verschiedenen Dingen—wie Shops, die spannende Mode zeigen. Sie können die Arbeiten der Designer nur online sehen. In London ist die Modekultur sehr fortgeschritten. Es gibt so viele etablierte Designer, Kaufhäuser, die Fashion Week ... Es hört sich komisch an, aber ich finde trotzdem, dass die jungen Menschen in Wien kreativer sind. Manchmal macht weniger Zugang zu Informationen kreativer und innovativer. Ich bin mit unseren Studenten dieses Jahr sehr zufrieden. Zufriedener als letztes Jahr.

(Das Telefon klingelt. Es gibt ein Problem bei den Anproben der Studenten. Chalayan entschuldigt sich. 15 Minuten später ist er wieder da, sein doppelter Espresso ist kalt geworden und wir führen unser Gespräch fort.)

Hattest du genaue Vorstellungen von dir als Professor? Haben sich diese verändert?
Ich hatte keine genauen Vorstellungen, aber ich hatte Vorstellungen. Ein wichtiger Zugangspunkt von mir ist, dass ich seit Jahren ein praktizierender Designer bin. Ich will, dass meine Studenten einen Fuß in die Modewelt bekommen und auch die wirtschaftliche Seite verstehen. Deshalb stellen wir ihnen andere Designer vor und vermitteln ihnen Praktika. Sie müssen sich Gedanken über ihre Kunden machen, auch schon während des Studiums. Wobei sie natürlich die Freiheit haben, das zu machen, was sie wirklich wollen. Aber trotzdem will ich, dass sie wissen, wer ihre Kreationen tragen würde, auch wenn es vollkommen absurde Vorstellungen sind.

Ich kann mir vorstellen, dass das nicht leicht ist ...
Wir versuchen, darüber zu reden. Wir ermutigen sie, Profile von den Menschen zu erstellen, wie diese leben, was sie so machen. Ich will, dass sie immer realer in ihren Ideen werden, ohne ihre Kreativität zu verlieren oder weniger experimentell zu sein. Das ist das Allerwichtigste. Neben der Professionalität und dem Verständnis für Strukturen und dem Aneignen von Fähigkeiten. Das muss nicht heißen, dass sie super gut nähen können müssen. Es geht mehr um die Denkweise. Sie entwickeln ihre eigene Arbeitsweise. Sie verlassen die Universität mit allerlei Fähigkeiten. Ob sie nun ihre eigenen Kollektionen entwerfen wollen oder für andere Labels arbeiten werden, macht keinen Unterschied. Dazu will ich auch sagen, dass diese Fähigkeiten nicht unbedingt manuell sein müssen. Es kann einfach die Art und Weise sein, wie sie denken. Ich glaube, das liegt daran, weil ich auch in meiner eigenen Arbeit Kreativität sehr eng mit Handwerk und Technik verbinde. Ich will, dass meine Studenten diese Dualität besitzen. Das bedeutet nicht, dass sie immer alles unglaublich großartig machen müssen, sie sollen einfach Wege finden, die für sie funktionieren und etwas schaffen, das von ihnen kommt und das Verlangen auslöst. Ich bin sehr offen, wobei mir die Details sehr wichtig sind.

Konntest du etwas von deinen Studenten lernen? Inspirieren sie dich vielleicht sogar in deiner eigenen Arbeit?
Ganz klar, Jugendkultur! Allgemein gesprochen, die Art, wie sie leben. Es ist so spannend zu sehen, wie unterschiedlich Menschen denken. Es geht nicht mal so sehr um den Altersunterschied, eher um die unterschiedliche Herkunft. Das ist sehr erfrischend. Ich würde nicht sagen, dass die Zusammenarbeit meine Arbeit beeinflusst, aber durch sie bleibe ich offen und kann mich selbst als Mensch weiterentwickeln. Man lernt eher etwas für sich selbst, was dann ja automatisch das Design beeinflusst.

Du hast mal gesagt, dass es genug Designer gibt und dass wir nicht wirklich neue brauchen. Warum hast du dich dann doch dafür entschieden zu unterrichten?
Weil Designersein nicht bedeutet, dass du dein eigenes Label haben musst. Du kannst Teil eines Teams oder eines Kollektivs sein. Es gibt zu viele Labels. Das ist doch die alte Denkweise: Du machst einen Abschluss und du baust deine eigene Marke auf, weil ein eigenes Label mit Geld und Unterstützung gleichgesetzt wird. Das geht nicht mehr. Das machen so viele und hören dann schnell wieder auf. Nur wenn du wirklich etwas zu sagen hast, solltest du dein eigenes Label gründen. Das finde ich wichtig. Und nur weil du die Möglichkeit dazu hast, heißt das nicht, dass du es auch tun solltest. Das meine ich damit. Das heißt nicht, dass wir nicht Designer unterstützen. Viele gründen ihr eigenes Label, obwohl sie gar nicht bereit dafür sind und ohne vorher zu überlegen, was da überhaupt auf sie zukommt. Ich würde gerne Designer sehen, die zu einer Marke werden, die etwas zu sagen haben.

