wie sieht die zukunft der fotografie aus?

Wir haben uns die Ausstellung "Thinking about Photography" gemeinsam mit der Kuratorin Ann-Christin Bertrand angeschaut.

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10 März 2015, 2:20pm

Niina Vatanen - Woman

Jeden Tag sehen wir hunderte Bilder. Wir scrollen durch Facebook und Instagram und klicken uns im Internet von einer Seite zur nächsten, von einem Bild zum anderen. Vor allem wenn man in einer Online-Redaktion tätig ist, kommt man am Tag so locker auf 800 Bilder. Auf Plattformen, wie Tumblr und Flickr, hat man Zugriff auf ein schier unglaublich großes Meer an Fotos zu jedem beliebigen Thema. Jeder, der noch keinen Ad-Blocker installiert hat, wird zusätzlich noch von der Seite mit der neuesten Werbung überflutet. Aber wie viele sehen wir wirklich? Wir nehmen sie wahr, aber wir haben aufgrund unserer kurzen Aufmerksamkeitsspanne und durch das Überangebot keine Geduld mehr, uns wirklich mit einem auseinanderzusetzen. Wem ist es nicht schon passiert, dass er durch ein Facebook-Fotoalbum klickt und erst einige Bilder später merkt, dass er ein interessantes Foto übersehen hat, um dann wieder zurückzugehen?

Dieses Überangebot und die Tatsache, dass jeder mit einem x-beliebigen Filter aus seinem Foto ein vermeintlichen Kunstwerk machen kann, lässt die Frage aufkommen, welchen Stellenwert Fotografie als Kunst heutzutage überhaupt noch hat. Thinking about Photography ist das neue Format von C/O Berlin, das sich genau mit dieser Frage beschäftigt. Jährlich sollen bis zu drei Ausstellungen gezeigt werden, noch bis zum 10. April sind die Arbeiten der finnischen Künstlerin Niina Vatanen in Beyond the Visible Surface zu sehen. Wohin entwickelt sich die Fotografie? Kann man überhaupt noch von Fotografie sprechen, da wir heute doch 99% der Bilder nur digital konsumieren und der haptische Prozess vollkommen verloren gegangen ist? i-D hat sich die Ausstellung gemeinsam mit der Kuratorin Ann-Christin Bertrand angeschaut und sich genau diese Fragen gestellt.

Warum sollten wir über Fotografie nachdenken?
Seit wir mit einen Smartphone in der Hand durch die Gegend laufen, hat sich das, was wir unter Fotografie verstehen, und das, wofür wir Fotografie verwenden, sehr verändert. Fotografie unterliegt seit der Digitalisierung einem extremen Wandel. Das Medium verändert sich unglaublich schnell und ständig. Eine dieser Tendenzen, die sich beobachten lassen, ist zum Beispiel diese: Je weiter sich die Fotografie entmaterialisiert - wir konsumieren die meisten Bildern nur noch über Screens -, desto mehr Künstler scheinen daran interessiert, die Materialität wieder in den Vordergrund zu stellen.

Es ist sehr interessant, weil meine Generation die letzte ist, die sowohl mit analog als auch digital aufgewachsen ist. Ich kann mich noch an die Zeit erinnern, als meine Mutter Filme zum Entwickeln gebracht hat, wobei die Generationen nach mir nur noch auf ihre Screens starren. Ich habe oft Diskussionen mit Freunden über diese Veränderungen und auch der Wandel der Medien von Print zu Digital bereitet mir manchmal Kopfzerbrechen.
Das finde ich sehr spannend. Du als Journalistin bist ja ganz nah an dieser Veränderung, die sehr vielschichtig ist, dran. Die digitale Fotografie ist etwas ganz anderes als analoge Fotografie. 2011 gab es zum Beipiel im FOAM in Amsterdam ein Expertentreffen zu dem Thema What's next. Damals wurde die Auseinandersetzung mit Fragen nach der Zukunft des Mediums in Europa gerade erst langsam aufgegriffen. Digitale Fotografie hat um 2000 herum begonnen, also können wir sagen, dass etwa 10 Jahre nach den ersten digitalen Aufnahmen damit begonnen wurde, die dadurch entstandenen Veränderungen zu reflektieren. Es hat sich etwas in der Kunst verändert. Wir müssen uns ständig fragen, wohin wir uns entwickeln. Der erste Schritt war die künstlerische Herangehensweise, nun beginnen auch die Institutionen, sich und ihren Umgang mit dem Medium Fotografie zu hinterfragen.

