über den sinn (oder unsinn) von trendforschung

Ist Chaos Magic das neue Normcore? Was hat Nostradamus damit zu tun? Können wir die Zukunft überhaupt vorherbestimmen? Und müssen wir es überhaupt?

von Felix Petty
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19 November 2015, 11:45am

K-Hole, A Report on Doubt

„Fuck someone wearing Chanel, stare at the label while you're cumming, and you'll become Karl Lagerfeld" - Das ist die Essenz von Chaos Magic, die Macht von Positivem Denken, die Visualisierung von Erfolg, die zu Erfolg selbst führt, und es ist scheinbar der neueste Modetrend. Jedenfalls wenn es nach dem aktuellstem K-Hole-Trendreport, A Report on Doubt, geht. Chaos Magic wird die nächsten Jahre bestimmen. Und den Machern wird Glauben geschenkt, hat K-Hole doch der Welt durch den letzten Trendreport Normcore beschert. Der Glaubenseifer, dass Chaos Magic der neueste Schrei wird, könnte dazu führen, dass es tatsächlich passieren wird - Chaos Magic in Aktion.

Als der Report on Doubt veröffentlicht wurde, blätterte jeder von uns schnell durch das PDF-Dokument auf Suche nach dem neuesten großen Trend der kommenden Saison. Keinem fiel mehr etwas ein, was man über Normcore noch schreiben könnte. Etwas Neues musste her, um für frischen Content zu sorgen. Wir waren auf der Suche nach etwas, was uns diese immer komplizierter werdende Welt erklären würde. Im Jahr 2015 brauchte die Modewelt nichts so sehr wie ein neues Buzzword. Und was haben wir bekommen? Nichts. A Report in Doubt lieferte uns keine Antworten und zeigte uns keine neunen Weg auf. Das Ergebnis war zu philosophisch, zu metaphorisch. Die Bedeutung von Chaos Magic ging unter. Sollte dieser Bericht etwa das schwierige zweite Album von K-Hole sein? Der schwache Nachfolger zum Bestseller Normcore?

Normcore war eine maßgeschneiderte Rebellion für Millenials. Unsere Social-Media-Feeds sind voll mit Bildern über die Mode von Jugendlichen aus den vergangenen 60 Jahren. Wir waren gelangweilt von den immer gleichen zum Stereotyp verkommenen Außenseiter-Ikonen, wir waren gelangweilt von den jungen Punks, den Mods in Anzügen, den freiheitsliebenden Hippies, den Goths, den aggressiven Skins und den fröhlichen Ravern. Keine Subkultur war zu nischig, keine Musikszene zu klein. Wir hatten alles schon einmal gesehen und nichts war daran mehr rebellisch. Was bringt es, ein Hippie zu werden, sich so anzuziehen, wenn es dein Vater vorher schon tat? Wogegen soll man da rebellieren?

Die Erlösung schienen wir in Normcore gefunden zu haben. Die Mangel an Rebellion wurde zur neuen Rebellion erklärt. „Nachdem die Andersartigkeit gemeistert wurde, besteht jetzt das Coole darin, Gleichhaftigkeit zu meistern", schrieb das Kollektiv damals. „Normcore wendet sich von einer Coolness ab, die auf Unterschieden beruht, und wendet sich hin zu einer Post-Authenzitiäts-Coolness, die für Gleichhaftigkeit steht. Ein ironischer Hinweis auf die Normalität, dass Normcore Hässlichkeit und Zweckmäßigkeit als Ästhetik unserer Zeit erkannte. Die Reaktionen aus der Modewelt ließen nicht lange auf sich warten. Nichts macht dich schneller cooler, als aus der Masse herauszustechen, und wenn jeder heraussticht, sollte man das Gegenteil tun und in der Masse untergehen. Wenn jeder dadurch rebelliert, gezielt normal auszusehen, dann verliert es an Kraft und rebellischem Potenzial. Was als auffällig und exotisch gilt, ist relativ. Innerhalb von Monaten wird aus Avantgarde jetzt Parodie. Schneller als etwas in ist, ist es auch schon wieder out. Nichts ist für immer cool in unserer hyperbeschleunigten Welt. Früher gab es 15 Minuten Ruhm, heute haben wir Glück, wenn wir 5 Sekunden Aufmerksamkeit bekommen, bevor weiter gescrollt wird. Der Coolness-Kreislauf bewegt sich immer schneller.

Chaos Magic ist die Reaktion von K-Hole darauf; nicht nur auf Normcore, sondern auch auf den Umstand, dass sie nicht mehr wirklich cool, neu oder interessant sind. Auf den Umstand, dass sie sich verändert haben. Chaos Magic meint es ernst, anstatt pessimistisch zu sein, aus der Masse herausstechen ist wieder wichtiger als in ihr unterzutauchen. Sei du selbst. Oder viel mehr: sei so, wie du sein willst. Wenn K-Hole immer noch relevant sein will, wenn sie immer noch den neuesten Trend vorgeben wollen, dann müssen sie eine neue Erklärung für das Jetzt finden.

