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my crew: das netzwerk von novembre magazines jeanne-salomé rochat

Zsuzsanna Toth

In unserer Serie „My Crew“ stellen wir dir die kreativsten Crews Deutschlands vor. Diesmal: Das schier unerschöpflichen Netzwerks der Künstlerin Jeanne-Salomé Rochat

Jeanne-Salomé Rochat

Wer bist du?
Ich bin freiberufliche Publishing-Spezialistin und Image-Beraterin. Ich habe eine Ausbildung als klassische Tänzerin, einen Bachelor in Visueller Kunst und einen Master in Medienanthropologie. Ursprünglich komme ich aus der Schweiz und bin nach einigen Zwischenstopps in Berlin gelandet.

Wie würdest du deine Crew beschreiben? Wer sind diese Menschen?
Meine Crew besteht aus Freunden, Menschen, mit denen ich persönlich, auf einer kreativen und beruflichen Ebene verbunden bin. Jeder von ihnen verfolgt eine eigene Definition von Schönheit und geht Risiken ein, um neue Welten in Form von Bildern, Objekten oder anderen Menschen zu kreieren. Neben Berlin leben viele der Menschen, mit denen ich zusammenarbeite, in anderen Städten—von London, Paris über New York, L.A. und Genf. Durch die digitale Welt, in der wir arbeiten, sind wir aber ständig verbunden.

Wie wichtig ist der oft gebrauchte und missbrauchte Begriff Kollaboration für dich?
Ich bin ein ständiger Aggregator. Ich verbinde Menschen und suche nach Situationen, um an Projekten zusammenzuarbeiten, die wir alleine nie schaffen würden. Kollaborationen sind das Mittel und das Ende gleichzeitig. Ich bin besessen von organischer Arbeit und Flexibilität. Neue Menschen in meine Projekte zu involvieren, ist für mich essenziell. Daneben hilft es, selbstkritisch zu bleiben und Langeweile zu vermeiden.

Arbeitest du auch viel alleine oder bist du im ständigen Austausch? Beschreibe uns deinen Arbeitsprozess.
Ich treffe viele Entscheidungen selbst—das liegt in der Natur der Tatsache, dass ich mein eigener Boss bin. Freiheit geht mit Isolation Hand in Hand, was ich auch genießen kann. Ich skizziere eine Idee und denke dann aber im nächsten Schritt darüber nach, wen ich involvieren und von meiner Idee überzeugen will. Ich arbeite niemals an nur einem Projekt, eher sechs oder sieben gleichzeitig. Wenn dann noch eine Magazin-Deadline näher rückt, sind es noch etwa zwanzigmal mehr. Kuratorische oder redaktionelle Ergebnisse sind die Maßstäbe meines Erfolges. Ich liebe es, mich auszutauschen und zu fantasieren, aber ich bin am meisten besessen davon, Ideen in Tatsachen umzusetzen.

Du hast jahrelang das Novembre und Sang Bleu Magazin herausgegeben. Wie hast du es geschafft, parallel zwei so starke Publikationen in einer übersättigten (Maga)zine-Welt zu leiten, in der es immer schwieriger wird, etwas Nachhaltiges aufzubauen?
Was heißt schon Nachhaltigkeit? Ich denke, wenn man einen Einfluss auf Menschen hat—sei es nur für einen Tag oder auch nur eine Stunde—hat das schon etwas von Nachhaltigkeit. Das ist das, was ich machen möchte. Nach zehn Jahren sind die Zeiten von Sang Bleu jetzt vorbei, aber ich arbeite umso konzentrierter an der Weiterentwicklung von Novembre. Auch in einer übersättigten Welt kann man zum Glück noch Menschen erreichen. Man muss nur so spezifisch wie möglich sein und darf keine Angst vor seinen Eigenheiten und den Grenzen anderer haben.