Kollektionsbilder der Diplomstudentin Anna Schwarz, Fotos: Lisa Edi

Gibt es momentan jemanden, von dem du denkst, dass er etwas Neues schafft? Ein Label, das es in deinen Augen wirklich wert ist?
Um ehrlich zu sein, gibt es niemanden, von dem ich denke, dass er für etwas Neues steht. Stylisten haben den Erfolg, den eigentlich Designer haben sollten.

Weil sie Kleidung neu kombinieren?
Stylisten sind viel besser dran als Designer, weil sie nicht die Kosten haben, die ein Designer hat, sie können aber trotzdem mitmachen und werden gehört. Die aktuellen Stars sind eher Stylisten als Designer. Ganz oben stehen die Fotografen, dann kommen die Stylisten und dann die Designer. Das sollte aber nicht so sein. Designer geben Stylisten das Material, mit dem die dann arbeiten.

Heutzutage sind Stylisten und Fotografen oft Teil des kreativen Teams. Sie denken sich die Visual Identity aus, die nicht nur mehr aus Kleidung besteht. Es ist die ganze Brand Identity.
Natürlich ist das eine Gemeinschaftsaufgabe, aber ich denke, dass die ganze Modeindustrie momentan von Stylisten und Fotografen geprägt wird. Und natürlich die Konglomerate, die entscheiden, welche Designer unterstützt werden. Wir leben in anderen Zeiten. Auf der einen Seite scheint durch Social Media alles demokratisch zu sein und fast jeder kann Designer werden, und das wird akzeptiert. Auf der anderen Seite gibt es aber einen Mangel an Demokratie, denn tatsächlich kontrollieren die Konglomerate alles—und sie monopolisieren alles. Das führt zu einem System, das die Kreativität tötet. Es scheint demokratisch zu sein, aber letztlich ist es das nicht. Das ist wie Stuhltanz. Neuen Leuten werden keine Chancen eingeräumt, weil die Leute bleiben. Es ist derselbe Kreis und das ist deprimierend.

Wo stehen deiner Meinung nach die Modejournalisten in dem Ganzen?
Es gibt wenig gute Modejournalisten. Die meisten haben ihre Herzen und Seelen an die Werbekunden verkauft. Es gibt ein paar, die noch integer sind, den meisten ist das egal. Sie sind in einer Position, in der sie mit ihren eigenen Fähigkeiten keinen Erfolg mehr haben können, ohne ihre Seele verkaufen zu müssen. Wir müssen damit anfangen, Mode als wichtigen Teil der Kultur wie die Architektur anzusehen, bei der es einen geschlossenen Diskurs gibt, jeder seine Rolle hat und die Inhalte geschützt werden. Sie hat ein bisschen mehr Integrität, es geht auch mehr um Macht. Momentan habe ich den Eindruck, dass die Mode von Machtmissbrauch gezeichnet ist.

Weil es vielleicht daran liegt, dass Mode Kleidung ist und Kleidung kommerziell ist? Dass es etwas ist, was man im Alltag braucht, weil es notwendig ist?
Ich weiß, worauf du hinauswillst. Weil es eine Industrie ist, die durch kommerzielle Waren geprägt ist? Wir waren nackt und jetzt gibt es Kleidung in ausreichendem Maß zu kaufen. Auch wenn es mehr Produkte, mehr Labels, mehr Massenprodukte gibt: Es muss einen Weg geben, dass die Industrie nicht so monopolartig organisiert ist. Heute existiert in der Branche ein Monopol.

Glaubst du, dass sich das jemals ändern wird?
Ich glaube, es wäre schon ein Anfang gemacht, wenn sich die Designer, die nicht Teil dieses Monopols sind, zusammentun und etwas dagegen unternehmen. Geh in ein beliebiges Kaufhaus und 80 Prozent der Labels gehören zu den großen Konzernen. Du denkst dir ‚Dagegen werde ich nie eine Chance haben, egal wie talentiert ich bin'. Was mich angeht: Ja, ich bin Teil dieser Designer und meine Sachen gibt es in Stores zu kaufen, aber in einigen Aspekten bin ich eben nicht Teil davon. In einigen Aspekten habe ich mit meinem Label Glück gehabt und dann gibt es Aspekte, wo ich mehr tun könnte. Wenn es ein Kollektiv von Designern geben würde, die den Finger in die Wunde legen und Veränderungen einfordern, vielleicht würde dann auch etwas passieren. Es gab eine Zeit, in der alle Designer gleich waren, und plötzlich gibt es die großen Konglomerate, die alle Ressourcen dieser Welt haben. Das hat zu dieser ganz speziellen Industrie geführt, die Kreativität tötet.

@Modeklasse

Kollektionsbilder des Diplomstudenten Raphael Caric, Fotos: Marcella Ruiz Cruz und Marlene Mautner

Credits


Text: Alexandra Bondi de Antoni 
Lede-Foto: Nick Knight via i-D UK
Polaroids: Christoph Rumpf
Look-Book-Bilder der Absolventen via Angewandte PR