Analog und Digital sind zwei komplett verschiedene Welten.
Bei der analogen Fotografie gab es noch ein Negativ, einen Prozess in der Dunkelkammer, Material - ein haptisches Element. Jetzt ist beruht alles auf Pixeln. Fotografie heutzutage hat nichts mehr damit zu tun, was Fotografie einmal war. Es ist noch der gleiche Begriff, aber eine vollkommen andere Ausführung. Wobei manche, wie zum Beispiel die Fotografie-Theoretikerin Charlotte Cotton, davon reden, dass man gar nicht mehr Fotografie sagen kann. Sie nennt das Produkt nur noch Bild oder Foto, aber nicht mehr Fotografie.

Wenn man sich euer Programm anschaut, fällt einem auf, dass diese Ausstellung, die einzige mit wirklich konzeptionellen Arbeiten ist. Warum ist das so?
Dokumentarfotografie ist für viele Leute, die sich nicht so viel mit dem Medium auseinander setzten, greifbarer. Es geht um das Bild und den Inhalt an und für sich, und nicht um das Gedankengerüst. Denken wir dabei an Streetphotography oder auch das klassische Porträt. In dieser Ausstellung ist die Fotografie der Ausgangspunkt und nicht mehr das klassische Endprodukt. Es ist ein intellektueller Umgang mit dem Medium.

Dieser intellektuelle Umgang ist aber nicht neu.
Nein, bei weitem nicht. Es gab zum Beispiel in den 20er/30er und den 60er/70er Jahren des 20. Jahrhunderts immer wieder Momente, in denen Künstler versucht haben, die Grenzen des Mediums zu erweitern und auszutesten. Ein gutes Beispiel dafür sind die Fotogramme von Man Ray. Etwas Ähnliches passiert jetzt wieder. Wir sind weit von dem klassischen Weg entfernt: Du machst ein Foto, du entwickelst es, rahmst es ein und hängst es an die Wand. Was die Künstler nun machen bzw. schon in den 60er/70er Jahren oder schon im Surrealismus begonnen haben, ist, die Fotografie sozusagen als Ausgangsmaterial zu verwenden, mit ihr weiterzuarbeiten.

Wie sieht dieses Hinterfragen heute aus?
Wenn man, so wie ich, viele Portfolio-Reviews macht, dann bekommt man leicht mit, was in der Luft liegt. Ein großes Thema sind zum Beispiel Archive. Es beginnt ja schon damit, dass große Wochenzeitungen ihre Archive digitalisieren und die Printausgaben wegwerfen. Nun stellt sich die Frage, was wir mit den Informationen, die uns nun so einfach zugänglich sind, machen. Ist Digitalisierung der richtige Weg oder nicht? Gäbe es überhaupt einen anderen Weg? Viele Künstler nutzten Archive als Ausgangspunkt für ihre fotografischen Arbeiten und nehmen gar keine Kamera mehr in die Hand. Durch die Verfremdung und Aneignung werden diese trotzdem zu ihren eigenen Arbeiten. John Stezaker ist ein gutes Beispiel dafür. Er hat 2012 den Deutsche Börse Photography Prize, einen der renommiertesten Fotografie-Preise, mit seinen Collagen gewonnen, ohne ein einziges Bild geschossen zu haben.

Denkst du, dass das auch wiederum eine Reaktion auf die Digitalisierung ist. Weil man nun leichteren Zugang zu Archiven hat bzw. mit Flickr und Tumblr eine extrem große Auswahl hat? Was macht man mit den Datenmengen? 
Das ist auch eine Frage, die wir mit Thinking about Photography nachgehen wollen. Joachim Schmidt war hier einer der Ersten, der gesagt hat, dass es schon genug Bildmaterial gibt und er nur noch damit arbeiten will, was bereits vorhanden ist. Trotzdem denke ich, dass wir doch noch entscheiden können, wie weit wir uns der Bilderflut hingeben. Ich entscheide, was ich mir anschauen und wie weit ich mich mitreißen lasse. Ich muss es ja nicht machen.