Wie hast du Berlin in den letzten Jahren kulturell wahrgenommen und welche Änderungen siehst du im nächsten Jahr auf uns zukommen?
Die Grundlage meiner Entscheidung, in eine neue Stadt zu ziehen, ist nie das Ergebnis einer tiefgründigen Analyse. Ich folge meinem Instinkt. Ich bin in dieser Stadt viel gewachsen und das liegt an der Tatsache, dass Berlin in vielerlei Hinsicht wie eine Insel ist. Hier clashen viele Welten aufeinander. Das Ergebnis ist die Einsicht, dass viele unserer Hypothesen über urbanes Leben radikal falsch sind. Das finde ich sehr spannend. Berlin befindet sich im kontinuierlichem Aufbau.

@sangbleujsr
@novembremagazine

Nik Kosmas

Wer bist du?
Ich komme aus den USA und bin als Student nach Berlin gezogen. Ich bin Designer, Personal Trainer, Künstler und Teilinhaber verschiedener Online-Firmen. Außerdem wirke ich an der diesjährigen Berlin Biennale mit. Das wird mein erstes großes Projekt nach Aids-3D. Und ich launche diesen Sommer mein Modelabel Kosmas.

Was war die Grundidee von Aids-3D?
Wir wollten Projekte machen, die auf einer erzieherischen Ebene unterhalten und sich auf die politischen und technologischen Erfahrungen unserer Generation fokussieren. Heute verfolgen wir alle unsere eigenen Projekte, planen aber eine kleine Retrospektive. Ihr dürft also gespannt sein!

Woher kennst du Jeanne-Salomé?
Jeanne und ich wohnen seit Jahren zusammen, ich liebe sie. Wir kollaborieren außerdem auch an anderen Projekten, zwei davon sind in der neuen Ausgabe von Novembre zu sehen.

Woher kommt dein Interesse für Ernährung, Gesundheit und in welcher Weise, ist es innerhalb deiner Arbeit zu finden?
Ich interessiere mich für Gesundheit, weil sie greifbar und gleichzeitig objektiv ist. Wenn ich jemanden trainiere, kann ich mein Wissen einsetzen, um sein Problem zu lösen. Was meine Tee-Firma Maru Matcha angeht, ist das Konzept ganz einfach: Wir bieten ein hochwertiges Produkt mit transparenter Lieferkette und einem freundlichen Kundenservice an. Ich kann beruhigt schlafen, weil ich weiß, dass ich als Coach mein Bestes gebe, keinen abziehe oder versuche, Bullshit anzudrehen.

@nikkosmas

Lesley Moon

Wer bist du?
Ich bin ein aus der Kunstszene stammender Eindringling in die Fitness- und Gesundheits-Welt. Ursprünglich habe ich als Künstlerin und Kuratorin gearbeitet. Als ich 2012 nach Berlin kam, wurde ich besessen vom Thema körperliches Training. Im Moment leite ich das Projekt BRKFST Studio, im Grunde genommen ein Ort für Personal Training und Beratung.

Verändert sich durch die Digitalisierung die Bedeutung des Körpers?
Durch die konstante Präsenz von Technologie und Interaktion mit virtuellen Systemen wirkt es so, als ob die Bewegung unseres physischen Körpers durch beispielsweise das Heben eines physischen Gewichtes tatsächlich zu einer außergewöhnlichen Erfahrung geworden ist. Wenn wir unseren Körper herausfordern, kann es schmerzhaft werden. Diese realen Energien, die wir allerdings empfinden, sind etwas ganz besonderes und essenziell.

Woher kennst du Jeanne-Salomé?
Jeanne-Salome ist mein gym buddy. Wir kennen uns durch Nik, mit dem ich seit Tag eins zusammen trainiere. Wir trainieren etwa drei Mal pro Woche und essen danach auch oft zusammen. Wir lachen viel und helfen uns gegenseitig, unsere Ziele zu verfolgen.

Du kommst ursprünglich aus L.A. Was bringt dich dazu, in Berlin zu leben und zu bleiben?
Berlin ist ein seltener Ort, an dem ich einen sehr humane Wahrnehmung von Zeit erfahren habe. Dadurch lese ich mehr und habe außerdem das Gefühl, etwas Einmaliges zu machen, wenn man es nur möchte.