In seinem Report erklärt das Kollektiv: „Chaos Magic existiert im selben Raum wie Positives Denken. Aber es ist mehr als ein Moodboard von hochpreisigen Wohnungen, die man sich in seinen Besitz denkt. Glauben wird zu einer Technik, die Veränderung bewirkt. Bei Chaos Magic geht es nicht nur darum, an das Geheimnis zu glauben, es fängt damit an, an das Geheimnis überhaupt glauben zu wollen. Es geht darum, dein eigenen Kool-Aid-Drink zu mixen, darüber zu entscheiden, wie stark die Mischung ist, wann du ihn trinkst und wann du wieder aufhörst." Und was machten die Modeillustrierten daraus? Einen blauen Toga-Rock, dazu glänzende Chelsea Boots von Asos, einen Armreif mit einem Auge als Motiv, Jeans von Topshop mit noch mehr Glitzer und ein Kleid mit eingenähten Reflektoren - und das war dann das Basic-Outfit für Magie.

Genau das ist das Problem bei der Vorhersage von Trends. Es ist keine Wissenschaft. Aber wer einmal richtig lag, glaubt vielleicht, dass es immer so sein wird. Der beste Weg, um die Zukunft vorauszusagen, ist es, sie selbst zu gestalten. Die Zukunft vorhersagen und sie schaffen ist aber nicht ein und dasselbe.

Was einmal bei Normcore funktioniert hat, soll jetzt auch Chaos Magic funktionieren? Was sorgt dafür, dass eine Sache unglaublich populär wird, während andere vergessen werden? Worin besteht der Unterschied zwischen One Direction und all den anderen durchkalkulierten, gegelten, sexy-aber-nicht-zu-sexy Boygroups und Sängern aus den Castingshows, die für das Vergessen-Werden gemacht werden?

Hier werden Instanzen wie K-Hole wichtig. Was als Kunstprojekt begann, als Parodie auf eine Jugend-orientierte, Konsum-orientierte Trendagentur, wurde durch eine Fügung des Schicksals tatsächlich zu einer Trendagentur; etwas, was sie nicht vorausgesagt haben.

Trendvorhersagen, oder anders gesagt die Zukunft voraussagen, ist etwas, woran sich die Menschheit schon seit jeher versucht. Gott benutzte dafür Propheten, die antiken Griechen die Orakel, im Mittelalter gab es Nostradamus und Dan Brown füllte diese Wissenslücke mit Leonardo da Vinci. Wir glauben an Prophezeiungen, weil die Zukunft Angst macht, die Gegenwart zu unsicher und die Vergangenheit zu schräg ist. Wir glauben daran, weil zu viel Geld damit verdient wird, der Erste zu sein, richtig zu liegen und die Zukunft zu prophezeien, denn es ist die Verheißung der Antwort auf die Frage ‚Was wäre, wenn'. K-Hole ist genauso nur Fiktion wie Der Da Vinci Code oder Star Trek. Aber nur weil es Fiktion ist, hält es die Menschen nicht davon ab, daran zu glauben, zur Rosslyn-Kapelle zu pilgern oder sich als Klingone zu verkleiden.

Trendvorhersagen, die Wissenschaft des Populären, Erfolgsgeheimnisse, sie tauchen überall da auf, wo damit Geld verdient werden kann, von den Finanzmärkten bis hin zur Modeindustrie, von der Beurteilung des Potenzials zukünftiger Starathleten bis hin zu Vorhersagen, welches Boygroup-Mitglied die erfolgreichere Solokarriere haben wird. Trendvorhersagen sagen einem, welche Lottozahlen man ankreuzen soll und nicht ob und wann man gewinnt.

„Magic bedeutet, dass man die Möglichkeit erhält, mit dem Analysieren von Dingen aufzuhören", fasst K-Hole in A Report on Doubt abschließend zusammen. „Sogar für uns. Wie sollen wir herausfinden, was als Nächstes passieren wird? Wie sollen wir alle, uns verfügbaren Informationen zu einer neuen Wahrheit zu verdichten?". In einer Welt voller Zweifel, in einer Welt von Grexit, Brexit, Essenstafeln, Russland, Syrien, IS, Donald Trump, blauen Röcken und glitzernden Chelsea-Boots von Asos ist es einfacher und bequemer, mit dem Analysieren aufzuhören und sich auf die Arbeit von K-Hole zu verlassen. Ob Chaos Magic nun the next big thing wird oder nicht, spielt keine Rolle, denn woran soll man sonst glauben?

@felixlp

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Text: Felix Petty