„exotism“ zeigt, was motocross mit high fashion zu tun haben kann

Die Macher des Magazines wollen einen neuen Zugang zum Thema Mode und Reportage finden.

von Alexandra Bondi de Antoni
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13 Januar 2017, 3:05pm

In einer Zeit, in der Printmagazine immer wieder totgesagt werden, freut es den Liebhaber von Gedrucktem doppelt, wenn es dann doch noch Kreative gibt, die sich gegen das ganze Schwarzreden stellen und den Schritt zum Print gehen. Neuestes und aufregendstes Beispiel ist Exotism, das morgen offiziell in Berlin gelauncht wird. „Der Name Exotism steht für die Faszination des Unbekannten und die Neugier des Unerreichbaren. Weniger klassisch geografisch gedacht, als vielmehr wie wir die Welt in unseren Köpfen sehen", erklärt uns Herausgeber Manuel Schibli. Auf der Contributor-Liste stehen einige unserer Berliner Lieblingskreativen, die sich alle zusammen an dieses Experiment gewagt haben. Warum sie sich für Motocross als Thema der ersten Ausgabe entscheiden haben und warum das 2017 Sinn macht, hat uns Manu verraten. 

Warum habt ihr euch genau jetzt dazu entschlossen, ein neues Magazin auf den Markt zu bringen?
Die Idee von einem Heft, dass Dokumentar- und Modefotografie verbindet, habe ich bereits mehrere Jahre mit mir herumgetragen. Ich habe mich als Teenager früher tagelang in alten Ausgaben von Geo und National Geographic vergrabenweil mich die Geschichten und Reportagen in eine völlig neue Welt jenseits der Kleinstadt, wo ich aufgewachsen bin, gezogen haben. Modemagazine kamen dann sehr viel später dazu, als ich Editorial Design für mich entdeckt habe. Mit den Magazinen ist dann immer mehr auch das Interesse an der Mode selbst gekommen, daher lag es nahe, jetzt ein Heft zu machen, das beide Interessen vereint. Es ist bestimmt nicht die einfachste Zeit, um ein neues Printmedium zu launchen, aber sicherlich eine der interessantesten. Der Schlüssel dazu ist, dass man als Publikation etwas zu sagen hat und eine Haltung vertritt. Das Zitat von Bob Hannah auf unserem ersten Cover fasst es für mich eigentlich ganz gut zusammen: „It boils down not to money or talent but heart. If you don't have it in your heart, you're a loser." 

Was unterscheidet Exotism von den anderen Magazinen da draußen?
Bei Exotism geht es darum, einen neuen Zugang zum Thema Mode und Reportage zu finden. Das Heft reflektiert, wie wir gerade denken und arbeiten und soll über klassische Genregrenzen hinweg funktionieren. Am ehesten ist es wohl mit einem offenen Browserfenster zu vergleichen, wo unzählige verschiedene Tabs gleichzeitig offen sind und in unterschiedliche Richtungen führen, aber das Ganze einer Suchanfrage folgt. Jede Ausgabe widmet sich einer Nischen- oder Subkultur und untersucht ihre modischen Codes und Einfluss auf die Kunst und Popkultur. Wir arbeiten bewusst aus mehreren Blickwinkeln parallel, sowohl mit Protagonisten mitten drin wie auch mit Kreativen und Journalisten von außerhalb, um eine gute Mischung aus Authentizität und Distanz zu wahren. Wir mögen die Idee, in jeder Ausgabe nur um ein Thema zu kreisen, weil es heutzutage ein Luxus ist, Zeit zu haben, zu recherchieren und sich tiefer mit etwas auseinandersetzen zu können. Darin liegt auch die Zukunft für Printpublikation.

Im Pressetext schreibt ihr, dass ihr von dem Verlangen angetrieben werdet, die Ästhetik der modernen Welt zu erforschen. Was ist für euch diese Ästhetik der modernen Welt und wie würdest du sagen, beeinflusst ihr diese oder führt den Diskurs weiter?
Mit der Ästhetik der modernen Welt ist weniger ein bestimmter Stil oder Look gemeint, sondern vielmehr unser Umgang mit Bildern und Formen. Das Internet hat die Grenzen zwischen gutem und schlechten Geschmack zunehmend verwischt, Copyrights sind abgesehen von hässlichen Watermarks flüchtig geworden und lokale Prägungen werden viel schneller global aufgenommen oder lösen sich auf. Design im Netz sieht oft verblüffend ähnlich aus und Bilder verbreiten sich schneller, als man Credits dazu schreiben kann. Das Internet hat eine neue, globale Ästhetik der Moderne geschaffen, die es so in diesem Umfang und Agilität noch nicht gab. Das eröffnet viele neue Chancen und interessante Diskussionen, führt aber auch dazu, dass viel Wissen zu dem Hintergrund der Bilder schneller in der Cloud verloren geht. Ich finde es interessant, sich dem rasenden Tempo im Internet für eine Weile zu entziehen, um einzelnen Bilderspuren nachzugehen und das Ganze zu entschleunigen. Sobald man ein Bild offline nimmt, gewinnt es Zeit, man betrachtet es länger und anders. Am Ende ist man aber auch Teil vom Kreislauf, man speist seine Bilder ja auch wieder online ein: Man nimmt was und gibt dafür wieder etwas zurück. Vielleicht werden die Magazine der Zukunft auch viel mehr noch die Archive des Internets.