Ich bin außerdem süchtig nach dieser Ekstase, die die Sommermonate in Berlin versprühen. Ich vermisse Hollywood sehr, werde aber gleichzeitig immer noch täglich durch die kleinen Dinge des Alltags in dieser Stadt verzaubert; die langen S-Bahn-Fahrten, die Bäume entlang des Kanals und die wohlerzogenen Hunde vor den Supermärkten.

@lesleymoon

Julia Burlingham

Wer bist du?
Ich komme aus New York und bin im Tribeca vor Beyoncé aufgewachsen, damals eine sehr normale Gegend. Momentan arbeite ich bei DIS, den Kuratoren der diesjährigen Berlin Biennale, als Bildredakteurin.

Ich bin 2012 nach Berlin gezogen, um einem Freund bei der Eröffnung eines Shops für Zauberartikel in Friedrichshain zu helfen.

Worin unterscheidet sich deine Arbeit von dem Schaffen anderer Fotografen? Wie würdest du die Identität deiner visuellen Arbeit beschreiben?
Ich bezeichne mich weniger als Fotografin als primär jemand, der viele Dinge macht, die mit Bildproduktion einhergehen. Ich mache Kreativdirektion, Styling, Casting, Fotografie und Retusche. Mein Arbeitsstil ist low-budget und anti-Moodboard. Mein persönlicher Stil heißt bozo chic.

Woher kennst du Jeanne-Salomé?
Ich arbeite mit Jeanne, seitdem ich sie kenne, an mehreren kleinen Projekten zusammen. Meistens arbeite ich an Bildern für Novembre, aber unsere Zusammenarbeit ist nicht daran gebunden. Wir haben zum Beispiel einen Kurzfilm (Mother-of-Pearl) für den Keramikdesigner Nico Ilhein gemacht. Ich habe sie außerdem unlängst dazu genötigt, in einem Biennale-Video mitzuwirken. Sie saß auf Haube eines Drive-Now-Autos, trank grünen Saft und trug gefälschte UGG Boots.

@thejuliab

Darryl Natale

Wer bist du?
Ich komme aus einer kanadischen Kleinstadt, in der—zugegebenerweise—nicht viel passiert ist, außer das Linda Evangelista da geboren wurde. Seit 2008 arbeite ich als freier Autor und arbeite an meiner ersten Dokumentation, sie handelt von Cicciolina. Außerdem betreibe ich zusammen mit Jeanne-Salomé und Andrew Grüne von Primitive London den Event Space Trust Ltd.

Woher kennst du Jeanne-Salomé?
Ich habe sie durch meinen Freund Andrew kennengelernt. Er stellte sie mir auf einer Trance-Party vor, auf der er und ich in einem kleinen Hinterraum aufgelegt haben. Jeanne war eine komplett fremde Person für uns, aber wir kannten die Arbeiten voneinander und haben noch in derselben Nacht den Entschluss gefasst, zusammen einen Space zu eröffnen, der die Energien und Netzwerke von uns dreien gemeinsam nutzt.

Was ist das Konzept vom Trust Ltd. und wie unterscheidet es sich von anderen Veranstaltungsflächen?
Trust Ltd. soll als Zentrum für Veranstaltungen und Verkauf dienen; einen Ort, an dem wir die Vorteile einer Kollaboration kanalisieren können, Freunde einladen und sie motivieren können, Teil davon zu sein. Wir haben uns dazu entschlossen, dass der Raum nicht öffentlich zugänglich ist. Nicht weil wir exklusiv sein möchten, sondern weil wir denken, dass Menschen nur auf einer tiefgründigen Ebene interagieren und sich engagieren können, wenn eine persönliche Verbindung zum jeweiligen Event vorhanden ist.