Wenn man aber zum Beispiel in den Medien arbeitet, wird man jeden Tag mit tausenden Bildern konfrontiert. Ich glaube meinerseits, dass wir uns einbilden, dass wir uns entscheiden können, wie viel wir wirklich sehen wollen. Sicherlich gibt es Leute, die sich Facebook, Instagram und Co. verweigern, aber die Frage ist, wie lange noch. Gleichzeitig, und auch durch diese Bilderflut, hat man keine Aufmerksamkeitsspanne mehr. Wir entscheiden uns innerhalb weniger Sekunden und unbewusst, was uns gefällt.
Das ist der allgemeine Umgang mit Fotografie heutzutage. Und deshalb ist es wichtig, darüber zu reden und in einen Diskurs zu stellen. Künstler beginnen, sich genau davon abzuwenden und zu reflektieren. Niina Vatanen reagiert auf ihre eigene Art und Weise darauf. Sie ist Ende der 70er geboren und hat noch eine klassische Fotografieausbildung genossen. In ihrer Arbeit Archival Studies durchforstet sie ein Archiv, scannt die Negative ein und manipuliert die Bilder dann digital. Ihr ist es jedoch wichtig, dass diese Manipulationen sichtbar bleiben und man dadurch genauer hinschaut - und auch aufpasst. Das Material ist wichtiger als der Inhalt. Es gibt Schäden an Negativen, die durch zu lange oder falsche Lagerung entstanden sind. Manchmal legen sich Farbflächen über das Bild und lenken so unsere Aufmerksamkeit auf ein Detail. Wenn du dir normalerweise eine Fotografie anschaust, dann schaust du dir an, was abgebildet ist. In dem Moment aber, indem ein Filter, eine zusätzliche Ebene (wie in diesem Fall durch grafische Linien oder Farbflächen) hinzufügt wird, wird der Akt des Sehens nachvollziehbar. Durch die Eingriffe und Manipulationen der Künstlerin nimmt man das Bild plötzlich anders wahr, man beginnt zu hinterfragen, warum genau diese Elemente vorhanden sind, folgt den Linien. Der Inhalt tritt zurück und das Material rückt in den Vordergrund.

Man stellt also das Material der Fotografie in den Vordergrund in einem Moment, in dem das Material eigentlich obsolet wird.
Es ist eine komplementäre Bewegung zur Digitalisierung. Das Hinterfragen ist nichts Neues, aber der Zugang ist neu. Es gab diese Auseinandersetzung schon länger, nur wird nun mehr darauf geschaut.

Der Ausgangspunkt einer anderen Serie Niinas ist ein Blatt Papier mit einem Gedicht. Das einzig haptische Element in der ganzen Ausstellung, abgesehen von den Fotografien natürlich. Ich finde es sehr spannend, wie ein Text Bilder beeinflusst und umgekehrt. Wie kann der Text das Bild bereichern? Liest man einen Text, kommen einem automatisch Bilder in den Kopf. Hat man ein Bild dazu wird dieser Gedankenprozess unterbrochen, weil das Visuelle das Denken übernimmt.
Das ist ein Thema, das in der Fototheorie sehr abgehandelt wird. Hat eine Fotografie eine werkimmanente Aussage oder kreiere ich diese erst durch den Text? Braucht das Bild die Information von außen? Man kann stundenlang über dieses Thema diskutieren. Niina ist sehr reflektiert und doch sehr spielerisch.

Wen werdet ihr als Nächstes zeigen?
Die nächste Künstlerin, die wir zeigen werden, ist Viktoria Binschtok, eine Berliner Künstlerin. Sie hat schon 2001/2002, also unglaublich früh, die Verwendung von Fotografie im Internet spielerisch erforscht. Es geht um den schmalen Grat der Interaktion zwischen Mensch und Maschine.

Welche anderen Tendenzen gibt es in der zeitgenössischen Fotografie?
IDas so genannte Image Making zum Beispiel ist hier eine weitere Tendenz. Fotografie wird oft als Fenster zur Wirklichkeit gesehen. Beim Image Making ist das nicht mehr interessant. Es geht darum, zu experimentieren - durchaus auch mit abstrakten Bildergebnissen. Die Arbeiten US-amerikanischer Künstler wie zum Beispiel Lucas Blalock, Daniel Gordon, Liz Deschenes, etc. sind das beste Beispiel für diese Tendenz. Der Baukasten ist groß.

Niina Vatanen . Beyond the Visible Surface ist noch bis zum 8. April im C/O Berlin zu sehen. 

Credits


Text: Alexandra Bondi de Antoni 
Fotos: Niina Vatanen