Nun zum Inhalt selbst: Das Thema der Ausgabe ist Motorcross. Was fasziniert euch an der Motorcross-Kultur? Was sind deine eigenen Verbindungen damit?
Das Thema Motocross kam einerseits von einer großen Faszination für die ganze Ästhetik, andererseits von dem Hinterfragen unserer Vorbehalte gegenüber des Sports. Wir haben uns für das gesamte Heft auf die verschiedenen Einzelteile konzentriert, die den Sport ausmachen. Im Modeteil geht es um die Farbcodes der verschiedenen Teams in den 70ern wie auch um die Rennatmosphäre damals, im dazwischen bespickten Reportagenteil um die Fahrer, die Zuschauer, die Motorräder, das Stadion und die Lichtsituationen heute. Im Textteil analysiert Emily Segal das Energy-Drink-Phänomen, Chris Elvidge schreibt über die neue Rolle des Motocross-Motorrads in der Bike-Life-Szene und Ed Paginton schreibt über die Mensch-Maschinen-Beziehung in der modernen Kunst.

Woher zieht ihr eure visuellen Referenzen?
Viele unserer Referenzen kommen aus privaten Archiven von früheren oder aktuellen Fahrern sowie von unserer Recherche nach Original-Motocross-Kleidung aus den 60er, 70er und 80er Jahren. Wir waren vor allem auf der Suche nach dem Ursprung der Ästhetik des Sports, bevor sie später Ende 80er und zu Beginn der 90er Jahre fest in die Popkultur eingedrungen ist, sowohl von den Schrift und Farbgestaltung wie auch von der Mode her. In den 60er Jahren entstanden ja unter anderem im Motocross die ersten Sleeve-Prints, Bob Hannah trug kurze Zeit später seine Lederhose mit dem Trouble-Aufnähern und Anfang der 80er Jahre hat dann, unter anderem, Troy Lee mit seinen Arbeiten das Erscheinungsbild des Sports geprägt, das bis heute den Look zahlreicher weiterer Rand- und Extremsportarten beeinflusst. Wir hatten auch das Glück, dass wir sowohl von den Organisatoren der „Night of the Jumps" in Berlin wie auch der Familie Ackermann sehr viel Vertrauen genossen haben und so auch viel aus ihren privaten Archiven in den Film wie auch das Heft einbeziehen konnten. Es gibt auch ein paar Querverweise, so sind die Sticker im Heft thematisch an die Heldendramaturgie des modernen Motocross angelehnt, kommen aber eigentlich von Wrestling Stickern aus den 80ern. Als ich anfangs nach Bilder des Motocross Fahrers Mike Bell gesucht habe, bin ich immer beim Wrestler Mike Bell gelandet.

Woher denkst du, kommt die immer weiter anhaltende Faszination mit Subkulturen. Was würdest du jemandem antworten, der sagt, dass es heutzutage keine Subkulturen mehr gibt?
Ich glaube, Subkulturen wird es immer geben, schon alleine deshalb, weil es zum Glück keine homogene Gesellschaft gibt und der Drang gegen die Mehrheit zu rebellieren oder aus Zwängen auszubrechen, fest in uns verankert ist. Subkulturen sind ja teilweise oder vollumfängliche Gegenentwürfe zur klassischen Gesellschaftsnorm. Sie beginnen als Außenseiter und nähern sich dieser mit zunehmender Entwicklung und entsprechender wachsender Grösse meistens auch wieder soweit an, dass sie diese dann auch direkt beeinflussen können. Oder aber sie verschwinden wieder, weil sie nur für eine bestimmte Gruppe wichtig waren, dann ist es auch gut. Ich denke aber, ohne Subkulturen würde sich die Gesellschaft längerfristig viel langsamer erneuern und stehen bleiben. Subkulturen früher als der Rest zu kennen und lesen zu können, heißt auch mögliche Trends früher zu kennen, darin sehe ich aber nichts schlechtes, so lange es mit der Zustimmung der Protagonisten geschieht. Man wird immer Subkulturen gründen können, vielleicht ändert sich durch die weltweite Vernetzung einfach ihre Form und man erkennt und findet sie nicht mehr so leicht. 

@exotism

Morgen wird der Launch der ersten Ausgabe von Exotism in Berlin gefeiert. Mehr Informationen findest du hier.

Credits


Text: Alexandra Bondi de Antoni 
Fotos: Timothy Schaumburg
Art Direction: Manuel Schibli
Styling: Erik Raynal
Haare: Kalle Ecklund
Make-up: Ischrak Nitschke
Model: Cam Kerekes / Izaio

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