darrylnatale.tumblr.com/

Soraya Lutangu

Wer bist du?
Ich heiße Soraya Lutangu oder auch Bonaventure. Ich bin in der Schweiz geboren und in einer Familie mit sowohl afrikanischen als auch europäischen Wurzeln aufgewachsen. Ich bin ausgebildete Grafikdesignerin und 2011 nach Berlin gekommen, um mir meinen eigenen Weg der Freiheit zu bahnen; in einer Stadt mit einer herausragenden Elektroszene zu leben und meine freien Grafikdesign-Projekte zu verfolgen. Nach fünf Jahren als Designerin habe ich Bonaventure gegründet, eine Initiative zur Identitätssuche, die Musik als Instrument nutzt, um Fragen der Menschheit zu stellen.

Was ist deine Rolle bei Trust Ltd.?
Ich bin Projektmanagerin und motivierte Studiokollegin.

Woher kennst du Jeanne-Salomé?
Wir sind beide in Lausanne aufgewachsen, sprechen französisch mit Schweizer Dialekt, sind am 4. Mai geboren, unterscheiden beide kaum zwischen Arbeit und Leidenschaft. Mit diesen—vereinten—Kräften versuchen wir, Trust in die Welt zu bringen.

Was macht Berlin für dich aus?
In Berlin triffst du jeden Tag Menschen aus allen Gesellschaftsschichten und ich kann mich glücklich schätzen, mit so vielen tollen Leuten zu arbeiten und befreundet zu sein. Meine Mission hier ist noch nicht vollendet, aber meine Freundin und ich sind sehr offen und freuen uns jetzt schon auf die nächste Stadt, in die es uns eines Tages ziehen wird.

soundcloud.com/bonaventure_mbote

Marianna Serwa

Wer bist du?
Ursprünglich komme ich aus Polen, bin aber in München geboren. Ich interessiere mich für alle Medien und Möglichkeiten der visuellen Kreation. Ich habe einen Architekturhintergrund, im Moment beschäftige ich mich aber viel mit Kreativdirektion, Styling und der Konzeption und Entwicklung von Inhalten. Seit Kurzem arbeite ich außerdem als Head of Marketing bei Paper & Tea und habe eine Schwäche für Nail- und Lash-Extensions, Airbrush-Make-up, japanisches Essen und: Instagram.

Wann und wie hast du mit Jeanne-Salomé zusammengearbeitet? Woher kennt ihr euch?
Anfangs habe ich mit Jeanne-Salomé an Sang Bleu gearbeitet, heute an verschiedenen Inhalten für Novembre und diversen Projekten der Trust-Plattform. Ich liebe die unendliche Ideenoffenheit an Jeanne. Immer ist alles neu, neu, neu. So eine inspirierende Mischung aus Power und Drive findet man sonst selten.

Was macht Novembre deiner Meinung nach aus?
Eine unglaubliche Freiheit und Offenheit für neue Ideen, es ist tatsächlich mein absolutes Lieblingsmagazin. Novembre hat es geschafft, einen eigenen, herausragenden Stil und reale, authentische Inhalte zu kreieren, was in der heutigen Welt immer schwieriger ist.

Die prägnanteste Erinnerung deiner Arbeit für Novembre?
Eines der spannendsten Projekte waren das Styling und Make-up für ein Theaterstück des Künstler-Duos, das hinter New Theater steht. Ich habe sowohl Styling als auch Airbrush übernommen und mir das Stück die kompletten fünf Tage, an denen es lief, angeschaut. Das Shooting, das wir dieses Jahr für Nik Kosmas' Maru Matcha gemacht haben, war außerdem ein spannendes Projekt, um Lebensmittel und Kunst zu verbinden.

@mariannaserwa

Errolson Hugh

Wer bist du?
Formal gesehen, entwerfe ich für das Label Acronym. Meine Funktion hat sich allerdings etwas geändert: Vom Designer wurde ich zum asymmetrischen Business Operatoroder welcher Titel auch immer die Position beschreibt, in der die gesamte Konkurrenz hundert mal größer ist als das eigene Unternehmen.

