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sydneys illegale raves

2014 wurden in der größten australischen Metropole eine Sperrstunde und ein Ausschankverbot eingeführt, um angeblich die Sicherheit der Nachtschwärmer zu erhöhen. Trotz Verbote florieren dort illegale Raves, die für viele zu einem Ort der Sicherheit...

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März 22 2016, 11:10am

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Viele Feierwütige in Deutschland, und besonders in Berlin, kennen die Bedeutung der Sperrstunde nicht mehr. Die einzig mögliche Assoziation, die sie haben ist vielleicht ein Großbritannien-Urlaub, wo die Sperrstunde noch galt und zur letzten Runde aufgerufen wurde. Ganz anders sieht es dagegen in Australien aus. Im Bundesstaat New South Wales wurden 2014 neue Gesetze verabschiedet, die unter der Bezeichnung „Lock Out Laws" (zu deutsch etwa Sperrstunden-Gesetze) Gegenstand hitziger Debatten sind. Haben die Maßnahmen wirklich die gewünschten Ergebnisse erzielt oder haben sie der Stadt geschadet? Haben sie ihr geholfen? Kann man diese Dinge überhaupt objektiv beurteilen? Nach 1:30 Uhr dürfen Bars im Vergnügungsviertel von Sydney keine neuen Gäste hineinlassen und auch keinen Gästen, die das Lokal bereits verlassen hatte, wieder Eintritt gewähren—deswegen „Lock Out Laws". Ab 3 Uhr darf außerdem auch kein Alkohol mehr ausgeschenkt werden. Für die Regionalregierung des Bundesstaates stellen diese Verbote den geeigneten Weg dar, um der Straßengewalt und durch Alkohol ausgelöste Angriffe Herr zu werden. Für die Bewohner von Sydney selbst sorgen diese Maßnahmen eher nur dafür, dass sich die Probleme in benachbarte Gegenden verlagern und somit dem Ruf Sydneys als internationale Metropole schaden.


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Traditionelle Bars und Clubs kämpfen um ihre Kundschaft. Aber es ist nicht alles verloren in Down Under. Die Verbote haben zu einer Renaissance improvisierter, privater Raves geführt. Überall in der Stadt gibt es mittlerweile Underground-Partys und die Organisatoren sind ständig auf der Suche nach Lagerhäusern, Parks und leerstehenden Gebäuden, um sie zu übernehmen und in ihnen wieder Leben stattfinden zu lassen.

Jeder, der die Geschichte von Rave kennt, dürfte das kaum überraschen, blühte die Rave-Kultur doch schon immer im Schatten von staatlicher Bevormundung mit der Idee, Freiräume zu bieten. So war es auch im Großbritannien der späten 80er und frühen 90er, als die Raver gegen die konservative Thatcher-Regierung antanzten und sich ihre eigenen sozialen Freiräume schufen. Raves sind der natürliche Gegensatz zu überregulierenden Nanny-States. In Deutschland verkörperten die Raves der 90er das neue Lebensgefühl einer Generation, die die kulturelle Enge des Arbeiter- und Bauernstaates hinter sich gelassen hatte, die ausgelassen auf den Straßen der deutschen Hauptstadt tanzte und das Bild von Berlin als liberaler Hort in alle Welt trugen.

Jahrzehnte später sehen wir eine ähnliche Entwicklung in Sydney. OKRA Project ist ein Künstlerkollektiv, das regelmäßig illegale Raves in der australischen Metropole veranstaltet. Organisator Thorsten hat uns verraten, dass die Events nicht nur eine Reaktion auf die Verschärfungen seien, sondern eine Reaktion auf das Nachtleben in Sydney generell. Leute, die zu den OKRA Raves kommen, seien auf der Suche „nach einem anderen Partyerlebnis"; einem, bei dem sie der stetig aggressiver werdenden Mainstream-Partyszene aus dem Weg gehen können.

Auf den Partys des Kollektivs finden sich nicht dieselben Gestalten, die die Bars und Clubs im Stadtzentrum heimgesucht haben. Statt Verbote gibt es keine Warteschlangen, jeder kann seinen eigenen Drinks mitbringen und die Veranstalter haben eine liberale Einstellung zu Drogen. Diese Freiheit und Aufgeschlossenheit entfaltet eine ungeheure Sogwirkung. Partygängerin Tess sagte uns, dass sie die Autonomie bei den Raves mag: „Du bist selbst gunmittelbar für deine Handlungen verantwortlich. Es gibt keine Security, die dich rauswirft, wenn du zu voll bist."

Für junge Frauen wie sie sind die Mainstream-Clubs oft gefährliche Orte. „Wenn ich in einen Club gehe, dann will es der Zufall immer, dass ich einem Trottel begegne." Ironischerweise vermitteln ihr aber diese illegalen Partys ein Gefühl der Sicherheit, was die „Lock Out Laws" nicht schaffen. „Ich glaube, das liegt an den Leuten, die von diesen Partys wissen: wir sind alle aus demselben Kreis und denken ähnlich. Diese Partys sind nicht öffentlich und es wird auch nicht jeder reingelassen, wie bei einem normalen Club."

In der Natur der Sache—weil illegale Partys-liegt das Risiko, verhaftet oder polizeilich registriert zu werden. Außerdem ist es nicht ganz ungefährlich, denn wo Drogen und reichlich Alkohol im Spiel sind, aber keine medizinische Notversorgung, kann es schnell hässlich werden.

Diese Raves werden auch nicht die Lösung für Sydneys sterbendes Nachtleben sein, aber sie bieten eine gute Alternative, Partys wieder interessant zu machen. Ein wichtiger Aspekt, neben der Musik, den Drogen und dem für Australien Neuem, ist das Gemeinschaftsgefühl, das unter den Leuten entsteht. Es zeigt einmal mehr, dass man andere auch nach der Sperrstunde um 3 Uhr mit Liebe und Respekt sowie einem Drink in der Hand behandeln kann. Manche können das nicht mal tagsüber ohne Alkohol.

Credits


Text: Thomas Nall
Fotos: Courtesy of OKRA Project