Woher kennst du Jeanne-Salomé?
Jeanne und ich gehören zum Tribe aus Zeitgeist von Bruce Sterling. Wenn wir uns sehen, teilen wir Geschichten, Tipps, lecken gegenseitig unsere Wunden und sinnieren über unsere nächsten Pläne. Meistens beim Mittagessen.

Was war die Grundidee hinter Acronym? Wie würdest du deine persönliche Beziehung zur Mode heute beschreiben?
Neugier, Unzufriedenheit und eine naive Dummheit, es probieren zu müssen. Vom künstlerischen Standpunkt ausgesehen, ist Mode stets sehr inspirierend. Je mehr wir uns ihr annähern, umso besser verstehen wir sie und umso mehr schätzen wir sie. Geschäftlich gesehen, ist sie aber unheimlich gegnerisch. Das aktuelle System ist auf viele Weisen immens gestört.

@erlsn.acr

Ketuta Alexi-Meskhishvili

Wer bist du?
Hi, ich bin Ketuta und Fotografin. Ich bin in Tiflis in Georgien geboren und New York aufgewachsen, und war immer schon in Berlin verliebt.

Woher kennst du Jeanne-Salomé?
Ich habe für Sang Bleu geshootet.

Du hast unter Stephen Shore in New York studiert. Was war das Wichtigste, das du von ihm gelernt hast?
Die Liebe zum Detail.

Deine Bilder suggerieren/kreieren eine dritte Dimension im Zweidimensionalem. Wie ist diese Idee, die zum Leitfaden in deiner Arbeit geworden ist, entstanden?
Das war keine Idee per se. Das ist so passiert.

Warum bist du in Berlin?
Es fühlt sich hier menschlich an.

@ketuters

Radek Szczesniak

Wer bist du?
Ich bin ein Grafikdesigner, ursprünglich aus Polen. Nach meinem Studium in Antwerpen zog ich direkt nach Berlin.

Wie würdest du aktuell die (Grafik-)Designszene in Deutschland beschreiben? Wo positionierst du dich mit deiner Arbeit?
Meine Designarbeit würde ich als nicht zu intellektuell, nicht zu populär, aber irgendwo dazwischen platzieren. Ich mag Kontraste und liebe es, neue Ideen mit historischen Elementen zu verbinden.

Woher kennst du Jeanne-Salomé?
Ich kenne Jeanne durch Marianna und habe letztens ein interessantes Projekt für sie abgeschlossen, welches diese Woche zu meiner grossen Vorfreude, zum Druck gegangen ist.

Was bedeutet Berlin für dich?
Space.

Wieso bist du, wieso bleibst du hier?
Ich habe es immer schon genossen an Orten mit ausgeprägter Geschichte und einer gewissen Rauheit zu leben. Momentan wohne ich in Neukölln, bin aber parallel dabei, die Architektur und Besonderheiten von verschiedenen Stadtteilen wie Dahlem, Friedenau, Siemensstadt oder Marzahn zu entdecken.

@radekszczesniak

Jenna Sutela

Wer bist du?
Ich bin eine finnische Künstlerin.

Wie arbeitest du mit Jeanne-Salomé zusammen?
Wir teilen ein Studio, neben vielen anderen Dingen. Momentan arbeiten wir an einem Projekt über das Geheimnis von power dressing zusammen.

In deiner Arbeit beschäftigst du dich viel mir der Wechselwirkung des menschlichen Körpers und Technologie: Ein Thema, das in den letzten Jahren speziell in der Kunstwelt eine neue Renaissance feiert. Woran, denkst du, liegt das?
Ich denke, einer der Gründe ist die wachsende Anzahl an intelligenten Geräten, mit denen wir leben. Verschiedenste Sensoren und Aktivitäts-Tracker generieren Muster über jeden Schritt, den wir gehen, die Nährstoffe, die wir unserem Körper zuführen, unseren Schlafrhythmus, die Qualität der Luft und so weiter. Diese Muster, die sich wiederum von Maschinen lesen lassen, verbinden uns und unsere Körper zu einem Netzwerk an Maschinen, die sich im ständigen Austausch befinden. Das wiederum erzeugt eine neue Form von Subjektivität, die durch mehrere Perspektiven adressiert werden kann, unter anderem eben durch die Kunst. Und dann gibt es noch den gesamten Bereich rund um Biotechnologie; Subjektivitäten, die durch Moleküle, die unseren Stoffwechsel dominieren, definiert sind, Prothesen usw.

In welchem Moment hat die Technologie angefangen, uns Angst zu machen? Wo haben die negativen Konnotationen angefangen?
Wenn es um das Leben im Internet der Dinge geht, zum Beispiel, entsteht die Frage, ob wir die Technologie domestizieren oder sie eben uns.

Werden wir—physisch—tatsächlich immer weniger menschlich?
Wir sind alle bereits Cyborgs, Produkte der Wissenschaft und Technologie verbunden mit industriellen und wirtschaftlichen Systemen. Menschen haben immer schon Werkzeuge entwickelt, um ihre physischen und mentalen Ressourcen zu erweitern. Auch Bücher und Kleidung können als die Weiterführung der menschlichen Augen oder der Haut betrachtet werden.

Was ist das nächste große Thema, an dem oder mit dem du arbeitest?
In einem meiner neueren Projekte, Orgs, vergleiche ich das Verhalten von Organismen und Organisationen.

@jennasutela

Martti Kalliala

Wer bist du?
Ich bin ein Architekt und komme über Rotterdam aus Helsinki. Ich produziere und verkaufe spacial Ideen in unterschiedlichen Formen. Daneben bin ich außerdem Teil eines rätselhaften Duos, das Musik macht, die sich „auf die Symbiose des Biologischem und Digitalem durch Ästhetik fokussiert", um es mit den Worten anderer zu beschreiben.

Woher kennst du Jeanne-Salomé?
Wir teilen ein Studio und diskutieren viel über das Zuhause der Zukunft.

Mit welchen Themen setzt du dich innerhalb deiner Arbeit aktuell auseinander?
Generell sind es meistens die Bereiche, in denen Technologie, soziale Innovationen und Gebäude beziehungsweise Räume zusammenkommen. Um etwas spezifischer zu werden, habe ich mich in letzter Zeit viel über räumliche (und ästhetische) Implikationen auf mehreren Ebenen von #exit beschäftigt; die Möglichkeiten und Ideen von „außen" in einer übersättigten Welt wie unserer.

Daneben beschäftige ich mich auch immer mehr mit einem Neudenken des Konzeptes von Zuhause im Kontext von digitaler Disruption, katastrophalen Klimas und dem Ende des Alterns.

Warum lebst du in Berlin?
Geografisch gesehen ist die Stadt auf jeden Fall besser gelegen als Helsinki. Es ist weniger deutsch als Paris französisch ist und im Vergleich zu London noch nicht ganz eingenommen vom neoliberalen Wahnsinn. Und wir sind hier in der EU.

marttikalliala.com

Katia Schwerzmann

Wer bist du?
Ich bin Philosophin und komme aus der französischsprachigen Schweiz. Daher kenne ich auch Jeanne. Ich bin vor fünf Jahren nach Berlin gezogen, um meine Doktorarbeit in Philosophie zu schreiben und arbeite im Moment am Institut für Philosophie an der Freien Universität (FU).

Welche Thematik beschäftigt dich aktuell am meisten?
Ich beschäftige mich gerade mit der Transformation des Spur- und Körperbegriffs durch die Digitalisierung. Spuren und Körper fungieren als Reste, die der grenzlosen Wiederholung, die die Digitalisierung ermöglicht, widerstehen, und zum Teil entkommen. Mich interessiert außerdem die Wechselwirkung zwischen Mensch und Technik bzw. der Einfluss vom Prosthetischen im weiten Sinne auf die Auffassung des menschlichen Individuums. Ich befasse mich (in meinem aktuellen Seminar über Adorno) mit der Frage des Kleinen oder Geringeren als Ort der Kritik und der möglichen Transformation des Großen.

Wann und wie hast du mit Jeanne-Salomé zusammengearbeitet. Woher kennt ihr euch?
Ich kenne Jeanne-Salomé seit mehr als 10 Jahren und habe sowohl für Sang Bleu als auch Novembre geschrieben. Jeanne und ich teilen ein großes Interesse an der Wiedererfindung des weiblichen Körpers durch Sport, Muskeltraining, körperliche Modifikationen und Mode. Es sind Praktiken, die immer auf der Kippe zwischen Befreiung und Entfremdung stehen, worin gerade ihr Reiz besteht. Jeanne und ich gehen im regelmäßigen Abständen Schnitzel und Käsespätzle essen und führen lange Diskussionen über diese Themen. Es ist unsere Art und Weise der Zusammenarbeit.

Was bedeutet Berlin für dich? Wieso lebst du hier?
Berlin ist eine der seltenen westlichen Großstädte, in denen man—zurzeit noch—ohne große finanzielle Ressourcen leben kann, ohne sich als Outsider zu fühlen. Wenn ich in der Schweiz bin, fasziniert mich die Zirkulation des Geldes, die Pracht der Autos, der gute Geschmack der Leute in Sachen Kunst und Mode. Ich schätze die Schweiz aber mehr aus der Berliner Ferne.

Andro Wekua

Niklas Bildstein Zaar

Wer bist du?
Ich bin in Nordschweden geboren, habe meine Heimat aber so früh ich nur konnte wieder verlassen. Mit Anfang zwanzig habe ich in China und Japan gelebt, wo ich für Shaway Yeh & Timothy Lim gearbeitet habe, bevor ich nach Europa zurückgekehrt bin. Seit einem Jahr lebe ich nun in Berlin. Ich bin momentan als Artdirektor für die Marken Cottweiler und HAAL tätig, nachdem ich für einige Jahre bei Louis Vuitton im Department, das für Schaufenster, Ausstellungen und das Bühnenbild der Schauen verantwortlich ist, tätig war.

Einfach aus Lust an der Freude daran organisiere ich außerdem die Doomcore-Party SABBAT.

Als Kreativdirektor bist du ständig gezwungen, neuen Input zu liefern und Visionen in verschiedene Kontexte zu stellen. Wie schaffst du es, deinen kreativen Drive aufrechtzuerhalten?
Es ist nicht wirklich erzwungen. Zu vielen Leuten hast du einfach schnell einen Zugang und eine Verbindung. Es passiert alles ganz schnell und Ideen kommen dann auf ganz natürlichem Weg.

In der Mode geht es um Identität: ein ziemlich tiefer Brunnen, aus dem man schöpfen kann, um es mal ganz metaphorisch auszudrücken.

Was war das bislang spannendste Projekt, an dem du gearbeitet hast?
Eines meiner persönlichen Highlights war sicherlich Teil des Teams zu sein, das die Series-Ausstellungen von Nicolas Ghesquiere für Louis Vuitton entwickelt hat. Ich bewundere seine Designmethodik und sein fast chirurgisches Verfahren, verschiedene Kontexte zu fusionieren.

Woher kennst du Jeanne-Salomé und wie arbeitet ihr zusammen?
Ich kann mich nicht wirklich daran erinnern, wo wir uns genau kennengelernt haben, aber wir haben mit Cottweiler und ihrem Space Trust Ltd. kollaboriert. Ich mag an ihr, dass sie stets eine sehr starke Meinung vertritt.

Und was bedeutet Berlin für dich?
100% ¯\_(ツ)_/¯

@niklas.bildstein.zaar

Hier kannst du weitere Crews der deutschen Kreativszene kennenlernen.

Credits


Text & Produktion: Zsuzsanna Toth
Fotos: Till Janz